Der vierte Kreuzzug (1198-1205)
Ende des 12. Jahrhunderts herrschte in Europa
Verwirrung.
Die Kaiserreiche waren führungslos, im Osten wie im Westen, das
normannische
Sizilien für immer untergegangen. Deutschland zerfleischte sich in
Bürgerkriegswirren über die Frage der Nachfolge auf dem
Kaiserthron,
und England und Frankreich waren nach dem Tod von Richard
Löwenherz
im Jahre 1199 mit ähnlichen Problemen beschäftigt, wenn sich
diese auch weniger gewalttätig äußerten. Von den
Leuchten
der Christenheit war nur einer Herr der Lage, nämlich Papst Innozenz
III., der den päpstlichen Thron 1198 bestiegen und
unverzüglich
einen weiteren Kreuzzug angekündigt hatte. Der Mangel an
gekrönten
Häuptern, welche diesen hätten anführen können,
beunruhigte
ihn nicht. Frühere Erfahrungen hatten gezeigt, dass Könige
und
Fürsten, die - und das taten sie in schöner
Regelmäßigkeit
- nationale Rivalitäten und endlose Streitereien über Vorrang
und Protokoll anzettelten, sich eher als Last denn als Nutzen erwiesen.
Ein paar bedeutende Adlige würden seinem Zweck daher viel
trefflicher
dienen. Innozenz war noch
dabei, sich nach geeigneten Kandidaten umzusehen,
da erhielt er einen Brief des Grafen
Tibald von der Champagne.
Tibald war der
jüngere Bruder Heinrichs von der
Champagne, des Grafen
von Troyes, welcher seit seiner Heirat mit Amalrichs
Tochter Isabella
im Jahre 1192 bis zu seinem versehentlichen Sturz aus
dem Palastfenster in Akko 1197 das Königreich Jerusalem regiert
hatte,
ohne je zum König gekrönt worden zu sein. Tibald hatte Heinrich
nicht nach Palästina begleitet, doch als Enkel von Ludwig VII.
und
Neffe sowohl von Philipp II. August
als auch Richard
Löwenherz lag
ihm das Kreuzfahrertum im Blut. Er
war energisch und ehrgeizig, und als
der berühmte Prediger Fulk von
Neuilly, der Frankreich auf der Suche
nach Unterstützung für eine neue Expedition nach Osten
durchstreifte,
sich anläßlich eines Ritterturniers auf Ecri an der Aisne an
ihn und seine Bekannten wandte, sagte er sofort zu. Und nachdem er Papst
Innozenz die Nachricht gesandt hatte, dass er das Kreuz nehme,
kam kein
anderer Anführer mehr in Frage.
Es war allen klar, dass ein sehr schwieriges
Unterfangen
vor ihnen lag. Bevor er Palästina verließ, hatte Richard
Löwenherz
verlauten lassen, die größte Schwachstelle des
moslemischen
Ostens sei Ägypten, und zukünftige Feldzüge sollten
deshalb
dort ausgetragen werden. Das bedeutete, dass das neue Heer den Seeweg
wählen
mußte und eine Anzahl Schiffe benötigte, für die es nur
eine Quelle gab: die Republik Venedig. Und so traf in der ersten
Fastenwoche
des Jahres 1201 eine Gruppe von sechs Rittern, angeführt von Gottfried
von Villehardouin, Marschall
der Champagne, in
Venedig ein. Sie trugen
ihre Bitte anläßlich einer außerordentlichen
Zusammenkunft
des Großen Rates vor, und eine Woche später erhielten sie
die
Antwort: Die Republik Venedig werde die Transportmittel für 4.500
Ritter und deren Pferde, 9.000 Junker und 20.000 Fußsoldaten zur
Verfügung stellen sowie Nahrungsmittel für 9 Monate. Man
rechne
mit Kosten von 85.000 Silbermark. Dazu werde Venedig 50 voll
ausgerüstete
Galeeren auf eigene Kosten bereitstellen, unter der Bedingung, dass man
die Hälfte aller eroberten Gebiete erhalte.
Diese Antwort wurde Villehardouin
und seinem Anhang durch
den Dogen Enrico Dandolo
übermittelt. In der ganzen Geschichte Venedigs
findet sich keine verblüffendere Gestalt. Wie alt er war, als er
am
1. Januar 1193 auf den Dogenthron gelangte, läßt sich nicht
genau ermitteln; die Überlieferung besagt, er sei damals 85 und
bereits
erblindet gewesen, doch dies erscheint unglaubwürdig angesichts
der
Tatkraft - ja des Heldenmuts -, die er 10 Jahre später auf den
Mauern
von Konstantinopel an den Tag legte. Aber selbst wenn er 1193 erst
Mitte
70 war, hätte er den 4. Kreuzzug mit über 80 Jahren
mitgemacht!
Als ergebener, ja fast fanatischer Patriot stand er den
größten
Teil seines Lebens im Dienste Venedigs und gehörte 1172 der
Gesandtschaft
an, die sich im Rahmen der fehlgeschlagenen venezianischen
Friedensmission
zu Kaiser Manuel Komnenos begab.
Stammt der Verlust seines Augenlichts
aus jener Zeit? Seinem späteren Namensvetter, dem Chronisten Andrea
Dandolo, zufolge erbosten Enricos
Arroganz und Verstocktheit Manuel Komnenos
derart, dass er ihn verhaften und teilweise blenden ließ; nach
einer
zeitgenössischen und deshalb vielleicht zuverlässigeren
Quelle,
einem Anhang der Altino-Chronik, machte sich die nächste
venezianische
Gesandtschaft indes erst dann auf den Weg nach Konstantinopel, nachdem
die drei Botschafter der vorherigen sicher und unversehrt
zurückgekehrt
waren. Dies und was wir über Manuels
Charakter wissen, dazu der Mangel
an weiteren Hinweisen auf ein Vorkommnis, das in Venedig einen
Aufschrei
hätte hervorrufen müssen, falls es sich tatsächlich so
zugetragen
hätte, deuten darauf hin, dass die Schuld diesmal nicht
kaiserlicher
Mißbilligung zugeschoben werden kann. Nach einer weiteren Annahme
soll Dandolo während
seines Aufenthalts in Konstantinopel in eine
Keilerei verwickelt gewesen und in deren Verlauf an den Augen verletzt
worden sein. Dies erscheint in Anbetracht der in der Altino-Chronik
erwähnten
Umstände aber ebenfalls unwahrscheinlich, und schließlich
war
er damals alles andere als ein jugendlicher Raufbold, sondern ein
altgedienter
Diplomat um die 50. 30 Jahre später besteht zumindest am
Sachverhalt
jedoch kein Zweifel mehr. Gottfried
von Villehardouin, der ihn gut kannte,
versichert uns: "Er hatte schöne Augen im Kopf und konnte doch gar
nichts sehen, denn er hatte das Gesicht durch einen Hieb auf den Kopf
verloren."
Zum Glück für die Nachwelt berichtet Villehardouin
nicht nur ausführlich über den 4. Kreuzzug, sondern auch
über
die Verhandlungen, die ihm vorangingen. Niemand hätte sich besser
dazu geeignet, und wenige seiner Zeitgenossen hätten es besser
gekonnt.
