John Julius Norwich: Band III Seite 196-216
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"Byzanz"

Der vierte Kreuzzug (1198-1205)

Ende des 12. Jahrhunderts herrschte in Europa Verwirrung. Die Kaiserreiche waren führungslos, im Osten wie im Westen, das normannische Sizilien für immer untergegangen. Deutschland zerfleischte sich in Bürgerkriegswirren über die Frage der Nachfolge auf dem Kaiserthron, und England und Frankreich waren nach dem Tod von Richard Löwenherz im Jahre 1199 mit ähnlichen Problemen beschäftigt, wenn sich diese auch weniger gewalttätig äußerten. Von den Leuchten der Christenheit war nur einer Herr der Lage, nämlich Papst Innozenz III., der den päpstlichen Thron 1198 bestiegen und unverzüglich einen weiteren Kreuzzug angekündigt hatte. Der Mangel an gekrönten Häuptern, welche diesen hätten anführen können, beunruhigte ihn nicht. Frühere Erfahrungen hatten gezeigt, dass Könige und Fürsten, die - und das taten sie in schöner Regelmäßigkeit - nationale Rivalitäten und endlose Streitereien über Vorrang und Protokoll anzettelten, sich eher als Last denn als Nutzen erwiesen. Ein paar bedeutende Adlige würden seinem Zweck daher viel trefflicher dienen. Innozenz war noch dabei, sich nach geeigneten Kandidaten umzusehen, da erhielt er einen Brief des Grafen Tibald von der Champagne.
Tibald war der jüngere Bruder Heinrichs von der Champagne, des Grafen von Troyes, welcher seit seiner Heirat mit Amalrichs Tochter Isabella im Jahre 1192 bis zu seinem versehentlichen Sturz aus dem Palastfenster in Akko 1197 das Königreich Jerusalem regiert hatte, ohne je zum König gekrönt worden zu sein. Tibald hatte Heinrich nicht nach Palästina begleitet, doch als Enkel von Ludwig VII. und Neffe sowohl von Philipp II. August als auch Richard Löwenherz lag ihm das Kreuzfahrertum im Blut. Er war energisch und ehrgeizig, und als der berühmte Prediger Fulk von Neuilly, der Frankreich auf der Suche nach Unterstützung für eine neue Expedition nach Osten durchstreifte, sich anläßlich eines Ritterturniers auf Ecri an der Aisne an ihn und seine Bekannten wandte, sagte er sofort zu. Und nachdem er Papst Innozenz die Nachricht gesandt hatte, dass er das Kreuz nehme, kam kein anderer Anführer mehr in Frage.
Es war allen klar, dass ein sehr schwieriges Unterfangen vor ihnen lag. Bevor er Palästina verließ, hatte Richard Löwenherz verlauten lassen, die größte Schwachstelle des moslemischen Ostens sei Ägypten, und zukünftige Feldzüge sollten deshalb dort ausgetragen werden. Das bedeutete, dass das neue Heer den Seeweg wählen mußte und eine Anzahl Schiffe benötigte, für die es nur eine Quelle gab: die Republik Venedig. Und so traf in der ersten Fastenwoche des Jahres 1201 eine Gruppe von sechs Rittern, angeführt von Gottfried von Villehardouin, Marschall der Champagne, in Venedig ein. Sie trugen ihre Bitte anläßlich einer außerordentlichen Zusammenkunft des Großen Rates vor, und eine Woche später erhielten sie die Antwort: Die Republik Venedig werde die Transportmittel für 4.500 Ritter und deren Pferde, 9.000 Junker und 20.000 Fußsoldaten zur Verfügung stellen sowie Nahrungsmittel für 9 Monate. Man rechne mit Kosten von 85.000 Silbermark. Dazu werde Venedig 50 voll ausgerüstete Galeeren auf eigene Kosten bereitstellen, unter der Bedingung, dass man die Hälfte aller eroberten Gebiete erhalte.
Diese Antwort wurde Villehardouin und seinem Anhang durch den Dogen Enrico Dandolo übermittelt. In der ganzen Geschichte Venedigs findet sich keine verblüffendere Gestalt. Wie alt er war, als er am 1. Januar 1193 auf den Dogenthron gelangte, läßt sich nicht genau ermitteln; die Überlieferung besagt, er sei damals 85 und bereits erblindet gewesen, doch dies erscheint unglaubwürdig angesichts der Tatkraft - ja des Heldenmuts -, die er 10 Jahre später auf den Mauern von Konstantinopel an den Tag legte. Aber selbst wenn er 1193 erst Mitte 70 war, hätte er den 4. Kreuzzug mit über 80 Jahren mitgemacht! Als ergebener, ja fast fanatischer Patriot stand er den größten Teil seines Lebens im Dienste Venedigs und gehörte 1172 der Gesandtschaft an, die sich im Rahmen der fehlgeschlagenen venezianischen Friedensmission zu Kaiser Manuel Komnenos begab. Stammt der Verlust seines Augenlichts aus jener Zeit? Seinem späteren Namensvetter, dem Chronisten Andrea Dandolo, zufolge erbosten Enricos Arroganz und Verstocktheit Manuel Komnenos derart, dass er ihn verhaften und teilweise blenden ließ; nach einer zeitgenössischen und deshalb vielleicht zuverlässigeren Quelle, einem Anhang der Altino-Chronik, machte sich die nächste venezianische Gesandtschaft indes erst dann auf den Weg nach Konstantinopel, nachdem die drei Botschafter der vorherigen sicher und unversehrt zurückgekehrt waren. Dies und was wir über Manuels Charakter wissen, dazu der Mangel an weiteren Hinweisen auf ein Vorkommnis, das in Venedig einen Aufschrei hätte hervorrufen müssen, falls es sich tatsächlich so zugetragen hätte, deuten darauf hin, dass die Schuld diesmal nicht kaiserlicher Mißbilligung zugeschoben werden kann. Nach einer weiteren Annahme soll Dandolo während seines Aufenthalts in Konstantinopel in eine Keilerei verwickelt gewesen und in deren Verlauf an den Augen verletzt worden sein. Dies erscheint in Anbetracht der in der Altino-Chronik erwähnten Umstände aber ebenfalls unwahrscheinlich, und schließlich war er damals alles andere als ein jugendlicher Raufbold, sondern ein altgedienter Diplomat um die 50. 30 Jahre später besteht zumindest am Sachverhalt jedoch kein Zweifel mehr. Gottfried von Villehardouin, der ihn gut kannte, versichert uns: "Er hatte schöne Augen im Kopf und konnte doch gar nichts sehen, denn er hatte das Gesicht durch einen Hieb auf den Kopf verloren."
Zum Glück für die Nachwelt berichtet Villehardouin nicht nur ausführlich über den 4. Kreuzzug, sondern auch über die Verhandlungen, die ihm vorangingen. Niemand hätte sich besser dazu geeignet, und wenige seiner Zeitgenossen hätten es besser gekonnt. Sein Stil zeichnet sich durch Klarheit und Flüssigkeit aus, und in der Einleitung liefert er uns eine lebhafte Schilderung der venezianischen Demokratie in voller Aktion. Zunächst beriet sich der Doge Dandolo mit dem großen Rat:
Dann versammelte er wohl 10 Tausend in der Marcus-Kirche, der schönsten, die es geben kann, und sagte ihnen, sie möchten eine heilige Messe hören und Gott bitten, sie über das Gesuch der Botschafter zu berathen. [...] Als die Messe gelesen war, entbot der Doge den Botschaftern, sie sollten das ganze Volk demüthig ersuchen, dass es in den Abschluß dieses Vertrages willige. [...] Gottfried von Villehardouin, der Marschall von Champagne, übernahm das Wort nach Übereinkunft und dem Willen der andern Gesandten und sprach zu ihnen [...] Darauf warfen sich die 6 Gesandten unter vielen Thränen auf den Knieen, und der Doge und alle anderen brachen in Thränen der Rührung aus und riefen mit e i n e r Stimme, und streckten ihre Hände hoch, und sprachen: "Wir willigen ein! Wir willigen ein!" Da entstand ein so großes Geschrei und ein so großer Lärm, als ob die Erde einstürzen sollte.
