Tochter des Grafen Adelgisus von Parma
Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 634
********************
Angilberga (Angelberga, Engelberga), Kaiserin
---------------------------------------------
Gemahlin des KAROLINGERS LUDWIG II.
Die den oberitalienischen SUPPONIDEN (salfränkische Herkunft) zugehörige Angilberga, vermutlich Tochter des Grafen Adelgisus von Parma, wurde 851 die Braut des Kaisers. An Reichsverwaltung, politischen und militärischen Unternehmungen ihres Mannes nahm sie in ungewöhnlichem Maß Anteil, vor allem seit seiner Erkrankung und Jagdverletzung 864. Öfters in Diplomen als Intervenientin genannt, erhielt sie von ihm 12 Schenkungsurkunden. Den Zeitgenossen galt die "consors imperii" als herrschsüchtig, einflußreich und habgierig. Da der Ehe nur zwei Töchter entsprossen (Gisla, Nonne in Brescia, frühgestorben; Ermengarda, seit gewaltsamer Entführung 876 Gattin Bosos von Vienne), wollte Angilberga Italien und die Kaiserkrone den ostfränkischen KAROLINGERN zuspielen; sie verhandelte 872 mit Ludwig dem Deutschen. Nach Eintritt des Erbfalls erklärte sich die Mehrheit des oberitalienischen Adels jedoch für den W-Franken KARL DEN KAHLEN. Angilberga hatte Mühe, ihr Wittum zu behaupten. Auf Bitte urkundeten für sie Ludwig der Deutsche 876, Karlmann 877, KARL III. 880-887, BERENGAR 888, ARNULF 889. Schon 877 machte sie ihr Testament zugunsten der Abtei S. Sisto zu Piacenzia. Nach 889 verschwindet Angilberga aus der Überlieferung.
Literatur:
-----------
E. Dümmler, Gesch. des ostfrk. Reiches 2-3, 1888
[Nachdr. 1960] - G. v. Pölnitz-Kehr, Hjb 60, 1940 - E. Hlawitschka,
Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien, 1960. -
Ennen Edith: Seite 59
***********
"Frauen im Mittelalters"
Die "profilierteste Gestalt" unter den KAROLINGER-Frauen (so Konecny) hat man Angilberga genannt; sie stammte aus einem jener fränkischen Adelsgeschlechtewr, die fest in Italien verwurzelt waren, von den SUPPONIDEN in Parma, und wurde 851 mit LUDWIG II. - dem ältesten Sohn LOTHARS I. - verlobt, dem bei der Erbteilung Italien zugesprochen worden war. LUDWIG war 844 bereits zum König der Langobarden gekrönt worden. Angilberga hatte ein strakes Herrscher- und Familienbewußtsein, Sinn für Macht und Besitz. Sie steht im Kreis ähnlich gearteter Frauen: ihrer Tochter Irmgard, der Gemahlin Bosos von Vienne, Liutgard, Gemahlin Ludwigs des Jüngeren, Ageltrudis, Witwe WIDOS von Spoleto, die beim Anrücken des deutschen Herrschers ARNULF die Tore Roms schließen ließ und die ewige Stadt und die Kaiserwürde für sich und ihren Sohn LAMBERT verteidigte - allerdings ohne Erfolg. Angilberga hat aktiv an der Politik teilgenommen, und zwar seit LUDWIGS Erkrankung und Jagdverletzung 864. Sie wird bereits "consors et adiutrix regni" genannt, als erste mittelalterliche Herrscherin. Söhnelos wollte sie Italien und die Kaiserkrone den ostfränkischen KAROLINGERN zuspielen und verhandelte 872 mit Ludwig dem Deutschen; der oberitalienische Adel erklärte sich jedoch für KARL DEN KAHLEN. Sie verfügte über einen reichen Grundbesitz, den sie klug und gewinnbringend zu verwalten verstand. Sie erbaute in Piacenza ein Kloster, förderte mehrere Klöster und zog sich 877, zwei Jahre nach LUDWIGS II. Tod, in ein Kloster zurück.
Hlawitschka Eduard: Seite 31-34,36,84,87
*****************
"Lotharingien und das Reich an der Schwelle der deutschen
Geschichte"
Es ist deshalb von höchstem Interesse, wenn man sieht,
daß der Kaiser auf dem Wege vom Elsaß, wo die erneute Erkrankung
eingetreten war und er einige Monate darniederliegend verweilte, zu der
Pfalz Bodman am Bodensee, wo dann die Operation vorgenommen wurde, der
Kaiserin-Witwe
Angilberga, der Mutter der Boso-Gemahlin
Irmingard
von der Provence, ein Diplom zukommen ließ. Angilberga
repräsentierte ja doch gerade damals in besonderer Weise die lotharingische
Verwandtschaftslinie.
Sollte KARL III.auf jene sein besonderes
Augenmerk gerichtet haben?
Angilberga hatte
nach dem Tode ihres Gemahls, des Kaisers LUDWIG
II. (+ 875), - wohl älteren Absprachen folgend - zunächst
die ostfränkischen KAROLINGER in
ihren Bemühungen um die Nachfolge in Italien begünstigt, den
Erfolg KARLS DES KAHLEN aber doch nicht
verhindern können. Bis in die zweite Hälfte des Jahres 876 hinein
scheint sie in ihrer Haltung nicht wankend gewesen zu sein. Nachdem jedoch
ihre Tochter von KARLS DES KAHLEN Vertrauten
Boso,
den dieser zu seinem dux und Stellvertreter in Italien eingesetzt
hatte, in einem wenig durchschaubaren Intrigenspiel (etwa in der 2. Hälfte
des Jahres 876) geehelicht worden war, hatte sie sich aber doch langsam
auf W-Franken und auf ihren Schweigersohn
Boso
ausgerichtet.
