Willigis                                                      Erzbischof von Mainz (975-1011)
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um 940-23.2.1011

Begraben: Mainz, St. Stephan

Sohn des
 

Lexikon des Mittelalters: Band IX Spalte 214
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Willigis, Erzbischof von Mainz 975-1011
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* 940 (?), + 23. Februar 1011

Begraben: Mainz, St. Stephan

Die Abstammung aus einem wohl edelfreien Geschlecht Sachsens ist wahrscheinlich; alle späteren Angaben über niedere Herkunft sind nicht stichhaltig. Früh am Hofe Kaiser OTTOS DES GROSSEN wurde er gemeinsam mit dessen Sohn OTTOII. von Volkold (969 Bischof von Meißen) erzogen. Seit 971 Kanzler und Domherr in Hildesheim, wurde er kurz nach dem Tod des Erzbischofs Rupert (+ 13. Januar 975), sicher auch unter dem Einfluß der Kaiserin Theophanu, zum Erzbischof von Mainz ernannt und sofort geweiht. Der Kaiser stattete ihn am 25. Januar 975 mit einer umfänglichen Bestätigung des Besitzes der Mainzer Kirche, ihrer stifterischen und monastischen Institutionen, der Münz- und Zollrechte, ihrer Dörfer und Hintersassen aus; für alles wurde die Immunität verliehen. Im März 975 übersandte Papst Benedikt VII. das Pallium. Der Verleihung fügte der Papst kirchen- wie reichspolitisch höchst bedeutsame Rechte an: Willigis sollte in ganz Germanien und Gallien bei allen kirchlichen Amtshandlungen den Vorrang besitzen, nur ihm stand die Weihe des Königs zu, auf Synoden gebührte ihm der Vorsitz vor allen Erzbischöfen und Bischöfen. In den Verhandlungen mit dem Papst glich sich Willigis denen seiner Vorgänger Friedrich und Wilhelm an; die Vorrechte erhielten jetzt aber eine noch festere Prägnanz der Definition.
In den ersten acht Jahren des reichspolitischen Wirkens steht die Verbindung zu Kaiserin Theophanu voran. Der Einfluß der Kaiserin-Mutter Adelheid wurde zurückgedrängt, Oppositionsregungen des Herzogs Heinrich II. 'des Zänkers' von Bayern wurden bewältigt. Die Kanzlei erhielt durch OTTO II. mit Hildibold, seit 979 Bischof von Worms, den bis 998 im Verbund mit dem Erzkanzler wirkenden Leiter. Inwieweit Willigis auf das kriegerische Geschehen in Bayern und Böhmen Einfluß nahm, bleibt unklar. Die Kooperation zwischen Kaiser und Erzbischof lag zweifelsfrei vor bei der Besetzung von Bistümern in Prag, Konstanz und Verden 976, abermals in Konstanz 980, in den beiden Folgejahren in Paderborn und Augsburg. Am Italienzug OTTOS II. nahm Willigis nicht teil. Er kam zum Hoftag nach Verona Mitte Juni 983. Ihm und dem Ravennater Erzbischof vertraute man den 3-jährigen Kaiser-Sohn OTTO III. an, um diesen zur Krönung nach Aachen zu geleiten. Noch in Verona konsekrierte Willigis als neuen Prager Bischof Adalbert. Der Tod OTTOS II. am 7. Dezember 983 löste nach den Aachener Krönungsfeierlichkeiten eine Reichskrise aus. Gegen den an Ostern in Quedlinburg zum König ausgerufenen Herzog Heinrich von Bayern wandte sich Willigis zusammen mit Herzog Bernhard I. von Sachsen. Das Reich war gefährdet durch den Slavenaufstand im Osten, den Krieg mit Dänemark und die Interventionen des Königs von Frankreich in Lothringen. Willigis gelang es durch einen Ausgleich mit dem Bayern-Herzog die Lage zu meistern. Weiterhin handelte er mit Kaiserin Theophanu bis zu deren frühen Tod (+ 15. Juni 991) in enger Kooperation. Belastend war allerdings bis 1007 der Streit um Gandersheim mit dem Bischof von Hildesheim. Willigis nahm am Italienzug OTTOS III. teil, der zur Kaiserkrönung am 21. Mai 991 führte. Diese vollzog Papst Gregor V., den Willigis zuvor nach Rom geleitet hatte. Schwierigkeiten bereitete das Verhalten Adalberts von Prag. Vor allem aber brachten jene Monate die Distanzierung im Verhältnis zum jungen Kaiser. Bernward von Hildesheim, der bald nach Köln promovierte Kanzler Heribert und dessen Bruder, Bischof Heinrich I. von Würzburg, traten in den Vordergrund. Als sich der Gandersheimer Streit erneut verschärfte, leistete Willigis auf den Synoden von Pöhlde und Frankfurt 1001 sogar offenen Widerstand gegen den Papst und damit indirekt gegen den Kaiser. Ob er im Jahre 1000 die Errichtung des Erzbistums Gnesen, den Streit Giselhers um Magdeburg und die Öffnung des Grabes KARLS DES GROSSEN in Aachen guthieß, muß bezweifelt werden. Sinnvollstes Ereignis war die von Willigis betriebene Erhebung Burchards auf den Wormser Bischofsstuhl Anfang 1000.
