Lexikon des Mittelalters: Band VI Spalte 802
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Montfort
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Große französische und anglonormannische Adelsfamilie
I. DIE MONTFORT IM 11. UND 12. JAHRHUNDERT
Belegt seit dem 11. Jh., gehörten die MONTFORT
dem normannischen Adel an. Ihre Besitzungen befanden sich jedoch in
Grenzlage;
sie erstreckten sich vom Stammsitz Montfort-l’Amaury bis
in die
Umgebung von Rambouillet, ca. 50 km südwestlich von Paris.
Lehnsleute der Herzöge
von Normandie, doch Nachbarn der Könige von Frankreich, gelang es
den MONTFORT zumeist, mit diesen in gutem Einvernehmen zu
leben.
Simon
I. von Montfort trat hervor in Zusammenhang mit der Affäre um
seine Tochter Bertrada, die als Gemahlin
Fulcos IV., Grafen von Anjou, 1092 von König
Philipp I. von Frankreich entführt und zur Königin
gemacht wurde. Simon II. blieb stets loyaler Gefolgsmann des
französischen
Königs, für den er 1098 Paris gegen Wilhelm
Rufus, König von
England, und dessen Anhang verteidigte.
Im Gegenzug belagerten die Anglonormannen die Burgen Montfort
und
Epernon.
Simons
II. Sohn, Amauri III., hatte dagegen lange Zeit ein
kühles
Verhältnis zu König Ludwig VI.,
um sich später, nach dem Vorbild des Vaters, an den
KAPETINGERN
zu binden. Er war in die Feindseligkeiten gegen Heinrich
I. von England verstrickt und führte Krieg zugunsten
des
englischen
Thronprätendenten Wilhelm Clito. 1112
gründete er,
im Einvernehmen mit Ludwig VI., das
Kloster Hautes-Bruyeres als Grablege des Hauses. Simon III. (†
1181),
Nachfolger Amauris III., führte eine geschmeidigere
Politik,
unter Ausnutzung der Schwäche Ludwigs VII.
Dank der Gunst des KAPETINGERS
konnte
er zunächst die Grafschaft Evreux erwerben. Nach dem Tode
seiner
ersten Gemahlin wandte er sich jedoch (durch seine Heirat mit
Amicia
von Leicester) England zu und führte 1171-1173 Krieg gegen Ludwig
VII. Die ältere Linie der MONTFORT,
repräsentiert
durch Amauri IV., war natürlicher Erbe der Grafschaft
Evreux.
Dennoch ging Amauri IV. überraschend zur englischen Seite
über,
heiratete die Erbin der
Grafschaft Gloucester und verließ
seinen König, Philipp
August,
der die Grafschaft Evreux an sich zog.
II. SIMON VON MONTFORT UND DER ALBIGENSERKREUZZUG
Beherrschende Gestalt des Albigenserkrieges war
Simon
IV. (* 1165,
† 25. Juni 1218), Graf von
Toulouse (seit 1215). Als älterer
Sohn der Amicia an der Spitze der jüngeren
Linie der MONTFORT,
trat das Erbe auf den französischen Besitzungen an, während sein
jüngerer Bruder Gui mit der Burg Bretencourt abgefunden
wurde. Simon und Gui nahmen 1199 das Kreuz (4.
Kreuzzug).
Von nun an stellte sich Simon trotz vieler Schwierigkeiten mit
Beharrlichkeit
in den Dienst der Politik Innozenz‘
III. In Venedig konnte er (wie
zahlreiche
andere Kreuzfahrer) die hohen Transportkosten nicht aufbringen und fand
erst in Barletta die Mittel zur Überfahrt ins Heilige Land, wo er
über ein Jahr lang gegen die Muslime kämpfte. In seine
französische
Stammlande zurückgekehrt, lebte er als angesehener Adliger, der
durch
seine glückliche Ehe mit Alice de Montmorency Aufnahme in
die
Entourage des Königs gefunden hatte.
1209 folgte Simon dem Aufruf dem Aufruf des
Papstes
zum Albigenserkreuzzug, zu dem er auf Bitte des Herzogs von Burgund in
Begleitung seines Bruders Gui und des Abtes (und Chronisten) Pierre
des Vaux-de-Cernay aufbrach. Die Kriegsführung, vor allem
die Belagerung
von Carcassonne, zeigen Simons militärische
Fähigkeiten.
Entgegen den idealisierenden Zügen, mit denen ihn sein Chronist
ausstattete,
war sein Vorgehen rücksichtslos und grausam, doch konnte er sich,
wenn es die Situation erforderte, auch kompromißbereit verhalten
(Politik gegenüber Narbonne). Wieweit er staatsmännische
Begabung
besaß, bleibt dahingestellt, doch verstand er es, nach seiner Ernennung
zum Grafen von Toulouse einen funktionsfähigen Rat
aufzubauen. Möglicherweise
konnte er seine Macht als neuer Graf dank einer Konsolidierungsphase
festigen.