Tags darauf wurden die Verträge abgeschlossen. Villehardouin vermerkt am Rande, dass man Ägypten in der Übereinkunft nicht als unmittelbares Ziel erwähnte. Er gibt keine Erklärung dafür ab, doch dürften er und seine Mitverantwortlichen fast sicher - und mit gutem Grund, wie sich herausstellen sollte - befürchtet haben, dass eine solche Nachricht bei den einfachen Soldaten kaum auf Gegenliebe stoßen würde; für diese bestand das rechtmäßige Ziel eines Kreuzzugs einzig in Jerusalem, und sie sahen keinen Grund, anderswo Zeit zu verlieren. Zudem bedingte ein Feldzug nach Ägypten eine gefährliche Landung an einer feindlichen Küste, ganz im Gegensatz zum friedlichen Ankerplatz im christlichen Akko und der Möglichkeit, sich von der Reise zu erholen, bevor man in den Kampf zog. Auf dieses Täuschungsmanöver ging man auf venezianischer Seite gewiß sehr bereitwillig ein, denn auch dort galt es etwas zu verbergen. Soeben verhandelte nämlich eine venezianische Delegation in Kairo über ein äußerst einträgliches Handelsabkommen, und sie dürfte im Verlauf dieser Gespräche eine Garantie abgegeben haben, dass Venedig sich an keinem Angriff auf ägyptisches Hoheitsgebiet beteiligen werde.
Solche Erwägungen durften indes die Pläne für den Kreuzzug nicht beeinflussen, denn dieser konnte ja durchaus noch größeren Gewinn bringen. So kam man überein, dass sich alle Kreuzfahrer zum Fest des Heiligen Johannes, am 24. Juni des Jahres 1202, in Venedig einfinden sollten.
Auf welche Weise genau Enrico Dandolo gedachte, das fränkische Kreuzfahrerheer von Ägypten abzubringen, werden wir nie erfahren. Möglicherweise sorgten er und seine Agenten selbst teilweise dafür, dass sich die Ägyptenpläne im Westen so rasch herumsprachen; sicher ist, dass diese in erstaunlich kurzer Zeit allgemein bekannt waren. Doch falls er gehofft hatte, dass die Reaktion in der Bevölkerung auf diese Neuigkeit die Führung dazu bewegen könnte, ihre Meinung zu ändern, irrte er. Es waren vielmehr die Gefolgsleute, die sich anders besannen. Viele sagten sich endgültig vom Kreuz los, nachdem sie das beabsichtigte Ziel vernommen hatten; weitaus mehr beschlossen, dessenungeachtet nach Palästina zu reisen, und organisierten selbst einen Transport von Marseille nach einem der apulischen Häfen. Am Tag des vereinbarten Treffens in Venedig umfaßte die Armee, die im Lido zusammenkam, nicht einmal ein Drittel der erwarteten Menge.
Wer sich wie geplant eingefunden hatte, mußte die Situation als äußerst beschämend empfinden. Venedig hat seinen Teil des Abkommens eingehalten; dort lag die Flotte, sowohl Kriegs- als auch Transportgaleeren, wie "niemals ein Christenmensch eine größere und schönere sah", allein sie hätte einem dreimal so umfangreichen Heer genügt, wie es jenes war, das sich eingefunden hatte. Nachdem sich ihre Zahl so drastisch reduziert hatte, bestand für die Kreuzfahrer keine Hoffnung, Venedig die versprochene Summe bezahlen zu können. Als ihr Anführer, der Markgraf Bonifaz von Montferrat (Tibald war im Jahr zuvor kurz nach Villehardouins Rückkehr gestorben) reichlich verspätet in Venedig eintraf, fand er die ganze Expedition gefährdet. Nicht nur weigerte sich Venedig rundweg, auch nur ein einziges Schiff auslaufen zu lassen, bis das Geld bereitstehe, sondern man sprach sogar davon, dem wartenden Heer die Verpflegung zu sperren, eine Drohung, die um so schwerer wog, als die Mehrheit der Kreuzfahrer auf den Lido beschränkt und es ihnen strikt untersagt war, auch nur einen Fuß in die Stadt zu setzen. Diese letzte Maßnahme war nicht als Beleidigung gedacht; es handelte sich vielmehr um eine übliche Sicherheitsvorkehrung, wie sie anläßlich solcher Gelegenheiten getroffen wurden, um Aufruhr oder den Ausbruch einer Seuche zu verhindern. Zur Hebung der Stimmung trug sie indes nicht gerade bei. Bonifaz leerte seine persönliche Schatztruhe, viele Junker und Grafen taten es ihm gleich, und Mann für Mann im Heer wurde bedrängt, soviel zu geben, wie er nur konnte. Dennoch lag die Gesamtsumme schließlich trotz der Menge miteingerechneter Gold- und Silberteller noch immer um 34.000 Mark unter dem geschuldeten Betrag.
Solange noch Beiträge eintrafen, ließ der alte Dandolo die Kreuzfahrer im ungewissen. Kaum aber war sicher, dass er nichts mehr erwarten konnte, rückte er mit einem Angebot heraus: Die venezianische Stadt Zara (Zadar) sei kürzlich an den König von Ungarn gefallen; sollte das fränkische Heer sich nun bereit erklären, Venedig bei der Rückeroberung behilflich zu sein, bevor es zum eigentlichen Kreuzzug aufbrach, könnte man die Begleichung der Schuld gegebenenfalls hinausschieben. Das zynische Angebot sprach für sich, und sobald Papst Innozenz davon vernahm, sandte er eine dringliche Mitteilung, in der er dessen Annahme rundheraus verbot. Den Kreuzfahrern aber, das sah er später ein, blieb gar keine Wahl. Nun folgte eine weitere jener feierlichen Zusammenkünfte im Markusdom, die Enrico Dandolo trotz seines Alters so wunderbar zu inszenieren wußte. Vor einer Gemeinde, die alle führenden Franken einschloß, wandte er sich an seine Untertanen. Auch Villehardouin war dabei und gibt seine Ansprache wie folgt wieder:
"Edle Herren, Ihr seid mit den besten Männern von der Welt für die größte Sache, welche jemals unternommen worden ist, verbindet. Ich bin ein alter und schwacher Mann, und ich hätte wohl Ruhe nöthig und bin am Leibe krank, aber ich weiß, dass Niemand Euch so gut berathen und anführen kann, als ich, der ich Euer Oberhaupt bin. Wenn Ihr genehmigen wollt, dass ich das Kreuz nehme, um Euch zu wahren und zu leiten, und dass mein Sohn an meiner Statt bleibe, um das Land zu schützen, so würde ich mitgehen, und mit Euch und den Kreuzfahrern leben und sterben."