Infolge der Kinderlosigkeit OTTOS III. trat eine neue Krise des Reiches ein. Wie sichWilligis zu den einzelnen Kandidaturen auf die Königswahl verhielt, bleibt im einzelnen unklar. Entscheidend für ihn war, neben erbrechtlichen Erwägungen, dass die jeweilige Kräftekonstellation zu keiner Einheit führten. Herzog Heinrich von Bayern, des Zänkers Sohn, entschied Ende Mai oder Anfang Juni 1002 die militärische Lage am Mittelrhein für sich. Nach Verhandlungen in Worms fand am  7. Juni 1002 die Krönung HEINRICHS II. in Mainz statt. Hier stützte sich Willigisauf das Privileg von 975. Aber auch die dem neuen König gemeinsame Gegnerschaft gegen Heribert von Köln mag mitgespielt haben.Willigisbegleitete streckenweise den König auf dem Reichsumritt, dessen Höhepunkt die Krönung der Königin Kunigunde in Paderborn am 10. August 1002 war. Gleichzeitig erhielt die Äbtissin Sophie von Gandersheim ihre Weihe. Eine der vielleicht schon zuvor abgesprochenen Folgen des Regierungswechsels war die Betrauung des Mainzer Erzbischofs auch mit der italienischen Erzkanzlei.
Die ersten Regierungsjahre HEINRICHS II. brachten wichtige Entscheidungen. In der Frage der Wiederherstellung des Bistums Merseburg griff Willigis vermittelnd ein. Vom von ihm geweihten Erzbischof Tagino von Magdeburg sowie vom Bischof von Halberstadt erhielt er die nötigen Zugeständnisse 1004. Im Folgejahr half er bei der Reform der Abtei Hersfeld. Übertroffen aber wurden alle jene Ereignisse an Bedeutung durch die Gründung des Bistums Bamberg am 1. November 1007 während der Frankfurter Synode, an deren Spitze Willigis zugleich als Metropolit und als Legat des Papstes stand. Die von Bischof Heinrich geforderte Errichtung eines Erzbistums in Würzburg verhinderte Willigis. Nicht zuletzt sind mit diesen Vorgängen eine umfassende Privilegierung der Mainzer Kirche durch den König am 27. Mai 1007 sowie die umfänglichen Besitzzuweisungen an das Stift St: Stephan in Mainz 1008 zu sehen. Am 13. März 1009 vollzog Willigis die Weihe des Bischofs Meinwerk von Paderborn in Goslar.
Der Besitz der Mainzer Kirche wurde vergrößert, die Organisation des Erzbistums verfeinert, teilweise neu gestaltet. Durch Schenkungen des Königs kamen Krongutkomplexe in Hessen, im Untermaingebiet, an der Mosel und in Thüringen an das Erzbistum. Noch bedeutender war die Verleihung von Bann- und Geleitsrechten in Bingen und im Rheingau anläßlich des Veroneser Hoftages am 14. Juni 983. Eine Forstschenkung im vorderen Hunsrück am 6. November 996 brachte die wertvolle Ergänzung. Aus der konradinischen Besitzmasse am Main bei Bürgel kam die Abrundung des Aschaffenburger Gebietes. Besitzbestätigungen in Niederlahnstein und Nierstein zeigen die Ergänzung von Positionen am Rhein. Im Rheingau, Taunus, Naheland und in Hessen-Thüringen sind Festigung und Verdichtung des Pfarreinetzes zu verdichten. An die Stelle der Chorbischöfe setzteWilligisArchidiakone als Leiter straff organisierter Bezirke auf der mittleren Ebene der Neustruktuierung des geistlichen Sprengels, der vom Mittelrhein über Hessen hinweg Thüringen umfaßte. Zielbewußt wurden ältere Stifte (Frankfurt, Bingen, Aschaffenburg, Heiligenstadt, Erfurt) gefördert, neue in Mainz neben bereits bestehenden als erzbischöfliche Eigenkirchen gegründet, ebenso solche in Jechaburg und Dorla geschaffen, auf dem Disibodenberg eine ältere Einrichtung umgewandelt. An allen diesen Punkten ist mit Stiftsschulen als Einrichtung für die Priesterausbildung zu rechnen. Durch Domkanonikate wurden die Prälaten eng an die erzbischöfliche Zentrale als Fachleute gebunden. Dem monastischen Leben stand der von seinem Herkommen her weltgeistliche Erzbischof wohlwollend gegenüber. Die Abtei Bleidenstadt wurde gefördert, Beziehungen bestanden zu den Klöstern der Stadt Mainz und zur Reichsabtei Lorsch. Den Wissenschaften war er zugetan. Hier ist an die ansonsten nur sporadisch bekannte Domschule zu denken. In der Aschaffenburger Stiftsschule griff er 976 mit klarer Ordnung für den Unterricht ein. Sich selbst setzte Willigis mit dem Neubau des Mainzer Domes ein Denkmal, der jedoch am Einweihungstag 1009 abbrannte. Für die Marienkirche ließ er Bronzetüren gießen.