Sein Stil zeichnet sich durch Klarheit und Flüssigkeit aus, und in
der Einleitung liefert er uns eine lebhafte Schilderung der
venezianischen
Demokratie in voller Aktion. Zunächst beriet sich der Doge Dandolo
mit dem großen Rat:
Dann versammelte er wohl 10 Tausend in der
Marcus-Kirche,
der schönsten, die es geben kann, und sagte ihnen, sie
möchten
eine heilige Messe hören und Gott bitten, sie über das Gesuch
der Botschafter zu berathen. [...] Als die Messe gelesen war, entbot
der
Doge den Botschaftern, sie sollten das ganze Volk demüthig
ersuchen,
dass es in den Abschluß dieses Vertrages willige. [...] Gottfried
von Villehardouin, der Marschall
von Champagne,
übernahm das Wort
nach Übereinkunft und dem Willen der andern Gesandten und sprach
zu
ihnen [...] Darauf warfen sich die 6 Gesandten unter vielen
Thränen
auf den Knieen, und der Doge und alle anderen brachen in Thränen
der
Rührung aus und riefen mit e i n e r Stimme, und streckten ihre
Hände
hoch, und sprachen: "Wir willigen ein! Wir willigen ein!" Da entstand
ein
so großes Geschrei und ein so großer Lärm, als ob die
Erde einstürzen sollte.
Tags darauf wurden die Verträge abgeschlossen. Villehardouin
vermerkt am Rande, dass man Ägypten in der Übereinkunft nicht
als unmittelbares Ziel erwähnte. Er gibt keine Erklärung
dafür
ab, doch dürften er und seine Mitverantwortlichen fast sicher -
und
mit gutem Grund, wie sich herausstellen sollte - befürchtet haben,
dass eine solche Nachricht bei den einfachen Soldaten kaum auf
Gegenliebe
stoßen würde; für diese bestand das
rechtmäßige
Ziel eines Kreuzzugs einzig in Jerusalem, und sie sahen keinen Grund,
anderswo
Zeit zu verlieren. Zudem bedingte ein Feldzug nach Ägypten eine
gefährliche
Landung an einer feindlichen Küste, ganz im Gegensatz zum
friedlichen
Ankerplatz im christlichen Akko und der Möglichkeit, sich von der
Reise zu erholen, bevor man in den Kampf zog. Auf dieses
Täuschungsmanöver
ging man auf venezianischer Seite gewiß sehr bereitwillig ein,
denn
auch dort galt es etwas zu verbergen. Soeben verhandelte nämlich
eine
venezianische Delegation in Kairo über ein äußerst
einträgliches
Handelsabkommen, und sie dürfte im Verlauf dieser Gespräche
eine
Garantie abgegeben haben, dass Venedig sich an keinem Angriff auf
ägyptisches
Hoheitsgebiet beteiligen werde.
Solche Erwägungen durften indes die Pläne
für
den Kreuzzug nicht beeinflussen, denn dieser konnte ja durchaus noch
größeren
Gewinn bringen. So kam man überein, dass sich alle Kreuzfahrer zum
Fest des Heiligen Johannes, am 24. Juni des Jahres 1202, in Venedig
einfinden
sollten.
Auf welche Weise genau Enrico
Dandolo gedachte, das fränkische
Kreuzfahrerheer von Ägypten abzubringen, werden wir nie erfahren.
Möglicherweise sorgten er und seine Agenten selbst teilweise
dafür,
dass sich die Ägyptenpläne im Westen so rasch herumsprachen;
sicher ist, dass diese in erstaunlich kurzer Zeit allgemein bekannt
waren.
Doch falls er gehofft hatte, dass die Reaktion in der Bevölkerung
auf diese Neuigkeit die Führung dazu bewegen könnte, ihre
Meinung
zu ändern, irrte er. Es waren vielmehr die Gefolgsleute, die sich
anders besannen. Viele sagten sich endgültig vom Kreuz los,
nachdem
sie das beabsichtigte Ziel vernommen hatten; weitaus mehr beschlossen,
dessenungeachtet nach Palästina zu reisen, und organisierten
selbst
einen Transport von Marseille nach einem der apulischen Häfen. Am
Tag des vereinbarten Treffens in Venedig umfaßte die Armee, die
im
Lido zusammenkam, nicht einmal ein Drittel der erwarteten Menge.
Wer sich wie geplant eingefunden hatte, mußte die
Situation als äußerst beschämend empfinden. Venedig hat
seinen Teil des Abkommens eingehalten; dort lag die Flotte, sowohl
Kriegs-
als auch Transportgaleeren, wie "niemals ein Christenmensch eine
größere
und schönere sah", allein sie hätte einem dreimal so
umfangreichen
Heer genügt, wie es jenes war, das sich eingefunden hatte. Nachdem
sich ihre Zahl so drastisch reduziert hatte, bestand für die
Kreuzfahrer
keine Hoffnung, Venedig die versprochene Summe bezahlen zu können.
Als ihr Anführer, der Markgraf Bonifaz von Montferrat (Tibald war
im Jahr zuvor kurz nach Villehardouins
Rückkehr gestorben) reichlich
verspätet in Venedig eintraf, fand er die ganze Expedition
gefährdet.
Nicht nur weigerte sich Venedig rundweg, auch nur ein einziges Schiff
auslaufen
zu lassen, bis das Geld bereitstehe, sondern man sprach sogar davon,
dem
wartenden Heer die Verpflegung zu sperren, eine Drohung, die um so
schwerer
wog, als die Mehrheit der Kreuzfahrer auf den Lido beschränkt und
es ihnen strikt untersagt war, auch nur einen Fuß in die Stadt zu
setzen. Diese letzte Maßnahme war nicht als Beleidigung gedacht;
es handelte sich vielmehr um eine übliche Sicherheitsvorkehrung,
wie
sie anläßlich solcher Gelegenheiten getroffen wurden, um
Aufruhr
oder den Ausbruch einer Seuche zu verhindern. Zur Hebung der Stimmung
trug
sie indes nicht gerade bei. Bonifaz
leerte seine persönliche Schatztruhe,
viele Junker und Grafen taten es ihm gleich, und Mann für Mann im
Heer wurde bedrängt, soviel zu geben, wie er nur konnte. Dennoch
lag
die Gesamtsumme schließlich trotz der Menge miteingerechneter
Gold-
und Silberteller noch immer um 34.000 Mark unter dem geschuldeten
Betrag.
Solange noch Beiträge eintrafen, ließ der
alte Dandolo die Kreuzfahrer
im ungewissen. Kaum aber war sicher, dass
er nichts mehr erwarten konnte, rückte er mit einem Angebot
heraus:
Die venezianische Stadt Zara (Zadar) sei kürzlich an den
König
von Ungarn gefallen; sollte das fränkische Heer sich nun bereit
erklären,
Venedig bei der Rückeroberung behilflich zu sein, bevor es zum
eigentlichen
Kreuzzug aufbrach, könnte man die Begleichung der Schuld
gegebenenfalls
hinausschieben. Das zynische Angebot sprach für sich, und sobald Papst
Innozenz davon vernahm, sandte er eine dringliche Mitteilung,
in der er
dessen Annahme rundheraus verbot. Den Kreuzfahrern aber, das sah er
später
ein, blieb gar keine Wahl. Nun folgte eine weitere jener feierlichen
Zusammenkünfte
im Markusdom, die Enrico Dandolo
trotz seines Alters so wunderbar zu inszenieren
wußte. Vor einer Gemeinde, die alle führenden Franken
einschloß,
wandte er sich an seine Untertanen. Auch Villehardouin war dabei und gibt
seine Ansprache wie folgt wieder:
"Edle Herren, Ihr seid mit den besten Männern von
der Welt für die größte Sache, welche jemals
unternommen
worden ist, verbindet. Ich bin ein alter und schwacher Mann, und ich
hätte
wohl Ruhe nöthig und bin am Leibe krank, aber ich weiß, dass
Niemand Euch so gut berathen und anführen kann, als ich, der ich
Euer
Oberhaupt bin. Wenn Ihr genehmigen wollt, dass ich das Kreuz nehme, um
Euch zu wahren und zu leiten, und dass mein Sohn an meiner Statt
bleibe,
um das Land zu schützen, so würde ich mitgehen, und mit Euch
und den Kreuzfahrern leben und sterben."
Als sie dies hörten, riefen sie alle mit einer
Stimme:
"Wir bitten Euch um Gott, dass Ihr es thut, und dass Ihr mit uns
kommt."
