Sohn des
Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 418
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Bonifatius (Winfrid), Missionserzbischof
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* 672/75, + 5. Juni 754 gewaltsam getötet
Exeter bei
Dokkum (Friesland)
Winfrid war der Sohn
einer wohl adligen, in kulturellem und kirchenorganisatorischen Ausbaugebiet
der angelsächsischen Staatenwelt ansässigen Familie. Als puer
oblatus dem Kloster Exeter übergeben, wechselte Winfrid
bald ins Kloster Nursling bei Winchester über. Den Mönch
aus Berufung formte eine monastische Welt, in der gegen 700 die römischen
Traditionen einschließlich der Benediktinerregel das Übergewicht
gegenüber der noch immer wirkungsmächtigen iro-keltischer Befruchtung
erlangt hatten. Seine intellektuelle und gesistige Schulung stand ganz
in der Traditionslinie Aldhelms. Sie ebnete Winfrid
den Weg zum Scholaster in seinem Kloster, als welcher er selbst Unterrichtsbücher
in Grammatik (anhand des Donatus) und Metrik verfaßte. Proben seiner
metrischen Kunst lieferte er bis ins hohe Alter. Kurz nach 700 erhielt
er die Priesterweihe, die ihn enger mit dem Diözesanbischof verbinden
sollte und wohl auch seine Autorität in einer friedensstiftenden politischen
Aktion stärkte.
Im Frühjahr 716 suchte Winfrid
die uneingeschränkte Verwirklichung seiner monastischen Existenz
angelsächsischer Prägung in der peregrinatio. Die geplante Mission
in Friesland scheiterte, da die fränkische Schutzmacht der friesischen
Galubenspredigt in diesem Moment ausfiel. Winfrid
kehrte nach Nursling zurück, wo ihn seine Mitbrüder
zum Abt erhoben. 718 entband ihn der Diözesanbischof von der Klosterleitung
und ermöglichte ihm erneut die missionarische peregrinatio.
Diesmal ersuchte er den Heiligen Stuhl als Hüter
des Glaubensgutes und Quelle rechtlicher Autorität um die Missionsvollmacht.
Am 15. Mai 719 erteilte sie ihm Papst Gregor II. und gab ihm den Namen
des am Vortage gefeierten römischen Heiligen.
Sein Auftrag führte Bonifatius
nach Thüringen, wo er staatlichen Rückhalt noch nicht fand. Als
sich das friesische Missionsfeld 719 wiederauftat, unterstellte er sich
Willibrord. Die Gründe der Trennung von Willibrord 721 sind unbekannt.
Fortan wirkte Bonifatius
als Missionar im hessisch-thüringischen Grenzraum. Organisatorische
Probleme verlangten in dem teilweise schon christianisierten Land Weihegewalt
und Jurisdiktion eines Bischofs. Am 30. November 722 weihte ihn der Papst
persönlich zu Rom, wobei Bonifatius
den nur wenig veränderten, den kirchlichen Verhältnissen des
Missionslandes und des Frankenreiches kaum angepaßten Obödienzeid
der unmittelbaren römischen Suffragane leistete. Seit 723 mit einem
Schutzbrief Karl Martells ausgrerüstet, vollendete Bonifatius
die
hessisch-thüringische Mission. Ihren Abschluß signalisierte
die Fällung der Donareiche zu Geismar 723.
Die organisatotrische Erfassung dfer Neugetauften erfolgte,
nicht zuletzt in Abwehr kanonischer Ansprüche des Mainzer Bischofs,
von monasteria aus, die Bonifatius in
rascher Folge ins Leben rief (Ohrdruf, Fritzlar, Tauberbischofsheim, Kitzingen,
Ochsenfurt), die, vorwiegendvon angelsächsischen Landsleuten, die
letzteren auch von Frauen (Lioba) besetzt, priesterliches Wirken und fraulichen
Hilfsdienst den Vorzug vor der monastischen Zurückgezogenheit gaben,
so daß
Bonifatius einigen Schülern
die Einrichtung einer Eremitenniederlassung in Hersfeld (736) zugestehen
mußte. 732 reiste Bonifatius erneut
nach Rom, wobei er nicht nur Mitarbeiter und Jünger gewann, die sein
Werk auch nach seinem Tode trugen, sondern auch aus Gregors III. Hand das
Pallium erhielt, so daß er als Erzbischof jetzt neue Bistümer
kanonisch errichten und ihre Oberhirten weihen sollte. Eben dies unterblieb
infolge der südwärts gerichteten Politik Karl
Martells und der Bedrohung Thüringens und Hessens durch
die Sachsen.
Auf seiner dritten Romreise 737/38 erlangte Bonifatius
die Würde und Funktion eines päpstlichen Legaten. Doch
wirkte sie sich zuerst in Bayern aus, wo Bonifatius
739 in Zusammenarbeit mit dem Herzog, dem Träger der Kirchenhoheit,
den römischen Organisationsplan von 716 und seine eigenen kanonische
Visitation von 733/35 vollendete: Drei Bischöfe setzte Bonifatius
in Regensburg, Freising und Salzburg ein; der Oberhirte von Passau hatte
seine Weihe in Rom empfangen. Nur die Schaffung eines Metropoplitansitzes
und damit die Umschreibung des bayerischen Kirchenprovinz schob Bonifatius
auf. Er hatte damit ungewollt Stellung bezogen in der karolingisch-agilolfingischen
Spannung, die den Tod Karl Martells
überdauerten.