Als sie dies hörten, riefen sie alle mit einer Stimme: "Wir bitten Euch um Gott, dass Ihr es thut, und dass Ihr mit uns kommt." Er stieg sodann von der Kanzel herab, ging vor den Altar, und ließ sich unter vielen Thränen auf die Kniee nieder; dann nähte man ihm das Kreuz vorn an einen großen wollenen Hut, denn er wollte, dass alle Leute es sehen könnten.
Und so stach die Flotte mit dem Heer des 4. Kreuzzuges am 8. Oktober 1202 in Venedig in See. Die 480 Schiffe, angeführt von der Galeere des Dogen - sie "war ganz purpurroth und ein Zelt von purpurner Seite war über ihm aufgespannt; vor ihm waren vier silberne Trompeten, welche trompeteten, und Pauken, weiche große Freude machten", begaben sich weder auf den Weg nach Ägypten noch nach Palästina. Knapp eine Woche später hatte man Zara erobert und geplündert. Der Kampf, der beinahe unmittelbar im Anschluß daran zwischen den fränkischen und venezianischen Soldaten über die Verteilung der Beute entbrannte, verhieß wenig Gutes für die Zukunft. Der Friede konnte aber schließlich wiederhergestellt werden, und beide Parteien bezogen in verschiedenen Stadtteilen Winterquartier. Inzwischen hatte Papst lnnozenz von den Geschehnissen erfahren. Erzürnt belegte er kurzerhand die ganze Expedition mit dem Kirchenbann. Obwohl er ihn später auf die Venezianer beschränkte, läßt sich kaum sagen, der Kreuzzug habe unter guten Vorzeichen begonnen.
Doch es sollte noch schlimmer kommen. Zu Beginn des neuen Jahres erhielt Bonifaz durch Boten ein Schreiben PHILIPPS VON SCHWABEN; dieser war, wie wir wissen, nicht nur BARBAROSSAS Sohn und Bruder Kaiser HEINRICHS VI., dessen Tod fünf Jahre zuvor dem Westen einen leeren Kaiserthron beschert hatte, sondern auch Schwiegersohn des in Konstantinopel abgesetzten und geblendeten Kaisers Isaak II. Angelos. Was war geschehen? Im Jahr zuvor war Isaaks jüngerer Sohn, ein weiterer Alexios, aus dem Gefängnis entkommen, wo man ihn zusammen mit seinem Vater festgehalten hatte, und an den Hof PHILIPPS VON SCHWABEN als dem für ihn naheliegendsten Zufluchtsort geflohen. Dort hatte er sich mit Bonifaz kurz vor dessen Abreise nach Venedig getroffen, und dort dürften die drei den Plan ausgeheckt haben, den PHILIPP Bonifaz nun in seinem Brief in aller Form unterbreitete: Sollte das Kreuzfahrerheer den jungen Alexios nach Konstantinopel begleiten und ihn dort anstelle seines unrechtmäßig herrschenden Onkels auf den Thron setzen, würde dieser Alexios IV. Angelos die nachfolgende Eroberung Ägyptens finanzieren und zusätzlich 10.000 eigene Soldaten zur Verfügung stellen, später 500 Ritter auf seine Kosten im Heiligen Land unterhalten und zudem die Ostkirche der Obrigkeit Roms unterstellen.
Aus Bonifaz' Sicht hatte der Plan viel für sich. Abgesehen von scheinbar längerfristigen Vorteilen für den Kreuzzug selbst und der Möglichkeit, den noch ausstehenden Betrag an Venedig zahlen zu können, witterte er die Möglichkeit beträchtlicher persönlicher Bereicherung. Und der alte Doge Dandolo, dem er die Idee darlegte - und für den das Ganze wahrscheinlich nicht völlig überraschend kam -, ging mit wahrer Begeisterung darauf ein. Der Bann hatte ihn in keiner Hinsicht geläutert; es war nicht das erste Mal, das Venedig sich päpstlichen Wünschen widersetzt hatte, und es würde auch nicht das letzte Mal sein. Frühere militärische und diplomatische Erfahrungen hatten dazu geführt, dass er nur wenig Zuneigung für Byzanz hegte. Zudem hatte der jetzige Kaiser Alexios III. ihm nach seinem Amtsantritt bei der Erneuerung der Venedig von seinem Vorgänger bewilligten Handelsbewilligungen untragbare Schwierigkeiten bereitet. Der Wettbewerb mit Genua und Pisa wurde immer härter; sollte Venedig seine angestammte Position auf den Ostmärkten behaupten können, war entschiedenes Handeln angesagt. Und nicht zuletzt würde das Vorhaben zusätzlich einen willkommenen Aufschub des Ägyptenfeldzuges mit sich bringen.
Das Kreuzfahrerheer ging bereitwilliger auf die Planänderung ein, als vielleicht erwartet wurde. Ein paar weigerten sich zwar rundheraus und machten sich auf eigene Faust nach Palästina auf; die Mehrheit aber war sehr gewillt, sich auf ein Vorhaben einzulassen, welches den Kreuzzug zu stärken und zu bereichern sowie zugleich die Einheit der Christenheit wiederherzustellen versprach. Seit der großen Kirchenspaltung - und auch schon davor - war Byzanz im Westen unbeliebt. Das Ostreich hatte bis dahin wenig bis gar nichts zu den Kreuzzügen beigetragen und, so glaubte man allgemein, die christliche Sache verschiedentlich sogar verraten. Des jungen Alexios' Angebot zur aktiven Unterstützung kam als willkommene Abwechslung und war nicht zu verschmähen. Und schließlich muß es unter den materialistisch Eingestellten viele gegeben haben, welche die Hoffnungen ihres Anführers auf persönliche Bereicherung teilten. Ein durchschnittlicher Franke wußte so gut wie nichts über das Byzantinische Reich, aber alle kannten die Mär von dessen unermeßlichem Reichtum seit ihrer Kindheit. Und für jedes Heer, ob nun das christliche Kreuz seine Fahne zierte oder nicht, bedeutete eine sagenhaft reiche Stadt nur eines. Plünderung und Beute.
Der junge Alexios traf gegen Ende April persönlich in Zara ein, und wenige Tage später stach die Flotte in See. Unterwegs machte sie Zwischenhalt in Durazzo und auf Korfu, und hier wie dort empfing ihn die Bevölkerung als den rechtmäßigen Kaiser des Ostens. Am 24. Juni 1203, auf den Tag genau ein Jahr nach der Versammlung in Venedig, ging die Flotte vor Konstantinopel vor Anker. Die Kreuzfahrer kamen aus dem Staunen nicht heraus. Villehardouin berichtet:
Nun könnt Ihr glauben, dass diejenigen, welche Constantinopel noch nicht gesehen hatten, es viel ansahen, denn sie konnten sich nicht denken, dass es in der ganzen Welt eine so reiche Stadt geben könnte, als sie diese hohen Mauern und stattlichen Thürme, mit denen sie rings herum eingeschlossen war, sahen und die schönen Paläste und hohen Kirchen, deren es so viele gab, dass man es nicht glaubt, wenn man es nicht mit eigenen Augen gesehen hat, und endlich die Länge und Breite dieser Königin unter allen Städten! Und glaubt nur, dass da kein Mann so kühn war, dass ihm nicht die Haut geschaudert hätte; und das war kein Wunder, denn seit Erschaffung der Welt war eine so große Sache von Niemand unternommen worden.
