CHAZAREN
 
 

Lexikon des Mittelalters: Band II Spalte 1783
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Chazaren
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I. Geschichte:
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Chazaren, nomadisierendes Türkvolk.

Nach wie vor gibt es hinsichtlich der Frühzeit seiner Geschichte eine Reihe offener Fragen. Am wahrscheinlichsten ist jedoch, daß die Chazaren zunächst dem Reich der Hephthaliten in Mittelasien angehörten, das Ende des 5. Jh. seine Blütezeit erlebte. Weniger wahrscheinlich ist die Möglichkeit, daß sie erst gemeinsam mit den Köktürken (Türken) auftraten (nach 552). Verschiedene Hinweise lassen darauf schließen, daß einzelne Gruppen von Chazaren bereits während der Regierungszeit Kawads I. von Persien (488-531) den Kaukasus erreichten, wo sie dem von den gleichfalls türkischen Sabiren geführten Stammesverband angehört haben dürften. Der größte Teil der Chazaren wanderte jedoch erst nach Westen ab, nachdem um 560 im Zusammenwirken von SASANIDEN und Köktürken das Hephthaliten-Reich zerstört worden war, und ließ sich 567 in Absprache mit Chosroes I. (531-579) in Nord-Daghestan nieder, wo sich unter ihrer Führung eine lokale Konföderation türkische und iranische (alanische) Stämme bildete. Ihre Hauptorte in diesem Gebiet waren Balangar (wohl am Sulak) und Samandar (am Terek?). Vielleicht schon 567, spätestens aber wenige Jahre danach, erkannten die Chazaren die Oberhoheit des unter einem Khagan der ASINA-Dynastie stehenden köktürkischen Reiches an. Während des byzantinisch-persischen Krieges stellte der Khagan dem byzantinischen Kaiser Herakleios ein Kontingent von angeblich 40.000 Chazaren zur Verfügung, das sich an der erfolglosen Belagerung des mit Persien verbündeten Tiflis beteiligte (627). Nach dem byzantinisch-persischen Friedensschluß (Anfang 628) setzten die Türken/Chazaren den Krieg auf eigene Rechnung fort, plünderten Tiflis und besetzten zeitweise Kaukasus-Albanien und Nordost-Armenien. Als das Westtürkische Khaganat infolge innerer Kämpfe zerbrach (seit 630), trat das Reich der Chazaren westlich der Wolga dessen Erbe an; der chazarische Herrscher nahm gleichfalls den Titel Khagan an (erste sichere Erwähnung 652/653). Häufig wurde vermutet, daß die Chazaren-Khagane der türkischen Dynastie der ASINA angehörten, was sich jedoch nicht sicher belegen läßt.
Nach einem ersten Abwehrerfolg gegen die Expansion der Araber (652/653) gelang es den Chazaren nicht nur, ihre Herrschaft im Nord-Kaukasus zu festigen, wo die dem Chazaren-Reich eingegliederten Kaukasus-Hunnen in Nord-Daghestan eine besomders wichtige Rolle spielten, sondern sie nutzten den Zerfall des Großbulgarischen Reiches (seit 642) und die Bindung der byzantinischen Kräfte im Krieg gegen die Araber zur Ausdehnung ihrer Herrschaft auf das byzantinische Interessengebiet nördlich des Schwarzen Meeres und auf der Krim, deren Städte chazarische Besatzungen erhielten. Nur Chersonesos (Cherson) verblieb unter byzantinischer Herrschaft (2. Hälfte 7. Jh.). Ein Teil der verdrängten Protobulgaren wanderte an die Donau ab (Asparuch), ein anderer Teil an die mittlere Wolga (Wolgabulgaren). Das gemeinsame Interesse an der Abwehr der arabischen Expansion verhinderte jedoch einen militär. Zusammenstoß zwischen Byzanz und den Chazaren. Als der 695 nach Cherson verbannte Kaiser Justinian II. (685-695, 705-711) auf chazarisches Gebiet floh, wo er die Schwester des Khagans heiratete (Taufname: Theodora), wurden die Chazaren in die byzantinischen Thronwirren verwickelt (704/705). Der Khagan versagte dem unberechenbaren Justinian seine Unterstützung; dieser war schließlich zur Rückeroberung seines Thrones auf bulgarische Hilfe angewiesen. 711 begünstigten die Chazaren den gegen das Terrorregime Justinians gerichteten Aufstand des Philippikos Bardanes in Cherson, der den Anstoß zum Sturz Justinians gab. Die Abwehrerfolge, die die Chazaren gegen die Araber erzielten, die seit etwa 690 und verstärkt seit 722 versuchten, durch den Kaukasus nach Norden vorzustoßen (Dezember 730: bedeutender chazarischer Sieg bei Ardabil), hinterließen in Byzanz solchen Eindruck, daß der Thronfolger Konstantin (V.) 732 oder 733 mit einer Tochter des Khagans (Taufnahme: Irene) verheiratet wurde. Ihr 750 geborener Sohn war als Leon IV.der Chazare«) 775-780 byzantinischer Kaiser. Zwar gelang es den Arabern unter Marwan schließlich, die chazarischen Truppen vernichtend zu schlagen, den Khagan gefangenzunehmen und ihn zur Annahme des Islam zu zwingen (um 737), doch