ORSINI
Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 1480
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Orsini
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Grafen von Kephallenia, Zakynthos und Ithaka
(1194-1325)
und Herrscher von Ep(e)iros (1318-1359)
Die 1185 von den Normannen eroberten Inseln
Kepahllenia,
Ithaka und Zakynthos fielen1194 an Graf Maio Orsini, der
zunächst
unter der Oberherrschaft Siziliens stand, 1209 Venedig einen Treueid
leistete
und schließlich wieder FRIEDRICH II.
als Lehnsherrn anerkannte. 1236 wurde Maio (oo Anna,
Schwester Theodors I. von Ep(e)iros)
Vasall Wilhelms II. von Achaias.
Ihm folgte von 1238-1303 sein Sohn
Riccardo (1297-1300 auch Bailo von Morea). 1318 ermordete Riccardos
Enkel Niccolo Orsini seinen Onkel Thomas
von Ep(e)iros und heiratete dessen Witwe Anna
(Tochter Michaels IX.
1323
wurde er von seinem jüngeren Bruder Johannes ermordet,
der,
wie Niccolo, von Byzanz den Despotes-Titel erhielt und Anna,
die Tochter des Protobestiarios
Andronikos Palaiologos
heiratete. Da Johannes Orsini eine angiovinische
Oberherrschaft über Epe)iros ablehnte, entzog ihm Philipp
von Tarent 1325 die Herrschaft
über die Ionischen Inseln. 1336/37 wurde Johannes von
seiner
Gemahlin ermordet, die bis zur byzantinischen Annexion Ep(e)iros‘ 1337
für ihren Sohn Nikephoros
II. (Dukas) regierte.
Orsini (de filiis Ursi, de Ursinis, Ursinis)
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Römische Familie, erstmals Ende des 12. Jh. belegt
(»filii Ursi«) als Häupter der stadtrömischen
Partei, die den Papst bekämpfte. Als Neffen Coelestins III. (1191-98) sind sie Mitglieder der
stadtrömischen Familie BOVESCHI
(BOBONI). Dem Verfasser der
Gesta Innocentii III. zufolge war ihr Widerstand gegen den neuen Papst
- im Gegensatz zu der Haltung der Consorterie, der sie entstammten -
von der Furcht diktiert, die Kastelle zu verlieren, die sie von der
Kirche zum Pfand erhalten hatten. Der Zeitpunkt, an dem die »filii Ursi« eine eigene
Familienidentität gewannen und ihren ersten politischen Aufschwung
erlebten, ist jedoch etwas später anzusetzen. In den 40er Jahren
des 13. Jh. bekleideten Nachkommen des »Ahnherrn« Orso, vor allem dessen Enkel Matteo Rosso I., Sohn des Giangaetano, und dessen Söhne Gentile und Napoleone mehrmals das Senatorenamt.
Die Monopolisierung des Senatorats wurde für den neuen
städtischen Adel, zu dem die Familie
»de filiis Ursi« nach der Mitte des
13. Jh. gehörte, zum Vehikel des politischen Aufstiegs. Eine
entscheidende Wende in der Geschichte der Familie bedeutete in den
letzten Jahrzehnten des 13. Jh. ihre Parteinahme für das
Papsttum in der Zeit des Niedergangs der STAUFER in
Italien und der Machtergreifung der ANJOU im
Königreich Neapel. Durch die Ernennung eines der Söhne von Matteo Rosso, Giangaetano, zum Kardinal. (* ca.
