Ehlers Joachim: Seite
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"Die Kapetinger"
Im Juni 1285 fiel ein französisches Heer
über
die Pyrenäen in das Königreich Aragon ein, um den
Absetzungsbeschluß
des Papstes gegenüber Peter III. durchzusetzen
und statt seiner Karl von Valois
zu
erheben, den jüngeren Bruder Philipps
des
Schönen. Der Feldzug endete in einer militärischen
Katastrophe. Obwohl die monatelang belagerte Stadt Gerona am 7.
September
fiel, war das Heer Philipps III. schon
durch die aragonesische Flotte von seinem Nachschub abgeschnitten,
durch
Hunger und Seuchen geschwächt. Vor dem Abzug krönten
französische
Kleriker Karl von Valois noch
zum König von Aragon, mußten dabei aber in
Ermangelung
einer Krone als Insigne einen Kardinalshut verwenden, so daß der
so Ausgezeichnete neben seinem leeren Titel noch den Spottnamen roi
du chapeau davontragen durfte. Folgenreicher als diese Episode
war der Tod Philipps III.,
der am 5. Oktober 1285 in Perpignan starb.
Noch nie war ein königlicher Beraterstab so
individuell
in Erscheinung getreten wie in den Jahren seit 1285, niemals zuvor war
der Einfluß der königlichen Familie auf ihr regierendes
Haupt
geringer gewesen. Eigentlich ist nur Philipps
Bruder Karl Graf von Valois nennenswert,
und auch er mußte Ansprüche zurücknehmen, wenn sie sich
mit den Grundsätzen der Kronpolitik nicht vertrugen: 1290
verzichtet
Karl auf seinen fragwürdigen aragonesischen
Königstitel.
Ein Aufstand in Wales und Einfälle der Schotten
hinderten Eduard I., eine
größere
Armee auf den Kontinent zu schicken, so daß Karl
von Valois im Laufe des Jahres 1295 fast die gesamte Guyenne
erobern konnte.
Philipp der Schöne
nutzte den soeben erreichten Ausgleich mit dem Papst noch bevor die
entsprechende
Bulle erlassen war und griff solgleich den Grafen von Flandern an. Guy
von Dampierre erhielt wider Erwarten keine nennenswerte Hilfe
von Eduard
I., so daß Karl von Valois
und Robert von Artois mit zwei
Heeresgruppen
rasch vorrücken konnten, um sich im August bei Ypern zu
vereinigen.
In den folgenden Tagen ergaben sich Lille, Kortrijk, Bergen,
Dünkirchen
und Brügge, während der Graf sich in Gent behaupten konnte
und
auf päpstliche Vermittlung hoffte.
Noch während der Eroberung Flanderns mußte
ein zweites großangelegtes Unternehmen verfolgt werden, weil Papst
Bonifaz VIII. französische Hilfe gegen die aragonesische
Herrschaft
in Sizilien verlangte. Ungern entsandte Philipp
eine Armee unter dem Kommando
Karls von Valois,
der in Italien einrückte und rasch in die feingesponnenen Netze
kommunaler
Parteikämpfe geriet, deren Struktur sein Beraterkreis niemals
vollständig
begriffen hat.
Unterdessen hatte Karl von
Valois
den italienischen Krieg weitergeführt und wollte sich Anfang Mai
von
Neapel aus mit den Truppen Roberts von Anjou vereinen,
der als Herzog von Kalabrien
ebenfalls gegen Sizilien Krieg führte.
Am 18. Mai 1302 jedoch erhoben sich die Einwohner von Brügge gegen
den französischen Gouverneur Jacques
de Chatillon und brachten einen
großen Teil der fremden Besatzung um. Philipp
der Schöne reagierte sofort, denn es bestand ernste
Gefahr,
Flandern zu verlieren und die englische Position
unverhältnismäßig
gestärkt zu sehen. Er rief Karl von
Valois
aus Italien zurück und schickte Robert
von
Artois mit einer Armee nach Flandern.
Etienne de Mornay
war ein Vertrauter Karls
von Valois, des Bruders Philipps
IV.,
und hatte zuletzt dessen Kanzlei geleitet. Karl
von Valois seinerseits, tragisches Beispiel für das
Schicksal
zweitgeborener Königssöhne, hatte sich zeitlebens mit
wichtigen,
aber im Vergleich zur Königswürde zweitrangigen Aufgaben
begnügen
müssen. Seit 1283 war ihm vom Papst Aussicht auf die aragonesische
Krone eröffnet worden, doch die Hoffnung hatte sich im September
1285
schmählich zerschlagen. Immer wieder führte Karl
königliche
Heere: Gegen England und in Flandern, in Italien für den Papst mit
Aspiration auf das Königtum in Sizilien. Durch seine Heirat mit Katharina
von Courtenay, der Tochter
des letzten lateinischen
Kaisers
von Konstantinopel, erwarb er 1301 Anspruch auf das östliche Kaisertum,
1307 kandidierte er für die Nachfolge des ermordeten römisch-deutschen
Königs ALBRECHT I. VON HABSBURG, unterlag aber
gegen HEINRICH
VON LUXEMBURG. Nun wollte er im Rat seines Neffen der wahre
Regent Frankreichs sein.
Karl von Valois,
seit langem sein Todfeind, legte ihm die beim Regierungsantriit
Ludwigs X. entdeckten Fehlbeträge im Kronschatz zur
Last,
doch Marigny konnte sich bis
in den März 1315 als Kämmerer halten.
Dann aber wurde ihm wegen Hochverrats, Unterschlagung und magischer
Praktiken
der Prozeß gemacht.
Auf dem Totenbett hatte Ludwig
X. seine Onkel Karl von Valois
und Ludwig von Evreux sowie seinen
Bruder Karl von la Marche mit
dem Schutz
der Witwe beauftragt und ihnen damit praktisch die Lenkung des Reiches
anvertraut. Als Sprecher dieses Triumvirats und faktisches Haupt des kapetingischen
Familienverbandes durfte sich Karl von Valois
betrachten, der schon zu Lebzeiten seines Bruders eine hervorragende
Stellung
eingenommen hatte, die auch Ludwig X.
später niemals angetastet hatte.