Und in dieser Haltung mag sie auch durch Papst Johann VIII. bestärkt
worden sein, der nach seinen schlechten Erfahrungen mit den Spoletiner
Markgrafen, die sich bei ihren Aktionen auf König
Karlmann von Bayern beriefen, das Kaisertum den westfränkischen
KAROLINGERN
zu erhalten gewillt war, der dann aber sich selbst von der Schwäche
Ludwigs
des Stammlers in W-Franken überzeugen mußte und hernach
Boso
(gleichsam als Erben Kaiser LUDWIGS II.
durch dessen Tochter Irmingard)
als zukünftigen Regenten Italiens und Schützer auch der weltlichen
Interssen des Papsttums zu sehen wünschte. Nachdem schließlich
Bosos und Johanns VIII. Italienpläne am Widerstand der
italienischen Großen gescheitert waren, 879 aber die Erhebung Bosos
zum König in der Provence gelungen war, scheint Angilberga
Tochter und Schwiegersohn nach Kräften unterstützt zu haben.
KARL
III. hatte sie dafür wiederum, nachdem er 880 an einem
gemeinsamen Feldzug der ost- und westfränkischen KAROLINGER
gegen den Usurpator teiilgenommen hatte und danach zur Kaiserkrönung
nach Italien gezogen war, sogleich in Haft genommen sowie nach Alemannien
in die Verbannung geschickt, ne aliquod solatium vel consilium dare
facereque possit Bosoni. Die Versöhnung
und Angilbergas Freilassung kamen erst
882 durch päpstliche Intervention zustande.
Wenn KARL III. gerade
in seiner angedeuteten bedrängten Situation
Angilberga
und ihr oberitalienisches Kloster zu Brescia berücksichtigte, so kann
dies nur - wie es von verschiedenen Seiten auch bereits geschehen ist -
als eine Beziehungsaufnahme, an der ihm besonders gelegen sein muß,
verstanden werden; denn damals, am 10. Februar 887, dürfte ihm einerseits
der am 11.1.887 erfolgte Tod Bosos von der Provence,
dessen Machtstreben die Beziehungen Angilbergas
zu den ostfränkischen KAROLINGERN getrübt
hatte, doch wohl schon bekannt gewesen sein. und andererseits sieht man,
daß mit dieser Beziehungsaufnahme weitere Kontakte nach Italien Hand
in Hand gingen: es erfolgte eine dringende Einadung des Papst, doch zum
30. April 887 zu einer Reichsversammlung nach Waiblingen zu kommen bzw.
eine Gesandtschaft zu schicken. Der Papst, Stephan V., versagte sich freilich
diesem Wunsche.
Sogleich nach der Reichsversammlung in Waiblingen, zu
der also der Papst nicht erschienen war und auch keinen Vertreter gesandt
hatte, zog
KARL nach Kirchen bei Lörrach,
und zwar der Tochter Angilbergas und
Witwe Bosos sowie ihrem Sohne LUDWIG
entgegen - obviam veniens imperator ad Hrenum villa Chirihheim?
-, von deren Kommen er also gewußt und die er somit in gleicher Weise
wie den Papst eingeladen haben muß. Hier in Kirchen nahm er Mitte
bis Ende Mai 887 LUDWIGS Huldigung
entgegen und adoptierte ihn an Sohnes Statt. Ja, er gestand ihm damit zugleich
auch die regia dignita zu und bestätigte zum Schluß der
Mutter des kleinen LUDWIG, Irmgard,
ihm selbst und seinen Schwestern die von Kaiser
LUDWIG II. an Irmingard
in Italien, Burgund und Franzien dereinst geschenkten Besitzungen und Hörigen.
Die Verhaltensweise KARLS
in Kirchen kam natürlich einer politischen Aktion gegen ARNULF
VON KÄRNTEN gleich. Sie beraubte ihn, der seit der fortschreitenden
Erkrankung KARLS in immer zunehmendem
Maße auf die Nachfolge in der Herrschaft - zumindest was O-Franken
anbetrifft - rechnen durfte, mit einem Schlage sämtlicher Aussichten.
Und daß dies ernst gemeint war und Bestand haben sollte, sieht man
daran, daß KARL noch im Julu
887 für Irmingard und LUDWIG
die in Kirchen zugesagte Besitzbestätigung erließ, daß
er auch Angilberga ein ähnliches
Diplom gewährte, ja, daß Angilberga
ihrerseits
dem schwer erkrankten KARL einen Arzt
als Beistand zugesandt hatte.
Wieder, wie schon im Frühjahr 887, scheint es die
Kaiserin-Witwe
Angilberga aus Italien gewesen zu sein, die die politischen
Fäden spann. Da ARNULF eine Oberherrschaft
über BERENGAR VON FRIAUL erlangt
hatte, bot sich auch ein guter Anlaß. Sie suchte, wiewohl
BERENGAR
VON FRIAUL ihr eben erst eine Urkunde zur Bestätigung ihres
italienischen Besitzes hatte ausstellen lassen, nun bei ARNULF
um eine Besitzbestätigung nach. Bezeichnend ist, wer ihr Anliegen
vortragen sollte: sie schickte eigens ihre Tochter Irmingard,
die Witwe Bosos, zu ARNULF
nach Forchheim.
