Radulf                                            Herzog von Thüringen (631-nach 641/42)
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    nach 642
 

Sohn des chamar Rado
 

Lexikon des Mittelalters: Band VII Spalte 391
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Radulf, Herzog von Thüringen
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Der wohl austrasische (Friese: neustrische) Große Radulf, Sohn eines Chamar, wurde vor 634 von König Dagobert I. zum dux des Markenherzogtums Thüringen eingesetzt. Nach Siegen über die Wenden rebellierte er gegen den austrasischen Regenten Adalgisel und dann auch gegen den jugendlichen König Sigibert III.; dieser führte 641 einen Feldzug gegen den Aufrührer und den mit ihm verbündeten AGILOLFINGER Fara. Fara wurde getötet; Radulf verschanzte sich über der Unstrut. Die fränkische Belagerung vermochte er dank geheimen Einvernehmens mit Teilen der fränkischen Führung zu durchbrechen und richtete ein Blutbad an; die Überlebenden erreichten freien Abzug. "Radulf aber ging in seinem Übermut so weit, daß er sich für den König in Thüringen hielt." (Fredegar). Mit seinem Sieg begann in den rechtsrheinischen Provinzen der Niedergang der fränkischen Zentralgewalt - Frieses genealogische Hypothesen (Chamar [= frk.-lat. camerar] = Hausmeier Rado; Radulf = Hruodi, Vater des Herzogs Hedene I.) sind nicht haltbar.

Quellen:
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Fredegar IV, 77,88 (MGH SRM II)

Literatur:
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W. Schlesinger, Geschichte Thüringens, I, 1968, 337f. - H. Ebling, Prospographie der Amtsträger des Merowingerreichs, 1974, 204 - A. Friese, Stud. zur Herrschaftsgeschichte des frk Adels, 1979, 17-28,36-41 - R. Butzen, Die Merowinger ö. des mittleren Rheins, 1987, 139-170)


Friese Alfred: Seite 17-26
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"Studien zur Herrschaftsgeschichte des fränkischen Adels"

