POITOU
Lexikon des Mittelalters:
********************
Poitou
---------
Ehemalige Grafschaft, Landschaft in West-Frankreich.
I. Territorialentwicklung:
Am Ende der Antike war die 'civitas Pictavorum' (mit ihrem Vorort
Poitiers) die ausgedehnteste der sechs Civitates der Aquitania II
(Aquitanien). Begrenzt durch die Küste der südlichen Bretagne
und des Anjou, umfaßte sie den Bereich des gesamten linken Ufers
der Loire vom Fluß Layon an; im Süden reichte sie bis zu den
Sümpfen der Sèvre und dem Forst von Argenson; im Osten und
Norden wurde die Grenze durch die beiden Ingrandes markiert. 851 wurde
der Pagus von Retz aus dem Poitou herausgelöst und dem
Fürstentum Bretagne zugeschlagen; am Ende des 10. Jh.
erfolgte die Abtretung der Mauges an die Grafen von Anjou (Angers), die
auch die Lehnshoheit über Loudunais und Mirebalais errangen. Im
südlichen Bereich dehnte sich das Poitou bis Aulnay aus,
während Ruffec im frühen 11. Jh. an das Angoumois
(Angoulême) fiel. Im Osten erstreckte sich das Poitou bis
Bourganeuf und schloß die Vicomté Rochechouart ein,
reichte aber über Le Blanc nicht hinaus. Seit Mitte des
10. Jh. schob sich die Grafschaft Marche mit dem Zentrum Charroux
zwischen Poitou und Limousin (Limoges). Zwischen Bretagne, Anjou und
Poitou bildeten sich Marken als Pufferzonen, in denen die Herrschaft
geteilt war.
II. Früh- und Hochmittelalter:
Die Grafen von Poitou:
507 schlug der König der Franken,
Chlodwig,
den arianischen Westgoten-König Alarich II. bei
Vouillé. Der Herzog von Aquitanien rief 732 den fränkischen Hausmeier Karl Martell
zu Hilfe, um bei Poitiers die aus Spanien vordringenden Muslime
zurückzuschlagen. 768 bemächtigte sich Pippin III.
des Poitou, das KARL
DER GROSSE einem fränkischen Grafen übertrug.
Der 839 zum Grafen ernannte Ramnulf war
Spitzenahn des mächtigen
Geschlechts, das (mit einer kurzen Unterbrechung von zehn
Jahren) bis 1137 die Grafschaft Poitou regieren sollte. Der westfränkische König Rudolf erkannte dem
Grafen von Poitou 928 den Titel des Herzogs von Aquitanien zu. Im
Verlauf von zwei Jahrhunderten folgten acht Grafen von Poitou (bzw.
Herzöge von Aquitanien) mit dem
Leitnamen Wilhelm aufeinander.
Es regierten:
Wilhelm I. (III.) Werghaupt (935-963)
Wilhelm II. (IV.) Eisenarm (963-ca. 995), Schwager von Hugo Capet
Wilhelm III. (V.) der Große (um 995-1030), dem die Kaiserkrone
angeboten wurde
seine vier Söhne:
Wilhelm IV. (VI.) d. Dicke (1030-38)
Eudo (1038-39)
Wilhelm V. (VII.) (1039-58)
Wilhelm VI. (VIII.) (Gui-Geoffroi-Guillaume) (1058-86), der Sieger von
Barbastro
Wilhelm VII. (IX.) (1086-1126), der erste der Trobadors
Wilhelm VIII. (X.) (1126-37).
Diese Dynastie herrschte, quasi »königgleich«,
über ein Fürstentum, dessen Blüte nicht zuletzt durch
zahlreiche bedeutende romanische Bauwerke bezeugt wird. Dem Grafen
unterstanden mehrere Vicecomites (Thouars, Aulnay, Châtellerault,
Brosse, Bridiers, Rochechouart). Mit der Errichtung zahlreicher Burgen
im 10. und 11. Jh. wurde die karolingische
Institution der Vikarie (um die 60 Vikarien im Poitou) abgelöst
durch eine neue Organisation der Kastellanei. Der Graf kontrollierte
unmittelbar das südliche Poitou durch seine Burgen Niort, Fontenay-le-Comte, Maillezais, Talmont; der Nordteil stand dagegen
unter der Herrschaft des Vizegrafen von Châtelleraut, das Gebiet
östlich der Dive unter Kontrolle des Vizegrafen von Thouars. Seit
Beginn des 11. Jh. bildete sich das Gewohnheitsrecht (Coutume) des
Poitou aus. Das Netz der mittleren städtischen Zentren (Niort, La
Roche-sur-Yon, Châtellerault, Montmorillon, Parthenay, Bressuire,
Fontenay-le-Comte und andere) entstand zwischen dem Ende des
10. Jh. und dem Ende des 11. Jh.
III. Unter der Herrschaft der
Plantagenêt und Kapetinger:
Die Erbtochter Wilhelms VIII.,
Eleonore,
brachte 1137 Poitou und Herzogtum Aquitanien in die Ehe mit Ludwig VII., König von Frankreich, ein.
