Gregor von Tours: Buch III Kapitel 4,7,8
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"Fränkische Geschichte."
 

4. Von den Thüringerkönigen.

 
Bei den Thüringern herrschten damals drei Brüder: Baderich, Herminefred und Berthar. Und Herminefred bezwang seinen Bruder Berthar mit Gewalt und tödtete ihn. Und dieser hinterließ bei seinem Tode eine Tochter Radegunde als Waise und auch Söhne, von denen in der Folge die Rede sein wird. Amalberga aber, das böse und grausame Weib des Herminefred, erregte alsbald zwischen den Brüdern neuen Bruderkrieg. Denn als eines Tags ihr Gemahl zum Mahle kam, fand er den Tisch nur halb gedeckt, und da er sie fragte, was das bedeuten solle, antwortete sie: "Wer das halbe Reich nicht sein nennt, muß auch den Tisch nur halb gedeckt haben." Durch solche und ähnliche Reden aufgereizt, erhob sich Herminefred auch gegen seinen andren Bruder und schickte im Geheimen Boten an König Theoderich um ihn einzuladen, mit ihm auszuziehen. "Wenn du ihn tödtest, sagte er, so wollen wir sein Reich zu gleichen Theilen theilen." Theoderich war erfreut, als er solches vernahm, und kam mit seinem Heere zu ihm. Da verbanden sie sich, gelobten sich gegenseitig Treue und zogen in den Krieg. Als es darauf zum Kampfe kam, unterlag Baderich und sein Heer, und er selbst verlor durch das Schwerdt sein Leben. Theoderich jedoch zog nach dem Siege in sein Reich  zurück. Sofort aber vergaß Herminefred sein Versprechen und gedachte nicht mehr zu erfüllen, was er dem Könige Theoderich verheißen hatte: deshalb brach unter ihnen alsbald große Feindschaft aus.
 

7. Der Krieg gegen die Thüringer.

 
Danach rief Theoderich, an den Treubruch des Thüringer-Königs Herminefred gedenkend, seinen Bruder Chlothar zu Hülfe und rüstete sich gegen jenen auszuziehen; er versprach aber König Chlothar einen Theil der Beute, wenn ihnen der Himmel den Sieg verliehe. Und als er die Franken versammelt hatte, sprach er zu ihnen also: "Gedenket, ich bitte euch, voll Ingrimm an die Schmach,  die mir angethan, und an den Mord eurer Väter. Erinnert euch daran, wie die Thüringer einst über unsere Väter mit Gewalt hereinbrachen und ihnen viel Leid zufügten, da diese doch ihnen Geißeln stellten und Frieden mit ihnen machen wollten. Aber jene tödteten die Geißeln auf verschiedene Art, brachen herein über eure Väter, nahmen ihnen alle ihre Habe, hingen die Knaben an den Geschlechtstheilen an die Bäume auf und ließen mehr als zweihundert Mädchen eines grausamen Todes sterben. Denn sie banden ihre Arme auf den Nacken der Pferde und peitschten diese mit aller Gewalt, da stoben sie nach entgegengesetzten Seiten auseinander und zerrissen die Mädchen in Stücke. Andre legten sie auf die Wagengeleise der Landstraßen, befestigten sie mit Pfählen am Boden und ließen schwere Lastwagen darübergehen, die ihnen die Beine zerbrachen: dann warfen sie die Leiber den Hunden und Vögeln zur Speise vor. Und nun hält Herminefred mir nicht das Versprechen, das er mir gab, und will es in keiner Weise erfüllen. Seht, wir haben eine gerechte Sache! Laßt uns also unter Gottes Beistand gegen sie ziehen!" Da sie das hörten, wurden sie voll Ingrimm über solchen Schimpf, und sie zogen einmüthig alle nach Thüringen. Theoderich aber nahm seinen Bruder Chlothar und  seinen Sohn Theodebert zur Hülfe mit sich und rückte ins Feld. Als die Franken nun heranzogen, stelleten die Thüringer ihnen eine Falle. Auf dem Felde nehmlich, wo der Kampf entschieden werden mußte, gruben sie Löcher; deren Oeffnungen wurden mit dichten Rasen bedeckt, so daß es eine gleiche Fläche zu sein schien. In diese Löcher nun stürzten viele der Fränkischen Reiter, als es zum Schlagen kam, und konnten so nicht von der Stelle; nachdem  man aber die List gemerkt hatte, fing man an, achtsam zu sein. Als aber die Thüringer sahen, daß sie großen Verlust erlitten hatten, wandten sie, da auch ihr König Herminefred schon die Flucht ergriffen hatte, den Rücken und kamen bis zum Unstrut-Fluß. Dort wurden so viele Thüringer niedergemacht, daß das Bett des Flusses von der Masse der Leichname zugedämmt wurde, und die Franken über sie, wie über eine Brücke, auf das jenseitige Ufer zogen. Nach diesem Siege nahmen diese sofort das Land in Besitz und brachten es unter ihre Botmäßigkeit. Chlothar führte Radegunde, die Tochter König Berthars, bei seiner Rückkehr als Gefangene mit sich und nahm sie alsdann zum Weibe. Da er aber später ihren Bruder ungerechter  Weise durch schändliche Menschen tödten ließ, wandte sie sich zu Gott, legte das weltliche Gewand ab, baute sich ein Kloster in der Stadt Poitiers und that sich durch Gebet, Fasten, Wachen und Almosengeben so hervor, daß sie einen großen Namen unter dem Volke gewann.
 