Nur über den ersten und den letzten der merowingischen Herzöge in der Thuringia, über Radulf und Heden II., wissen wir überhaupt etwas Genaueres. Radulf (vor 634 bis nach 641/42) war, wie Fredegar anläßlich seiner Einsetzung in Thüringen durch Dagobert I. lakonisch mitteilt, ein Sohn des chamar (filius chamaro; franko-lateinisch camerar zu altfränkisch chamar), jenes königlichen Kämmerers Rado also, den die Vita Audoin custos palatii thesauros nennt und der (wohl um 630/31) die Nachfolge seines zum Bischof von Cahors erhobenen Freundes, des bisherigen königlichen Thesaurus Desiderius, angetreten hatte.
In diesem einflußreichen Kreis seiner Verwandten am Pariser Königshof ist Radulf aufgewachsen und erzogen worden. Ihm erteilt Dagobert I. um 631/32 den Auftrag, die Grenzsicherung gegen die Slawen in Thüringen neu zu organisieren und setzt ihn dort als Herzog ein. Kurz zuvor waren fränkische Kaufleute im Reiche des Wenden-Königs Samo umgebracht worden. Nach der vernichtenden Niederlage des Königs bei Wogastisburg gelang es erst einem neustro-burgundischen Aufgebot, das im Jahre 632 über Mainz und die alten Fernstraßen durch die Buchonia nach Thüringen zog, die Wenden und Sorben zurückzuschlagen und sie unter Radulfs Befehl auch in den folgenden Jahren (634/35) erfolgreich zu bekämpfen.
Obwohl Grimoald der Hilfe Kuniberts sicher sein konnte, wagte er nicht, gegen Otto (baiolos) vorzugehen, zumal sich diesem zwei mächtige Bundesgenossen an die Seite stellten, Radulf von Thüringen und Fara, der Sohn des Chrodoald.
Radulf hatte sich schon wiederholt mit der Metzer Regierung, deren Truppen vor der Wogastisburg so kläglich versagt hatten, besonders mit dem dux Austrasiorum Adalgisel, angelegt. Als Amts-Herzog war seine Macht zwar auf königliche Ernennung gegründet, aber sie war nicht vom austrasischen Hof, sondern von dem in Paris residierenden König ausgesprochen worden. Radulf hatte daher vor allem neustro-burgundische Adelige als Amtsträger und Grundherren nach Thüringen und in die Nord-Mainlande gezogen, sich aber auch unter den Mainzer Großen, die den Aufstieg der ARNULFINGER reserviert, wenn nicht feindlich beobachteten, Verbündete geschaffen. Freunde und Verwandte nahmen einflußreiche Positionen im ganzen Franken-Reiche ein. Sein Onkel Dado/Audoin war inzwischen Bischof von Rouen und Metropolit Neustriens geworden, im selben Jahre, in den auch Elegius von Limoges zum Bischof von Noyon geweiht wurde (640). Burgundofaro war Bischof von Meaux, Sulpitius Bischof von Bourges, Chagnoald Bischof von Laon. Wichtig aber war jetzt, 641, als es zum Kriege mit den austrasischen Machthabern kam, die Freundschaft und politische Übereinstimmung mit Fara. Der AGILOLFINGER, der noch den Tod seines Vaters an den ARNULFINGERN zu rächen hatte, muß am Unterlauf des Mains eine bedeutende Position innegehabt haben. Mit seinem Volk trat er hier im Vorfeld des thüringischen Herzogtums, dem aus ... gentes undique de universis regni sui pagus gebildeten Heer Sigiberts III. unter der Führung Grimoalds und Adalgisels entgegen. Er wurde besiegt und getötet.
Durch die Ermordung des Regenten Otto durch den alemannischen Herzog Leuthari erreichte der ARNULFINGER den Majordomat, obwohl der weitere Feldzug gegen Radulf mit einer großen Niederlage endete. Der jugendliche König Sigibert, den Grimoald und Adalgisel undique sine intermissione custudiunt, wie Fredegar berichtet, zog mit seinem Heer durch die Buchonia und das nördliche Grabfeld gegen den Thüringer-Herzog, der sich mit Weib und Kindern in ein Berglager über der Unstrut zurückgezogen hatte. Hier, im Kernland seines Herzogtums im Thüringer Becken, leistete er erfolgreich Widerstand, denn im Heer des Königs waren die Führer zerstritten. Als Radulf, gut vorbereitet, einen Ausfall wagte, schlug er die Belagerer vernichtend. König Sigibert mußte um Waffenstillstand und unbehelligten Abzug bitten.
Radulfs Herrschaft glich also der königlichen; er verfolgte eine unabhängige Außenpolitik, schloß Freundschaftsverträge mit den benachbarten Völkern, von denen die Wenden besonders genannt werden und kümmerte sich nicht um die Weisungen Sigiberts, den er nun formaliter als König anerkannte. Die natürliche Folge dieser Politik war eine weitere Entfremdung Thüringens von der Austria. Von Radulf selbst hören wir nichts mehr.

Ewig Eugen: Seite 128,131,143,162,195
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"Die Merowinger und das Frankenreich"