1224, † 1280) durch Innozenz IV. (1244) entstand eine
direkte Verbindung der Familie mit der Kurie. Giangaetano, 33 Jahre Mitglied des
Kardinalskollegiums und enger Mitarbeiter von drei Päpsten,
bestieg 1277 selbst als Nikolaus III.
den päpstlichen Thron. Von diesem Zeitpunkt an bis zur Mitte des
15. Jh. sollte (ausgenommen eine Zäsur von 10 Jahren) stets
mindestens ein ORSINI im
Kardinalskollegium vertreten sein. Der große Einfluß, den Kardinal Giangaetano rasch innerhalb
seiner Familie gewann, trug entscheidend dazu bei, daß diese sich
stark in der päpstlichen und anjoufreundlichen
Politik engagierte, was für ihren Machtzuwachs und für die
Gewinnung eigener Territorien folgenreich sein sollte.
Allerdings galt dies nicht für die gesamte Familie ORSINI, die seit 1244-66
ihren Besitz auf zwei Linien aufgeteilt hatte:
die Vettern des Kardinals Giacomo,
Sohn des Napoleone und seine
Söhne traten vermutlich aus territorialpolitischen Gründen
(ihre Kastelle in Tivoli lagen in der Nähe der Grenze des
Königreiches Sizilien) auf die Seite der STAUFER Manfred
und Konradin.
Nach dem Sieg der ANJOU
verfolgten die ORSINI jedoch
wieder eine gemeinsame politische Linie. Die neue Lage in Mittel- und
Süd-Italien gab den ORSINI wie
anderen großen römischen Familien Gelegenheit, auch
außerhalb der gewohnten Grenzen Machtgewinne zu erzielen. Den
guten Beziehungen zwischen den Päpsten und Karl von Anjou kann
zugeschrieben werden, daß die Neffen
Kardinals Giangaetano, vor allem Bertoldo, Sohn des Gentile, eine starke
Position am Hof der ANJOU
errangen. Bertoldo wurde zur
Unterstützung der Guelfischen Liga in die Toskana entsandt und
wahrte einen beständigen Einfluß im Königreich Neapel.
1293 vermählte dessen Sohn
Gentile mit Unterstützung Karls II. seinen Sohn Romano († 1326) mit Anastasia, Tochter des Guido von Montfort und der Margherita Aldobrandeschi, der Erbin der reichen Grafschaft Nola.
Während des Pontifikats von Giangaetano
wurde für seinen anderen Neffen
Orso, Sohn des Gentile,
im Viterbese eine Herrschaft errichtet.
In größerer Unabhängigkeit von Rom, jedoch ebenfalls
gestützt auf die Macht der Familie innerhalb der Kurie und der
Stadt, entwickelte sich die Herrschaft der dritten Linie der ORSINI, das
heißt der Nachkommen der STAUFER-Anhänger.
Seit dem Beginn des 14. Jh. hatten diese Lehnsbesitz in der
abruzzischen Marsia und Allodialgüter im Gebiet von Tivoli. Vor
der Mitte des 14. Jh. beherrschte dieser Zweig der Familie ein
Gebiet zwischen dem Territorium Roms und dem Fucinosee, das durch
Mischbesitz (Allode und Lehen, Kastelle und kleine Burgsiedlungen) und
Grenzlage gekennzeichnet war.
Zwischen der Mitte des 13. und den ersten Jahrzehnten des 14. Jh.
