Schneider Reinhard: Seite 113,115,132,136-141
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"Königswahl und Königserhebung im Frühmittelalter"

Im Herbst 584 wurde Chilperich selbst auf seinem Hofe Chelles von Mörderhand tödlich getroffen. Den Leichnam des Königs, den Gregor von Tours einen Nero und Herodes seiner Zeit nannte, bestattete man in Paris. Dorthin hatte sich die Königin-Witwe Fredegunde mit einem Großteil von Chilperichs Schatz geflüchtet und in der Hauptkirche beim Pariser Bischof Ragnemod Zuflucht gefunden. Chilperichs verlassenes Reich empörte sich teils (Orleans, Blois), teils liefen einige Große zu Childebert über, während andere zu Fredegunde zu halten schienen. Überraschenderweise hört man, daß die Königin einen kaum erst geborenen Sohn Chilperichs bei sich hatte. Die Überraschung löst sich allerdings etwas, wenn man beachtet, daß Gregor bereits früher von der Geburt eines Sohnes berichtete, bei dem es sich nur um Chlothar II. handeln kann. Chilperich ließ ihn auf dem Hof Vitry aufziehen, "damit", wie er sagte, "dem Kind kein Unheil zustoße, wenn man es öffentlich sieht, und es dadurch stirbt". Das Verbergen vor der "Öffentlichkeit" mochte die Versuche, nach des Vaters Tod Erbansprüche geltend zu machen, vielleicht anfangs erschwert haben. Fredegunde aber wollte dem Säugling das väterliche Erbe auf jeden Fall retten und mußte sich dafür Guntrams Schutz sichern. An ihn gingen Gesandte mit einer Einladung: "Möge mein Herr doch kommen und das Reich seines Bruders in Besitz nehmen. Ich habe nur einen kleinen Sohn, den ich ihm in die Arme zu legen wünsche; auch mich selbst beuge ich willig unter seine Herrschaft"! Fredegundes Angebot entsprach nicht nur einem durchaus üblichen Verfahren und den Realitäten, sondern war offenbar durch Absprache mit Chilperichs Getreuen gesichert, was aus der Formulierung accepto consilio vor dem Absenden der Boten an König Guntram hervorzugehen scheint. Guntram wird angesprochen als Fredegundes gewählter dominus, der des verstorbene Mannes Reich als dessen Bruder übernehmen, dem kaum erst geborenen Sohn einen Schutz gewähren solle. Fredegundes Angebot an Guntram: me ipsam eius humilio dicioni läßt die Einladung zur Herrschaftsübernahme nicht unbedingt mit einem Eheangebot der Königin-Witwe gekoppelt erscheinen, schließt letzteres aber keineswegs aus.
Während so die neustrischen Pläne sich zu realisieren begannen, weil Childebert abgewiesen und Guntram hinhaltend in die Rolle eines Beschützers gebracht worden war, sammelten sich die Großen Neustriens um Chilperichs vier Monate alten Sohn, dem sie vielleicht erst jetzt den Namen Chlothar gaben. Ihm sicherten sie den Anspruch auf das väterliche Erbe - eine Maßnahme, die angesichts einer bevorstehenden langen Regentschaft dieser Adelspartei natürlich vorrangig den eigenen Interessen diente. Über eine förmliche Erhebung des Säuglings