machten die inneren Streitigkeiten des OMAYYADEN-Reiches den arabischen Erfolg weitgehend wieder zunichte. Allerdings ging Derbend, das seit 628 wiederholt seinen Besitzer gewechselt hatte, den Chazaren endgültig verloren, und die Residenz des Khagans wurde wahrscheinlich zu dieser Zeit, vielleicht allerdings auch schon im 7. Jh., aus dem exponierten Kaukasus an die untere Wolga verlegt, wo Atil (Itil), das bisher als Winterweide im Randgebiet des Khaganats nur eine untergeordnete Rolle gespielt hatte, nun immer stärker an Bedeutung gewann. Obwohl die Chazaren noch mehrmals Plünderungszüge in Transkaukasien unternahmen (bes. 762, 764) und auch um Unterstützung in innerarabischen Auseinandersetzungen angegangen wurden (799), war das Verhältnis zum Kalifat der ABBASIDEN im allgemeinen freundlich. Auf der Südwest-Krim wurde 787 das noch unabhängige Gebiet der Goten unterworfen, das jedoch weiterhin eine Sonderstellung unter einem gotischen Toparchen genoß.
Bis ins 8. Jh. verehrten die Chazaren wie die Köktürken neben anderen Gottheiten vor allem den Himmelsgott Tängri. Außerdem spielte Schamanismus eine wichtige Rolle. Doch gewann seit dem 7. Jh. das Christentum im Khaganat beträchtlichen Einfluß (Missionsreise des albanischen Bischofs Israyel zu den Kaukasus-Hunnen 681/682; Zustrom von Bilderverehrern auf die Krim während des Bilderstreits) und fand auch Anhänger in der chazarischen Führungsschicht. Der verstärkte Kontakt zu den muslimischen Ländern, der durch die Entspannung im Verhältnis zum Kalifat möglich wurde - zwischen 737 und 764 traten sogar zahlreiche Muslime aus Chorezmien (Hwarizm) als Söldner in chazarische Dienste - und die Aussichten, die sich durch die Entwicklung des Fernhandels unter den ABBBASIDEN eröffneten (Araber), ließen den Islam für die Chazaren an Anziehungskraft gewinnen. Auf der Krim und im Kaukasus kamen die Chazaren aber auch in Berührung mit dortigen jüdischen Gemeinschaften. Nach chazarischer Tradition soll bereits um 730 ein Khagan Bulan zum Judentum übergetreten sein. Dieses Ereignis diente im 12. Jh. dem philosophischen Werk »Sefär ha-Kûzarî« des Jehuda Halevi als Hintergrund. Endgültig nahmen jedoch erst um 800 der Herrscher (unter dem Namen Obadja) und der größte Teil der Oberschicht der Chazaren das Judentum an und bekundeten damit den Anspruch des Khaganats als dritte Großmacht zwischen dem christlichen Byzanz und dem Kalifat.
Im 9. Jh. dehnten die Chazaren ihren Herrschaftsbereich zunehmend nach Norden und Nordwesten aus, besonders auf die Burtasen (Mordwinen oder turkisierte Ugrier südlich der Wolgabulgaren) und die Wolgabulgaren sowie auf verschiedene ostslavischen Stämme (Poljanen, Severjanen, Vjaticen, Radimicen), zeitweise auch auf die Magyaren/Ungarn (vor 881; die Dauer der Zugehörigkeit der Ungarn zum Chazaren-Reich ist stark umstritten; die Zeitansätze in der Forschung schwanken zwischen wenigen Jahren und 2-3 Jahrhunderten). Die von den Slaven und Wolgabulgaren zu entrichtenden Tribute bestanden in Fellen, bisweilen vielleicht auch in gemünztem Geld. Daneben waren einige der Völkerschaften, besonders die Burtasen, zur Heerfolge verpflichtet. Obwohl der chazarische Einfluß beträchtlich war (Árpád verdankte den Chazaren seine Einsetzung als Führer des ungarischen Stämmebundes; die Fürsten von Kiev führten zeitweilig im 9. Jh. nach chazarischem Vorbild den Titel Khagan), blieben die Verhältnisse im Steppenbereich stets instabil. So mußten die Chazaren um 838 mit Hilfe byzantinischer Baumeister gegen eine Bedrohung aus dem Westen (mutmaßlichdurch die Magyaren) die Festung Sarkel am unteren Don errichten. Bald darauf dehnte Byzanz seine Herrschaft wieder auf die südliche Krim aus, die unter Kaiser Theophilos (829-842) als Thema organisiert wurde. Der Beilegung von Unstimmigkeiten zwischen den Chazaren und Byzanz diente nach dem Angriff der Rus' auf Konstantinopel (860) eine byzantinische Gesandtschaft, an der auch Konstantin-Kyrill teilnahm (861). Doch gelang es diesem nicht, den Khagan zur Annahme des Christentums zu bewegen, obwohl er 200 Taufen vornehmen konnte. Die chazarische Vorherrschaft über die Ostslaven (mit Ausnahme der Vjaticen) ging in Etappen bis zum Ende des 9. Jh. an die Rus' verloren (Oleg). Die von den Pecenegen verdrängten Ungarn, denen sich noch vor 881 drei chazarische Stämme oder Clans, die Kabaren, angeschlossen hatten, zogen nach Westen ab (894/895). Die muslimischen Wolgabulgaren gewannen mit Hilfe des Kalifats ihre Selbständigkeit zurück (Gesandtschaft des Ibn Fadlan 921/922).