Quellen und Literatur:
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S. Hirsch - M. Bresslau, JDG H. II. 1, 1862 [Neudr. 1975] - Reg. zur Gesch. der Mainzer Ebf.e im MA, I, bearb. J. F. Böhmer - C. Will, 1877 [Neudr. 1977], XXXVII-XLIII, Nr. 1-173 - H. Böhmer, W. v. M., 1895 [grundlegend} - K. und M. Uhlirz, JDG O. I. und III., 1902 [Neudr. 1967] - Mainzer UB, I, ed. M. Stimming, 1932 [Neudr. 1972], Nr. 216-250 - A. Gerlich, Hist. Strukturelemente und Struktur Umwandlungen im frühen und hohen MA, 1953, 4-64 - J. Fleckenstein, Die Hofkapelle der dt. Kg.e II, 1966, 33-39, 41, 64-84, 109ff., 121f., 157ff. - L. Falck, Mainz im frühen und hohen MA (Gesch. der Stadt Mainz, 2, 1972), 64-71, 78f., 88-97, 100ff.,119,145,152,163-166 - G. May, Die Organisation der Erzdiöz. Mainz unter Ebf. W. (Fschr. zur Jt.feier des M.er Domes 975-1975, hg. A. Ph. Brück, 1973), 31-92 - H. Büttner, Ebf. W. v. M.(975-1011) (Ders., Zur frühma. Reichsgesch. an Rhein, Main und Neckar, hg. A. Gerlich, 1975), 301-313 - A. Gerlich, W. und seine Zeit (1000 Jahre Mainzer Dom, hg. W. Jung, 1975), 23-43 - K. Hallinger, W. v. M. und die Kl. (W. und sein Dom, hg. A.PH. Brück, 1975), 93-134 - Ders., Das Bm. Worms und der Neckarraum während des Früh- und HochMA (ebd.), 207-236 - W. Heinemeyer, Ebf. W. v. M., BDLG 112, 1976, 41-57 - W. Seibrich, Die Entwicklung der Pfarrorganisation im linksrhein. Ebm. Mainz, 1977 - A. Gerlich, Der Aufbau der Mainzer Herrschaft im Rheingau, NassA 96, 1985, 9-28 - W. Goez, Leben und Werk des hl. W. (1000 Jahre St: Stephan in Mainz, hg. H. Hinkel, 1990), 15-32 - F. Staab, Reich und Mittelrhein um 1000 (ebd.), 113-162 - A. Egler, W. und die Stifte in Stadt und Ebm. Mainz (ebd.). 283-308.