Irmgards Bestreben,
als sie 889 bei ARNULF in Forchheim
erschien, dürfte es somit gewesen sein, die Sicherung der Nachfolge
ihres kleinen Sohnes LUDWIG in jenem
Reiche zu erwirken. Ist doch auch ihre Herrschbegierde genugsam bezeugt
[Vgl. ihre Charakterisierung durch Hinkmar in den Ann. Bertin. ad 879 Seite
150. Überdies setzen die Fuldaer Annalen bereits zum Jahre 888 (Seite
116) den jungen LUDWIG VON DER PROVENCE,
Irmingards Sohn, als Prätendenten
für das provencalische Königtum ein, was hier nur Irmingards
Wollen unterstreicht.]. Jedoch ARNULF verhielt
sich abwartend. Er gewährte Angilberga
zwar
die durch Irmingard erbeten Besitzbestätigung
und ließ diese desgleichen auf Irmingard
für den Fall des Todes der Kaiserin-Witwe
Angilberga ausdehnen, aber von sonstigen Unterstützungen
ist nichts bekannt. Im Gegenteil! Wenn Erzbischof Bernuin von Vienne sich
889/90 sogar zum Papst nach Rom begeben mußte, um dort die Nöte
dieses Reiches zu schildern und eine Zustimmung zur Erhebung LUDWIGS
zu erhalten, kann das Ergebnis des Besuches Irmgards
in Forchheim nicht verheißungsvoll gewesen sein. Und wenn es damals
noch nicht zu Absprachen über die Erhebung des jungen LUDWIG
kam, obgleich ARNULF zu jener Zeit
schon Odo von W-Franken,
Rudolf
von Hochburgund und BERENGAR VON ITALIEN
als
Könige anerkannt und in ein System der Lehnssuprematie eingeordnet
hatte., kann das nur auf erhebliche Spannungen oder Verstimmungen zwischen
ARNULF
und Irmingard bzw. dem jungen LUDWIG
hindeuten.
Konecny Silvia: Seite 118-126
*************
"Die Frauen des karolingischen Königshauses. Die
politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen
Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert."
Angilberga kann als
profilierteste Gestalt unter den karolingischen
Frauen gelten. Allerdings war sie ein Sonderfall. Die Kaiserin beteiligte
sich nicht nur aktiv an den Regierungsgeschäften ihres Gatten LUDWIGS
II. [Deutlich wird dies insbesondere 871, als Angilberga
den
Kaiser bei der Reichsversammlung in Ravenna vertritt; BM² 1251 d],
sondern sie wurde auch als "Consors regni" bezeichnet. Schließlich
finden sich bei ihr auch Ansätze zur Witwenregentschaft. Eine solche
setzte allerdings nicht Angilberga
selbst, sondern erst ihre Tochter Ermengard
durch, die als Mutter eines minderjährigen Sohnes auch über günstigere
Voraussetzungen zur Verwirklichung dieses Anspruches verfügte [Daß
Ermengard
nach dem Tod Bosos eine Witwenregentschaft
führte, ist mehreren Urkunden ihres minderjährigen Sohnes, LUDWIGS
DES BLINDEN, zu entnehmen, in denen sie als Intervenientin auftrat:
D. Provence 28,29,20. Überdies führte Ermengard
Verhandlungen
mit KARL DEM DICKEN und eröffnete
ihrem Sohn damit eine Aussicht auf die Kaiserwürde. Der Herrscher
adoptierte LUDWIG und bestimmte ihn
zum Nachfolger; BM² 1749 a.]. Ermengard
dürfte aber dabei die Unterstützung Angilbergas
gefunden haben, so daß diese an einer vormundschaftlichen Regierung
zumindest mitbeteiligt gewesen sein mag.
Angilberga ist
frühestens 863 als "Consors regni" bezeugt. Etwa zum gleichen
Zeitpunkt trat auch bei den Urkunden LUDWIGS
II. ein Kontinuitätsbruch auf [Pölnitz-Kehr,
Kaiserin Angilberga 429ff. setzt den Bruch, der besonders seit 866 deutlich
wird, schon etwa 864 an und denkt an eine innere Umgestaltung der Verwaltung
als dessen Ursache, an der Angilberga
wesentlich beteiligt gewesen sein könnte.]. Man mag mit der Vorstellung
eines "Consortium regni" an byzantinische und spätantik-christliche
Vorbilder angeschlossen haben. Ob es sich dabei selbst um die bloße
Übernahme einer neuen Form oder um den programmatischen Ausdruck der
Stellung Angilbergas als
Stellvertreterin ihres Gatten gehandelt hat, muß dahingestellt bleiben.
Jedenfalls drückt der "Consors regni"-Titel
Angilbergas
deren faktischen Anteil an der Macht aus [Delogu, Consors regni 91 spricht
dem "Consors regni"-Titel der KAROLINGER-Zeit
zwar den offiziellen Charakter ab, vermerkt aber, daß er im Fall
Angilbergas
sehr zutreffend deren Macht und Einfluß beschrieben hat.]. Die besondere
Bedeutung der Kaiserin dürfte mit der neuen Eigenständigkeit
des italischen Bereiches zusammenhängen, zu der es unter LUDWIG
II. kam.
Erstens traten dadurch Besonderheiten
der Gesellschaftsstrukturen dieses raumes und byzantinische Einflüsse
neuerlich stärker hervor. Byzanz wie Italien wiesen eine größere
Kontinuität zu Rechts- und Sozialformen der Antike auf als etwa das
fränkische Reich. Auch im langobardischen Recht ist eine ziemliche
Unabhängigkeit der Frau festzustellen, die sich wohl aus der antiken
Tradition erklärt.