Trotz dieser schwierigen äußeren Verhältnisse erlebte das Khaganat im 9./10. Jh. seine wirtschaftliche Blütezeit, die dem Transithandel von Ost- und Nord-Europa über die Wolga und das Kaspische Meer sowie über den östlichen Kaukasus in das Kalifat (Aserbeidschan, Iran, Bagdad, Chorezmien) zu verdanken war, den die Chazaren kontrollierten und schützten. Aus Ost- und Nord-Europa kamen vor allem Pelzwaren, Waffen (vielleicht ursprünglich fränkischer Herkunft), Sklaven, Bernstein, Honig und Wachs; aus dem Kalifat Kleidung, Schmuck, Waffen und Gewürze. Die Exporte aus Byzanz nach Ost-Europa waren demgegenüber von geringerer Bedeutung (Byzantinisches Reich, Abschnitt E). Jüdische Kaufleute, die sogenannten Radaniya, die aus Spanien und Frankreich kamen, benutzten außer einer über Nord-Afrika verlaufenden Süd-Route eine nördliche Route, die über die Slavenländer, Atil, Balh, Transoxanien und das Land der Uiguren nach China führte. Von allen Transitwaren erhoben die Chazaren in Atil den Zehnten. Die Chazaren selbst exportierten besobnders Fisch und Fischleim nach Byzanz und ins Kalifat. Der Handel lag zwar in erster Linie in den Händen warägischer bzw. altrussischer und muslimischer Kaufleute, die in großer Anzahl in Atil ansässig waren, doch sind im 10. Jh. auch mehrfach chazarische Kaufleute belegt. Vom Umfang des Handels zeugen die zahlreichen Hortfunde mit arabischen Dirhems in Nord- und Ost-Europa. In bescheidenem Umfang prägten die Chazaren auch eigenes Geld, meist Nachahmungen arabischer Münzen.
Während dieser wirtschaftlichen Blütezeit vollzogen sich tiefgreifende Änderungen im traditionellen Aufbau der chazarischen Gesellschaft. Erstmals wird im Zusammenhang mit der Errichtung Sarkels (um 838) neben dem Khagan ein Beg genannt, der mutmaßlich ein Vertreter des einflußreichen Militär- und Sippenadels war. In einer Entwicklung, die zu Beginn des 10. Jh. abgeschlossen war, wurde die Rolle des Khagans auf die eines Sakralkönigs beschränkt, während die wirkliche Macht, besonders die Befehlsgewalt über das Heer, auf den Beg überging. (Ein ähnliches »Doppelkönigtum« gab es auch bei den Avaren.) Zugleich geriet die breite Schicht freier Krieger in zunehmende Abhängigkeit vom Stammesadel, während in der Armee die Bedeutung des stehenden Söldnerheeres (im 10. Jh. neben den Muslimen besonders Russen [Waräger?] und Slaven) gegenüber dem allgemeinen Aufgebot wuchs. Seit dem 9. Jh. nimmt die Zahl von Chazaren außerhalb des Khaganats ständig zu. Besonders im Kalifat gelangten Chazaren zu höchsten Rängen in der Armee und im Hofdienst.
