ANGELSACHSEN
 

Lexikon des Mittelalters:
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Angelsachsen
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A. Terminologie

Angelsachsen (Anglo-Saxon[s]) ist der heute übliche Terminus für die vorherrschende Bevölkerungsgruppe in Süd-, Mittel- und Ost-England sowie in Südwest-Schottland vom 5./6. Jh. bis 1066, Angelsächsisch für die entsprechende Periode der englischen Geschichte und für ihre materielle und geistige Kultur (Metallbearbeitung, Buchkunst, Baukunst usw.). Bis ins späte 19. Jh. war letzteres auch die gebräuchliche Bezeichnung für Sprache und Literatur dieser Bevölkerung; seit etwa 1870 trat jedoch der Begriff Altenglisch (Old English) in Sprach- und Literaturwissenschaft zunehmend an die Stelle von Angelsächsisch. Paulus Diaconus ist der einzige frühmittelalterliche lateinische Schriftsteller, der das Kompositum »Angli Saxones« verwendet (Hist. Lang. IV 23, VI 15), vielleicht, um diese von den Sachsen auf dem Kontinent abzugrenzen. Vorher hatte Beda Venerabilis den Ausdruck »Anglorum sive Saxonum gens« gebraucht, um die germanischen Eroberer des südlichen Britannien zu bezeichnen (Hist. eccl. I 15, cap. I 22ff.), obwohl ihm bekannt war, daß nicht alle Invasoren vom Festland diesen beiden Stammesgruppen angehörten (Hist. eccl. I, 15). Die Autoren des 7. Jh. gebrauchten Saxonia und saxonicum für Landschaften Englands und deren Bewohner, welche die moderne Terminologie (zum Beispiel »East Anglia«) wie auch andere Quellen mit den Angli in Verbindung bringen, während andererseits Alkuin und Æthelweard sächsisches Gebiete unter Anglia fassen. Der zusammengesetzte Terminus kommt weder in den ältesten Gesetzen noch in den Königsurkunden vor. Der Vertrag Alfreds des Großen mit Guthrum (um 886) stellt Engliscne und Deniscne gegenüber (Liebermann, Gesetze I, 126). Die Einleitungen zum Vertrag und zu Alfreds Gesetzen benutzen als kollektiven Begriff »Angelcynn« (ebd. I, 126, 46). Gleichwohl erscheint Alfred als »Angul-Saxonum rex« in den Königsurkunden, und noch fast 200 Jahre danach benutzen sowohl lateinische als auch einheimische Urkunden das Kompositum. Von Gelehrten des späten 16. Jh. (L. Nowell, W. Camden) wurde der Terminus wiederaufgenommen und speziell auf die Sprache angewandt. Auf- und Umschriften auf Münzen und Spangen wurden vom 17. Jh. an eindeutig als angelsächsisch nachgewiesen. Mit B. Faussett, der seit 1757 angelsächsische Gräberfelder in Kent ausgrub und als solche identifizierte, begann die archäologische Erforschung (vgl. Abschnitt B).
Die Herausgabe oder Neuherausgabe der wichtigsten historischen, rechtshistorischen und literarischen Quellen aus angelsächsischer Zeit im 19. Jh. wurde von der Behauptung einer natürlichen Überlegenheit der angelsächsischen Kultur und Sprache begleitet. Englische Gelehrte des späten 19. Jh. eröffneten eine heftig geführte Kontroverse über das Problem, in welchem Maße die normannische Eroberung (1066) einen Kontinuitätsbruch und Wendepunkt in der geschichtlichen Entwicklung der englischen Gesellschaft und Verfassung markiert. Dieser Streit beeinflußt noch die gegenwärtige Diskussion, vor allem in der Frage der Anfänge des Feudalismus und des Charakters der vorgregorianischen Kirche in England. Stärker als die Geschichtswissenschaft war die Kunstgeschichte bereit, eine Konstanz angelsächischer Traditionen anzunehmen. Seit dem 2. Weltkrieg wurde besonders eifrig die Frage diskutiert, welchen Beitrag jeweils die keltische Welt und das römisch beherrschte Britannien zu den wirtschaftlichen und sozialen Strukturen sowie - was neuerdings ebenfalls erörtert wird - auch zu den Verfassungsinstitutionen des angelsächsischen England geleistet hat. Zur angelsächsischen politischen Geschichte England; zur angelsächsischen Sprache und Literatur: Altenglische Sprache, Altenglische Literatur.