Nachdem die Ehe 1152 gelöst worden war, kam Eleonores
Territorialbesitz an ihren zweiten
Gemahl, Heinrich (II.) Plantagenêt,
der 1154 König von England wurde (Angevinisches Reich). Unter Heinrich II.
und seinem Sohn Richard Löwenherz, Graf von Poitou seit 1169, König von England 1189-99, war
das Poitou fest in der Hand des Hauses
Plantagenêt. Richards
Bruder Johann,
1199 König geworden, fügte der bereits bestehenden Kommune
von Poitiers die Kommune Niort hinzu (nach dem Vorbild der
Établissements de Rouen). 1204 ging Poitiers an Frankreich
verloren. Im Zuge des Konflikts zwischen Plantagenêt und
Kapetingern
nahm König Ludwig VIII. von Frankreich 1224
Niort und den Rest des Poitou ein. Ein von den Lusignan entfesselter Aufstand des
Adels (1241-42) wurde von König Ludwig IX. niedergeschlagen;
1258-59 setzte der Vertrag von Paris den Schlußpunkt unter ein
Jahrhundert der Feindseligkeit zwischen Kapetingern
und Plantagenêt.
Die Grafschaft Poitou wurde 1241-71 regiert vom jüngeren Bruder König Ludwigs IX., Alfons von Poitiers,
einem peinlich auf Sparsamkeit bedachten, rigorosen Verwalter. Nach Alfons' Tod kam das Poitou an die
Krone. Die Krondomäne erreichte ihre volle Ausdehnung; sie
umfaßte neben Poitiers und Niort auch St-Maixent und
Montreuil-Bonnin (1242), Fontenay-le-Comte (1246), Montmorillon (1281),
Lusignan (1308), Cioray, Melle und Chizé (1350).
Die ersten Jahre des Hundertjährigen Krieges waren
verhängnisvoll. Nach der Katastrophe von Poitiers (1356)
mußte
Johann der Gute im Vertrag von Brétigny und Calais (1360)
das Poitou an England abtreten. Karl V. trieb
jedoch 1372-73 die militärische Rückeroberung voran;
1372-1416 gehörte das Poitou zur Apanage des Herzogs Jean de Berry. Der 1418
aus Paris vertriebene Dauphin Karl (VII.) machte Poitiers und Bourges zu
den Verwaltungssitzen seines Exil-Königreiches (bis 1436). Der
französische Sieg von Castillon (1453) setzte der englischen
Bedrohung des Poitou ein Ende.
IV. Verwaltung und Wirtschaft:
Gründete sich die Grafengewalt auf das Lehnswesen
(Lehnseidleistung in der mit Statuen der großen Vasallen
ausgestatteten Tour Maubergeon des gräflichen Palasts zu
Poitiers), so war die Herrschaftsausübung seit dem 13. Jh.
von der Institution der königlichen Sénéchaussée (Seneschall)
geprägt. Der im Grafenpalast residierende Seneschall, dem als
wichtigste Helfer ein lieutenant
général und mehrere lieutenants particuliers
(lieutenant) und zur Seite standen, übte im Namen des Königs
Justiz, Verwaltung und Finanzverwaltung in der Krondomäne aus. Die
sekundären Zentren des Poitou, Niort, Fontenay-le-Comte und
Montmorillon, stiegen rasch zu eigenen Verwaltungssitzen auf (1461
Gerichtshof in Niort). Die königlichen Beamten sicherten durch den
Ausbau der Zentralinstitutionen die Ausdehnung der königlichen
Autorität auf die Provinz.
Durch den Hundertjährigen Krieg wurde der Übergang zu einer
Monarchie moderner Prägung, die über festes Steueraufkommen
und stehendes Heer verfügte, vorangetrieben (Bestreitung des
Lösegeldes für König Johann nach der Schlacht
von Poitiers, 1356: außerordentliche Finanzen, Taille, Aides).
Der neue Fiskalbezirk der Élection des Poitou, der sich aufgrund
der erhaltenen fünfzehn Steuerroteln kartographieren ließ,
umfaßte ein Gebiet von ca. 23000 km² und leistete als
größter, ertragreichster Steuerbezirk des Königreiches
Frankreich ca. 7% des Gesamtaufkommens der Taille. Der Seneschall hatte
die Gerichtsbarkeit über die Krondomäne inne,
Appellationsgerichtsbarkeit dagegen im gesamten Poitou. Die
Élection kannte dagegen keine feudalen oder jurisdiktionellen
Sonderrechte mehr: Alle Pfarreien wurden hinsichtlich der
königlichen indirekten Steuern gleichermaßen herangezogen.
Das Poitou war nur mehr eine Provinz unter mehreren in einer Monarchie
mit gesicherter Autorität.
Die Wirtschaft des Poitou trug durchweg traditionelle Züge,
wichtige Produkte waren Salz, Weizen, Wein, Leder und Tuche (draps de
Poitou). Ihr Aufschwung wurde gehemmt durch das Fehlen nahegelegener
großer Absatzmärkte, den Mangel an Binnenschiffahrtswegen
und den geringen Unternehmungsgeist der Kaufleute der Region.
Wirtschaftliche Dynamik prägte lediglich die außerhalb des
Poitou gelegene Hafenstadt La Rochelle.
R. Favreau