Er stieg sodann von der Kanzel herab, ging vor den Altar, und
ließ
sich unter vielen Thränen auf die Kniee nieder; dann nähte
man
ihm das Kreuz vorn an einen großen wollenen Hut, denn er wollte,
dass alle Leute es sehen könnten.
Und so stach die Flotte mit dem Heer des 4. Kreuzzuges
am 8. Oktober 1202 in Venedig in See. Die 480 Schiffe, angeführt
von
der Galeere des Dogen - sie "war ganz purpurroth und ein Zelt von
purpurner
Seite war über ihm aufgespannt; vor ihm waren vier silberne
Trompeten,
welche trompeteten, und Pauken, weiche große Freude machten",
begaben
sich weder auf den Weg nach Ägypten noch nach Palästina.
Knapp
eine Woche später hatte man Zara erobert und geplündert. Der
Kampf, der beinahe unmittelbar im Anschluß daran zwischen den
fränkischen
und venezianischen Soldaten über die Verteilung der Beute
entbrannte,
verhieß wenig Gutes für die Zukunft. Der Friede konnte aber
schließlich wiederhergestellt werden, und beide Parteien bezogen
in verschiedenen Stadtteilen Winterquartier. Inzwischen hatte Papst lnnozenz
von den Geschehnissen erfahren. Erzürnt belegte er kurzerhand die
ganze Expedition mit dem Kirchenbann. Obwohl er ihn später auf die
Venezianer beschränkte, läßt sich kaum sagen, der
Kreuzzug
habe unter guten Vorzeichen begonnen.
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Zu Beginn des
neuen
Jahres erhielt Bonifaz
durch Boten ein Schreiben PHILIPPS VON SCHWABEN;
dieser war, wie wir wissen, nicht nur BARBAROSSAS Sohn und Bruder Kaiser
HEINRICHS VI.,
dessen Tod fünf Jahre zuvor dem Westen einen leeren Kaiserthron
beschert hatte, sondern auch Schwiegersohn
des in Konstantinopel abgesetzten
und geblendeten Kaisers Isaak II. Angelos. Was
war geschehen? Im Jahr zuvor
war Isaaks
jüngerer Sohn, ein weiterer Alexios, aus
dem Gefängnis
entkommen, wo man ihn zusammen mit seinem Vater festgehalten hatte, und
an den Hof PHILIPPS
VON SCHWABEN als dem für ihn naheliegendsten Zufluchtsort
geflohen. Dort hatte er sich mit Bonifaz kurz
vor dessen Abreise nach Venedig
getroffen, und dort dürften die drei den Plan ausgeheckt haben, den
PHILIPP Bonifaz nun in seinem Brief in aller Form
unterbreitete: Sollte
das Kreuzfahrerheer den jungen Alexios nach
Konstantinopel begleiten und
ihn dort anstelle seines unrechtmäßig herrschenden Onkels
auf
den Thron setzen, würde dieser Alexios IV. Angelos
die nachfolgende
Eroberung Ägyptens finanzieren und zusätzlich 10.000 eigene
Soldaten
zur Verfügung stellen, später 500 Ritter auf seine Kosten im
Heiligen Land unterhalten und zudem die Ostkirche der Obrigkeit Roms
unterstellen.
Aus Bonifaz' Sicht hatte der Plan
viel für sich.
Abgesehen von scheinbar längerfristigen Vorteilen für den
Kreuzzug
selbst und der Möglichkeit, den noch ausstehenden Betrag an
Venedig
zahlen zu können, witterte er die Möglichkeit
beträchtlicher
persönlicher Bereicherung. Und der alte Doge Dandolo, dem er die Idee
darlegte - und für den das Ganze wahrscheinlich nicht völlig
überraschend kam -, ging mit wahrer Begeisterung darauf ein. Der
Bann
hatte ihn in keiner Hinsicht geläutert; es war nicht das erste
Mal,
das Venedig sich päpstlichen Wünschen widersetzt hatte, und
es
würde auch nicht das letzte Mal sein. Frühere
militärische
und diplomatische Erfahrungen hatten dazu geführt, dass er nur
wenig
Zuneigung für Byzanz hegte. Zudem hatte der jetzige Kaiser Alexios
III. ihm
nach seinem Amtsantritt bei der Erneuerung der Venedig von seinem
Vorgänger bewilligten Handelsbewilligungen untragbare
Schwierigkeiten
bereitet. Der Wettbewerb mit Genua und Pisa wurde immer härter;
sollte
Venedig seine angestammte Position auf den Ostmärkten behaupten
können,
war entschiedenes Handeln angesagt. Und nicht zuletzt würde das
Vorhaben
zusätzlich einen willkommenen Aufschub des Ägyptenfeldzuges
mit
sich bringen.
Das Kreuzfahrerheer ging bereitwilliger auf die
Planänderung
ein, als vielleicht erwartet wurde. Ein paar weigerten sich zwar
rundheraus
und machten sich auf eigene Faust nach Palästina auf; die Mehrheit
aber war sehr gewillt, sich auf ein Vorhaben einzulassen, welches den
Kreuzzug
zu stärken und zu bereichern sowie zugleich die Einheit der
Christenheit
wiederherzustellen versprach. Seit der großen Kirchenspaltung -
und
auch schon davor - war Byzanz im Westen unbeliebt. Das Ostreich hatte
bis
dahin wenig bis gar nichts zu den Kreuzzügen beigetragen und, so
glaubte
man allgemein, die christliche Sache verschiedentlich sogar verraten.
Des
jungen Alexios' Angebot zur aktiven
Unterstützung kam als willkommene
Abwechslung und war nicht zu verschmähen. Und schließlich
muß
es unter den materialistisch Eingestellten viele gegeben haben, welche
die Hoffnungen ihres Anführers auf persönliche Bereicherung
teilten.
Ein durchschnittlicher Franke wußte so gut wie nichts über
das
Byzantinische Reich, aber alle kannten die Mär von dessen
unermeßlichem
Reichtum seit ihrer Kindheit. Und für jedes Heer, ob nun das
christliche
Kreuz seine Fahne zierte oder nicht, bedeutete eine sagenhaft reiche
Stadt
nur eines. Plünderung und Beute.
Der junge Alexios traf
gegen Ende April persönlich
in Zara ein, und wenige Tage später stach die Flotte in See.
Unterwegs
machte sie Zwischenhalt in Durazzo und auf Korfu, und hier wie dort
empfing
ihn die Bevölkerung als den rechtmäßigen Kaiser des
Ostens.
Am 24. Juni 1203, auf den Tag genau ein Jahr nach der Versammlung in
Venedig,
ging die Flotte vor Konstantinopel vor Anker. Die Kreuzfahrer kamen aus
dem Staunen nicht heraus. Villehardouin
berichtet:
Nun könnt Ihr glauben, dass diejenigen, welche
Constantinopel
noch nicht gesehen hatten, es viel ansahen, denn sie konnten sich nicht
denken, dass es in der ganzen Welt eine so reiche Stadt geben
könnte,
als sie diese hohen Mauern und stattlichen Thürme, mit denen sie
rings
herum eingeschlossen war, sahen und die schönen Paläste und
hohen
Kirchen, deren es so viele gab, dass man es nicht glaubt, wenn man es
nicht
mit eigenen Augen gesehen hat, und endlich die Länge und Breite
dieser
Königin unter allen Städten! Und glaubt nur, dass da kein
Mann
so kühn war, dass ihm nicht die Haut geschaudert hätte; und
das
war kein Wunder, denn seit Erschaffung der Welt war eine so große
Sache von Niemand unternommen worden.