Als aber die erwähnten Könige noch zusammen im Thüringerlande waren, machte Theoderich einen Anschlag, seinen Bruder Chlothar zu tödten. Er hielt im Geheimen bewaffnete Männer in  Bereitschaft, und ließ jenen zu sich rufen, gleich als ob er im Vertrauen etwas mit ihm verhandeln wolle. In dem Theile des Hauses aber, wo sie zusammenkommen sollten, ließ er einen Vorhang ausspannen von einer Wand zur andern und stellte hinter demselben die Bewaffneten auf. Der Vorhang war jedoch zu kurz, und die Beine der Bewaffneten wurden sichtbar. Als Chlothar dies in Erfahrung brachte, ging er mit den Seinen bewaffnet in das Haus und Theoderich erkannte, jener habe Kunde von Allem. Da ersann er sich eine Ausflucht und sprach bald von Diesem, bald von Jenem. Dieweil er aber endlich doch nicht wußte, wie er seinen Trug weiter beschönigen sollte, gab er ihm ein großes silbernes Becken zum Geschenk. Chlothar sagte ihm Lebewohl, dankte ihm für das Geschenk und kehrte in seine Wohnung zurück. Theoderich aber beklagte sich bei den Seinigen, daß er so ohne alle Ursache sein Becken habe dahingeben müssen, und sprach zu seinem Sohne Theodebert: "Gehe zu deinem Oheim und bitte ihn, er möchte das Geschenk, was ich ihm gemacht, dir aus gutem Herzen  wiedergeben." Theodebert ging und erhielt, warum er bat. In  solchen Ränken war Theoderich sehr bewandert.
 

8. Vom Ende Herminefreds.

 
Als er in seine Heimath zurückgekehrt war, ließ er Herminefred zu sich kommen, und gab ihm sein Wort zum Pfande, daß ihm Nichts geschehen solle. Er überhäufte ihn auch mit Ehrengeschenken. Da sie aber eines Tags auf die Mauer der Stadt Zülpich standen und mit einander sprachen, erhielt Herminefred von einem Unbekannten einen Stoß, stürzte von der Mauer zur Erde und gab seinen Geist auf. Wer ihn von dort herabgestürzt  hat, wissen wir nicht; man behauptet aber, daß ganz gewiß eine Hinterlist Theoderichs dabei im Spiele gewesen sei.