Der Sachse Willigis war der Lehrer Kaiser OTTOS II., auf den er großen Einfluß ausübte. Den Bestrebungen Heinrichs des Zänkers nach der Vormundschaft für OTTO III. verhielt er sich reserviert gegenüber. Als dieser sich aber Ostern 984 in Magdeburg von seinen Anhängern zum König wählen ließ, nahm Erzbischof WilligisVerbindung zu den auf der Hesleburg versammelten sächsischen Fürsten unter der Führung des Herzogs Bernhard von Sachsen, mit dem er seit 980 das Reich regiert hatte, auf. In der Ebene von Bürstadt bei Worms zwang er gemeinsam mit Herzog Konrad von Schwaben an der Spitze überlegener Kräfte den Bayern-Herzog, der die militärische Auseinandersetzung mied, von seinen Forderungen abzusehen und eidlich zu versprechen, König OTTO III. am 29. Juni 984 zu Rara, dem heutigen Rohr im Grabfeld bei Meiningen, der Kaiserin und den Großen auszuliefern. Das größte Verdienst am günstigen Ausgang der Verhandlungen gebührte dabei Erzbischof Willigis, der mit großer Vorsicht, aber dennoch zielbewußt und entschlossen die notwendigen Vorbereitungen getroffen und die Beratungen geleitet hatte. Vor allem wird die Ankündigung des bevorstehenden Eintreffens der beiden Kaiserinnen und der Äbtissin Mathilde von Quedlinburg die stärkste Wirkung auch auf Heinrich ausgeübt haben. Von 984-995 führte er gemeinsam mit den Kaiserinnen Theophanu und Adelheid die Regentschaft für OTTO III. und hatte als Erzkanzler des Reiches beinahe diktatorische Vollmachten. Obwohl er auf dem 1. Italienzug (996) eine hervorragende Rolle spielte, wurde er durch OTTO III. mehr und mehr in den Hintergrund gedrängt. Beim 2. Italienzug des Königs mußte er in Deutschland bleiben und der Kaiser betraute nichtWilligis, sondern seine Tante, die Äbtissin Mathilde von Quedlinburg mit seiner Vertretung im Reich.
1002 hatte er maßgeblichen Anteil an der Wahl HEINRICHS II., den er in Mainz krönte. Er begann den Neubau des Mainzer Doms.

Trillmich Werner:
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"Kaiser Konrad II. und seine Zeit"

Willigis, ein Mann niederer, aber edelfreier Herkunft, gelehrter Theologe, Freund der Künste, weltgewandter Staatsmann und seit 971 Kanzler, leitete lange Zeit die Regierungsgeschäfte. Um während des Aufenthaltes am Hofe die enge Verbindung mit seiner rheinischen Residenz nicht zu verlieren, sorgte er für die Besetzung mehrerer Kanonikate an Mainzer Kirchen mit Holzkapellänen. Als Primas veranlaßte er Kaiser und Papst, ihm und seinen Nachfolgern urkundlich das Recht zur Weihe und Krönung künftiger Herrscher zuzusichern.
 
 
 
 

Literatur:
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Althoff, Gerd, Otto III., Primus Verlag, Darmstadt 1997, Seite 8-192 - Beumann, Helmut: Die Ottonen. Verlag W. Kohlhammer Stuttgart Berlin Köln, Seite 91,114,117,122,129-131,133,135,137,139-141, 147,158,161,163,165 - Die Salier und das Reich, hg. Stefan Weinfurter, Jan Thorbecke Verlag 1991, Band I Seite 315/Band III Seite 36,48, 51,58,374/Band III Seite 351,362,381,527 - Eickhoff, Ekkehard, Theophanu und der König, Klett-Cotta Stuttgart 1996, Seite 18-519 - Schneidmüller, Bernd/ Weinfurter Stefan/Hg.): Otto III. - Heinrich II. Eine Wende?, Jan Thorbecke Verlag Sigmaringen 1997, Seite 16A-410 - Schulze Hans K.: Das Reich und die Deutschen. Hegemoniales Kaisertum. Ottonen und Salier. Siedler Verlag, Seite 253,260,266,268, 279,299-301,321 - Thietmar von Merseburg: Chronik. Freiherr vom Stein-Gedächtnisausgabe, Seite 88,90,114-120,134,204,212,230, 234,238,276, 280 - Weinfurter, Stefan: Heinrich II. (1002-1024) Herrscher am Ende der Zeiten, Verlag Friedrich Puset Regensburg 1999, Seite 21,47-49,52,57,69,75,111,156,166,180,191,234,255,258 -