Da Bonifatius in
dieser Lage faktisch auf weitere Eingriffe in Bayern verzichtete, fanden
sich nach 741 die neuen Herren des karolingischen
Machtbereichs und Bonifatius:
Als Legat des Papstes konnte Bonifatius
für kurze Zeit auf die den KAROLINGERN
zugänglichen Kirchen einwirken. Dank der tätigen Unterstützung
des Hausmeiers Karlmann vermochte er
die Bistümer Würzburg, Büraburg und Erfurt einzurichten,
sie mit seinen Schülern zu besetzen und das monasterium Eichstätt
unter bischöflicher Leitung als fränkischen Stützpunkt zu
schaffen. Nach dem reformatorischen Concilium Germanicum von 743 tagten
Anfang März 744 in den Herrschaftsbereichen beider Söhne Karl
Martells gleichzeitig Synoden zu Les Estinnes und Soissons,
die die fundamentalen Vorschriften kirchlicher Zucht und christlichen Lebens
ins Gedächtnis riefen (Stellung und Pflichten des Bischofs, Standesethos
und Verhalten des Klerus, Ordnung des geistlichen Gemeinschaftslebens,
gesetzliche Regelung der Beanspruchung kirchlichen Gutes zur Sicherung
der karolingischen Herrschaft, Abkehr
von heidnischen Praktiken, Fragen des kirchlichen Eherechtes). Die karolingischen
Brüder zeigten damit, daß sie, wenn auch unter nomineller Oberleitung
eines rasch kreierten MEROWINGER-Königs,
in der Durchsetzung der von ihnen verkündeten Synodalbeschlüsse
die Hoheit in der fränkischen Kirche souverän auszuüben
gedachten und sich zugleich über jene Aristokratie emporschwangen,
aus der sie hervorgegangen waren und deren (militärisch-politische)
Hilfe sie noch bedurften.
Die sich formierende Opposition ließ zwar die Gründung
neuer Bistümer an der Peripherie des Frankrenreiches geschehen, gab
aber die innerfränkischen Bischofsstühle nicht frei. Dabei bedienten
sie sich kirchenrechtlicher und kirchenpolitischer Mittel und kirchengschichtlicher
Argumente: In Sens und Reims konnten keine Erzbischöfe eingesetzt
werden, weil Bonifatius und die KAROLINGER
es wollten - die kanonisch bestellten Inhaber der cathedrae lebten (als
"Weihbischöfe") noch. Köln als geplanter Metropolitansitz des
Bonifatius
war disqualifiziert - einen Kölner Bischof setzte im 4.
Jh. ein unter Vorsitz des Trierer Metropoliten tagendes Konzil angeblich
als Erzketzer ab. Der des Mordes überführte, offenbar zur Resignation
gezwungene Mainzer Bischof suchte, seine Restitution in Rom zu betreiben.
Mainzer Einfluß am Mittelrhein wurde womöglich von Trier aus
zurückgedrängt.
Das zeitweilige Bündnis zwischen den KAROLINGERN
und Bonifatius
mußte sich lockern, wollten die Hausmeier, seit 747 der abwägende
Pippin III., ihre Herrschaft ausweiten
und zum Königtum steigern.
Bonifatius
konnte daher 745 und 747 keine Synoden mehr abhalten, die unter karolingischer
Autorität standen; 748 berief Pippin III.
selbst ein Konzil ein und wandte sich auch in kirchenrechtlichen Fragen
direkt an den Papst, der Bonifatius
nur von seiner Antwort unterrichtete. Bonifatius war beiseitegeschoben;
doch sein Werk hatte Wurzeln geschlagen: Die karolingischen
Herrscher führten die Reform der fränkischen Kirche behutsam
weiter mit vorwiegend fränkischen Kräften einer jüngeren
generation, die die Vorrangstellung der KAROLINGER
nicht mehr in zweifel zog und die
Auflösung der Machtbastionen rivalisierender Aristoktraten erst ermöglichte.
Pippin III. errang für seine Dynastie
die Königskrone ohne des Bonifatius
Hilfe (751), er knüpfte den weltgeschichtlich bedeutsamen Bund mit
dem Papsttum, während Bonifatius
in Friesland als Märtyrer heidnischer Hand erlag (754).
Bonifatius konnte
nicht einmal in dem ihm als Bischofssitz angewiesenen Mainz sicher sein,
daß ihm dort ein Schüler folgen werde, dem er die Sorge für
alle seine Helfer über antworten könne. 744 hatte er inmitten
der Völkerschaften, denen er Glaubensbote, Seelsorger und Bischof
war, das Kloster Fulda gegründet als geistlich-geistiges Zentrum.
751 entzog er es mit Hilfe eines päpstlichen Privilegs der Organisation
der fränkischen Kirche (Exemtion). Als feststand, daß sein Schüler
Lullus
sein Mainzer Nachfolger werde, ließ Bonifatius
die Bistümer Büraburg und Erfurt im Verband der Diözese
Mainz aufgehen. Nach dem Tode des Friesenmissionars Willibrord hatten die
KAROLINGER
dem Erzbischof und Legaten auch die junge friesische Kirche übertragen,
auch sie peripher gelegen. Hier fand Bonifatius
in seinem letzten Lebensmonaten noch einmal die Kraft, als Missionar und
Spender der Taufe aufzutreten. Auf diesem Missionsfeld wurde er am 5.
Juni 754, da er Neophyten die Firmung spenden wollte, samt seinen Begleitern
von beutegierigen Räubern erschlagen. Das Kloster Fulda nahm seinen
Leichnam auf und birgt ihn bis auf denn heutigen Tag.