Zweitens ergab sich durch die Trennung
Italiens vom fränkischen Reich, also durch die Einengung der Machtsphäre
LUDWIGS
II. ein neues Kräfteverhältnis.
Die Macht der einzelnen Adelssippen nahm durch die neue Selbständigkeit
des Gebietes wohl zu. Verstärkt wurde der Machtzuiwachs dieses Adels
überdies durch eine politische Unsicherheitm, wie die Sarazenengefahr
sie darstellte.
Im Zuge dieser Entwicklung erlangte
gewiß auch die Sippe der SUPPONIDEN, der Angilberga
entstammte, in zunehmendem Maße Bedeutung. Es war gewiß kein
Zufall, daß Angilberga
gerade gleichzeitig mit den kriegerischen Unternehmungen LUDWIGS
II. in S-Italien besonders deutlich hervortrat.
Der Gatte Angilbergas,
LUDWIG
II., scheint schon früh zum König von Italien bestimmt
worden zu sein und wurde 844 als König der Langobarden gekrönt.
LOTHAR
I. designierte ihn 850 zum Nachfolger
und Papst Leo salbte ihn zum Kaiser [BM² 1179 a; zwar krönte
LOTHAR I. seinen Sohn nicht selbst,
wie dies dem Vorbild KARLS DES GROSSEN,
BM² 479 b, und LUDWIGS DES FROMMEN,
BM² 650, entsprochen hätte, aber der Papst scheint doch immerhin
im Auftrag LOTHARS gehandelt zu haben;
vgl. Hartmann, Geschichte Italiens 3,1, 325.; Schramm, Kaiser, Könige
und Päpste 2, 80f.; Wolfram, lateinische Herrscher- und Fürstentitel
im neunten und zehnten Jahrhundert 60ff.]. Wohl erst nach dieser Zeremonie,
aller Wahrscheinlichkeit nach 851, ging LUDWIG
II. eine Verbindung mit Angilberga
ein. Davor bestand für LUDWIG
ein byzantinisches Eheprojekt. Nur byzantinische Quellen melden die Verlobung,
während die fränkischen Quellen wieder nur von einer griechischen
Gesandtschaft wissen. Erst viel später vielleicht als Reaktion auf
Gerüchte aus Byzanz erwähnen diese Verlobung auch fränkische
Quellen, und zwar wird eine Verstimmung zwischen dem fränkischen Reich
und Byzanz mit der Auflösung des Eheabkommens durch LUDWIG
II. motiviert. In Byzanz selbst mag man 842 jene Verlobung der
Kaisertochter mit LUDWIG II. erfunden
haben, wie man einen Heiratsplan zwischen KARL
DEM GROSSEN und Irene möglicherweise
erfand. Kam es doch noch 842 zu einem Herrscherwechsel in Byzanz, der Theodora
an die Herrschaft brachte. Diese Nachfolgerin des Theodosius
wollte ihren Vorgängern vielleicht politisch abwerten, als sie ihm
die Verlobung seiner Tochter mit LUDWIG II.
nachsagte, die eine Gegenleistung für die militärische
Hilfe der Franken gewesen sein sollte. LUDWIGS
II. Verbindung mit Angilberga
war also kaum in irgendeiner Weise von dem Bestehen eines byzantinischen
Eheversprechens beeinflußt.
Der Zeitpunkt, zu dem LUDWIG
II. eine Verbindung mit Angilberga
einging, darf mit einiger Sicherheit im Jahre 851 angenommen werden. Zwar
wurde die vermutlich 860 abgefaßte Dotationsurkunde für Angilberga
rückdatiert, was den Umstand verschleiern sollte, daß Angilbergas
Dotierung nicht gleichzeitig mit ihrer Eheschließung erfolgte. Hingegen
dürfte der tatsächliche Zeitpunkt der Eheschließung mit
der Dotation übereinstimmen. So betrifft die Fälschung nur den
Zeitpunkt der Dotatien, nicht aber den der Eheschließung. Die Änderung
des Datums kann nur in Zusammenhang mit den Geschehnissen des "Ehestreites"
Lothars
II. beurteilt werden. Sie ist eine wichtige Quelle für
die veränderte Einstellung zur Form des Eheschlusses anläßlich
des "Ehestreits".
LUDWIG II. ging 851
die Verbindung mit Angilberga wohl
in Form des Konkubinats des Königssohns mit einem adeligen Mädchen
ein. Zu einer feierlichen Umwandlung dieser Verbindung in eine Vollehe
kam es jedoch allem Anschein nach nicht. Nach dem Tod LOTHARS
I. war LUDWIG II. mit der
Teilung unzufrieden und behielt sich eine zweite Krönungszeremonie,
wie sie etwa LUDWIG DER FROMME abgehalten
hatte, zunächst vielleicht bis zu einer erwünschten Neuregelung
vor. Überdies bot sich durch die unsicherre Lage der folgenden Jahre
möglicherweise auch gar keine Gelegenheit zu einer neuerlichen Krönung.
In ähnlicher Weise scheiterten auch die Söhne LUDWIGS
DES FROMMEN, vor allem LOTHAR I.,
eine neuerliche Krönungszeremonie unterlassen zu haben.