Alexios III. hatte genügend Warnungen vor der bevorstehenden Expedition erhalten und doch bezeichnenderweise keinerlei ernsthafte Vorkehrungen zum Schutze der Stadt getroffen. Die Werften lagen verlassen da, seit sein einfältiger Bruder den byzantinischen Schiffbau 16 Jahre zuvor sozusagen ganz Venedig überantwortet hatte, und laut Niketas Choniates, der als ehemaliger kaiserlicher Sekretär über genügend Kontakte verfügte, um über die Vorgänge informiert zu sein, hatte er seinem ersten Admiral (der zugleich sein Schwager war) erlaubt, Anker, Segel und Takelage der wenigen noch verbliebenen Schiffe zu verkaufen, welche nun als nutzlose Klötze im Hafenbecken vor sich hin faulten. Halbbetäubt sahen er und sein Volk von den Mauern herab zu, wie die riesige Kriegsflotte sich ihren Weg zur Bosporusmündung bahnte.
Da sie es nicht besonders eilig hatten, mit der Belagerung zu beginnen, legten die Eindringlinge zunächst an der asiatischen Küste der Meerenge in der Nähe der kaiserlichen Sommerresidenz von Chalkedon an, um ihre Vorräte aufzustocken. "Die Gegend war schön und reich und fruchtbar an allen Gütern", schreibt Villehardouin, "und das eben geerntete Getreide befand sich in Mühlen auf den Feldern; soviel jeder davon nehmen wollte, nahm er, denn sie waren dessen sehr benöthigt." Sie wehrten dort mit Leichtigkeit den halbherzigen Angriff eines kleinen griechischen Reitertrupps ab - die Reiter flohen nach dem ersten Schlag, doch hatten sie wahrscheinlich nur die Aufgabe eines Spähtrupps zu erfüllen - und verfuhren später ebenso ohne Umschweife mit einem Abgesandten des Kaisers. Falls, so teilten sie ihm mit, sein Herr willens sei, den Thron an seinen Neffen abzutreten, würden sie letzteren bitten, ihm zu verzeihen und ihm eine großzügige Abfindung zu geben. Falls nicht, bräuchte er keine weiteren Boten zu senden, sondern solle sich um seine Verteidigung kümmern.
Bald nach Sonnenaufgang am Morgen des 5. Juli überquerten sie den Bosporus und landeten unterhalb Galata am nordöstlichen Ufer des Goldenen Horns. Als Handelsniederlassung, die zur Hauptsache von ausländischen Kaufleuten bewohnt wurde, besaß Galata keine Stadtmauer; die einzige größere Befestigung war ein großer, runder Turm, dem jedoch lebenswichtige Bedeutung zukam, denn darin befand sich die riesige Winde für die schwere Kette, die in Notfällen dazu diente, den Zugang zum Horn zu versperren. Zu seiner Verteidigung stand eine beachtliche Kampfeinheit bereit, an deren Spitze erstaunlicherweise der Kaiser persönlich stand. Vielleicht - obwohl angesichts der allgemeinen Mutlosigkeit, die sich in Byzanz seit Beginn der Herrschaft der ANGELOI ausgebreitet hatte, kaum wahrscheinlich - hätte sich die Verteidigung unter anderer Führung besser geschlagen; alle wußten, wie sich Alexios III. des Thrones bemächtigt hatte, und sein Charakter trug wenig dazu bei, Liebe oder Loyalität hervorzurufen. Doch der Anblick der gut 100 Schiffe, die rasch und präzis Männer, Pferde und Ausrüstung ausluden - Effizienz gehörte zu den venezianischen Stärken -, hätte sie wohl in jedem Fall mit Schrecken erfüllt, und kaum hatte die erste Welle von Kreuzfahrern ihre Lanzen zum Angriff gesenkt, suchten sie ihr Heil in der Flucht - auch diesmal mit Kaiser Alexios an der Spitze. Die Garnison im Turm von Galata schlug sich tapferer und hielt ganze 24 Stunden stand, doch am darauffolgenden Morgen mußte auch sie sich ergeben. Die venezianischen Seeleute lösten die Winde und die riesige, über 400 Meter lange Eisenkette, die die Einfahrt zum Goldenen Horn überspannte, versank donnernd im Wasser. Die Flotte brach herein und zerstörte die wenigen seetüchtigen Schiffe, die sie im Hafenbecken vorfand. Zur See hatte man auf der ganzen Linie gesiegt. Aber Konstantinopel gab nicht auf. Die Nord-Mauern an der Küste des Goldenen Horns konnten es zwar von der Stärke und Pracht her nicht mit den gewaltigen Schutzwällen auf der dem Land zugewandten Seite aufnehmen, ließen sich aber dennoch nach Kräften verteidigen. Allmählich gewann die byzantinische Verteidigung Mut und Entschiedenheit zurück, an denen es ihr zuvor so auffallend gemangelt hatte. In seiner ganzen 900-jährigen Geschichte war Konstantinopel noch kein einziges Mal fremden Eindringlingen in die Hände gefallen; vermutlich hatte man dies bis dahin überhaupt für unmöglich gehalten. Nun aber setzte die Stadt, sich der drohenden Gefahr endlich in vollem Ausmaß bewußt, auf Widerstand. Der einsetzende Ansturm richtete sich gegen den schwächsten Punkt der byzantinischen Verteidigung: gegen die Seeseite des Blachernenpalastes, in der Ecke, welche die Landbefestigung mit der Mauer an der Küste des Goldenen Horns im äußersten Nordwesten der Stadt bildete. Der Angriff setzte am Donnerstagmorgen, dem 17. Juli, gleichzeitig von der Land- und der Seeseite her ein. Die venezianischen Schiffe lagen, vollbepackt mit schwerster Belagerungsmaschinerie, tief im Wasser; Katapulte und Schleudern standen auf den Vorderdecks, gedeckte Laufstege und Sturmleitern baumelten sturmbereit an Tauen zwischen den Rahen. Die fränkische Armee, die vom Land her angriff, wurde zu Beginn von den Streitäxte schwingenden Angelsachsen und Dänen der Warägergarde zurückgeschlagen; die venezianischen Truppen entschieden die Schlacht - und nicht zuletzt Enrico Dandolo persönlich. Die »Heldenthat« des alten Dandolo schildert kein beliebiger, voreingenommener Lobredner der Republik Venedig, sondern ein Augenzeuge: Gottfried von Villehardouin höchstpersönlich. Er berichtet, dass die Seeleute noch immer zögerten, anzulegen und an Land zu gehen, obwohl ihre Schiffe sich dem Ufer schon so weit genähert hatten, dass diejenigen, weiche die Sturmleitern bemannten, bereits von Mann zu Mann mit den Verteidigern kämpften, und fährt fort:
Nun sollt Ihr eine wunderbare Heldenthat hören! nämlich der Doge von Venedig, welcher ein alter Mann und stockblind, stand ganz bewaffnet am Bug seiner Galeere, und hatte die Fahne des heiligen Markus vor sich; und er rief den Seinen zu, sie sollten ihn ans Land setzen, wo nicht, so sollten sie es an Leib und Leben büßen. So thaten sie also; sie lassen die Galeere stranden, springen heraus und tragen die Fahne des heiligen Markus zu Lande vor ihm her. Und wie die Venetianer die Fahne des heiligen Markus am Lande sahen, und die Galeere ihres Herzogs vor ihnen gestrandet, da hält sich jeder für beschimpft, und alle eilen ans Land.