D. A. Bullough


B. Archäologische Erforschung des angelsächsischen England

I. Herkunft:
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Die Angelsachsen kamen im Laufe des 5. Jh. nach England. Aus historischen Quellen geht hervor, daß sie aus Jütland, Angeln und Altsachsen kamen; die Archäologie zeigt jedoch, daß die »angelsächsische« Bevölkerung auch Einwanderer aus dem friesischen Gebiet umfaßte und daß wahrscheinlich die Stammesgruppen bei der Ankunft schon vermischt waren (wie aus der sogenannten anglofriesischen Keramik zu schließen ist). Hinweise, daß die ersten germanischenonders Einwanderungen vor Ende des 4. Jh. stattfanden (jedenfalls vor dem offiziellen Abzug der Römer aus Britannien um ca. 410), liefern frühe Keramiken verschiedener Art und provinzialrömische Metallgegenstände (besonders Gürtelgarnituren) sowie Stätten, die Zeugnis von ununterbrochener germanischer Besetzung ab Ende des 4. Jh. (z. B. Mucking, Essex) geben. Unter den frühen Fibeln, die Beziehungen zum heimatlichen Festland aufweisen, befinden sich Schalenfibeln, gleicharmige Fibeln und solche mit viereckiger Kopfplatte.
Nach anfänglichen Besiedlung des Ostens Englands (von Yorkshire bis Kent) und der Südküste erweiterten die Angelsachsen allmählich ihre Siedlungsräume: zuerst entlang den Flußtälern und Römerstraßen, dann auf das Hinterland, bis um die Mitte des 6. Jh. ein großer Teil des heutigen England im Besitz der Angelsachsen war. Die Besiedlung Nordwest-Englands war sporadisch und wahrscheinlich späten Datums (Derbyshire zum Beispiel weist keine angelsächsischen Funde auf, die früher als 600 datiert sind). Die politische Macht der Angelsachsen fand mit der normannischen Eroberung 1066 ein plötzliches Ende. Aber gewisse Merkmale angelsächsischen Lebens blieben in der Kunst und in der materiellen Kultur (sowie in der Sprache, die die Grundlage der heutigen englischen Sprache bildet) bis ins späte Mittelalter erhalten.

II. Gräber:
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Bei ihrer Ankunft in England waren die Angelsachsen heidnisch; infolgedessen verdanken wir einen Großteil unserer Kenntnisse ihrer materiellen Kultur zwschen 400 und 700 den Grabfunden. Körper- und Feuerbestattungsriten sind uns bekannt. Körpergräber fanden sich fast ausschließlich in Ost-Anglien und Lincolnshire, Urnengräber in Kent, Sussex, Yorkshire und im Nordosten. Anderswo trifft man auf beide Riten. Hügelbestattungen (sekundäre Bestattungen in prähistorische Hügelgräbern ausgenommen) fanden bis zum 7. Jh. nicht statt. Obgleich diese Bestattungsart am häufigsten in Kent und Sussex vorkommt, wurde dieser Ritus bei reichen Bestattungen auch in anderen Regionen ausgeübt. Der reichste Fund aus dieser Zeit ist der Grabhügel eines ostanglichen Königs, der 1939 in Sutton Hoo (Suffolk) untersucht wurde. Der auf ca. 630 zu datierende Fund enthält einen großen Schatz an Gold und Granatschmuck sowie Tafelsilber, Waffen und anderen Gegenständen, die alle in ein großes Schiff gelegt wurden - eine der wenigen Schiffsbestattungen, die aus Englandbekannt sind (Grabformen).
Man findet eine Anzahl von Siedelplätzen aus der heidnischen Periode der Angelsachsen. Die eigtliche Chronologie aber beruht auf Grabfunden, die derzeit nur aufgrund stilistischer und typologischer Kriterien datiert werden können. Wie auf dem europäischen Festland bilden im Tierstil I und II (Salin) ornamentierte Funde eine weitgehende Hilfe bei der Schaffung einer vergleichenden Chronologie. Südengliche Gräber mit Funden skandinavischer und rheinischer Herkunft sind wegen der Verbindung beider Chronologiesysteme (cross-dating) von überregionaler Bedeutung. Gleichzeitig liefern historische Aufzeichnungen des frühen 5. Jh. und die Bekehrung Englands zum christlichen Glauben (daneben auch die Einführung eines Münzsystems) im Laufe des 7. Jh. einen recht genauen chronologischen Rahmen für Anfang und Ende des heidnischen Zeitalters. Was die Chronologie betrifft, ist das 6. Jh. das am wenigsten zufriedenstellende und gibt den Archäologen die meisten Probleme auf.