Jedenfalls fand sich auch kein anderer Anlaß, Angilbergas
neue Stellung als Königin sinnfällig zu demonstrieren. LUDWIGS
II. Verbindung mit ihr ging also ebenso formlos in eine Vollehe
über, wie sie seien Stellung als Herrscher formlos den neuen Verhältnissen
anpaßte. Im Unterschied zu den SöhnenLUDWIGS
DES FROMMEN war LUDWIG II. jedoch
keine Vollehe eingegangen, sodaß das Unterbleiben einer zweiten Krönunszeremonie
einen Mangel darstellte, der bis dahin vermieden worden war [Siehe oben
IV,1, c; V,1,d; VI,1,a; VII,1. Daß
Angilberga
nicht an einer Krönung
LUDWIGS
teilgenommen hat, widerlegt auch nicht ein Brief Ludwigs
des Deutschen, Epistolae Coloniensis n.8; Seite 250, wo Angilberga
"... imperatrici Engilbergae semper
auguste et e Deo coronatea .." genannt wird, denn es dürfte sich
hierbei eher um eine Reaktion auf Angilbergas
faktische Mitbeteiligung an der Herrschaft als um die Anspielung auf eine
erfolgte Krönungszeremonie gehandelt haben.]. Die darin verborgene
Gefahr wurde LUDWIG II. wohl erst durch
den "Ehestreit" Lothars II. bewußt.
Als LUDWIG 861 Angilberga
dotierte, stellte er sich auf den eherechtlichen Standpunkt seines Bruders.
Dieser hatte die Priorität einer Dotation gegenüber der Teilnahme
an einer Festkrönung behauptet, wie sie für Teutberga
vermutet werden kann. Als Adventius stellvertretend für die gesamte
lothringische Geistlichkeit Papst Nikolaus I. den Beschluß der dritten
Synode von Aachen mitteilte und den Vorgang der Dotation Waldradas
genau erläuterte, mag man von Seiten LUDWIGS
II. diese Argumentation aufgenommen und ebenfalls behauptet
haben, daß eie Dotation Angilbergas
noch zu Lebzeiten LOTHARS I. erfolgt
sei. In diesem Fall lägen der Zeitpunkt der Abfassung der Dotationsurkunde
und deren Rückdatierung sehr nahe beisammen. Allenfalls könnte
die Verfälschung aber auch erst später erfolgt sein, und zwar
im Hinblick auf den Nachweis eine ehelichen Geburt der Kaiser-Tochter
Ermengard.
Vor der Dotation und auch noch die ersten Jahre danach
besaß
Angilberga wenig Einfluß.
Zwar verband sich LUDWIG II. durch
sie einem Adelsgeschlecht, das in Italien nicht unbedeutend war. Schon
zur Zeit LUDWIGS DES FROMMEN ist ein
Suppo als Graf von Brescia bezeugt, der gegen den AufstandBernhards
Stellung bezog und demzufolge zum Lager des Kaisers zu rechnen ist. Für
seine Treue scheint Suppo mit dem Dukat Spoleto belohnt worden zu sein.
Jener Suppo könnte auch den Niedergang des Geschlechtes verhindert
haben, sofern tatsächlich Bernhards
Gattin
Kunigunde dem Geschlecht der
SUPPONIDEN
entstammt
haben sollte, wie dies Fischer behauptet. In diesem Zusammenhang
würde auch klar, warum Bernhards
Sohn Pippin 834 im Lager LUDWIGS
DES FROMMEN und nicht in dem LOTHARS
I. stand. Er zählte wohl zu dem kaisertreuen Flügel
seiner Verwandtschaft. Ein Einvernehmen dieser Gruppe der SUPPONIDEN
und
LOTHAR I. sollte vielleicht die
Ehe Angilbergas mit
LUDWIG
II. begründen. Allerdings bestünde durchaus auch die
Möglichkeit, daß
LUDWIG II. Angilberga
ohne die ausdrückliche Zustimmung seines Vaters heiratete. Jedenfalls
begann der eigentliche Aufstieg der SUPPONIDEN während der
Regierung LUDWIGS II. [Besonders in
den letzten Regierungsjahren LUDWIGS II.
gewann das Geschlecht an Bedeutung. Suppo nahm 869 den Rang eines "archiministers"
ein, BM² 1242 a, und folgte 871 Lambert im Dukat Spoleto nach, BM²
1251 d. Er trat als Intervenient auf, BM² 1268 und erhielt Schenkungen,
BM² 1243.], als sie auch eine wichtige Verbindung mit den UNRUOCHINGERN
eingingen. Öffentliche Resonanz fand
Angilbergas
politische Tätigkeit erstmals im Zusammenhang mit dem "Ehestreit"
Lothars
II. Als LUDWIG II. 864 kriegerisch
gegen Papst Nikolaus I. vorging, übernahm
Angilberga
eine diplomatische Vermittlung. In einer gewissen Weise machte das Herrscherpaar
damit eine Politik, die an das Zusammenspiel zwischen Pippin
III. und Bertrada erinnert.
Auch den Papst behandelte Angilberga
durchasu nicht immer gleich freundlich. Arsenius etwa flüchtete 868
zu der Kaiserin, als sein Sohn eine Tochter des Papstes entführt und
getötet hatte. Hingegen übernahm 869 Angilberga
die Rolle einer Vermittlerin zwischen ihrem Schwager Lothar
II. und Hadrian.
Den Höhepunkt ereichte die politische Bedeutung
Angilbergas
im Jahre 871, als die Kaiserin stellvertretend für ihren Gatten Regierungsgeschäfte
in Oberitalien wahrnahm, während LUDWIG II.
einen Feldzug nach Benvent leitete. Angilberga
hielt an Stelle des Kaisers in Ravenna eine Reichsversammlung ab und übermittelte
dem oberitalienischen Adel die Befehle
LUDWIGS II. Sie stütze
sich dabei wohl auf den Einfluß der SUPPONIDEN, die ja im
norditalienischen Gebiet am stärksten verankert gewesen zu sein scheinen.