Der Angriff gewann an Stoßkraft, und die Verteidiger mußten bald einsehen, dass sie keine Chance mehr hatten. Nach wenigen Stunden ließ Dandolo seinen fränkischen Verbündeten mitteilen, dass sich nicht weniger als 25 Türme in der Mauer bereits in venezianischer Hand befänden. In der Zwischenzeit strömten seine Männer durch Mauerbreschen in die Stadt und steckten die Holzhäuser in Brand, und bald stand das ganze Blachernenviertel in Flammen. Am Abend stahl Kaiser Alexios III. sich klammheimlich aus der Stadt. Seine Lieblingstochter und ein paar weitere Frauen sowie 10.000 Pfund in Gold und einen Beutel mit Edelsteinen ausgenommen, ließ er alles zurück, auch seine anderen Kinder und seine Frau; sie hatten mit ihrem künftigen Los allein zurechtzukommen.
Byzanz stand also in dieser tiefsten Krise seiner Geschichte ohne kaiserliches Oberhaupt da. Es mag erstaunlich erscheinen, dass man nach einer eilig einberufenen Staatsratssitzung den alten Isaak Angelos aus dem Gefängnis holte und ihn wieder auf den Kaiserthron setzte. Sein Bruder hatte dafür gesorgt, dass er noch weniger sah als Dandolo, auch hatte er sich als hoffnungslos inkompetenter Herrscher erwiesen. Aber er war der legitime Kaiser, und ohne Zweifel glaubte man in Byzanz, mit seiner Wiedereinsetzung sämtliche Gründe für die Einmischung der Kreuzfahrer aus der Welt zu schaffen. In gewisser Weise traf das zu; allein es gab da noch die bindenden Versprechen des jungen Alexios gegenüber Bonifaz und Dandolo. Isaak war verpflichtet, sie zu bestätigen und sich gleichzeitig damit einverstanden zu erklären, seinen Sohn zum Mit-Kaiser zu ernennen. Erst da anerkannten die Franken und Venezianer ihn offiziell und zogen sich nach Galata auf der anderen Seite des Goldenen Horns zurück, um dort auf den versprochenen Lohn zu warten.
Am 1. August 1203 erhielt Alexios IV. Angelos Seite an Seite mit seinem Vater die Krone und übernahm die eigentliche Herrschaft. Sogleich bereute er die Zugeständnisse, die er im Frühling in Zara so unbesonnen eingegangen war. Nach den Ausschweifungen seines Onkels war die kaiserliche Schatzkammer leer, und die neuen Steuern, die er gezwungenermaßen erhob, stießen beim Volk, das nur allzu genau wußte, wohin sein Geld floß, auf offene Empörung. Und die Geistlichkeit - seit eh und je eine gewichtige politische Kraft in Konstantinopel - zeigte sich schockiert, als er sich ihres Kirchensilbers zu bemächtigen und dieses einzuschmelzen begann, und vollends erbost, als sie von seinem Plan vernahm, die byzantinische Kirche dem verhaßten Papst in Rom zu unterstellen. Der Herbst verging, der Winter kam, und seine Unbeliebtheit nahm stetig zu. Und die fortwährende Anwesenheit der Franken, deren Gier unersättlich schien, verstärkte die Spannung noch. So trafen eines Nachts ein paar von ihnen beim Bummel durch die Stadt im sarazenischen Viertel hinter der Irenenkirche auf eine kleine Moschee; sie plünderten sie und brannten sie bis auf die Grundmauern nieder. Die Flammen breiteten sich in Windeseile aus, und zwei Tage und Nächte lang wütete in Konstantinopel die verheerendste Feuersbrunst seit der Herrschaft Justinians fast 700 Jahre zuvor.
Als Kaiser Alexios IV. von einem kurzen, erfolglosen Feldzug gegen seinen flüchtigen Onkel zurückkehrte, fand er seine Hauptstadt über weiteste Teile in Trümmern vor und sein Volk in einem praktisch offenen Aufruhr gegen die Fremden. Die Lage war zum Zerreißen gespannt; und als ein paar Tage danach eine Delegation von drei Kreuzfahrern und drei Venezianern vorstellig wurde, um die sofortige Zahlung der geschuldeten Summe zu verlangen, konnte er dagegen nichts ausrichten. Laut Villehardouin - der, wie vorauszusehen, unter ihnen war - entkamen die Gesandten sowohl auf dem Weg zum Palast als auch auf dem Rückweg nur knapp einem Lynchkommando. Er schreibt: "Nun begann der Krieg, und man fügte sich Schaden zu, wo man konnte, zu Wasser und zu Lande."
Dabei wollten weder die Kreuzfahrer noch Byzanz einen Krieg. Die Bevölkerung von Konstantinopel hatte mittlerweile nur noch ein Ziel vor Augen: diese unzivilisierten Raubmörder ein für allemal loszuwerden, die ihre geliebte Stadt zerstörten und sie obendrein aussaugten. Die Franken ihrerseits hatten nicht vergessen, weshalb sie ihre Heimat verlassen hatten, und den Zwangsaufenthalt bei einem, ihrer Ansicht nach, kraftlosen und verweichlichten Volk längst satt, wo sie doch eigentlich die Ungläubigen hätten bekämpfen sollen. Selbst wenn Byzanz seine Schuld vollumfänglich beglich, würden sie keinen wesentlichen Nutzen daraus ziehen, sondern konnten höchstens den ihrerseits bei Venedig ausstehenden Betrag begleichen.
Der Schlüssel zu dieser ganzen unmöglichen Angelegenheit lag, kurz gesagt, bei Venedig, genauer gesagt, bei Enrico Dandolo. Ihm stand es frei, seiner Flotte, wann immer er wollte, den Befehl zum Auslaufen zu geben. Hätte er dies getan, wären die Kreuzfahrer erleichtert und Byzanz entzückt gewesen. Bis dahin hatte er sich mit der Begründung geweigert, die Franken würden ihre Schulden niemals begleichen können, bevor sie ihrerseits die von Alexios und seinem Vater Isaak versprochenen Mittel erhielten. In Wirklichkeit jedoch brachte er für diese Schuld inzwischen nur noch geringes Interesse auf - kaum mehr als für den Kreuzzug selbst. Ihm stand Größeres vor Augen: der Sturz des Byzantinischen Reichs und die Besetzung des Thrones in Konstantinopel mit einer Marionette Venedigs.
Und so erhielt Dandolos Rat an seine fränkischen Verbündeten, als die Aussicht auf ein friedliches Abkommen schwand, einen neuen Unterton. Er erklärte, Isaak und Alexios hätten die Freunde, denen sie immerhin die gemeinsame Krone verdankten, bedenkenlos hintergangen, und von ihnen sei nichts mehr zu erwarten. Falls die Kreuzfahrer jemals zu ihrem Anteil kommen wollten, müßten sie sich diesen deshalb mit Gewalt holen. Ihre moralische Rechtfertigung dafür sei vollkommen; die treulosen ANGELOI hätten keinen weiteren Anspruch auf ihre Loyalität. Einmal in der Stadt und mit einem gekrönten Kaiser aus den eigenen Reihen, könnten sie ihre Schulden gegenüber Venedig begleichen, ohne darunter zu leiden, und hätten noch immer mehr als genug, um den Kreuzzug zu finanzieren. Hier sei die Gelegenheit; sie sollten sie jetzt ergreifen, denn sie würde nie mehr wiederkehren.
