VENDOME
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1456
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Vendome
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Stadt in West-Frankreich, am Loir

Vendome war ein seit der MEROWINGER-Zeit belegtes 'castellum', Vorort eines Pagus, als solcher Versammlungsort der Bewohner, etwa in den Kämpfen mit benachbarten Herrschaften wie Blois oder Châteaudun. Seit 889 tritt hier eine zur engen Anhängerschaft der ROBERTINER/frühen KAPETINGER gehörende Grafenfamilie mit Leitnamen 'Burchard' (Bouchard) auf, deren Rolle innerhalb des Herrschaftssystems von Neustrien K.F. Werner in eindrucksvoller Weise herausgearbeitet hat. Erst mit dem hochangesehenen Burchard I. ( 1005), einem der wichtigsten 'fideles' von Hugo Capet, von diesem mit Melun, Corbeil und der Grafschaft Paris ausgestattet, nennt sich dieses Geschlecht nach Vendome (ab 976). Von dieser Zeit an läßt sich anhand monastischer Quellen für den 'pagus Vindocinensis' die Existenz einer klassischen Feudalgesellschaft näher beleuchten; diese bestand nach Ansicht des Verfassers jedoch (zumindest in ihren Grundzügen) lange vor dem Auftreten dieser Quellennachweise.
Der Pagus des Vendômois war ein Territorialensemble, das sich aufgrund der genannten Quellen des 11. Jh. recht genau umschreiben läßt. Das Tal des Loir bildete die Grenzscheide zwischen dem östlichen Bereich ('Perche vendômois'; Perche), während im Südwesten der Forst von Gâtine ein zum Vendômois gehörendes Einsprengsel zwischen Maine und Touraine bildete. Die 'neuen Burgen', belegt bald nach 1000 (Mondoubleau, Freteval, Château-Renault, Lavardin, Montoire), entstanden an den Grenzen der Pagi und am Rande bewaldeter Zonen; ihre seigneuriale Gewalt erstreckte sich nur auf kleinere Bezirke, meist Forsten. Der Pagus des Vendome wurde durch die Ausbildung von Kastellaneien zwar verkleinert, aber nicht verdrängt; zwei dieser Kastellaneien, Montoire und Lavardin, wurden zwischen 1130 und 1218 von den nach Westen expandierenden Gf.en von Vendome annektiert (um 1270 erfolgte noch der Erwerb von Trôo). Der gesamte Herrschaftsbereich blieb im wesentlich unter Lehnshoheit der Grafen von Anjou (Angers). Die Wandlung von der »Pagus-Grafschaft« zur »feudalen Grafschaft« vollzog sich in Gestalt einer graduellen Evolution. Auch die soziale und verfassungsgeschichtliche Entwicklung des 11. Jh. war im Vendome und seinen Nachbarregionen nicht von tiefen Einbrüchen geprägt, sondern verlief in den bereits in der Zeit vor 1000 vorgezeichneten Bahnen. Die Grundhörigkeit (servage) dürfte im wesentlichen auf die postkarolingiosche Zeit zurückgehen; die 'milites' hoben sich nur wenig von den älteren 'vassi' ab. Eine Notiz aus der Abtei La Trinité de Vendome bietet um 1040 die erste Quellennachricht über einen ligischen Lehnseid (Lehen, -swesen, III), doch dürften Begriff und Praxis schon lange vor diesem Beleg in Gebrauch gewesen sein. Auch bestand eine frappierende Kontinuität der adligen und ritterlichen Familien vom 11. bis ins 13. Jh.; ein eigtlicher Aufstieg von 'milites' ist nicht feststellbar, ihnen wurde schon »seit altersher« eine führende Stellung zugeschrieben.
Ein neues Moment bildete dagegen die große Abtei La Trinité (1040), gegründet vom Grafen von Anjou, Gottfried Martel, am Fuße der Burg von Vendome. Die Abtei gewann durch ihren bedeutenden Abt Gottfried I. von Vendome (1093-1129; 26. G.) hohes Ansehen und trug offenbar stark zur Entwicklung von Burgi (bourgs subcastraux) bei. Sie baute eine kleine Kongregation auf und war Ziel einer Wallfahrt (Sancta Lacrima, 12. Jh.). 1097 werden in den Zeugenlisten die 'burgenses' von den 'famuli' abgehoben.
Als Zeit des Wandels kann das 12. Jh. gelten. Die Grafschaft wurde um 1056 von Gottfried Martel an seinen Neffen Fulco (Foulque l'Oison), einen Nachkommen Burchards I., gleichsam zurückerstattet; die nachfolgenden Grafen stammten alle in direkter Linie (aber mehrfach über weibliche Erbfolge) von Fulco ab: 'Haus PREUILLY' (1085-1218), 'Haus MONTOIRE' (1218-1371), ab 1371 'Haus BOURBON' (BOURBON-VENDOME). Die genealogische Kontinuität hinderte aber nicht, daß die Grafengewalt ihren Charakter änderte.
Die wichtigsten Mutationen seit dem 12. Jh. waren folgende:
Die 'milites castri' verloren zunehmend den Charakter einer eigenständig verfaßten Gruppe infolge des Bedeutungsrückganges der lokalen Kriege der einzelnen Burgherren; demgegenüber berührte der große Konflikt zwischen KAPETINGERN und PLANTAGENET das Vendômois als umkämpfte Grenzzone (Schlacht von Freteval, 1194). Die Burg VENDOME wurde zum ausschließen Besitz und Zentrum der Lehnsherrschaft des Grafen, wohingegen sich die lokalen 'Barone' auf ihre ländlichen Seigneurien zurückzogen; die Nachkommen Barthélemys von Vendome († 1147) nannten sich »Sires du Bouchet« (Seigneurie, später: Le Bouchet d'Estouteville).
Vendome entwickelte sich zur Stadt im eigtlichen Sinne, die zwar nicht als Kommune verfaßt war und trotz eines gewissen Wohlstandes (Stiftung eines Hôtel-Dieu, 1203; Stadtmauer, 1230) über bescheidene Dimensionen nicht hinauskam (1250/76: 930 Haushaltsvorstände). Die aufgrund einer Urkunde Burchards VI. von 1354 bekannten städtischen Gewerbe (Leder, Eisen, etwas Tuchmacherei) zeigen keine stärkere wirtschaftliche Dynamik. Ein weiteres kleines städt. Zentrum der Grafschaft war Montoire. Die Grafen von Vendome spielten auch nach der Eroberung West-Frankreichs durch kapetingischen Philipp II. Augustus (1204-05), der ihnen eine gewisse Autonomie beließ, eine bedeutende Rolle innerhalb des französischen Adels.
Die Zeit des Hauses BOURBON-VENDOME und des Hundertjährigen Krieges bedarf noch gründlicher Erforschung (reiches Quellenmaterial in den Archiven von Blois und Paris). Vendome bildete seit 1428 einen wichtigen Stützpunkt für Karl VII. und seine Anhänger; die Grafen konnten als 'Fürsten von Geblüt' ihren hohen Rang glanzvoll zur Geltung bringen. Sie erwarben 1412 die Seigneurie Mondoubleau, erhielten 1484 freie Herrschaftsrechte im Anjou und wurden 1515 zu Herzögen erhoben. Die Grafen modernisierten ihre Verwaltung im zeitüblichen Rahmen; seit dem späten 13. Jh. stiegen wohlhabende, nobilitierte Bürgerfamilien in die Reihen des Rittertums auf.

D. Barthélemy


siehe Brandenburg Tafel 7 Seite 14