Lexikon des Mittelalters: Band I Spalte 1276
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Auvergne
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I. FRÜH- UND HOCHMITTELALTER
Die französische Grafschaft und Region Auvergne ging
aus der gallo-römischen civitas Arvernorum hervor, aus der sich auch
die Diözese von Clermont entwickelte. Die Auvergne gehörte nacheinander
zum Reich der Westgoten (475), zum fränkischen Reich Chlodwigs
(506),
zum regnum Austrien (seit 561) und schließlich zum Herzogtum Aquitanien
(zu Beginn des 8. Jahrhunderts). Die Grafen, die die Auvergne regierten,
stammten im 6. Jahrhundert hauptsächlich aus der lokalen Aristokratie.
Von Pippin erobert (761,767) und von
KARL
DEM GROSSEN dem regnum Aquitanien einverleibt, gehörte
die Auvergne zu den aquitanischen Gebieten, deren Grafen und Adel lange
Zeit Pippin II. (seit 838 König
von Aquitanien) gegen KARL DEN KAHLEN unterstützten.
Sie zählte dann zu den Grafschaften, die Bernhard Plantapilosa
(+ 886), später Wilhelm I. der Fromme, Herzog von Aquitanien
(+ 918), und Wilhelm II (+ 926) in ihrer Hand vereinigten. Den
Grafentitel führten dann zeitweise die Grafen von Toulouse, zeitweise
die Grafen von Poitiers; diese Situation begünstigte seit 955-958
den Aufstieg der vicecomites von Clermont, die schließlich den Grafentitel
annehmen.
Im 11. Jahrhundert wurde die Gewalt der Grafen der Auvergne,
die vorübergehend auch die Grafschaften Gevaudan und Rodez beherrschten,
durch die Herausbildung mächtiger Herrschaften zugunsten des Bischofs
von Clermont und der politischen Kräfte am Rande der Region eingeschränkt.
Am Ende des Jahrhunderts intervenierten mehrfach die französischen
Könige unter dem Vorwand, die geistlichen Institutionen zu schützen;
die Grafen sahen sich als Vasallen des Herzogtums Aquitanien in den Konflikt
zwischen KAPETINGERN und PLANTAGENET
verstrickt. Die Aufteilung der Grafschaft zwischen Wilhelm VII. dem
Jüngeren, der den Grafentitel behielt, und Wilhelm VIII. dem
Älteren (Dauphine d'Auvergne) begünstigte die Politik der
KAPETINGER:
Es gelang Philipp II. August, die Auvergne
1189 aus dem Verband der aquitanischen Territorien herauszulösen und
1210-1211 den größten Teil der Besitzungen des Grafen Gui
II. (mit Ribon) zu erobern, dem nur ein kleines Gebiet um Vic-le-Comte
verblieb, während die Stadt Clermont an den Bischof kam.
II. DIE KÖNIGLICHE AUVERGNE
1248 übergab Ludwig der Heilige die kleine Auvergne (La tearra d'Auvergne) seinem Bruder Alfons von Poitiers als Apanage. Wie die übrigen Besitzungen Alfons' fiel auch die Auvergne bei seinem Tod 1271 wieder an die königliche Domäne. Der König behielt die minuziöse, von Alfons geschaffene Verwaltung bei. Die Auvergne wurde zum bailliage erklärt und von königlichen Beamten verwaltet. 1360 wurde sie von König Johann dem Guten zum Herzogtum erhoben, das Johann von Berry erhielt. Einmal in den Händen der BERRY, später der BOURBONEN, gelangte Auvergne erst unter Franz I. wieder in Kronbesitz.
III. DIE GRAFSCHAFT AUVERGNE
Das Grafenhaus vermochte im 12. Jahrhundert das ihm verbliebene
Gebiet (Vic-le-Comte) um Combraille (1249), Livradois (gegen 1250) und
Montgacon (1279) zu vergrößern; unter anderem führte die
Heirat Wilhelms X. mit Alix von Brabant (1218) dazu, dass
beider Sohn, Robert V., und seine Nachfolger seit 1260 die Grafschaft
Boulogne ihren auvergnatischen
Besitzungen
anschließen konnten. Im 14. Jahrhundert setzte jedoch der Niedergang
ein, den auch große Erfolge der Familie nicht zu verdecken vermochten
(Heirat der Gräfin Johanna mit dem künftigen Herzog von
Burgund 1338, später mit König Johann
dem Guten 1346; hohes Ansehen des Grafen Johann, 1361-1387
beim König und aktive Rolle bei der Verteidigung der Auvergne; glänzende
Laufbahn des Kardinals Gui de Boulogne, + 1373).
Johann II.,
genannt "Le Mauvais Menegar", geriet in Schulden und mußte
Teile seiner Grafschaft verkaufen. Was verblieb, kam 1389 durch Heirat
an Johann von Berry und wurde dadurch
vorübergehend mit dem Herzogtum Auvergne vereint. Nach dem Tod des
Herzogs (1416) löste die Politik seiner Witwe einen Konflikt zwischen
Georges de La Tremouille und Bertrand de La Tour aus: Die Grafschaft blieb
schließlich den LA TOUR (1445), aber der Herzog von Burgund
konnte nun die Hand auf die Grafschaft Boulogne legen (1422). 1609 wurde
die Grafschaft, nachdem sie im Besitz der Katharina
Medici (1524-1589) gewesen war, endgültig mit der Krone
vereinigt.