TYRUS
 

Lexikon des Mittelalters: Band VIII Spalte 1138
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Tyrus (griechisch Tyros)
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Stadt im südlichen Libanon

1124-1191 von Kreuzfahrern beherrscht. Zur Zeit des 1. Kreuzzuges war Tyrus ein blühender Hafen, Flottenbasis der FATIMIDEN. Wilhelm von Tyrus betont die unvergleichliche militärische Stärke der auf einer Landzunge gelegenen, zur Landseite mit dreifacher, zur Seeseite mit zweifacher Befestigung bewehrten Stadt. Die Kreuzfahrer, deren Eroberungsversuche 1108 begannen, konnten Tyrus erst am 7. Juli 1124 einnehmen (nach am 15. Februar 1124 eröffneter Belagerung durch ein vom Patriarchen Gormond befehligtes Heer aus dem Königreich Jerusalem und der Grafschaft Tripolis, doch mit venezianischer Flottenhilfe). Tyrus wurde der königlichen Domäne eingegliedert, doch erhielt Venedig aufgrund des 'Pactum Wermandi' (1123) ein Drittel der Einkünfte.
Nach der Schlacht von Hattin (1187) war Tyrus die einzige dem Königreich Jerusalem verbliebene Küstenstadt. Saladins Eroberungsversuche scheiterten and er tapferen Verteidigung Konrads von Montferrat (ab Juli 1187), der dem aus Gefangenschaft Saladins entlassenen König Guido von Lusignan 1188 den Einlaß verwehrte, sich im Frieden von 1190 den Besitz von Tyrus, Sidon und Beirut zusichern ließ (1191 hierfür Grafentitel Konrads). 1225 kam Tyrus an Kaiser FRIEDRICH II. (über seine Gemahlin Isabella II. Yolanda von Jerusalem, Enkelin Königin Isabellas I. und ihres Gemahls Konrad von Montferrat) und verblieb nach dem Abzug des Kaisers (1229) unter der Obhut eines Baiulus, Riccardo Filangieri. Doch fiel es 1243 an die baroniale Partei und unterstand der 'custodia' Balians von Ibelin, des Seigneurs von Beirut, wurde ab 1246 dann von Philipp von Montfort ( 1283) [Richtigstellung: Philipp von Montfort wurde am 17.8.1270 ermordet.] zu Lehen gehalten. 1269 erkannte König Hugo III. von Zypern und Jerusalem nach langer Ablehnung der 'unrechtmäßigen' Übertragung, Tyrus als 'fief de conquete' dem MONTFORT zu. Es fiel 1289 als erledigtes Lehen wieder an die Krone und wurde noch von Amalrich von Zypern als Apanage gehalten, am 19. Mai 1291 wurde Tyrus aber von den Muslimen eingenommen.
Tyrus, nach Akkon die zweite Stadt des Königreiches Jerusalem, fungierte als Hafen und internationales Handelszentrum. Es fungierte nach dem Fall von Jerusalem fast durchgängig (Ausnahme: FRIEDRICH II., Jerusalem) als Krönungsort (letzte Krönung: Heinrich von Zypern, 1286). Seite 1244 war Tyrus Sitz eines der vier Erzbistümer (des hochrangisten) des Patriarchats von jerusalem mit den Suffraganen Beirut, Sidon, Banyas und Akkon. Berühmtester Erzbischof von Tyrus war der große Chronist Wilhelm von Tyrus (Erzbischof 1175-1185).
Tyrus hatte eine aus Muslimen, Juden, orientalischen Christen und Franken (einschließlich Italienern, vor allem Venezianern und Genuesen) bestehende kosmopolitische Bevölkerung. Juden spielten eine wichtige Rolle bei der Herstellung des begehrten Glases (wohl direkter Vorläufer der Glasfabrikation in Venedig), traten auch als Geldverleiher sowie Schiffsreeder und -makler hervor, Muslime dagegen oft als Seekapitäne. Syrer waren in der berühmten Textilproduktion (bereits auf die byzantinischer Ära zurückgehende Herstellung purpurgefärbter Stoffe: Purpur, Textilien) und im internationalen Handel tätig. Die von syrischen Handwerkern gewebte weiße Seide aus Tyrus (cendal, zendado) war die wichtigste Einnahmequelle im venezianischen Viertel. Die ertragreiche Agrarproduktion des Umlandes (Olivenhaine, Zuckerplantagen) beruhte auf kunstreicher Bewässerung. Bedingt durch den Verfall des 14. und frühen 15. Jh., war das einst blühende Tyrus nach dem Zeugnis des burgundischen Reisenden Bertrandon de la Broquière (1432) jedoch nicht mehr als ein Haufen Ruinen.

S. Schein