Alexios
III. hatte genügend Warnungen vor der bevorstehenden
Expedition erhalten und doch bezeichnenderweise keinerlei ernsthafte
Vorkehrungen
zum Schutze der Stadt getroffen. Die Werften lagen verlassen da, seit
sein
einfältiger Bruder den byzantinischen Schiffbau 16 Jahre zuvor
sozusagen
ganz Venedig überantwortet hatte, und laut Niketas Choniates, der
als ehemaliger kaiserlicher
Sekretär über genügend Kontakte
verfügte, um über die Vorgänge informiert zu sein, hatte
er seinem ersten Admiral (der zugleich sein Schwager war) erlaubt,
Anker,
Segel und Takelage der wenigen noch verbliebenen Schiffe zu verkaufen,
welche nun als nutzlose Klötze im Hafenbecken vor sich hin
faulten.
Halbbetäubt sahen er und sein Volk von den Mauern herab zu, wie
die
riesige Kriegsflotte sich ihren Weg zur Bosporusmündung bahnte.
Da sie es nicht besonders eilig hatten, mit der
Belagerung
zu beginnen, legten die Eindringlinge zunächst an der asiatischen
Küste der Meerenge in der Nähe der kaiserlichen
Sommerresidenz
von Chalkedon an, um ihre Vorräte aufzustocken. "Die Gegend war
schön
und reich und fruchtbar an allen Gütern", schreibt Villehardouin,
"und das eben geerntete Getreide befand sich in Mühlen auf den
Feldern;
soviel jeder davon nehmen wollte, nahm er, denn sie waren dessen sehr
benöthigt."
Sie wehrten dort mit Leichtigkeit den halbherzigen Angriff eines
kleinen
griechischen Reitertrupps ab - die Reiter flohen nach dem ersten
Schlag,
doch hatten sie wahrscheinlich nur die Aufgabe eines Spähtrupps zu
erfüllen - und verfuhren später ebenso ohne Umschweife mit
einem
Abgesandten des Kaisers. Falls, so teilten sie ihm mit, sein Herr
willens
sei, den Thron an seinen Neffen abzutreten, würden sie letzteren
bitten,
ihm zu verzeihen und ihm eine großzügige Abfindung zu geben.
Falls nicht, bräuchte er keine weiteren Boten zu senden, sondern
solle
sich um seine Verteidigung kümmern.
Bald nach Sonnenaufgang am Morgen des 5. Juli
überquerten
sie den Bosporus und landeten unterhalb Galata am nordöstlichen
Ufer
des Goldenen Horns. Als Handelsniederlassung, die zur Hauptsache von
ausländischen
Kaufleuten bewohnt wurde, besaß Galata keine Stadtmauer; die
einzige
größere Befestigung war ein großer, runder Turm, dem
jedoch
lebenswichtige Bedeutung zukam, denn darin befand sich die riesige
Winde
für die schwere Kette, die in Notfällen dazu diente, den
Zugang
zum Horn zu versperren. Zu seiner Verteidigung stand eine beachtliche
Kampfeinheit
bereit, an deren Spitze erstaunlicherweise der Kaiser persönlich
stand.
Vielleicht - obwohl angesichts der allgemeinen Mutlosigkeit, die sich
in
Byzanz seit Beginn der Herrschaft der ANGELOI ausgebreitet
hatte, kaum
wahrscheinlich - hätte sich die Verteidigung unter anderer
Führung
besser geschlagen; alle wußten, wie sich Alexios III. des
Thrones
bemächtigt hatte, und sein Charakter trug wenig dazu bei, Liebe
oder
Loyalität hervorzurufen. Doch der Anblick der gut 100 Schiffe, die
rasch und präzis Männer, Pferde und Ausrüstung ausluden
- Effizienz gehörte zu den venezianischen Stärken -,
hätte
sie wohl in jedem Fall mit Schrecken erfüllt, und kaum hatte die
erste
Welle von Kreuzfahrern ihre Lanzen zum Angriff gesenkt, suchten sie ihr
Heil in der Flucht - auch diesmal mit
Kaiser Alexios an
der Spitze. Die
Garnison im Turm von Galata schlug sich tapferer und hielt ganze 24
Stunden
stand, doch am darauffolgenden Morgen mußte auch sie sich
ergeben.
Die venezianischen Seeleute lösten die Winde und die riesige,
über
400 Meter lange Eisenkette, die die Einfahrt zum Goldenen Horn
überspannte,
versank donnernd im Wasser. Die Flotte brach herein und zerstörte
die wenigen seetüchtigen Schiffe, die sie im Hafenbecken vorfand.
Zur See hatte man auf der ganzen Linie gesiegt. Aber Konstantinopel gab
nicht auf. Die Nord-Mauern an der Küste des Goldenen Horns konnten
es
zwar von der Stärke und Pracht her nicht mit den gewaltigen
Schutzwällen
auf der dem Land zugewandten Seite aufnehmen, ließen sich aber
dennoch
nach Kräften verteidigen. Allmählich gewann die byzantinische
Verteidigung Mut und Entschiedenheit zurück, an denen es ihr zuvor
so auffallend gemangelt hatte. In seiner ganzen 900-jährigen
Geschichte
war Konstantinopel noch kein einziges Mal fremden Eindringlingen in die
Hände gefallen; vermutlich hatte man dies bis dahin überhaupt
für unmöglich gehalten. Nun aber setzte die Stadt, sich der
drohenden
Gefahr endlich in vollem Ausmaß bewußt, auf Widerstand. Der
einsetzende Ansturm richtete sich gegen den schwächsten Punkt der
byzantinischen Verteidigung: gegen die Seeseite des Blachernenpalastes,
in der Ecke, welche die Landbefestigung mit der Mauer an der Küste
des Goldenen Horns im äußersten Nordwesten der Stadt
bildete. Der Angriff
setzte am Donnerstagmorgen, dem 17. Juli, gleichzeitig von der Land-
und
der Seeseite her ein. Die venezianischen Schiffe lagen, vollbepackt mit
schwerster Belagerungsmaschinerie, tief im Wasser; Katapulte und
Schleudern
standen auf den Vorderdecks, gedeckte Laufstege und Sturmleitern
baumelten
sturmbereit an Tauen zwischen den Rahen. Die fränkische Armee, die
vom Land her angriff, wurde zu Beginn von den Streitäxte
schwingenden
Angelsachsen und Dänen der Warägergarde
zurückgeschlagen;
die venezianischen Truppen entschieden die Schlacht - und nicht zuletzt
Enrico Dandolo persönlich. Die »Heldenthat« des alten
Dandolo schildert kein beliebiger, voreingenommener Lobredner der
Republik
Venedig, sondern ein Augenzeuge: Gottfried von Villehardouin
höchstpersönlich.
Er berichtet, dass die Seeleute noch immer zögerten, anzulegen und
an Land zu gehen, obwohl ihre Schiffe sich dem Ufer schon so weit
genähert
hatten, dass diejenigen, weiche die Sturmleitern bemannten, bereits von
Mann zu Mann mit den Verteidigern kämpften, und fährt fort:
Nun sollt Ihr eine wunderbare Heldenthat hören!
nämlich der Doge von Venedig, welcher ein alter Mann und
stockblind,
stand ganz bewaffnet am Bug seiner Galeere, und hatte die Fahne des
heiligen
Markus vor sich; und er rief den Seinen zu, sie sollten ihn ans Land
setzen,
wo nicht, so sollten sie es an Leib und Leben büßen. So
thaten
sie also; sie lassen die Galeere stranden, springen heraus und tragen
die
Fahne des heiligen Markus zu Lande vor ihm her. Und wie die Venetianer
die Fahne des heiligen Markus am Lande sahen, und die Galeere ihres
Herzogs
vor ihnen gestrandet, da hält sich jeder für beschimpft, und
alle eilen ans Land.