Doch gefährdete er seine Situation bald durch militärische
Abenteuer:
Anstatt den Kreuzzug voranzutreiben, strebte er danach, dem ihm
mitverliehenen
Titel eines Markgrafen der Provence durch einen Feldzug ins
Rhonetal
Realität werden zu lassen, ließ sich Anfang 1216 die Burg Beaucaire
vom Erzbischof von Arles verleihen, scheiterte aber am Widerstand der
im
Comtat-Venaissin zahlreichen Anhänger des Grafenhauses von SAINT-GILLES.
Durch diesen Fehlschlag litt Simons Ansehen erheblich;
Toulouse
erhob sich und wurde mit harter Hand gezüchtigt. Wohl zwecks
Hebung
seines Ansehens veranstaltete Simon anschließend einen
Zug
durch die Pyrenäengebiete (November 1216 Heirat seines Bruders Gui
mit der Erbtochter der Grafschaft
Bigorre). Trotz der ernsten Lage im Languedoc
marschierte Simon erneut gegen die Provence; der vertriebene
Graf
von Toulouse, verbündet mit dem Grafen von Comminges und
zahlreichen
Anhängern im Lande, nutzte die Abwesenheit aus, um Toulouse
zurückzugewinnen
und verteidigungsbereit zu machen.
Simon belagerte die Stadt seit
Oktober 1217 und starb am 25. Juni 1218 durch einen Stein, der
von
den Tolosaner Frauen aus einer Schleudermaschine angschossen wurde.
Sein Sohn und
Nachfolger Amauri hob am 25. Juli
die Belagerung auf und zog sich nach Carcassonne zurück. Ohne das
Format des Vaters, verließ er nach einigen meist erfoglosen
militärischen
Operationen und dem Tod seines Bruders Gui am 15. Januar 1224
endgültig
Carcassonne, trat seine Rechte an König Ludwig
VIII. ab und lebte fortan auf seinen nordfranzösischen
Gütern, bei Hofe wohlgelitten (Ernennung zum Connetable
durch
Blanca
von Kastilien). Er starb 1241 in Otranto bei der
Rückkehr
von einer Orientfahrt. Dagegen setzte sein
Onkel, Gui, der die Lehen
Castres und Lombers behielt, den Kampf im Languedoc fort und fiel 1227
oder 1228. Er hatte noch die Einsetzung seines Sohnes Philippe
(†
1270) als Erbe durchgesetzt; dieser wurde zur dominierenden
Persönlichkeit
des Königreiches Jerusalem. Unter den Söhnen Simons bewies
staatsmännisches Profil einzig Simon der Jüngere, der
in England zum bedeutendsten Repräsentanten der baronialen
Opposition
wurde.
III. MONTFORT UND BRETAGNE
Seit dem späten 13. Jh. stand die Herrschaft
Montfort
infolge
der Heirat Herzog
Arthurs II. (1294,
in 2. Ehe) mit Yolande de Monfort mit dem Herzogtum Bretagne
in
enger Verbindung. Der Sohn des Herzogs,
Jean
wurde Herr von Montfort. In Ermangelung direkter Nachkommen
designierten
Herzog
Jean III. (1312-1341),
der älteste Sohn Arthurs
II. aus dessen 1. Ehe, seine Nichte
Jeanne de Penthievre (oo
Karl von Blois, Neffen des
Königs
von Frankreich) zur Erbin. Dagegen proklamierte sich Jean
de Montfort als einziger männlicher Erbe 1341 zum
Herzog.
Er fand natürlicherweise die Unterstützung Englands; der
„Bretonische
Erbfolgekrieg“, ein verheerender Seitentrieb des Hundertjährigen
Krieges,
begann. Nach dem Tod Jeans (1345)
konnte
sich dessen Sohn, unterstützt von zahlreichen Anhängern, in
langen,
wechselvollen Kämpfen als legitimer Herzog (Jean
IV.) durchsetzen
und 1364-1399 die Bretagne, wenn auch nie
unangefochten,
regieren. Verlor die Herrschaft Montfort in dieser Periode
allmählicher
Sonderstellung, so wird doch das Herzogshaus der Bretagne bis zu
Franz II. (1458-1488) und
seiner berühmten Tochter Anna
zweimal
Königin von Frankreich) als Haus MONTFORT
bezeichnet.
Danach wurde die Seigneurie Montfort der französischen
Krone
einverleibt. Ein Gelehrter aus Carcassonne, Ch. Boyer, hat
festgestellt,
dass Herzogin
Anna im alten Stammland
der MONTFORT alle Spuren, die an
ihren
Vorfahren Simon de Montfort erinnerten, ausgetilgt hat.