NESLE
Lexikon des Mittelalters:
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Nesle, Herren von (Seigneurs de)
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Französische Adelsfamilie der Picardie, aus der Grafschaft
Vermandois (Stammsitz Nesle, dép. Somme, arr. Péronne),
die nach 1200 im Königsdienst zu einer der führenden
baronialen Familien (Baron) aufstieg. Das
erste bekannte Mitglied, Ives
(Ivo), ist 1076 als Zeuge einer
Urkunde des Grafen von Vermandois, 1085 als Mitunterzeichner eines
Königsdiploms belegt. Seine glänzende Heirat mit einer Tochter der Grafen von Soissons, Adele († 1105), und des Grafen von Eu, Wilhelm Busac (der von den
Herzögen von Normandie abstammte), verhalf dem Geschlecht zu hohem
adligen Rang und bestimmte seinen weiteren Aufstieg. Der Sohn Raoul (Radulf) († um
1132), der der Entourage der Grafen von Vermandois
angehörte, war mit zwei Abteien in Soissons verbunden
(Güterschenkungen in der Gegend von Nesle) und wandte sich durch
seine Heirat der Grafschaft Flandern zu. Die entscheidende Phase des
Aufstiegs vollzog sich jedoch in der nächsten Generation:
Ives II. († 1178), der älteste der vier Söhne Raouls,
erbte um 1141 die Grafschaft Soissons,
die er vom Bischof von. Soissons
zu Lehen hielt, und hatte eine wichtige Position in der regionalen
Politik inne: Oft in der Nähe des Königs (1155
königliche Versammlung in Soissons), war er ein umworbener
Bündnispartner der Fürsten Nord-Frankreichs (so 1143 des
Grafen von Champagne, der im Konflikt mit dem König stand),
zeichnete sich auf dem 2. Kreuzzug aus und wurde nach dem Tode des Grafen von Vermandois, Raouls des
Älteren († 1152),
zum Vormund der drei hinterbliebenen Töchter berufen
(er verheiratete sie mit Mitgliedern der Grafenhäuser von Flandern
und Hennegau). Ives' Ehe (mit Yolande von Hennegau) blieb kinderlos. Von
seinem umsichtigen politischen Wirken zeugen 60 Urkunden.
Das späte 12. Jh. war eine Periode der Rückschläge.
Die Grafschaft kam an Conon († 1180 ohne Nachkommen), einen Neffen von Ives II. (Sohn von dessen Bruder Raoul, † ca. 1160). Conon besaß auch die von
seinem Vater ererbte Burggrafschaft
von Brügge. Nach seinem Tode wurde der Besitz des Hauses
unter den beiden Bründern
geteilt:
Raoul († 1235) erhielt die Grafschaft
Soissons und wurde Begründer
einer neuen Dynastie; die übrigen Territorien (Seigneurie
Nesle, Burggrafschaft Brügge) kamen an Jean I. († 1197/1200), dessen Leben im
dunkeln liegt. Dessen Sohn und
Nachfolger, Jean II. († 1240 ohne Nachkommen), war
Vertrauter des Grafen von Flandern, befehligte dessen Flotte (Akkon
1203/04) und zählte nach dem Tode Balduins IX.
(1205) zu den führenden Parteigängern Frankreichs in
Flandern. 1212 vom Grafen Ferrand von
Portugal exiliert, wurde er 1214, nach der Schlacht von Bouvines
(an der Jean auf
französischer Seite teilnahm), auf Betreiben König Philipps II. August
in Flandern restituiert (Sitz im
gräflichen Rat, zeitweise Bailli von Flandern und Hennegau),
hatte aber als bevorzugter Lehnsmann Frankreichs einen schweren Stand,
verließ daher 1224 Flandern und verkaufte die Burggrafschaft
Brügge an Gräfin Johanna. Von nun an
wurden die Geschicke der Herren von Nesle gänzlich von ihrer Rolle
als führende Königsdiener bestimmt. Jean II. lebte in Paris, besuchte
häufig den Hof, nahm 1226 am Albigenserkreuzzug teil, zählte
zu den zwölf Großen, die zur Krönung des jungen Ludwig IX.
luden (1226), und geleitete die Braut des Königs, Margarete von
Provence, an den französischen Hof (1234). Durch die Wahl
seiner Grablege in einem von ihm 1202 gestifteten Frauenkloster
(Francheabbaye, dép. Oise, arr. Compiègne) betonte Jean II. aber auch seine
regionalen, pikardischen Wurzeln.
Sein Erbe trat der Neffe Simon
'von Clermont' († Februar 1286) an (Clermont, Simon de), wie sein Onkel ein sehr
einflußreicher Ratgeber der französischen Monarchie, dessen
Laufbahn durch die zweimalige Ernennung zum »Regenten« des Reiches
(1270,1285) ihren Höhepunkt erfuhr. Sein Sohn, Raoul II. von Clermont (gefallen
1302 bei Kortrijk) war Connétable
de France (Clermont, Raoul de). Ebenfalls in der
»Goldsporenschlacht« fiel Simons
jüngerer Sohn, Gui I.,
der, seit 1296 Maréchal de
France, in Flandern Krieg führte. Aus Guis 1. Ehe mit Marguerite de Thourotte, Dame d'Offémont (dép. Oise,
arr. Compiègne), gingen fünf Kinder hervor. Der
älteste, Jean, Seigneur d'Offémont († 25. Mai 1352, = Coelestinerkloster
Offémont, von ihm 1331 gestiftet), war Maréchal de France
und wichtiger königlicher Ratgeber (vor allem in den Jahren
1345-46, unter anderem Chambre des Comptes, Conseil secret du roi). Zwei seiner Söhne, Gui II., Maréchal de France (gefallen
14. August 1352 bei Moron), und Guillaume
(gefallen 19. September 1356 bei Poitiers), fielen im Kampf.
L. Morelle