Der Angriff gewann an Stoßkraft, und die
Verteidiger
mußten bald einsehen, dass sie keine Chance mehr hatten. Nach
wenigen
Stunden ließ Dandolo
seinen fränkischen Verbündeten mitteilen,
dass sich nicht weniger als 25 Türme in der Mauer bereits in
venezianischer
Hand befänden. In der Zwischenzeit strömten seine Männer
durch Mauerbreschen in die Stadt und steckten die Holzhäuser in
Brand,
und bald stand das ganze Blachernenviertel in Flammen. Am Abend stahl Kaiser
Alexios III. sich
klammheimlich aus der Stadt. Seine Lieblingstochter und
ein paar weitere Frauen sowie 10.000 Pfund in Gold und einen Beutel mit
Edelsteinen ausgenommen, ließ er alles zurück, auch seine
anderen
Kinder und seine Frau; sie hatten mit ihrem künftigen Los allein
zurechtzukommen.
Byzanz stand also in dieser tiefsten Krise seiner
Geschichte
ohne kaiserliches Oberhaupt da. Es mag erstaunlich erscheinen, dass man
nach einer eilig einberufenen Staatsratssitzung den alten Isaak Angelos
aus dem Gefängnis holte und ihn wieder auf den Kaiserthron setzte.
Sein Bruder hatte dafür gesorgt, dass er noch weniger sah als Dandolo,
auch hatte er sich als hoffnungslos inkompetenter Herrscher erwiesen.
Aber
er war der legitime Kaiser, und ohne Zweifel glaubte man in Byzanz, mit
seiner Wiedereinsetzung sämtliche Gründe für die
Einmischung
der Kreuzfahrer aus der Welt zu schaffen. In gewisser Weise traf das
zu;
allein es gab da noch die bindenden Versprechen des jungen Alexios
gegenüber
Bonifaz und
Dandolo. Isaak war
verpflichtet, sie zu bestätigen und
sich gleichzeitig damit einverstanden zu erklären, seinen Sohn zum
Mit-Kaiser zu ernennen. Erst da anerkannten die Franken und Venezianer
ihn offiziell und zogen sich nach Galata auf der anderen Seite des
Goldenen
Horns zurück, um dort auf den versprochenen Lohn zu warten.
Am 1. August 1203 erhielt Alexios IV. Angelos
Seite an
Seite mit seinem Vater die Krone und übernahm die eigentliche
Herrschaft.
Sogleich bereute er die Zugeständnisse, die er im Frühling in
Zara so unbesonnen eingegangen war. Nach den Ausschweifungen seines
Onkels
war die kaiserliche Schatzkammer leer, und die neuen Steuern, die er
gezwungenermaßen
erhob, stießen beim Volk, das nur allzu genau wußte, wohin
sein Geld floß, auf offene Empörung. Und die Geistlichkeit -
seit eh und je eine gewichtige politische Kraft in Konstantinopel -
zeigte
sich schockiert, als er sich ihres Kirchensilbers zu bemächtigen
und
dieses einzuschmelzen begann, und vollends erbost, als sie von seinem
Plan
vernahm, die byzantinische Kirche dem verhaßten Papst in Rom zu
unterstellen.
Der Herbst verging, der Winter kam, und seine Unbeliebtheit nahm stetig
zu. Und die fortwährende Anwesenheit der Franken, deren Gier
unersättlich
schien, verstärkte die Spannung noch. So trafen eines Nachts ein
paar
von ihnen beim Bummel durch die Stadt im sarazenischen Viertel hinter
der
Irenenkirche auf eine kleine Moschee; sie plünderten sie und
brannten
sie bis auf die Grundmauern nieder. Die Flammen breiteten sich in
Windeseile
aus, und zwei Tage und Nächte lang wütete in Konstantinopel
die
verheerendste Feuersbrunst seit der Herrschaft Justinians
fast 700 Jahre
zuvor.
Als Kaiser Alexios IV. von einem
kurzen, erfolglosen
Feldzug gegen seinen flüchtigen Onkel zurückkehrte, fand er
seine
Hauptstadt über weiteste Teile in Trümmern vor und sein Volk
in einem praktisch offenen Aufruhr gegen die Fremden. Die Lage war zum
Zerreißen gespannt; und als ein paar Tage danach eine Delegation
von drei Kreuzfahrern und drei Venezianern vorstellig wurde, um die
sofortige
Zahlung der geschuldeten Summe zu verlangen, konnte er dagegen nichts
ausrichten.
Laut Villehardouin - der, wie vorauszusehen, unter ihnen war - entkamen
die Gesandten sowohl auf dem Weg zum Palast als auch auf dem
Rückweg
nur knapp einem Lynchkommando. Er schreibt: "Nun begann der Krieg, und
man fügte sich Schaden zu, wo man konnte, zu Wasser und zu Lande."
Dabei wollten weder die Kreuzfahrer noch Byzanz einen
Krieg. Die Bevölkerung von Konstantinopel hatte mittlerweile nur
noch
ein Ziel vor Augen: diese unzivilisierten Raubmörder ein für
allemal loszuwerden, die ihre geliebte Stadt zerstörten und sie
obendrein
aussaugten. Die Franken ihrerseits hatten nicht vergessen, weshalb sie
ihre Heimat verlassen hatten, und den Zwangsaufenthalt bei einem, ihrer
Ansicht nach, kraftlosen und verweichlichten Volk längst satt, wo
sie doch eigentlich die Ungläubigen hätten bekämpfen
sollen.
Selbst wenn Byzanz seine Schuld vollumfänglich beglich,
würden
sie keinen wesentlichen Nutzen daraus ziehen, sondern konnten
höchstens
den ihrerseits bei Venedig ausstehenden Betrag begleichen.
Der Schlüssel zu dieser ganzen unmöglichen
Angelegenheit lag, kurz gesagt, bei Venedig, genauer gesagt, bei Enrico
Dandolo. Ihm stand es frei, seiner Flotte, wann immer er wollte,
den Befehl
zum Auslaufen zu geben. Hätte er dies getan, wären die
Kreuzfahrer
erleichtert und Byzanz entzückt gewesen. Bis dahin hatte er sich
mit
der Begründung geweigert, die Franken würden ihre Schulden
niemals
begleichen können, bevor sie ihrerseits die von Alexios und seinem
Vater Isaak versprochenen
Mittel erhielten. In Wirklichkeit jedoch brachte
er für diese Schuld inzwischen nur noch geringes Interesse auf -
kaum
mehr als für den Kreuzzug selbst. Ihm stand Größeres
vor
Augen: der Sturz des Byzantinischen Reichs und die Besetzung des
Thrones
in Konstantinopel mit einer Marionette Venedigs.
Und so erhielt Dandolos
Rat an seine fränkischen
Verbündeten, als die Aussicht auf ein friedliches Abkommen
schwand,
einen neuen Unterton. Er erklärte, Isaak und Alexios hätten
die
Freunde, denen sie immerhin die gemeinsame Krone verdankten,
bedenkenlos
hintergangen, und von ihnen sei nichts mehr zu erwarten. Falls die
Kreuzfahrer
jemals zu ihrem Anteil kommen wollten, müßten sie sich
diesen
deshalb mit Gewalt holen. Ihre moralische Rechtfertigung dafür sei
vollkommen; die treulosen ANGELOI
hätten keinen weiteren Anspruch
auf ihre Loyalität. Einmal in der Stadt und mit einem
gekrönten
Kaiser aus den eigenen Reihen, könnten sie ihre Schulden
gegenüber
Venedig begleichen, ohne darunter zu leiden, und hätten noch immer
mehr als genug, um den Kreuzzug zu finanzieren. Hier sei die
Gelegenheit;
sie sollten sie jetzt ergreifen, denn sie würde nie mehr
wiederkehren.