Daß Angilberga LUDWIGS Einfluß
im oberitalienischen Gebiet bewahrte, erwies sich schon deshalb als notwendig,
da KARL DER KAHLE und
Ludwig
der Deutsche eine Niederlage
LUDWIGS
II. gegen Benevent, die Angilbergas
Regierungstätigkeit in Oberitalien unmittelbar vorangegangen war,
bereits zu ihrem Vorteil zu nützen getrachtete hatten. Auf ein Gerücht
vom Tod LUDWIGS II. hin waren sei nach
Italien aufgebrochen und vermutlich erst wieder umgekehrt, als sie von
der Freilassung des Kaisers hörten. So fiel Angilberga
nun die wichtige Rolle zu, dem Kaiser Rückendeckung zu leisten und
zu verhindern, daß dessen Niederlage im S einen Abfall Oberitaliens
mit sich brächte. Gleichzeitig mochte Angilbergas
Abwesenheit von S-Italien auch zu einer Entspannung der Lage beigetragen
haben. Denn
LUDWIG II. scheint nun
auf eine Politik des Ausgleichs übergewechselt zu sein, wobei er die
Schuld an der Feindschaft zwischen sich und dem süditalienischen Adel
auf Angilberga geschoben haben mag.
Die Ereignisse der folgenden Zeit sind undeutlich überliefert. Es
dürfte zu einem Bündnis zwischen einem Teil des ursprünglich
mit Adelchis
verbündeten Adels
und dem Kaiser und deshalb zu einem Sieg über Benevent gekommen sein.
Dafür sprechen dei Umstände der Krönung LUDWIGS
II., vor allem auch dessen Verbindung mit der Tochter des Winigis,
der wohl ein Gegner der SUPPONIDEN war [LUDWIGS
Heerzüge gegen die Benmeventaner schildern die Quellen nur mangelhaft,
BM² 1253 d, 1254 d-e. Der Kaiser scheint, während Angilberga
in Oberitalien regierte, auf die Hilfe mittel- und unteritalienischer Adelsfamilien
gegen Benevent angewiesen gewesen zu sein, die Angilberga
nicht sonderlich freundlich waren. Winigis, dessen Tochter LUDWIG
872 zugeführt wurde, gehörte wohl jener Sippe an, die 822 von
den SUPPONIDEN vorübergehend im Dukat Spoleto verdrängt
worden war und zu deren Rivalen zählte. In Lambert vertrieb LUDWIG
II. wohl neuerlich einen Angehörigen dieser Familie, als
er 871 seinem Verwandten Suppo den Dukat übergab, BM² 1251 d.
Als der Kaiser nun einen Verbündeten brauchte, könnte er sich
wieder jener Sippe zugewandt haben. Zu den spoletanischen Adelsfamilien
vgl. Hlawitschka, Franken, Alemannen, Bayern und Burgunder in Oberitalien
60f. und 268f.]. Die Annales Bertuiniani schildern diese Verbindung im
Zusammenhang mit einem neuerlichen Zug gegen die Beneventaner. Nach dieser
Darstellung ist es ein Hauptanliegen LUDWIGS II.,
Verbündete für den neuen Kriegszug gegen Benevenmt zu finden.
Die Krönung, die diese Quelle erwähnt, dürfte ein Bündnis
LUDWIGS II., mit einem Teil des italienischen
Adels besiegelt haben und war gleichzeitig vermutlich auch Hochzeitszeremonie.
Eine italienische Quelle hingegen schildert eine Festkrönung LUDWIGS
II. anläßlich eines Sieges über die Beneventaner.
Regino berichtet weder die Krönung noch eine zweite Eheschließung
LUDWIGS
II., sondern über einen Eid des Kaisers, Benevent nicht
mehr zu betreten. Von diesem Eid habe Papst Johannes VIII., der bezeichnenderweise
vor dem beneventinischen Feldzug LUDWIGS II.
im Jahre 862 noch gar nicht im Amt war, den Kaiser gelöst. Vermutlich
verwechselte Regino jenen Papst, der die Krönung LUDWIGS
II. vor dessen Feldzug vornahm, mit jenem, der die Festkrönung
zelebrierte. Überdies berichtet Regino, innerhalb seiner Darstellung
wenig logisch, daß LUDWIG II.
wegen des Eides gar nicht selbst nach Benevent gezogen sei, sondern seine
Gemahlin geschickt habe [Die Beneventaner ließen die kaiserliche
Familie am 17: September 871 frei, BM² 1251 a. Der Kaiser wandte sich
bald wieder nach dem S, während Angilberga
nach Ravenna zog, BM² 1251 d. Am 18. Mai 872 dürfte LUDWIG
II. aus Farfa kommend in Rom eingetroffen sein, BM² 1253
c-d, während die Datierung zweier Urkunden, die eine Anwesenheit des
Kaisers zwischen September 871 und Mai 872 in Oberitalien bezeugen würden,
unsicher ist, BM² 1252, 1253 Angilberga
verhandelte 872 mit den Oheimen ihres Gatten in Oberitalien, BM² 1254
a; ihre Politik scheint mit der ihres Gatten, insbesondere mit dessen Krönung
und Heirat, nicht korrespondiert zu haben. Pölnitz-Kehr, Kaiserin
Angilberga 436 vermutet wohl unzutreffend, Angilberga
sei an der Krönung ihres Gatten beteiligt gewesen.]. In diesem Zusammenhang
stellt sich zumindest die Frage, ob Regino mit "regina" tatsächlich
Angilberga
und nicht die Tochter des Winigis gemeint hat, über deren Existenz
er seine Leser vielleicht ebenso im Unklaren lassen wollte, wie er eine
Krönung LUDWIGS II. verschwieg.