Auch in Konstantinopel herrschte allgemein Einigkeit darüber, dass Kaiser Alexios IV. gehen müsse; am 25. Januar 1204 fand sich eine große Menge Senatoren, Geistlicher und Leute aus dem Volk in der Hagia Sophia ein, um ihn für abgesetzt zu erklären und einen Nachfolger zu wählen. Während ihrer Beratungen, die sich drei Tage lang zäh und ergebnislos hinzogen, bevor ein widerwilliger Niemand namens Nikolaus Kanabos bestimmt wurde, nahm die einzige wirklich einsatzfähige Gestalt auf der byzantinischen Bühne das Recht in ihre Hand. Alexios Dukas trug wegen seiner Augenbrauen, die schwarz und struppig über dem Nasenrücken zusammenwuchsen, den Spitznamen Murzuphlos und stammte aus einem Adelsgeschlecht, das bereits mehrere Kaiser und Kaiserinnen hervorgebracht hatte. Er bekleidete am Hof das Amt des 1. Kämmerers und und genoß als solcher das Recht auf unbeschränkten Zutritt zu den kaiserlichen Gemächern. Mitten in der Nacht stürzte er in das Gemach des schlafenden Kaisers Alexios IV., weckte ihn mit der Nachricht, sein Volk habe sich gegen ihn erhoben, auf und bot ihm die, wie er behauptete, einzige Möglichkeit zur Flucht an. Er führte ihn, in einen langen Mantel gehüllt, durch eine Seitenpforte aus dem Palast zu einer vereinbarten Stelle, wo seine Mitverschworenen schon auf ihn warteten. Sie legten den unglücklichen Jüngling namens Alexios IV. sogleich in Eisen und steckten ihn in ein Verlies, wo er, nachdem er zwei Vergiftungsanschläge überlebt hatte, schließlich erdrosselt wurde. Fast zur selben Zeit kam auch sein geblendeter Vater Isaak ums Leben. In der ihm eigenen Naivität, die sein ganzes Werk kennzeichnet, schreibt Villehardouin Isaaks Ableben einer plötzlichen Erkrankung zu, die ihn ereilt habe, als er vom Schicksal seines Sohnes erfuhr; Villehardouin scheint nicht auf den Gedanken gekommen zu sein, dass eine so zweckdienliche Krankheit auch mit künstlichen Mitteln herbeigeführt worden sein könnte.
Kaum waren seine Rivalen aus dem Weg geräumt und Nikolaus Kanabos wieder in der Versenkung verschwunden, aus der er gar nicht erst hätte auftauchen sollen, ließ sich Alexios Dukas in der Hagia Sophia als Alexios V. zum Kaiser krönen. Sogleich begann er jene Führungseigenschaften an den Tag zu legen, an denen es dem Reich so lange gemangelt hatte. Zum ersten Mal seit Ankunft der Kreuzfahrer wurden Mauern und Türme richtig bemannt, und Tag und Nacht mühten sich Bautrupps im Schweiße ihres Angesichtes ab, um sie zu verstärken und zu erhöhen. Eines war den Franken klar. Es würde keine Verhandlungen mehr geben, geschweige denn weitere Zahlungen an eine Schuld, für die der neue Kaiser sich ohnehin nicht verantwortlich fühlte. Ihre einzige Chance lag in einem Großangriff auf die Stadt, und da Alexios V. nicht nur widerrechtlich den Thron an sich gerissen, sondern sich obendrein als Mörder entlarvt hatte, fühlten sie sich moralisch in einer noch stärkeren Position als gegen Alexios IV., immerhin einen rechtmäßigen Kaiser und ehemaligen Verbündten.
Ein Großangriff auf die Stadt: Für eben dies trat der alte Doge Enrico Dandolo seit Monaten ein, und man scheint ihn nach dem Staatsstreich Alexios' V. seitens der Venezianer wie auch der Kreuzfahrer als Anführer der gesamten Expedition anerkannt zu haben. Zwar bemühte sich Bonifaz von Montferrat, seinen Einfluß aufrechtzuerhalten; mit der Kaiserkrone in Reichweite, war dies für ihn wichtiger denn je. Doch ihn verband zuviel mit dem abgesetzten Kaiser, und nun, da Alexios IV. nicht mehr war, fand er sich in zunehmendem Maß diskreditiert. Abgesehen davon unterhielt er Verbindungen zu Genua - und Dandolo wußte davon. Anfang März begann eine Reihe Ratsversammlungen im Lager von Galata. Sie befaßten sich weniger mit der Planung des Angriffs - dessen Erfolg man scheinbar trotz der Verbesserungen, die Alexios V. an den Befestigungsanlagen hatte vornehmen lassen, voraussetzte - als mit der zukünftigen Reichsverwaltung nach dem Sieg. Man kam überein, dass das Kreuzfahrerheer sowie die venezianischen Truppen je sechs Bevollmächtigte für einen Ausschuß zur Wahl des neuen Kaisers ernennen sollten. Falls - was man annahm - dieser sich für einen Franken entschied, sollte der Patriarch ein Venezianer sein; und umgekehrt. Dem Kaiser würde ein Viertel der Stadt und des Reichs zufallen sowie die beiden Hauptsitze, der Blachernenpalast am Goldenen Horn und der alte Palast am Marmarameer. Die verbleibenden drei Viertel sollten halbiert werden und die eine Hälfte an Venedig und die andere als Lehen an die Kreuzritter gehen. Was den venezianischen Teil betraf, wurde der Doge ausdrücklich von der Abgabepflicht an den Kaiser entbunden. Die Gesamtbeute sollte an einen bestimmten Ort geschafft und redlich verteilt werden. Schließlich mußten sich die Parteien verpflichten, Konstantinopel für mindestens ein Jahr nicht zu verlassen, das hieß frühestens im März 1205.
Der Angriff erfolgte am Freitag morgen, dem 9. April. Er richtete sich wieder gegen den Mauerabschnitt am Goldenen Horn, wo Dandolo und seine Leute sich neun Monate zuvor hervorgetan hatten. Diesmal aber scheiterten sie. Die neuen, höheren Mauern und Türme ließen sich von den venezianischen Mastkörben aus nicht mehr erklettern und erwiesen sich als nützliche Rampen, von denen aus die byzantinischen Katapulte Verheerung unter den Belagerern anrichten konnten. Im Verlauf des Nachmittags begannen die Angreifer, Männer, Pferde und Kriegsausrüstung wieder einzuschiffen und sich nach Galata in Sicherheit zu bringen. Die folgenden zwei Tage wurden darauf verwandt, die Schäden zu beheben. Am Montag wiederholten sie den Angriff. Diesmal banden die venezianischen Truppen ihre Schiffe paarweise zusammen, um auf diese Weise doppelt soviel Gewicht gegen die Türme schleudern zu können wie beim ersten Mal. Bald kam auch ein starker Nordwind auf, der die Schiffe viel schneller die Küste hoch und den Mauern entgegentrieb, als es die Ruderer je vermocht hätten, und die Belagerer konnten unter dem Sichtschutz von Notdächern arbeiten, die sich von einem Mast zum andern spannten. Es dauerte nicht lange, und zwei Türme waren überwältigt und besetzt. Fast gleichzeitig brachen die Kreuzfahrer eines der Tore auf und strömten in die Stadt.