Auch in Konstantinopel herrschte allgemein Einigkeit
darüber, dass Kaiser Alexios IV. gehen
müsse; am 25. Januar 1204
fand sich eine große Menge Senatoren, Geistlicher und Leute aus
dem
Volk in der Hagia Sophia ein, um ihn für abgesetzt zu
erklären
und einen Nachfolger zu wählen. Während ihrer Beratungen, die
sich drei Tage lang zäh und ergebnislos hinzogen, bevor ein
widerwilliger
Niemand namens Nikolaus Kanabos
bestimmt wurde, nahm die einzige wirklich
einsatzfähige Gestalt auf der byzantinischen Bühne das Recht
in ihre Hand. Alexios
Dukas trug wegen seiner Augenbrauen, die schwarz
und struppig über dem Nasenrücken zusammenwuchsen, den Spitznamen
Murzuphlos und stammte aus einem Adelsgeschlecht, das bereits
mehrere Kaiser
und Kaiserinnen hervorgebracht hatte. Er bekleidete am Hof das Amt des
1. Kämmerers und und genoß als solcher das Recht auf
unbeschränkten
Zutritt zu den kaiserlichen Gemächern. Mitten in der Nacht
stürzte
er in das Gemach des schlafenden Kaisers
Alexios IV., weckte
ihn mit der
Nachricht, sein Volk habe sich gegen ihn erhoben, auf und bot ihm die,
wie er behauptete, einzige Möglichkeit zur Flucht an. Er
führte
ihn, in einen langen Mantel gehüllt, durch eine Seitenpforte aus
dem
Palast zu einer vereinbarten Stelle, wo seine Mitverschworenen schon
auf
ihn warteten. Sie legten den unglücklichen Jüngling namens Alexios
IV. sogleich in Eisen und steckten ihn in ein Verlies, wo er,
nachdem er
zwei Vergiftungsanschläge überlebt hatte, schließlich
erdrosselt
wurde. Fast zur selben Zeit kam auch sein geblendeter Vater Isaak ums
Leben.
In der ihm eigenen Naivität, die sein ganzes Werk kennzeichnet,
schreibt
Villehardouin Isaaks Ableben einer
plötzlichen Erkrankung zu, die
ihn ereilt habe, als er vom Schicksal seines Sohnes erfuhr; Villehardouin
scheint nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, dass eine so
zweckdienliche
Krankheit auch mit künstlichen Mitteln herbeigeführt worden
sein
könnte.
Kaum waren seine Rivalen aus dem Weg geräumt und
Nikolaus Kanabos wieder in der
Versenkung verschwunden, aus der er gar
nicht erst hätte auftauchen sollen, ließ sich Alexios Dukas
in der Hagia Sophia als Alexios V. zum Kaiser
krönen. Sogleich begann
er jene Führungseigenschaften an den Tag zu legen, an denen es dem
Reich so lange gemangelt hatte. Zum ersten Mal seit Ankunft der
Kreuzfahrer
wurden Mauern und Türme richtig bemannt, und Tag und Nacht
mühten
sich Bautrupps im Schweiße ihres Angesichtes ab, um sie zu
verstärken
und zu erhöhen. Eines war den Franken klar. Es würde keine
Verhandlungen
mehr geben, geschweige denn weitere Zahlungen an eine Schuld, für
die der neue Kaiser sich ohnehin nicht verantwortlich fühlte. Ihre
einzige Chance lag in einem Großangriff auf die Stadt, und da Alexios
V. nicht nur widerrechtlich den Thron an sich gerissen, sondern
sich obendrein
als Mörder entlarvt hatte, fühlten sie sich moralisch in
einer
noch stärkeren Position als gegen Alexios IV.,
immerhin einen rechtmäßigen
Kaiser und ehemaligen Verbündten.
Ein Großangriff auf die Stadt: Für eben dies
trat der alte Doge Enrico Dandolo
seit Monaten ein, und man scheint ihn
nach dem Staatsstreich Alexios' V. seitens
der Venezianer wie auch der
Kreuzfahrer als Anführer der gesamten Expedition anerkannt zu
haben.
Zwar bemühte sich Bonifaz von
Montferrat, seinen Einfluß aufrechtzuerhalten;
mit der Kaiserkrone in Reichweite, war dies für ihn wichtiger denn
je. Doch ihn verband zuviel mit dem abgesetzten Kaiser, und nun, da Alexios
IV. nicht mehr war, fand er sich in zunehmendem Maß
diskreditiert.
Abgesehen davon unterhielt er Verbindungen zu Genua - und Dandolo wußte
davon. Anfang März begann eine Reihe Ratsversammlungen im Lager
von
Galata. Sie befaßten sich weniger mit der Planung des Angriffs -
dessen Erfolg man scheinbar trotz der Verbesserungen, die Alexios V. an
den Befestigungsanlagen hatte vornehmen lassen, voraussetzte - als mit
der zukünftigen Reichsverwaltung nach dem Sieg. Man kam
überein,
dass das Kreuzfahrerheer sowie die venezianischen Truppen je sechs
Bevollmächtigte
für einen Ausschuß zur Wahl des neuen Kaisers ernennen
sollten.
Falls - was man annahm - dieser sich für einen Franken entschied,
sollte der Patriarch ein Venezianer sein; und umgekehrt. Dem Kaiser
würde
ein Viertel der Stadt und des Reichs zufallen sowie die beiden
Hauptsitze,
der Blachernenpalast am Goldenen Horn und der alte Palast am
Marmarameer.
Die verbleibenden drei Viertel sollten halbiert werden und die eine
Hälfte
an Venedig und die andere als Lehen an die Kreuzritter gehen. Was den
venezianischen
Teil betraf, wurde der Doge ausdrücklich von der Abgabepflicht an
den Kaiser entbunden. Die Gesamtbeute sollte an einen bestimmten Ort
geschafft
und redlich verteilt werden. Schließlich mußten sich die
Parteien
verpflichten, Konstantinopel für mindestens ein Jahr nicht zu
verlassen,
das hieß frühestens im März 1205.
Der Angriff erfolgte am Freitag morgen, dem 9. April.
Er richtete sich wieder gegen den Mauerabschnitt am Goldenen Horn, wo Dandolo
und seine Leute sich neun Monate zuvor hervorgetan hatten. Diesmal aber
scheiterten
sie. Die neuen, höheren Mauern und Türme ließen sich
von
den venezianischen Mastkörben aus nicht mehr erklettern und
erwiesen
sich als nützliche Rampen, von denen aus die byzantinischen
Katapulte
Verheerung unter den Belagerern anrichten konnten. Im Verlauf des
Nachmittags
begannen die Angreifer, Männer, Pferde und Kriegsausrüstung
wieder
einzuschiffen und sich nach Galata in Sicherheit zu bringen. Die
folgenden
zwei Tage wurden darauf verwandt, die Schäden zu beheben. Am
Montag
wiederholten sie den Angriff. Diesmal banden die venezianischen Truppen
ihre Schiffe paarweise zusammen, um auf diese Weise doppelt soviel
Gewicht
gegen die Türme schleudern zu können wie beim ersten Mal.
Bald
kam auch ein starker Nordwind auf, der die Schiffe viel schneller die
Küste
hoch und den Mauern entgegentrieb, als es die Ruderer je vermocht
hätten,
und die Belagerer konnten unter dem Sichtschutz von Notdächern
arbeiten,
die sich von einem Mast zum andern spannten. Es dauerte nicht lange,
und
zwei Türme waren überwältigt und besetzt. Fast
gleichzeitig
brachen die Kreuzfahrer eines der Tore auf und strömten in die
Stadt.
Alexios, der die Verteidiger kühn und entschieden
angeführt hatte, galoppierte durch die Straßen und gab sein
Äußerstes, um die Bevölkerung aufzumuntern und wieder
zu
sammeln. Dazu schreibt Niketas:
Was soll ich als erstes, was als letztes aufzählen
von dem, was diese blutbesudelten Männer zu tun sich
vermaßen?