Die Auseinandersetzung mit Samo blieb Sache der Austrasier. Der König traf die notwendigen organisatorischen Maßnahmen. Er fand für Thüringen den geeigneten Mann in Radulf, den er als Herzog mit der Grenzverteidigung beauftragte. Nicht nur Pippin, sondern auch andere duces Austrasiorum verblieben unter der direkten Herrschaft Dagoberts. Zu ihnen gehörten außer dem dux der Champagne wahrscheinlich die Herzöge der Elsässer, Alamannen und Bayern. Der thüringische Sprengel Radulfs mit dem fränkischen Aufmarschgebiet zur Elb-Saalegrenze an Mittelrhein (Mainz, Worms, Speyer) und Main wurde jedoch dem Metzer Unter-Königreich Sigiberts angeschlossen. Daraus ergaben sich noch vor dem Tod Dagoberts Reibungen zwischen den Regenten, die den PIPPINIDEN und ARNULFINGER nahe standen, und dem erfolgreichen Thüringer-Herzog, der vielleicht der Sippe des 613 zum austrasischen Hausmeiers erhobenen Rado angehörte.
Da die Mainlande und Thüringen Etappengebiete für den Aufmarsch gegen Awaren und Slawen an der mittleren Elbe waren, dürften hier militärische Bezirke schon unter Childebert II. und Theudebert II. geschaffen worden sein. In der Zeit Dagoberts zeichnen sich drei größere Amtssprengel ab:
   das Marken-Herzogtum Thüringen, das der König 632 nach der Niederlage von Wogastisburc
   Radulf übertrug,
   das um Würzburg zentrierte mainthüringische Herzogtum und das
   Herrschaftsgebiet des AGILOLFINGERS Fara in der Wetterau oder um Aschaffenburg.
Die Ahnenreihe der benachbarten, aber erst später in Erscheinung tretenden mainthüringischen Herzöge reicht mit dem Stammvater Ruodi bis in die Zeit Dagoberts hinauf. Doch begegnet der Leitname Heden (Chedinus) schon bei einem dux Childeberts II., der 590 eine fränkische Heeresgruppe gegen die Langobarden führte und auch den Würzburger Dukat verwaltet haben kann. Der äußerst seltene Name läßt jedenfalls auf Verwandtschaft mit Ruodi schließen, dem Dagobert das mainthüringische Herzogtum wohl übertrug, als er Radulf als Herzog im thüringischen Stammland einsetzte.
Pippins Tod führte zu einer Krise, da Sigiberts Erzieher Otto, Sohn des domesticus Uto, als Rivale gegen Pippins Sohn Grimoald auftrat und dessen Nachfolge im Hausmeieramt blockierte. Dabei brach auch der Gegensatz zwischen dem dux Adalgisel und dem Thüringer-Herzog Radulf wieder auf. Auf der Seite derPIPPINIDEN standen außer Adalgisel und Kunibert von Köln sowie Chlodulf und Ansegisel, dem Sohne Arnulfs von Metz, der Herzog Bobo von der Auvergne und der Alamannen-Herzog Leuthari. Diese Gruppe setzte einen Feldzug gegen Radulf und den mit ihm verbündeten AGILOLFINGERFara durch. Fara fiel oder wurde getötet. Als das Heer Sigiberts dann weiter über Rhön und Vogelsberg in Thüringen einrückte, verschanzte sich Radulf an der Unstrut. Der Thüringer-Herzog hatte unter den Truppen des Königs Freunde, darunter "die Mainzer" (Macancinses), mit denen er in geheimen Einverständnis war. Die Opposition im Belagerungsheer war so stark, daß Grimoald und Adalgisel das Königskind gegen sie abschirmen mußten. Den Angriff auf die Festung führte am Ende nur ein Teil des Heeres aus. Radulf blieb Sieger und gewährte den Belagerern den freien Abzug über den Rhein. Er sagte sich nicht vom König los, trat aber in Thüringen wie ein König auf, schloß Freundschaft mit den Wenden und "anderen benachbarten Vöklkern".
Von den rechtsrheinischen duces hat wohl nicht nur der Thüringer-Herzog Radulfoder sein Nachfolger die Ablösung der PIPPINIDEN-Herrschaft (662) begrüßt.
Im alamannischen Bereich deuten sich in der Zeit Dagoberts I. und Sigiberts III. Veränderungen an die sich jedoch in der 2. Hälfte des 7. Jahrhunderts nicht mehr verfolgen lassen. Die Herzöge Chrodobert und Leuthari standen in engeren Beziehungen zum merowingischen Hof und gehörten vielleicht wie die HEDENE und der Thüringer-Herzog Radulf der austrasischen Reichsaristokratie an.
 
 
 
 

  oo N.N.
           
 
 
 
 

Kinder:
nach Friese
  Theotbald (Gozbert) Herzog von Thüringen
          um 700

  Heden I. Herzog von Thüringen
        vor 687
 
 
 
 

Literatur:
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Dahn Felix: Die Völkerwanderung. Germanisch-Romanische Frühgeschichte Europas. Verlag Hans Kaiser Klagenfurt 1977 Seite 452 - Ewig Eugen: Die Merowinger und das Frankenreich. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1988 Seite 128,131,143,162,194,195 - Fredegar: Chronik - Friese Alfred: Studien zur Herrschaftsgeschichte des fränkischen Adels. Der mainländisch-thüringische Raum vom 7. bis 11. Jahrhundert. Klett-Cotta Stuttgart 1979 Seite 17-26 - Hartmann Martina: Aufbruch ins Mittelalter. Die Zeit der Merowinger. Primus Verlag 2003 Seite 74 - Jarnut Jörg: Agilolfingerstudien. Anton Hiersemann Stuttgart 1986 Seite 76 - Offergeld Thilo: Reges pueri. Das Königtum Minderjähriger im frühen Mittelalter. Hahnsche Buchhandlung Hannover 2001 Seite 244, 245,246,290 - Schieffer Rudolf: Die Karolinger. W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Berlin Köln 1992 Seite 19 - Werner Karl Ferdinand: Die Ursprünge Frankreichs bis zum Jahr 1000. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München 1995 Seite 350 -