fehlen Nachrichten, mindestens aber wird die überlieferte Namengebung [283 Der Name "Chlothar" bedeutet "berühmter Krieger", siehe Buchner II Seite 392 Anm. 2. Bei Chlothars Taufe 591 sprach sein Pate Guntram: 'Crescat puer et huius sit nominis exsecuntur ac tale potentia polleat, sicut ille quondam cuius nomen indeptus est.'] für das Kind einer Anerkennung seiner Thronfolge entsprochen haben und in den Zusammenhang einer förmlichen Erhebung gehören [284 Auf den Namen Chlothar wird das Kind Chilperichs I. erst im Jahre 591 durch seinen Oheim Guntram getauft (Gregor X, 28 Seitze 522); aus Gregor VIII, 1 Seite 370 ergibt sich aber, daß der Junge bereits lange vorher Chlothar genannt wurde.], die durch die Einforderung eines Treueides für den nominellen Vormund Guntram und für Chlothar selbst auf die breite Grundlage aller Untertanen in Chilperichs Reich gestützt wurde. Fredegunde und der neustrischen Adelspartei war ein glänzender Schachzug gelungen: Chlothars II. Sohnesfolge auf Chilperich und die an politischen Möglichkeiten kaum auszuschöpfende faktische Regentschaft der Großen des auf Selbständigkeit bedachten Neustrien waren weitgehend gesichert. Durch den Doppeleid der Großen kam zum Ausdruck, daß Chilperichs Reich nicht dessen Bruder allein, sondern eben auch dem eigenen Sohn als Herren unterstand. So fügten sich Neustrien und Chlothar nominell dem Schutzanspruch des Königs von Burgund, der gegenüber dem Neffen schon als Adoptivvater figurierte, ehe er ihn überhaupt gesehen hatte. Chlothars förmliche "Anerkennung" durch den schon ungeduldigen Guntram erfolgte in merkwürdiger Weise. Dreimal vergebens nach Paris zur Taufe Chlothars gerufen, bestand Guntram schließlich darauf, daß ihm das Kind gezeigt werde. In dieser kritischen Phase ließen Fredegunde und die mit ihr im Bunde stehenden Großen Neustriens Guntrams Skepsis durch den Eid von drei Bischöfen und 300 Adligen ausräumen: "Chlothar II. sei von Chilperich gezeugt worden". Gleichwohl scheint der Oheim den Neffen weder gesehen zu haben, noch hob er ihn aus der Taufe - die über dem MEROWINGER-Haus lastenden Schatten bewogen zu äußerster Vorsicht.
Zu häufig hatte sich schon vorher die stärkere Geltung des Eintrittrechts der Söhne gegenüber dem Erbanspruch anderer Angehöriger der Dynastie erwiesen, wenn auch Chlothar II. und seine Mutter Fredegunde mit Waffengewalt noch im gleichen Jahr 596 - letztlich vergeblich - versuchten, Childeberts Söhnen das Erbe streitig zu machen.
Kurze Zeit nach seines Bruders Tod starb Theuderich II. 613 (nach dem 23. August) bei einem Feldzug gegen Chlothar II. in Metz. Sein Heer löste sich auf und zog nach Hause, während Brunhilde mit vier Söhnen Theuderichs, ihren Urenkeln, in Metz blieb. Der sogenannte Fredegar gebraucht bei dieser Nachricht das Partizip (Mettis) resedens, was andeutet, daß Brunhilde versuchte, Theuderichs Hof und Erbe zu verwalten.