III. Christliche Periode:
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Das Eindringen des Christentums Anfang des 6. Jh. und die allmähliche Bekehrung der Angelsachsen vermindert unser Wissen über ihre materielle Kultur beträchtlich, da die Zeremonie der Bestattung mit Beigaben langsam aufhört. Kirchliche Altertümer, Schatzfunde, Münzen und Siedlungsstätten liefern die wichtigsten archäologischen Zeugnisse für die Angelsachsen. nach ihrer Bekehrung. Dagegen ermöglicht die Wiedereinführung von schriftlichen Aufzeichnungen durch die Kirche eine viel genauere Rekonstruktion der christlichen Angelsachsen-Periode, als sie für die heidnische Zeit möglich war.
Wie für die heidnischen Periode werden Hauptdatierungen des archäologischen Materials durch stilistisch und typologische Methoden vorgenommen, obgleich die Dendrochronologie künftig eine absolute Chronologie für gewisse Gebiete ermöglichen wird. Handschriften, Skulpturen und Metallarbeiten bilden einen überzeugenden Rahmen, der anhand der Datierung der ab dem 9. Jh. häufiger vorkommenden Münzfunde kontrolliert werden kann.

IV. Siedlungsstätten:
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Nach 1945 sind zunehmend Siedlungen erforscht worden. Ein 1972 aufgestelltes Verzeichnis der besser erforschten ausgegrabenen Siedlungen ergibt eine Liste von 187 Orten, die großangelegte Dorf- oder Stadtgrabungen sowie einzelne Gebäude einschließt. Das angelsächsische Leben war überwiegend ländlich, obgleich es genügend Beweise für städtische Siedlung ab der Römerzeit gibt, was auf eine besser entwickelte Wirtschaft hindeutet. In den Anfangsphasen der angelsächsischen Periode hatten die römischen Städte die Funktion von Bevölkerungszentren. Manche aber (wie Wroxeter) bestanden nicht bis ins spätere Mittelalter. Mit neuen Gründungen, besonders im späten 9. und 10. Jh., wurde die Stadt zum festen Bestandteil der Siedlungslandschaft. Im Domesday Book sind über 100 Städte eingetragen, in denen vielleicht 10% der Bevölkerung wohnten. Nur wenige Stadtareale sind bisher untersucht worden, aber Ausgrabungen in Winchester, York, Hamwih (Southampton), Canterbury, Oxford usw. haben viel Material und Informationen geliefert.

V. Häuser:
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Bei Zeugnissen der ländlichen Siedlung und Gebäude wird die Auswertung durch Datierungsprobleme erschwert. Viele Fundstätten haben wenig oder überhaupt kein Material vorzuweisen - oder sehr ungenau datierbare Keramik -, und Ansätze zu einer Synthese beruhen weithin auf einer Diskussion der Bautypen. Die meisten Gebäude haben rechteckigen Grundriß, manche (gewöhnl. nach dem 9. Jh.) sind schiffsförmig, und es gibt eine große Anzahl von Grubenhäusern. Ein ungeklärtes Problem bildet die Tatsache, daß die Häuser der Angelsachsen weder denen im Heimatgebiet noch den Bauten der Romano-Briten gleichen. Das von der Medieval Village Research Group erschlossene siedlungsgeschichtliches Material zeigt dabei Verbindungen der Befunde aus angelsächsischer Zeit mit dem Erhaltenen aus früher Neuzeit. Die meisten Profanbauten sind aus Holz; Stein ist aber nicht unbekannt (zum Beispiel Portchester). Steinbautechnik wird durch die oberirdischen Reste von Kirchen und freistehenden Skulpturen bezeugt. Überreste von Holzkirchen sind an verschiedenen Plätzen ausgegraben worden.

VI. Wirtschaft:
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Die Landwirtschaft ist mit archäologischen Mitteln bisher wenig erforscht worden. Felder, Tierknochen und Pollenreste werden erst jetzt untersucht. Gewerbliche Verfahren - besonders Eisenverhüttung, Schmieden, Zimmererarbeit und Töpferei - wurden relativ gründlich erforscht.

D. M. Wilson