Alexios, der die Verteidiger kühn und entschieden angeführt hatte, galoppierte durch die Straßen und gab sein Äußerstes, um die Bevölkerung aufzumuntern und wieder zu sammeln. Dazu schreibt Niketas:
Was soll ich als erstes, was als letztes aufzählen von dem, was diese blutbesudelten Männer zu tun sich vermaßen? O welche Schändung, als sie die verehrten Ikonen zu Boden schleuderten, als sie die Reliquien derer, die für Christus gelitten, auf abscheuliche Orte warfen! Wovor einem schaudert, wenn man davon bloß hört, das mußte man damals sehen: das göttliche Blut, ausgegossen auf die Erde, den Leib Christi, gestreut in den Staub! Diese Vorläufer und Vorboten des Antichrist, die damals schon die gotteslästerlichsten Untaten verbrechen, die jener einst tun soll, raubten die wertvollen Gefäße und Behältnisse des Heiligen, zerbrachen sie und steckten sie in ihre Taschen oder stellten sie als Brotkörbe und Trinkbecher auf ihre eigenen Tische [...] Die Freveltaten, die sie in der Großen Kirche verübten, sind kaum zu glauben. Der Altartisch, aus lauter edlen, im Feuer aneinandergefügten Stoffen, ein einziger vielfarbiger Gipfel der Schönheit, der auf der ganzen Welt als außerordentlich galt und bewunderndes Staunen erregte, wurde von den Plünderern zerstückt und verteilt [...] Als sie, gleich als wäre das auch eine Beute, die allerheiligsten Geräte und Gefäße von unübertrefflicher Kunst und Schönheit und aus seltenen Stoffen, das gediegene, mit Gold überzogene Silber, welches den Sims des Bemas (Vimas) sowie den herrlichen Ambo und die Pforten zierte und noch vieles andere schmückte, aus der Kirche fortschaffen wollten, führten sie Maulesel und Packtiere bis zum Allerheiligsten vor und beluden sie schwer. Als einige Tiere auf dem blinkenden Steinboden ausglitten, zogen sie die Schwerter und erstachen sie, so dass die heilige Stätte nicht nur von dem Unrat der Tiere, sondern auch von dem vergessenen Blut befleckt wurde. [...] Nicht dass etwa hier mehr Abscheuliches geschah, und dort weniger, sondern einmütig verübten alle überall die ärgsten Gotteslästerungen. Hätten etwa jene Schandbuben, die so gegen Gott wüteten, ehrwürdige Frauen, heiratsfähige Mädchen, Bräute Gottes, die sich der Jungfräulichkeit geweiht, verschonen sollen? [...] In den Gassen war Weinen und Jammern, die Straßen erfüllte Klagen und Geheul, aus den Kirchen tönte Wehgeschrei. Männer seufzten, Frauen schrien, überall wurden Leute verschleppt, versklavt, gezerrt, aus den Armen ihrer Lieben gerissen.
Und diese Männer, so fährt er fort, trugen das Kreuz auf ihrer Schulter, das Kreuz, auf das sie geschworen hatten, ohne Blutvergießen durch christliche Länder zu ziehen, ihre Waffen nur gegen Ungläubige zu führen und sich der Fleischeslust zu enthalten, bis ihre heilige Aufgabe erfüllt sei. Konstantinopel erlebte seine dunkelste Stunde - noch dunkler vielleicht als die, welche fast genau 250 Jahre später den endgültigen Fall an das Osmanen-Reich brachte. Doch nicht all seine Schätze gingen gingen für immer verloren. Während Franzosen und Flamen sich dem Wahn der Massenzerstörung hingaben, behielt man auf venezianischer Seite einen klareren Kopf und erkannte Schönheit und Wert, wo man sie erblickte. Auch diese Eroberer machten Beute, raubten und plünderten - indes zerstörten sie nicht. Vielmehr sandten sie alles, dessen sie sich bemächtigen konnten, nach Venedig, angefangen bei den vier gewaltigen Bronzepferden, die seit der Zeit Konstantins des Großen über dem Hippodrom gethront hatten und von nun an fast die ganzen folgenden 800 Jahre lang von ihrer Plattform über dem Hauptportal des Markusdoms für die Piazza darunter eine ähnliche Funktion erfüllten. Auch die N- und S-Fassade des Markusdoms sind förmlich übersät mit Skulpturen und Reliefs, die zur gleichen Zeit nach Venedig verfrachtet wurden, drinnen hängt im nördlichen Querschiff die wunderbare Ikone der Madonna Nikopeia (der "Siegesbringerin"),  welche die Kaiser auf dein Weg in die Schlacht vor sich her zu tragen pflegten, und die südliche Schatzkammer beherbergt eine der größten Sammlungen byzantinischer Kunst überhaupt: ein weiteres Denkmal venezianischer Raubgier.
Nach drei Schreckenstagen kehrte wieder einigermaßen Ordnung ein. Wie zuvor vereinbart, wurde sämtliches Diebesgut - oder der Teil, der sich nicht erfolgreich verstecken ließ - in drei Kirchen zusammengetragen und sorgfältig aufgeteilt:
1 Viertel für den zukünftigen Kaiser,
3 Viertel zu gleichen Teilen zwischen dem Frankenheer und Venedig.
Direkt danach überreichten die Kreuzfahrer Enrico Dandolo den geschuldeten Betrag. Nach Erledigung dieser Formalitäten zur allgemeinen Zufriedenheit schritten beide Parteien zur nächsten Aufgabe: zur Wahl des neuen Kaisers von Byzanz. Bonifaz von Montferrat hatte in einem verzweifelten Versuch, sein verlorenes Ansehen wiederzugewinnen und seiner Kandidatur Nachdruck zu verleihen, Kaiserin Margarete, die Witwe Isaaks II. Angelos, ausfindig gemacht, und sich mit ihr verheiratet. Er hätte sich die Mühe sparen können, denn Dandolo weigerte sich rundheraus, ihn auch nur in Erwägung zu ziehen. Und da die Franken uneins, die Venezianer indes einer Meinung waren, bereitete es ihm keine Schwierigkeiten, die Wahl zugunsten des pflegeleichten und fügsamen Grafen Balduin von Flandern und Hennegau zu beeinflussen, dessen Krönung am 16. Mai 1204 in der Hagia Sophia vollzogen wurde; es war die dritte Kaiserkrönung innerhalb eines Jahres. Obwohl der neu ernannte Patriarch Tommaso Morosini aus Venedig noch nicht eingetroffen war und deshalb den Krönungsgottesdienst nicht persönlich abhalten konnte, hätten unter den Anwesenden wohl nur wenige bestritten, dass der neue Kaiser sein Amt ausschließlich der Republik Venedig verdankte.

Auch suchte sich diese die Rosinen aus. Gemäß der Vereinbarung mit den Kreuzfahrern standen ihr drei Achtel Konstantinopels und des Byzantinischen Reichs zu, dazu das Recht auf freien Handel im gesamten Reichsgebiet, von dem Genua und Pisa unerbittlich ausgeschlossen werden sollten. In Konstantinopel erhob Dandolo Anspruch auf den ganzen Stadtteil um die Hagia Sophia und den Patriarchensitz bis zum Goldenen Horn; daneben forderte er für die Republik Venedig all jene Gebiete, die der Stärkung ihrer Herrschaft über das Mittelmeer dienten und ihr eine lückenlose Kette von Kolonien und Häfen von der heimischen Lagune bis zum Schwarzen Meer verschafften. Dazu gehörten Ragusa (Dubrovnik) und Durazzo, die West-Küste des griechischen Festlandes und die lonischen Inseln sowie der ganze Peleponnes, Euböa, Naxos und Andros; die Haupthäfen des Hellesponts und des Marmarameers (Gallipoli, Rhaidestos und Heraklea), die thrakische Küste, Adrianopel und schließlich, nach kurzen Verhandlungen mit Bonifaz, die so überaus wichtige Insel Kreta. Der venezianische Anspruch auf die Häfen und Inseln war absolut, was das griechische Festland betraf, ließ Dandolo deutlich werden, dass Venedig als Handelsrepublik kein Interesse daran habe, mehr als die wichtigen Häfen zu besetzen. Er trat die Verantwortung für alle übrigen Gebiete nur allzu gerne ab.