hatte die Familie ORSINI,
gestützt auf ihre Position an der Kurie, die Grundlage zu ihrer
künftigen Macht gelegt, indem es ihr gelang, in Gebieten Fuß
zu fassen, die politisch von Rom und von Neapel abhingen. Trotz der
Machteinbuße der Kurie im Lauf des 14. Jh. in Italien und in
Rom und des Niedergangs der ANJOU in
Neapel gelang es den ORSINI,
ihre erreichten Positionen auch in den ersten Jahrzehnten des
14. Jh. zu bewahren und zuweilen auch weiter auszubauen. Dies ist
wesentlich Kardinal Napoleone († 1342)
zu verdanken. Sohn des Rinaldo
und der Ocilenda (Boveschi?) und Enkel des Matteo Rosso, erhielt Napoleone 1288 von Nikolaus IV. den Kardinalspurpur. Er
nutzte seine häufigen Aufenthalte als päpstlicher Legat in Italien
zur Reorganisation des mittleren Patrimonium S. Petri zum Vorteil
der ORSINI und
verbündeter stadtrömischer Familien. Zu diesem Zweck
unterstützte er die Politik des Königs von Aragón und
versuchte, die Kontrolle über das italienische Territorium durch
Verstärkung oder Gründung von Herrschaftskernen der ORSINI zu gewinnen. Dieses System
konnte jedoch nur solange funktionieren, als der Druck der
römischen Familien auf das Patrimonium S. Petri nicht zu
stark wurde. Als Napoleone
1342 starb, hatten zwar seine nächsten Familienangehörigen
einen beträchtlichen Zuwachs an Macht und Vermögen erreicht,
aber das System, Mittel-Italien durch einen Teil des römioschen
Adels zu kontrollieren, fand nie endgültige Verwirklichung. Der
Tod Napoleones fiel mit einem
Strukturwandel in der Leitung der Familie zusammen. In der ersten
Hälfte des 14. Jh. war die kirchliche Orientierung der ORSINI zurückgetreten, und
infolge ihres Landbesitzes und ihrer militärischen Stärke
wurden einflußreiche Mitglieder der Familie aus dem Laienstand zu
Leitfiguren des jeweiligen Zweiges der ORSINI.
Im Lauf des 14. Jh. hatte sich die Familie zu einem Clan
entwickelt und gliederte sich in mehrere Zweige, die an Reichtum und
Adel differierten. An der Spitze standen jene ORSINI, die im Königreich
Neapel-Sizilien Feudalherren waren, sie bildeten für ihre weniger
mächtigen Verwandten Bezugs- und Leitfiguren, vermutlich, da ihre
Macht sich auf eine gefestigte territoriale Basis stützte. Unter
ihnen ragten die Herren von Vicovaro und Tagliacozzo hervor:
Orso († 1360), Sohn des Giacomo, und vor allem sein Sohn Rinaldo (* ca. 1347, † 1390).
Orso hatte die
Herrschaftsgebiete seiner Familie stark erweitert und seine Macht
sowohl im Gebiet von Rom als auch im Königreich ausgebaut: er
stand im Dienst
Johannas I., die ihn mehrfach mit Steuerprivilegien belohnte.
Auch in der stadtrömischen Politik aktiv - vor dem Regiment des Cola di Rienzo war er Senator
gewesen -, hatte Orso seinen
Söhnen reiche Besitzungen und ein stabiles politisches Erbe
hinterlassen. Sein Sohn Rinaldo trat während des
Krieges, den Gregor XI. gegen
Florenz führte, als Söldnerführer in den Dienst des
Papstes und war seit 1376 päpstlicher
Rektor des Dukats Spoleto. Papst Urban VI. zwang ihn jedoch aus
Mißtrauen (da sich Rinaldos
Bruder, Kardinal Giacomo
[† 1379] mit dem Gegen-Papst Clemens VII.
verbündet hatte) 1379 zur Aufgabe seines Amtes. Wenige Monate
danach schloß Rinaldo
sich mit seinen Kompanien und gestützt auf seine an der Grenze
gelegenen Herrschaften dem Bündnis gegen Urban VI. an. Daraufhin erhob Königin Johanna seine verstreuten
Lehen zur Grafschaft Tagliacozzo. Trotz seiner Parteinahme für Clemens VII. und Ludwig von Anjou,
den künftigen Erben Johannas,
betrieb Graf Rinaldo in
seiner Kriegführung eine eigenständige Politik. Seine
Feldzüge wurden mit dem Geld, das er in Avignon und Nord-Italien
zur Unterstützung Ludwigs von Anjou
gesammelt hatte, finanziert, und waren bis 1389 von Erfolg
gekrönt. In Mittel- und Süd-Italien hatte er sogar eine
persönliche Herrschaft errichtet: Spoleto, Narni und Corneto im
Patrimonium S. Petri, L'Aquila und die Grafschaft Tagliacozzo im
Königreich Neapel sowie Allodialgüter im Anienetal. Nach der Ermordung Rinaldos durch
Anhänger Karls
von Durazzo in L'Aquila (1390) zerfiel seine Herrschaft.
