Lexikon des Mittelalters: Band III Spalte 1568
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II. DIE GRAFSCHAFT EDESSA
In den letzten Jahrzehnten des 11. Jh. war Edessa zwischen
Moslems und Armeniern umkämpft; es fiel 1094 in die Hände des
Armeniers Thoros, dessen Herrschaft durch die Verleihung des Titels
eines Kuroplates von seiten Kaiser Alexios
I. eine gewisse Legitimation erfuhr. Thoros, der unter
starkem Druck des türkischen Emirs von Mosul, Kerboga, stand, wandte
sich mit einem Hilfeersuchen an Balduin (I.) von
Bouillon, der sich gegen Ende 1097 vom Gros des Kreuzfahrerheeres
in Kilikien getrennt hatte und in Richtung des Euphrat vorgerückt
war. Anfang 1098 traf Balduin in Edessa
ein und übernahm von Thoros, der alle Bedingungen Balduins
angenommen und ihn adoptiert hatte, die Macht als Erbe und Mitregent.
Bald darauf wurde eine Verschwörung ausgeheckt, wahrscheinlich mit
Kenntnis der Franken, der unbeliebte Thoros wurde abgesetzt und
bei einem Fluchtversuch von der Menge in Stücke gerissen. Als
Balduin kurz darauf Samosata und andere Festungen am Euphrat
besetzte und die Straßenverbindungen mit Antiochia herstellte, war
der Zusammenhalt der neuen Grafschaft Edessa einigermaßen gefestigt.
Dieser mächtige Kreuzfahrerstaat sollte für fast ein halbes Jahrhundert
als Schutzschild und Puffer der neuentstandenen christlichen Staaten von
Antiochia bis zum Königreich Jerusalem im NO eine wichtige Rolle spielen.
Die Grafschaft besaß aber keine natürlichen Grenzen und war
vom Meer abgeschnitten; sie hatte auch keine ethnische und religiös
einheitliche Bevölkerung: neben syrischen Jakobiten und Armeniern
lebten hier auch zahlreiche Muslime. Die Franken regierten das Land von
den Festungen aus, von wo aus sie Steuern und Abgaben in der Umgebung erhoben
und Raubzüge jenseits der Grenzen unternahmen. Als Balduin
1100 König von Jerusalem wurde, überließ er seinem
Vetter Balduin von Bourcq (Balduin II.)
die Regierung der Grafschaft, die ihm später auch als Lehen übertragen
wurde. Nach der Niederlage von Harran (1104) kamen Balduin
und sein Freund und Vetter Josselin I. von Courtenay in türkische
Gefangenschaft, aus der sie nach drei bzw. vier Jahren befreit wurden.
Inzwischen fungierte Tankred von Antiocheia als Regent. Nach dem
Tode Balduins I. (1118) wurde Balduin
von Bourcq zum neuen König
von Jerusalem gekrönt und übertrug Edessa als Lehen Josselin
I. 1122 geriet Josselin erneut in Gefangenschaft, ein Jahr später
von König Balduin gefolgt, der
inzwischen auch die Regentschaft von Edessa übernommen hatte. Nach
diesen wechselvollen Ereignissen wurde Gottfried der Mönch
Regent in Edessa. Josselin wurde von armenischen Freunden befreit
und übernahm wieder die Macht in seiner geschwächten Grafschaft.
Ihm folgte 1131 sein Sohn Josselin II., der nicht die Tatkraft und
die politische Umsicht seines Vaters besaß. Die Grafschaft Edessa
geriet in immer schwieirgerer und gespanntere Beziehungen zu ihren christlichen
Nachbarn Antiochien und Byzanz, besonders aber zu den islamischen Mächten,
vor allem Aleppo und Mosul. 1144 bemächtigte sich der Atabeg von Mosul,
Nuraddin Zangi, der Stadt; er ließ alle Franken töten, zeigte
sich aber nachsichtig gegenüber syrischen Chsristen, Armeniern, Jakobiten
und sogar Griechen. Nach dem gescheiterten Versuch einiger Armenier, Josselin
wieder einzusetzen, nahm Zangi schreckliche Rache. Die einheimischen Christen
wurden teils niedergemacht, teils verbannt, Frauen und Kinder versklavt.
Das große Edessa, eine der ältesten christlichen Gemeinden,
blieb nahezu unbewohnt zurück und hat sich bis zum heutigen Tage von
diesem Schlag nicht mehr erholt. Die Nachricht vom Fall Edessas fand einen
unerwarteten Widerhall: In der islamischwen Welt faßte man neue Hoffnung
angesichts der Vernichtung einer einstmals mächtigen christlichen
Herrschaft, der Beschränkung der Kreuzfahrerstaaten auf einen Küstenstreifen
und der Beseitigung des Keils zwischen den Türken des Iran und Anatoliens.
Die christliche Welt - im Osten wie im Westen - wurde dagegen mit Schrecken
und Besorgnis erfüllt, und der Verlust von Edessa gab mit den Anstoß
zum 2. Kreuzzug. - Unter muslimischer Herrschaft litt Edessa sowohl durch
den dauernden Wechsel der Statthalter als auch durch Plünderungen
und Deportierungen (Saladin 1183, Mongolen
1244 und 1260, Timur 1393). Die Osamanen
eroberten die von ihnen Orfa genannte Stadt endgültig im Jahre 1637.