Und so erwies sich zweifelsfrei die Serenissima Venedig, und nicht etwa die Franzosen oder Flamen - oder gar Kaiser Balduin, der eine reine Galionsfigur blieb - als eigentliche Nutznießerin des 4. Kreuzzugs, und sie verdankte diesen Erfolg fast ausschließlich Enrico Dandolo. Seit dem Tag vier Jahre zuvor, als die fränkischen Gesandten am Rialto eingetroffen waren, um Venedig um Hilfe für ihr heiliges Unternehmen anzugehen, hatte er jede neue Wendung in einen Vorteil für seinen Stadtstaat verwandelt. Auf seine Schachzüge hin wurde Zara zurückerobert, dann Ägypten von einem Angriff verschont - und damit Venedigs wirtschaftliche Interessen in der arabischen Welt gewahrt - sowie das fränkische Heer geschickt weiter nach Konstantinopel gelenkt, wobei diesem gleichzeitig die scheinbare Entscheidungsverantwortung überlassen blieb. Dort angekommen, stärkte sein Vorpreschen den ersten Sturm auf die Stadt entscheidend; sein gekonntes Intrigieren führte zum Sturz der ANGELOI und machte eine zweite Belagerung notwendig, nach der Konstantinopel erobert wurde. Sodann prägte er mit diplomatischem Geschick einen Vertrag, welcher der Republik Venedig mehr einbrachte, als diese je zu hoffen gewagt hätte, und den Grundstein für ihr Handelsweltreich legte. Und obwohl Dandolo die byzantinische Krone für sich ausschlug - sie anzunehmen hätte in Venedig unüberwindliche konstitutionelle Schwierigkeiten nach sich gezogen und vielleicht die Republik vernichtet -, ja nicht einmal dem Wahlgremium beitreten wollte, sorgte er dafür, dass sein Einfluß auf die Entscheidung (man wählte unter seiner Schirmherrschaft im alten Kaiserpalast, den er sich zeitweilig angeeignet hatte) eine Mehrheit für die venezianische Seite erbrachte, und sicherte so den Erfolg seines Kandidaten. Schließlich gelang es ihm auch noch, Venedig aus dem Feudalsystem herauszuhalten, indem er die neugewonnenen Hertschaftsgebiete nicht als kaiserliche Lehen, sondern als rechtmäßig eroberten Besitz übernahm, während er die Franken gleichzeitig dazu ermunterte, das Reich zu feudalisieren, ein Schritt, von dem er wußte, dass er Zerfall und Uneinigkeit nach sich ziehen und damit ein Wiedererstarken verhindern würde, welches der venezianischen Expansion schaden konnte. Für einen blinden, fast 90-jährigen Greis wahrhaft bemerkenswerte Errungenschaften.
Und selbst da ruhte er noch nicht. Außerhalb ihrer Hauptstadt setzten die griechischen Reichsuntertanen den Widerstand fort. Alexios V. konnte keine Schwierigkeiten mehr bereiten. Kurz nach seiner Eheschließung hatte sein Schwiegervater Alexios ihn geblendet; im Jahr darauf nahmen ihn die Franken gefangen, schleppten ihn nach Konstantinopel und stürzten ihn von der Theodosiossäule mitten in der Stadt zu Tode. Doch, wie wir im nächsten Kapitel erfahren werden, begründete ein anderer Schwiegersohn Alexios' III. in Nikäa ein Exilreich, zwei der taten dasselbe in Trapezunt, und in Epiros erhob sich ein unehelich geborener KOMNENENANGELOS zum unabhängigen Despoten. Auf allen Seiten hatten also die ehemaligen Kreuzfahrer hart zu kämpfen, um sich durchsetzen zu können, und nirgends so heftig wie in der von Venedig neuerworbenen Stadt Adrianopel, wo Kaiser Balduin im Jahre 1205, kurz nach Ostern, den Bulgaren in die Hände fiel und es dem alten Dandolo, der entschlossen an seiner Seite gekämpft hatte, oblag, ein vernichtetes Heer zurück nach Konstantinopel zu führen; über eine Verwundung ist nichts bekannt, doch sechs Wochen später war er tot. Sein Leichnam wurde erstaunlicherweise nicht nach Venedig gebracht, sondern in der Hagia Sophia begraben, und dort ist sein Grabstein auf der Galerie über dem südlichen Seitenschiff noch immer zu besichtigen.
Er hatte sich um das Wohl seiner Stadt verdient gemacht, und es verblüfft einigermaßen, dass sie dem effizientesten ihrer Dogen nie ein Denkmal setzte. Doch im größeren Zusammenhang gesehen, auf das Weltgeschehen bezogen, wirkte er verheerend. Wenn sich nicht sagen läßt, er habe dem Kreuzrittertum einen schlechten Ruf eingebracht, so nur deshalb, weil diese so genannte Abfolge von Raubzügen im vorangegangenen Jahrhundert bereits als eines der dunkelsten Kapitel in die Geschichte der Christenheit eingegangen war. Und doch übertraf der 4. Kreuzzug, falls er diese Bezeichnung überhaupt verdient, die anderen noch an Treulosigkeit und Falschheit, an Brutalität und Gier. Konstantinopel war im 12. Jahrhundert nicht nur die reichste Stadt der Welt, sondern auch intellektuell und künstlerisch von höchstem Rang, Schatzkammer des klassischen europäischen Erbes, sowohl des griechischen wie des römischen. Die Plünderung fügte der abendländischen Kultur einen größeren Verlust zu als jene Roms im fünften Jahrhundert während der Völkerwanderung oder der Brand der Bibliothek von Alexandria, den die Soldaten des Propheten Mohammed im 7. Jahrhundert verursachten - vielleicht den schlimmsten je auf einen Schlag versetzten Verlust in der Geschichte.
Auch politisch läßt sich der Schaden kaum abschätzen. Obwohl die lateinische Herrschaft am Bosporus weniger als 60 Jahre dauerte, gewann das Byzantinische Reich nie wieder seine alte Kraft oder einen nennenswerten Teil seiner verlorenen Herrschaftsgebiete zurück. Ein starkes und wohlhabendes Byzanz unter einer entschlossenen und kraftvollen Führung - an der es im folgenden Jahrhundert nicht mangelte - hätte jedoch dem türkischen Vorrücken vielleicht noch rechtzeitig Einhalt zu gebieten vermocht; nun aber lag das Reich wirtschaftlich verkrüppelt und territorial verstümmelt darnieder, unfähig, sich gegen den osmanischen Vormarsch zu wehren. Es gibt kaum eine schlimmere Ironie in der Geschichte als die Tatsache, dass das Schicksal der östlichen Christenheit - und mit ihr eines beträchtlichen Teils von Europa, der rund 500 Jahre unter moslemischer Herrschaft verblieb - von Männern besiegelt wurde, die unter dem Banner Christi kämpften. Diese Männer hat Enrico Dandolo im Namen der Republik Venedig befördern lassen, angetrieben, ermutigt und schließlich auch angeführt; und im gleichen Maß wie Venedig den Hauptnutzen aus der Tragödie zog, tragen diese Republik und ihr großartiger alter Doge auch die Hauptlast der Schuld an den Verwüstungen, die sie über die Welt brachten.