Die Schwierigkeiten bei der Rückkehr der Kurie nach Rom und das
Schisma hatten die Machtkonzentration des Papsttums verlangsamt und den
Einfluß, den die stadtrömischen Adelsfamilien im
Kirchenstaat besaßen, verstärkt. Bonifaz IX. und seine Nachfolger
versuchten, sich diese Realität zunutze zu machen, indem sie
Vertreter des Adels regelmäßig zu Condottieri beriefen und
sie durch die Vergabe von Lehen und Ernennung zu apostolischen Vikaren
an sich banden. Vor allem die weniger reichen und mächtigen
Mitglieder der Familie ORSINI
wurden in diesen Prozeß einbezogen. Der Zweig der Familie, der
kleine Kastelle zwischen der Via Salaria und der Via Flaminia
besaß und bis dahin im Vergleich zu anderen Linien des
Familienclans nur marginale Bedeutung hatte, konnte nun seinen
Einfluß steigern, da er Lehen und apostolischen Vikariate von den
Päpsten erwirkte. Um die Wende vom 14. zum 15. Jh. diente ein
Vertreter dieser Linie, Paolo,
Sohn des Giovanni, drei
Päpsten als Söldnerführer. 1405 erhielt ein anderes
Mitglied dieses Zweigs, Giordano,
Sohn des Giovanni († 1438) von Innozenz VII. die
Kardinalswürde. Auf den Konzilien in Pisa und Konstanz
präsent, päpstlicher Legatus
a latere in Basel, hielt der Kardinal seine starke Position in
der Kurie auch während des Pontifikats Martins V. (Oddone Colonna). Nach seinem
Eintritt in das Sacrum Collegium erhöhte sich signifikant die Zahl
der Lehensvergaben an seine Brüder. Als Giordano 1434 eigenhändig sein
Testament machte (unter anderem Schenkung seiner wertvollen Bibliothek
an S. Biagio alla Pagnotta und S. Pietro), schienen die
Mitglieder seiner Familie völlig in die römische Stadtpolitik
eingebunden. Nach der Mitte des 15. Jh., als die Kämpfe
zwischen den Faktionen ORSINI
und COLONNA sich zuspitzten,
standen seine Neffen Napoleone und Roberto, Sohn des Carlo (milites, Signoren
von Bracciano und nach der testamentarischen Verfügung des letzten
Grafen Erben der Grafschaft Tagliacozzo), an der Spitze des
Familienverbandes.
Der Spielraum für die Vertreter der Adelsfamilien hatte sich
nunmehr auf ein politisches Parteiengeplänkel verengt. Im letzten
Drittel des 15. Jh. stand ein
Sohn Napoleones, Gentile
Virginio († 1497), als
Söldnerführer im Dienst des Königs von Neapel, des
Papstes und Karls
VIII. von Frankreich. Als allgemein bewunderter Kriegsmann
versuchte er, seine Interessen Rom aufzuzwingen, wo er die colonnafeindliche Partei
stärkte. Auch am Hof von Neapel machte er seinen Einfluß
geltend, so daß er 1490 in den Adelsstand erhoben wurde. Die von Gentile Virginio im letzten
Jahrfünft des 15. Jh. durch den Erwerb der Grafschaft
Anguillara und von Gebieten an der Küste Latiums gegründete
Territorialherrschaft stieß auf den Widerstand der
Anrainerstaaten und Alexanders VI. Der
Papst veranlaßte Friedrich von
Aragón, dem ORSINI
die Grafschaft Tagliacozzo und Albe zu entziehen, und ließ ihn
vergiften.
F. Allegrezza