Sigibert II. wurde tatsächlich König (613, nach dem 23. August). Als solcher trat er auch wenig später an der Spitze seines Heeres dem ihn bedrängenden Chlothar II. entgegen. Auf Betreiben der austrasischen Großen kam Chlothar II. nach Austrasien und bezog sich in seinen Gesandtschaften an Brunhilde ganz eindeutig auf das Interesse der Großen. Einem iudicium Francorum electorum wollte er die Frage nach der Rechtmäßigkeit der Herrschaft überlassen und sich ihrer Entscheidung unterwerfen. Das heißt aber, daß der neustrische König eigene Erbansprüche nur subsidiär geltend machte und seinen Herrschaftsanspruch über Theuderichs Reich vom Willen der Großen dieses regnum abhängig zu machen gewillt war. Vergebens waren Brunhildes Hinweise auf den Erbanspruch ihrer Urenkel, denen Theuderich II. sein regnum hinterlassen hatte, erfolglos auch ihr Angebot, sich selbst zurückzuziehen und den Urenkeln das väterliche Erbe zu überlassen - was gewiß eine Regentschaft durch Austrasiens und Burgunds Adel bedeutet hätte. Denn um beide alten regina ging es nach Theuderichs Tod, und beide übernahm Chlothar II., nachdem er Brunhilde und ihre Urenkel mit Ausnahme seines Patenkindes Merowech und des entkommenen Childebert hatte umbringen lassen. Auch für seine Mutter Fredegunde hatte Chlothar II. grausamste Rache geübt. Die drei Reiche Austrasien, Neustrien und Burgund waren wieder in einer Hand vereinigt, sie wurden aber nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil läßt sich in gewissem Umfang eine Restaurierung der alten Teilreichsgrenzen von 561 und 593/96 beobachten, untrübliches Indiz dafür, daß Chlothars II. Herrschaft über das Gesamtreich der Franken typische Züge einer Art Personalunion trug. Warum Austrasier und Burgunder Chlothars Herrschaft erstrebten, läßt sich nicht ganz deutlich erkennen. Fredegars Begründung für den Adel Burgunds, die Bischöfe und übrigen leudes hätten Brunhilde gefürchtet und gehaßt, dürfte etwas einseitig sein. Bedeutsamer ist die Tatsache, daß die Großen angesichts einer notwendigebn Regelung der Herrschaftsnachfolge miteinander berieten und verhandelten, ehe sie sich für Chlothar II. gegen Theuderichs stirps regia entschieden. Unter einem Herrscher für drei Reiche, die bezeichnenderweise ein jedes seinen eigenen Hausmeier behielten, lag gewiß auch für die burgundischen Großen ein höheres Maß an eigener Selbständigkeit als unter einem "Teilkönig" des angestammten Herrscherhauses.
Schon 623 sah sich der fränkische "Gesamtherrscher" Chlothar II. genötigt, austrasischen Interessen durch die Einsetzung seines Sohnes Dagobert zum König Rechnung zu tragen. Nach dem Bericht Ps.-Fredegars machte Chlothar seinen Sohn zum consors regni und setzte ihn zum König über die Austrasier ein. Seine Königsherrschaft bezog sich allerdings nur auf den östlichen Teil Austrasiens. Offensichtlich war Dagobert bereits erwachsen. Eine gewisse Abhängigkeit des Sohnes vom Vater leuchtet immerhin ca. 3-4 Jahre später auf, als Dagobert ex iusso patris nach Paris kommt und dort Gomatrude, die Schwester von Chlothars Frau Sichilde heiratet. Möglicherweise sah Dagobert in einer Eheschließung mit der Schwester seiner Stiefmutter eine Erhöhung seiner Stellung, während Chlothar vielleicht politische Einflußmöglichkeiten für sich erblickte. Jedenfalls kam es noch am dritten Tege der Hochzeitsfeierlichkeiten zu einem tiefen Zerwürfnis zwischen beiden Königen, weil Dagobert forderte, cuncta que ad regnum Austrasiorum pertinebant suae dicione vellere recipere, und Chlothar diese Forderung "vehement" ablehnte. Er mußte dann jedoch nachgeben und einer Schiedskommission von 12 Franken, die von beiden Königen bestellt wurde, die Entscheidung überlassen. Dieser gelang es in intensiven Verhandlungen pro pacis concordia eine förmliche Versöhnung zwischen Chlothar II. und Dagobert herzustellen. Auf der Grundlage dieser pacificatio erhielt der Sohn mit Ausnahme der provencalischen und der südlich der Loire gelegenen Reichsteile das ganze regnum Austrasiorum und brachte es unter seine Herrschaftsgewalt. Spätestens seit dieser Pariser Heirat Dagoberts kann von keiner Oberherrschaft des Vaters und einem Unterkönigtum des Sohnes mehr geredet werden.