Wie lange Angilberga
sich in Oberitalien aufhielt, ist unbestimmt. Wahrscheinlich blieb die
Kaiserin bis 872 von
LUDWIG II. getrennt
und kehrte erst nach dessen Krönung aus Oberitalien zurück. Gerade
872 betreib nämlich Angilberga
eine fränkisch orientierte Politik, als sie mit den Oheimen ihres
Gatten über die Nachfolge in der Kaiserwürde verhandeln wollte.
Zu einem Zusammentreffen kam es alerdings nur mit Ludwig
dem Deutschen, während KARL DER
KAHLE sich zurückzog, weil er vielleicht erkannt hatte,
daß Angilberga seine Interessen
gegen die Ludwigs des Deutschen ausspielen
wollte. Möglicherweise hatte sich
Angilberga
aber auch selbst von den Verhandlungen zurückgezogen, da mittlerweile
klar geworden war, daß während ihrer Abwesenheit von Italien
ihre Interessen gefährdet waren.
LUDWIG II. ließ
sich nämlich in Rom krönen und ging eine neue Eheverbindung mit
der Tochter des Winigis ein. Diese könnte ein Bündnis zwischen
den Kaiser und einem Teil des italienischen Adels besiegelt haben, der
Angilberga
nicht freundlich gesinnt war. Die Ehe mag eine Reaktion auf Angilbergas
Verhandlungsziele gewesen sein. Es hat den Anschein, als ob Angilberga
nicht nur LUDWIGS Herrschaft im Reich Lothars
mit der Aussicht auf eine Nachfolge im Herrschaftsbereich des Kaisers erlangen
wollte, sondern gemeinsam mir einer derartigen Regelung auch künftig
Interessen ihrer eigenen Sippe wahrnahm. Dadurch sah sich ein Teil des
Adels gewiß in seiner Erwartung enttäuscht, daß eine Bevorzugung
der SUPPONIDEN nach dem Tod LUDWIGS
ein Ende haben würde. Gerade die Erbverhandlungen Angilbergas
könnten in einem Teil des Adels den Wunsch nach einem Nachkommen LUDWIGS
geweckt haben, insbesondere da nun abzusehen war, daßdie Gruppe um
Angilberga
weiterhin
an der Macht bleiben würde, obwohl die Kaiserin keinen Sohn geboren
hatte. Auch LUDWIG II. erhoffte von
der neuen Verbindung vielleicht einen Nachfolger, der ihm von Angilberga
versagt geblieben war. Vor allem aber ging es ihm wohl um einen Verbündeten
gegen die Aufständischen Beneventaner.
Die stellvertretende Regierungstätigkeit Angilbergas
in
Oberitalien, die deren Verhandlungen mit Ludwig
dem Deutschen vorangegangen war, könnte zunächst der
Absicht gedient haben, gegensätzliche Intetressengruppen an das Herrscherpaar
zu binden. Als LUDWIG II. jedoch die
Tochter des Winigis heiratete, muß Angilberga
angenommen haben, daß der Gatte von der gemeinsamen Politik abgewichen
sei. Sie sah ihre Interessen ernsthaft bedroht und eilte zu LUDWIG
zurück. So behielt Angilberga
weiterhin Macht und Einfluß. Bald darauf, nämlich im Jahre 873,
kam es zu einer neuerlichen "Teilung" der Herrschaft. Diesmal blieb Angilberga
im S zurück und führte dort die Regierung, während LUDWIG
II. nach Oberitalien zog.
Angilberga gelang
es also weitgehend, Widerstände gegen ihre Person auszuschalten, und
so kam ihr nach dem Tode ihres Gatten in Italien ein gewichtiges Wort zu.
Formell gehörte sie, da sie keine männlichen Nachkommen hatte,
dann wieder ihrer eigenen Sippe an, von der sie auch rechtlich vertreten
wurde.Tatsächlich führte sie aber eine recht selbständige
Politik, die darauf abzielte, ihren Einfluß, den sie auch auf den
Papst ausübte, möglichst teuer zu verkaufen. So unterhielt Angilberga
sowohl zum ost- wie zum westfränkischen Reich Beziehungen. Im O favorisierte
sie Karlmann, aber auch zu KARL
DEM KAHLEN unterhielt sie über ihren Schweiegersohn Boso
Kontakt. Daneben dürfte Angilberga
auch noch ein weiteres politisches Projekt unterstützt, vielleicht
sogar initiert haben, das für sie eine Art Optimallösung der
Herrschaftsorganisation in Italien dargestellt haben dürfte. Es handelt
sich dabei um den Plan des Papstes, eine selbständige Herrschaft
Bosos in Italien zu legitimieren. Jedenfalls schätzteKARL
III. noch einige Jahre nach LUDWIGS
Tod Angilbergas Einfluß in Italien
so hoch und wohl vor allem in Hinsicht auf Boso
für gefährlich genug ein, daß er die Kaiserwitwe in Alemannien
inhaftierte. Erst geraume Zeit nach seiner Kaiserkrönung entließ
er Angilberga wieder nach Italien.
In der Folge war Angilberga vielleicht
noch an Aktivitäten ihrer Tochter Ermengard
für LUDWIG DEN BLINDEN beteiligt.
Sicherheit ist darüber allerdings, wie gesagt, nicht zu erlangen.
Der politische Einfluß
Angilbergas hatte auch eine bedeutende wirtschaftliche Grundlage.
In die Zeit der regsten politischen Aktivitäten der Kaiserin fällt
eine große Anzahl von Schenkungen LUDWIGS
II. an seine Gattin. Dieser Besitz muß nach dem Tode des
Kaisers Angilberga die Möglichkeit
gegeben haben, weiterhin Einfluß auf das politische Geschehen zu
üben. Um ihren Besitz zeigte sich
Angilberga
demgemäß
auch stets sehr besorgt. Wiederholt ließ sie sich die Rechtmäßigkeit
der Schenkungen ihres Gatten nach dessen Tod von verscheidenen Seiten bestätigen.