O welche Schändung, als sie die verehrten Ikonen zu Boden
schleuderten,
als sie die Reliquien derer, die für Christus gelitten, auf
abscheuliche
Orte warfen! Wovor einem schaudert, wenn man davon bloß
hört,
das mußte man damals sehen: das göttliche Blut, ausgegossen
auf die Erde, den Leib Christi, gestreut in den Staub! Diese
Vorläufer
und Vorboten des Antichrist, die damals schon die
gotteslästerlichsten
Untaten verbrechen, die jener einst tun soll, raubten die wertvollen
Gefäße
und Behältnisse des Heiligen, zerbrachen sie und steckten sie in
ihre
Taschen oder stellten sie als Brotkörbe und Trinkbecher auf ihre
eigenen
Tische [...] Die Freveltaten, die sie in der Großen Kirche
verübten,
sind kaum zu glauben. Der Altartisch, aus lauter edlen, im Feuer
aneinandergefügten
Stoffen, ein einziger vielfarbiger Gipfel der Schönheit, der auf
der
ganzen Welt als außerordentlich galt und bewunderndes Staunen
erregte,
wurde von den Plünderern zerstückt und verteilt [...] Als
sie,
gleich als wäre das auch eine Beute, die allerheiligsten
Geräte
und Gefäße von unübertrefflicher Kunst und
Schönheit
und aus seltenen Stoffen, das gediegene, mit Gold überzogene
Silber,
welches den Sims des Bemas (Vimas) sowie den herrlichen Ambo und die
Pforten
zierte und noch vieles andere schmückte, aus der Kirche
fortschaffen
wollten, führten sie Maulesel und Packtiere bis zum
Allerheiligsten
vor und beluden sie schwer. Als einige Tiere auf dem blinkenden
Steinboden
ausglitten, zogen sie die Schwerter und erstachen sie, so dass die
heilige
Stätte nicht nur von dem Unrat der Tiere, sondern auch von dem
vergessenen
Blut befleckt wurde. [...] Nicht dass etwa hier mehr Abscheuliches
geschah,
und dort weniger, sondern einmütig verübten alle überall
die ärgsten Gotteslästerungen. Hätten etwa jene
Schandbuben,
die so gegen Gott wüteten, ehrwürdige Frauen,
heiratsfähige
Mädchen, Bräute Gottes, die sich der Jungfräulichkeit
geweiht,
verschonen sollen? [...] In den Gassen war Weinen und Jammern, die
Straßen
erfüllte Klagen und Geheul, aus den Kirchen tönte
Wehgeschrei.
Männer seufzten, Frauen schrien, überall wurden Leute
verschleppt,
versklavt, gezerrt, aus den Armen ihrer Lieben gerissen.
Und diese Männer, so fährt er fort, trugen
das Kreuz auf ihrer Schulter, das Kreuz, auf das sie geschworen hatten,
ohne Blutvergießen durch christliche Länder zu ziehen, ihre
Waffen nur gegen Ungläubige zu führen und sich der
Fleischeslust
zu enthalten, bis ihre heilige Aufgabe erfüllt sei. Konstantinopel
erlebte seine dunkelste Stunde - noch dunkler vielleicht als die,
welche
fast genau 250 Jahre später den endgültigen Fall an das
Osmanen-Reich
brachte. Doch nicht all seine Schätze gingen gingen für immer
verloren. Während Franzosen und Flamen sich dem Wahn der
Massenzerstörung
hingaben, behielt man auf venezianischer Seite einen klareren Kopf und
erkannte Schönheit und Wert, wo man sie erblickte. Auch diese
Eroberer
machten Beute, raubten und plünderten - indes zerstörten sie
nicht. Vielmehr sandten sie alles, dessen sie sich bemächtigen
konnten,
nach Venedig, angefangen bei den vier gewaltigen Bronzepferden, die
seit
der Zeit Konstantins des Großen über dem Hippodrom gethront
hatten und von nun an fast die ganzen folgenden 800 Jahre lang von
ihrer
Plattform über dem Hauptportal des Markusdoms für die Piazza
darunter eine ähnliche Funktion erfüllten. Auch die N- und
S-Fassade
des Markusdoms sind förmlich übersät mit Skulpturen und
Reliefs, die zur gleichen Zeit nach Venedig verfrachtet wurden, drinnen
hängt im nördlichen Querschiff die wunderbare Ikone der
Madonna
Nikopeia (der "Siegesbringerin"), welche die Kaiser auf dein Weg
in die Schlacht vor sich her zu tragen pflegten, und die südliche
Schatzkammer beherbergt eine der größten Sammlungen
byzantinischer
Kunst überhaupt: ein weiteres Denkmal venezianischer Raubgier.
Nach drei Schreckenstagen kehrte wieder
einigermaßen
Ordnung ein. Wie zuvor vereinbart, wurde sämtliches Diebesgut -
oder
der Teil, der sich nicht erfolgreich verstecken ließ - in drei
Kirchen
zusammengetragen und sorgfältig aufgeteilt:
1 Viertel für den
zukünftigen Kaiser,
3 Viertel zu gleichen Teilen zwischen dem Frankenheer
und Venedig.
Direkt danach überreichten die Kreuzfahrer Enrico Dandolo
den geschuldeten Betrag. Nach Erledigung dieser Formalitäten zur
allgemeinen
Zufriedenheit schritten beide Parteien zur nächsten Aufgabe: zur
Wahl
des neuen Kaisers von Byzanz. Bonifaz von
Montferrat hatte in einem verzweifelten
Versuch, sein verlorenes Ansehen wiederzugewinnen und seiner Kandidatur
Nachdruck zu verleihen, Kaiserin Margarete, die Witwe Isaaks
II. Angelos,
ausfindig gemacht, und sich mit ihr verheiratet. Er hätte sich die
Mühe sparen können, denn Dandolo
weigerte sich rundheraus, ihn
auch nur in Erwägung zu ziehen. Und da die Franken uneins, die
Venezianer
indes einer Meinung waren, bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, die
Wahl zugunsten des pflegeleichten und fügsamen Grafen Balduin
von
Flandern und Hennegau zu beeinflussen, dessen
Krönung am 16. Mai 1204
in der Hagia Sophia vollzogen wurde; es war die dritte
Kaiserkrönung innerhalb
eines Jahres. Obwohl der neu ernannte Patriarch
Tommaso Morosini aus Venedig
noch nicht eingetroffen war und deshalb den Krönungsgottesdienst
nicht
persönlich abhalten konnte, hätten unter den Anwesenden wohl
nur wenige bestritten, dass der neue Kaiser sein Amt
ausschließlich
der Republik Venedig verdankte.
Auch suchte sich diese die Rosinen aus.
Gemäß
der Vereinbarung mit den Kreuzfahrern standen ihr drei Achtel
Konstantinopels
und des Byzantinischen Reichs zu, dazu das Recht auf freien Handel im
gesamten
Reichsgebiet, von dem Genua und Pisa unerbittlich ausgeschlossen werden
sollten. In Konstantinopel erhob Dandolo
Anspruch auf den ganzen Stadtteil
um die Hagia Sophia und den Patriarchensitz bis zum Goldenen Horn;
daneben
forderte er für die Republik Venedig all jene Gebiete, die der
Stärkung
ihrer Herrschaft über das Mittelmeer dienten und ihr eine
lückenlose
Kette von Kolonien und Häfen von der heimischen Lagune bis zum
Schwarzen
Meer verschafften. Dazu gehörten Ragusa (Dubrovnik) und Durazzo,
die
West-Küste des griechischen Festlandes und die lonischen Inseln
sowie
der ganze Peleponnes, Euböa, Naxos und Andros; die Haupthäfen
des Hellesponts und des Marmarameers (Gallipoli, Rhaidestos und
Heraklea),
die thrakische Küste, Adrianopel und schließlich, nach
kurzen
Verhandlungen mit Bonifaz, die so überaus wichtige Insel Kreta.