Während im 10. Jh. die Süd-Grenze, an der in Derbend und Sirwan vom Kalifat weitgehend unabhängige Fürstentümer entstanden waren, trotz gelegentlicher Auseinandersetzungen stabil blieb, war das Khaganat im Norden - zumal nach dem Abfall der Wolgabulgaren - außerstande, die Vorstöße der nomadisierenden Pecenegen und Oguzen abzuwehren. Wiederholt (zw. 860 und 880, 909/910, um 912/913,944/945) unternahmen außerdem Russen (möglicherweise Teile von Gefolgschaften der Kiever Fürsten), die über den Wolgaweg kamen, Raubzüge auf dem Kaspischen Meer und plünderten dessen Süd- und West-Küste. Diese Züge waren teils mit den Chazaren abgesprochen (um 912/913), teils wurden sie aber anscheinend auch gegen ihren Willen durchgeführt. Die Beziehungen zu Byzanz, die sich schon im 9. Jh. abgekühlt hatten, verschlechterten sich im 10. Jh. weiter, als Byzanz sich angesichts der chazarischen Schwäche verstärkt den aufstrebenden Völkern Ost-Europas zuwandte. Dem Werk »De administrando imperio« des Kaisers Konstantin Porphyrogennetos (um 950) ist zu entnehmen, daß Byzanz Alanen, Oguzen und »Schwarze Bulgaren« (am Kuban'?) als potentielle Verbündete gegen die Chazaren betrachtete. Eine Judenverfolgung unter Kaiser Romanos Lakapenos nötigte 943/944 zahlreiche Juden zur Flucht aus dem Byzantinischen Reich ins Khaganat. Doch gab es kirchliche Kontakte - 920 besuchte der Erzbischof von Cherson das Khaganat -, und noch 954 sollen chazarische Hilfstruppen am Kampf gegen Saifad-daula von Aleppo teilgenommen haben. Als Svjatoslav von Kiev im Rahmen seiner Expansionspolitik zunächst die Vjaticen (an der Oka) unterwarf und 965 das Khaganat selbst angriff, konnten die Chazaren aus Byzanz keine Hilfe erwarten. Die Hauptorte des Reiches - Atil, Sarkel und Samandar - wurden geplündert und verwüstet. Das Reich von Chorezmien gewährte den Chazaren Unterstützung unter der Bedingung, daß der Khagan und die jüdische Oberschicht zum Islam übertraten. Als Svjatoslav seine Aktivitäten nach Westen verlagerte, dehnten die Chorezmier ihre Herrschaft zeitweise an die untere Wolga aus. Ein chazarische Khagan ist letztmals 965 bezeugt, und das eigenständige chazarische Khaganat scheint bald danach erloschen zu sein. Das Ende des Chazaren-Reiches im 10. Jh. und der nur wenig später erfolgte Untergang des Samaniden-Reiches von Buhara (Ende 10. Jh.) ließen die über Ost-Europa verlaufenden Handelswege wieder verkümmern, zumal die Kiever Fürsten nicht imstande waren, den Schutz des Handels gegen die räuberischen Steppennomaden zu gewährleisten, den das Chazaren-Khaganat auch noch in seiner Verfallszeit sichergestellt hatte.
Zeitgenössische arabische Quellen geben ein recht gutes Bild von den Verhältnissen im Khaganat und in Atil während des 10. Jh.: Die Chazaren führten zwar weiterhin ein halbnomadisches Leben, doch hatten Bodenbearbeitung und Ackerbau eine Bedeutung gewonnen, die derjenigen der traditionell vorherrschenden Viehzucht nahekam. Es wurden Getreide, Reis, Obst und Wein angebaut. Daneben spielte Fischfang eine hervorragende Rolle. Die meisten Chazaren bekannten sich zum Islam oder zum Christentum, während das Judentum auf die Oberschicht beschränkt blieb. Der alttürkische Tängri-Glaube hatte gleichfalls noch Anhänger. Mindestens in der Hauptstadt gab es hygienische Einrichtungen (Bäder) und von den Religionsgemeinschaften unterhaltene Schulen. Übereinstimmend rühmen die arabischen Quellen die im Khaganat herrschende Gerechtigkeit.
Ob die unter einem christl. »Archonten« stehende »Chazaria«, gegen die 1016 Byzanz und die Kiever Rus' gemeinsam vorgingen, auf der Krim oder im Kaukasus zu suchen ist, ist in der Forschung umstritten. Vom Ende des 10. Jh. bis zur Mitte des 13. Jh. werden Chazaren noch gelegentlich in Kiev, Tmutorokan' (auf der Taman'-Halbinsel), an der Wolga und im östlichen Kaukasus genannt. Abraham ben David erwähnt in der Mitte des 12. Jh. rabbanitische Chazaren in Toledo. Die letzten chazarischen Gruppen sind wohl im Mongolen-Reich und seinen Nachfolgestaaten aufgegangen. Ein Zusammenhang der Chazaren mit dem neuzeitlich osteuropäischen Judentum ist unwahrscheinlich. Ihre Bedeutung für die Geschichte der Karäer ist umstritten.