Sie konnte gegen Besitzverletzungen an ihrem Eigengut sogar den Bannspruch
des Papstes mobilisieren. Ihre Sorge um den Besitz bezeichneten die Zeitgenossen
gelegentlich als Habgier. Das diesbezügliche Verhalten der Kaiserin
muß jedoch im Zusammenhang damit gesehen werden, daß diese
selbst keinen Sohn hatte. Angilberga
war um ein Wittum wohl deshalb so besorgt, weil sie nach dem Tode LUDWIGS
nicht mit der Position der Königin-Mutter rechnen konnte, die eine
gewisse wirtschaftliche Sicherheit versprochen hätte. Vielmehr mußte
die Kaiserin dessen gewärtig sein, daß ihr nach dem Tode ihres
Gatten kein Anteil mehr an der königlichen Macht zukommen würde.
Sie war deshalb bestrebt, sich einen möglichst großen Anteil
an der faktischen Machtgrundlagedes Königtums zu sichern, um dadurch
Einfluß zu behalten. Ähnlich ist auch die Favorisierung der
SUPPONIDEN
durch LUDWIG II. zu beurteilen. Zwar
wurden auch andere dem Königshaus verschwägerte Adelsgeschlechter
in besonderem Maße gefördert. Iim Hinblick auf de Zukunft Angilbergas
könnten die SUPPONIDEN jedoch eine Begünstigung erlangt
haben, die das übliche Ausmaß überstieg. Auch hier muß
eine besondere Aktivität Angilbergas
vermutete werden , die gewiß zu ihrer Unbeliebtheit bei einem Großteil
des übrigen Adels beitrug.
Wenn Angilbergas
Stellung auch innerhalb des karolingischen Königshauses
eine Sonderentwicklung dargestellt, so ist ihre politische Bedeutung doch
signifikant für die Zunahme des Einflusses einzelner Frauen im Zuge
der Auseinandersetzungen um das sogenannte "italienische Nationalkaisertum".
Theodora etwa, die einem stadtrömischen Senatorengeschlecht angehörte,
und deren Töchter Theodora und Marozia
nahmen Einfluß auf Papstwahlen und bestimmten einige Jahrzehnte hindurch
die Politik Italiens. Auch Angiltrrud,
die Gattin Kaiser WIDOS und Tochter
des Arichis von Benevent, und Bertha
von Tuszien, eine Tochter Lothars II.,
waren politisch sehr aktiv. Die Stellung aller dieser Frauen ist jener
Angilbergas durchaus vergleichbar,
Marozia
übertraf die Kaiserin vielleicht sogar insofern, als sie den Titel
einer "senatrix" und "patricia" führte. Darin drückt sich, nicht
nur - wie im Titel einer "Consosr regni" - ein Anspruch auf Mitbestimmung
an der Herrschaft, sondern auch auf deren uneeingeschränkte Ausübung
aus, die bis dahin nur Männern zustand. Insgesamt zeigt sich
also, daß Angilberga nicht im
Rahmen der fränkisch-karolingischen,
sondern innerhalb der spezifisch italienischen Entwicklung zu beurteilen
ist.
5.10.851
oo Kaiser LUDWIG II.
825-12.8.875
Kinder:
Gisela Äbtissin von S. Salvatore in Brescia
(861-868)
852/55-28.4.868
Ermengard Äbtissin von S. Salvatore in Brescia
(878-896)
852/55-22.6.896
876
oo Boso Graf von Vienne
-11.1.887
Literatur:
-----------
Dümmler Ernst: Geschichte des Ostfränkischen
Reiches. Verlag von Duncker und Humblot Berlin 1865 Band I Seite 496,512,
516,582,639,673,677-680,711,714,742,778-780,823,826,839 - Band II Seite
21, 49,66,80,92,99,107,111,114,144,176, 181,187,208,278,331,415,420 - Ennen,
Edith: Frauen im Mittelalter. Verlag C. H. Beck München 1994, Seite
59,63,70,255 - Glocker Winfrid: Die Verwandten der Ottonen und ihre
Bedeutung in der Politik. Böhlau Verlag Köln Wien 1989, Seite
90 - Hlawitschka, Eduard: Die Widonen im Dukat von Spoleto, in Stirps
Regia von Eduard Hlawitschka Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Bern
- New York - Paris, Seite 155-227 - Hlawitschka Eduard: Lotharingien
und das Reich an der Schwelle der deutschen Geschichte. Anton Hiersemann
Stuttgart 1968, Seite 31-34,36,84,87 - Hlawitschka, Eduard: Nachfolgeprojekte
aus der Spätzeit Kaiser Karls III., in Stirps Regia von Eduard Hlawitschka,
Verlag Peter Lang Frankfurt am Main - Bern - New York - Paris, Seite 123-155
- Konecny Silvia: Die Frauen des karolingischen Königshauses.
Die politische Bedeutung der Ehe und die Stellung der Frau in der fränkischen
Herrscherfamilie vom 7. bis zum 10. Jahrhundert. Dissertation der Universität
Wien 1976, Seite 118-126 - Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg
des oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München
1993 Band II Seite 113 - Riche Pierre: Die Karolinger. Eine Familie
formt Europa. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München
1991, Seite 215,217 - Schieffer, Rudolf: Die Karolinger. Kohlhammer-Urban-Taschenbücher
Band 441, Seite 149,160,164,171 -