Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 638
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Angouleme
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Der pagus von Angouleme (Ecolismensis, Engolismensis),
das spätere Angoumois, gehörte zum regnum Aquitaniae, das lange
zwischen Pippin II. von Aquitanien
und KARL DEM KAHLEN umstritten war.
Auf den Grafen Turpio (+ 863) und Emeno, der bereits Graf
des Perigord (+ 866) war, folgte, ernannt durch KARL
DEN KAHLEN, Graf Vulgrimnus (Vougrin), der auch das Perigord
und darüberhinaus vielleicht die Saintonge und das Angenais besaß;
er konnte seine honores seinen Nachkommen hinterlassen. Die endgültige
Trennung der Grafschaft Angouleme von der Grafschaft Perigueux fand erst
um 975/82 statt; die Grafschaft Angouleme blieb in Lehnsabhängigkeit
von den Grafen von Poitiers und Herzögen von Aquitanien.
Die Grafen des 11. Jahrhunderts und der 1. Hälfte
des 12. Jahrhunderts vergrößerten das Angoumois um Lehen im
Poitou, in der Saintonge und im Gironde-Gebiet: Melle, Chabanais, Confolens,
Ruffec, Benauges. Trotz Erbteilungen und Auseinandersetzungen mit den rebellierenden
Vasallen konnten sie sich als ein mächtiges Geschlecht behaupten,
das den Namen Taillefer (nach einem Vorfahren aus dem 10. Jahrhundert
trug). Mit der Entführung der Erbin von Angouleme, Isabella,
der Braut Hugos von Lusignan, Grafen von der Marche,
durch den PLANTAGENET Johann "Ohneland",
wurde der große Konflikt zwischen den PLANTAGENET
und dem König von Frankreich ausgelöst, da Hugo
von Lusignan diesen um Beistand angerufen hatte (1200-1202). Nach dem
Tode Johanns heiratete Isabella
ihren einstigen Verlobten, der dem KAPETINGER
den Lehnseid leistete. Die Zeit von 1226 bis 1242 war die Blütezeit
der TAILLEFER-LUSIGNAN, die nun das Angoumois mit Cognac und Merpins
besaßen, die Saintonge mit St-Jean d'Angely, Aunis ("le grand fief
d'Aunis), Lusignan und die Grafschaft der Marche.
Aber zwischen Hugo X. einerseits, König
Ludwig IX. dem Heiligen und seinem Bruder Alfons
von Poitiers andererseits brachen 1241 Streitigkeiten aus; als
besiegte Rebellen verloren Hugo und Isabella
nach dem Vertrag von Pons (1242) ein Drittel ihrer Domänen; sie behielten
jedoch die Grafschaft Angouleme. Die Linie der TAILLEFER-LUSIGNAN
erlosch mit Hugo XIII. und seinem Bruder Gui (Guido), zu
dessen Lebzeiten sich Philipp der Schöne
der Grafschaft durch Verrat bemächtigte (1308); die natürlichen
Erben wurden entschädigt und das Angoumois mit der Krondomäne
vereinigt (1314). Danach ging die Grafschaft noch durch folgende Hände:
Johanna von Navarra (1317); Charles
d'Espagne (1350); der König von England, Eduard
III., nach dem Vertrag von Bretigny (1360-1373); Ludwig,
Herzog von Orleans (1394), dessen Urenkel
jüngerer Linie Franz von Angouleme,
der als Franz I. König von Frankreich
wurde und die Grafschaft zum Herzogtum erhob (1515).