Der
venezianische Anspruch auf die Häfen und Inseln war absolut, was
das
griechische Festland betraf, ließ Dandolo deutlich werden, dass
Venedig
als Handelsrepublik kein Interesse daran habe, mehr als die wichtigen
Häfen
zu besetzen. Er trat die Verantwortung für alle übrigen
Gebiete
nur allzu gerne ab.
Und so erwies sich zweifelsfrei die Serenissima
Venedig,
und nicht etwa die Franzosen oder Flamen - oder gar Kaiser
Balduin, der
eine reine Galionsfigur blieb - als eigentliche Nutznießerin des
4.
Kreuzzugs, und sie verdankte diesen Erfolg fast ausschließlich Enrico
Dandolo. Seit dem Tag vier Jahre zuvor, als die fränkischen
Gesandten
am Rialto eingetroffen waren, um Venedig um Hilfe für ihr heiliges
Unternehmen anzugehen, hatte er jede neue Wendung in einen Vorteil
für
seinen Stadtstaat verwandelt. Auf seine Schachzüge hin wurde Zara
zurückerobert, dann Ägypten von einem Angriff verschont - und
damit Venedigs wirtschaftliche Interessen in der arabischen Welt
gewahrt
- sowie das fränkische Heer geschickt weiter nach Konstantinopel
gelenkt,
wobei diesem gleichzeitig die scheinbare Entscheidungsverantwortung
überlassen
blieb. Dort angekommen, stärkte sein Vorpreschen den ersten Sturm
auf
die Stadt entscheidend; sein gekonntes Intrigieren führte zum
Sturz
der ANGELOI
und machte eine zweite Belagerung notwendig, nach der Konstantinopel
erobert wurde. Sodann prägte er mit diplomatischem Geschick einen
Vertrag, welcher der Republik Venedig mehr einbrachte, als diese je zu
hoffen gewagt hätte, und den Grundstein für ihr
Handelsweltreich
legte. Und obwohl Dandolo die
byzantinische Krone für sich ausschlug
- sie anzunehmen hätte in Venedig unüberwindliche
konstitutionelle
Schwierigkeiten nach sich gezogen und vielleicht die Republik
vernichtet
-, ja nicht einmal dem Wahlgremium beitreten wollte, sorgte er
dafür,
dass sein Einfluß auf die Entscheidung (man wählte unter
seiner
Schirmherrschaft im alten Kaiserpalast, den er sich zeitweilig
angeeignet
hatte) eine Mehrheit für die venezianische Seite erbrachte, und
sicherte
so den Erfolg seines Kandidaten. Schließlich gelang es ihm auch
noch,
Venedig aus dem Feudalsystem herauszuhalten, indem er die neugewonnenen
Hertschaftsgebiete nicht als kaiserliche Lehen, sondern als
rechtmäßig
eroberten Besitz übernahm, während er die Franken
gleichzeitig
dazu ermunterte, das Reich zu feudalisieren, ein Schritt, von dem er
wußte,
dass er Zerfall und Uneinigkeit nach sich ziehen und damit ein
Wiedererstarken
verhindern würde, welches der venezianischen Expansion schaden
konnte.
Für einen blinden, fast 90-jährigen Greis wahrhaft
bemerkenswerte
Errungenschaften.
Und selbst da ruhte er noch nicht. Außerhalb
ihrer
Hauptstadt setzten die griechischen Reichsuntertanen den Widerstand
fort.
Alexios V.
konnte keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Kurz nach seiner
Eheschließung hatte sein
Schwiegervater Alexios
ihn geblendet; im
Jahr darauf nahmen ihn die Franken gefangen, schleppten ihn nach
Konstantinopel
und stürzten ihn von der Theodosiossäule mitten in der Stadt
zu Tode. Doch, wie wir im nächsten Kapitel erfahren werden,
begründete
ein anderer Schwiegersohn Alexios' III. in Nikäa ein
Exilreich, zwei
der taten dasselbe in Trapezunt, und in Epiros erhob sich ein
unehelich geborener KOMNENENANGELOS zum
unabhängigen Despoten. Auf allen Seiten
hatten also die ehemaligen Kreuzfahrer hart zu kämpfen, um sich
durchsetzen
zu können, und nirgends so heftig wie in der von Venedig
neuerworbenen
Stadt Adrianopel, wo Kaiser Balduin im Jahre 1205,
kurz nach Ostern, den
Bulgaren in die Hände fiel und es dem alten Dandolo, der entschlossen
an seiner Seite gekämpft hatte, oblag, ein vernichtetes Heer
zurück
nach Konstantinopel zu führen; über eine Verwundung ist
nichts
bekannt, doch sechs Wochen später war er tot. Sein Leichnam wurde
erstaunlicherweise nicht nach Venedig gebracht, sondern in der Hagia
Sophia
begraben, und dort ist sein Grabstein auf der Galerie über dem
südlichen
Seitenschiff noch immer zu besichtigen.
Er hatte sich um das Wohl seiner Stadt verdient
gemacht,
und es verblüfft einigermaßen, dass sie dem effizientesten
ihrer
Dogen nie ein Denkmal setzte. Doch im größeren Zusammenhang
gesehen, auf das Weltgeschehen bezogen, wirkte er verheerend. Wenn sich
nicht sagen läßt, er habe dem Kreuzrittertum einen
schlechten
Ruf eingebracht, so nur deshalb, weil diese so genannte Abfolge von
Raubzügen
im vorangegangenen Jahrhundert bereits als eines der dunkelsten Kapitel
in die Geschichte der Christenheit eingegangen war. Und doch
übertraf
der 4. Kreuzzug, falls er diese Bezeichnung überhaupt verdient,
die
anderen noch an Treulosigkeit und Falschheit, an Brutalität und
Gier.
Konstantinopel war im 12. Jahrhundert nicht nur die reichste Stadt der
Welt, sondern auch intellektuell und künstlerisch von
höchstem
Rang, Schatzkammer des klassischen europäischen Erbes, sowohl des
griechischen wie des römischen. Die Plünderung fügte der
abendländischen Kultur einen größeren Verlust zu als
jene
Roms im fünften Jahrhundert während der Völkerwanderung
oder der Brand der Bibliothek von Alexandria, den die Soldaten des
Propheten
Mohammed im 7. Jahrhundert verursachten - vielleicht den schlimmsten je
auf einen Schlag versetzten Verlust in der Geschichte.
Auch politisch läßt sich der Schaden kaum
abschätzen. Obwohl die lateinische Herrschaft am Bosporus weniger
als 60 Jahre dauerte, gewann das Byzantinische Reich nie wieder seine
alte
Kraft oder einen nennenswerten Teil seiner verlorenen
Herrschaftsgebiete
zurück. Ein starkes und wohlhabendes Byzanz unter einer
entschlossenen
und kraftvollen Führung - an der es im folgenden Jahrhundert nicht
mangelte - hätte jedoch dem türkischen Vorrücken
vielleicht
noch rechtzeitig Einhalt zu gebieten vermocht; nun aber lag das Reich
wirtschaftlich
verkrüppelt und territorial verstümmelt darnieder,
unfähig,
sich gegen den osmanischen Vormarsch zu wehren. Es gibt kaum eine
schlimmere
Ironie in der Geschichte als die Tatsache, dass das Schicksal der
östlichen
Christenheit - und mit ihr eines beträchtlichen Teils von Europa,
der rund 500 Jahre unter moslemischer Herrschaft verblieb - von
Männern
besiegelt wurde, die unter dem Banner Christi kämpften. Diese
Männer
hat Enrico Dandolo im Namen der Republik Venedig befördern lassen,
angetrieben, ermutigt und schließlich auch angeführt; und im
gleichen Maß wie Venedig den Hauptnutzen aus der Tragödie
zog,
tragen diese Republik und ihr großartiger alter Doge auch die
Hauptlast
der Schuld an den Verwüstungen, die sie über die Welt
brachten.