Ehlers Joachim: Seite 189,194,199,204,206,208,228,232
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"Die Kapetinger"

Im Juni 1285 fiel ein französisches Heer über die Pyrenäen in das Königreich Aragon ein, um den Absetzungsbeschluß des Papstes gegenüber Peter III. durchzusetzen und statt seiner Karl von Valois zu erheben, den jüngeren Bruder Philipps des Schönen. Der Feldzug endete in einer militärischen Katastrophe. Obwohl die monatelang belagerte Stadt Gerona am 7. September fiel, war das Heer Philipps III. schon durch die aragonesische Flotte von seinem Nachschub abgeschnitten, durch Hunger und Seuchen geschwächt. Vor dem Abzug krönten französische Kleriker Karl von Valois noch zum König von Aragon, mußten dabei aber in Ermangelung einer Krone als Insigne einen Kardinalshut verwenden, so daß der so Ausgezeichnete neben seinem leeren Titel noch den Spottnamen roi du chapeau davontragen durfte. Folgenreicher als diese Episode war der Tod Philipps III., der am 5. Oktober 1285 in Perpignan starb.
Noch nie war ein königlicher Beraterstab so individuell in Erscheinung getreten wie in den Jahren seit 1285, niemals zuvor war der Einfluß der königlichen Familie auf ihr regierendes Haupt geringer gewesen. Eigentlich ist nur Philipps Bruder Karl Graf von Valois nennenswert, und auch er mußte Ansprüche zurücknehmen, wenn sie sich mit den Grundsätzen der Kronpolitik nicht vertrugen: 1290 verzichtet Karl auf seinen fragwürdigen aragonesischen Königstitel.
Ein Aufstand in Wales und Einfälle der Schotten hinderten Eduard I., eine größere Armee auf den Kontinent zu schicken, so daß Karl von Valois im Laufe des Jahres 1295 fast die gesamte Guyenne erobern konnte.
Philipp der Schöne nutzte den soeben erreichten Ausgleich mit dem Papst noch bevor die entsprechende Bulle erlassen war und griff solgleich den Grafen von Flandern an. Guy von Dampierre erhielt wider Erwarten keine nennenswerte Hilfe von Eduard I., so daß Karl von Valois und Robert von Artois mit zwei Heeresgruppen rasch vorrücken konnten, um sich im August bei Ypern zu vereinigen. In den folgenden Tagen ergaben sich Lille, Kortrijk, Bergen, Dünkirchen und Brügge, während der Graf sich in Gent behaupten konnte und auf päpstliche Vermittlung hoffte.
Noch während der Eroberung Flanderns mußte ein zweites großangelegtes Unternehmen verfolgt werden, weil Papst Bonifaz VIII. französische Hilfe gegen die aragonesische Herrschaft in Sizilien verlangte. Ungern entsandte Philipp eine Armee unter dem Kommando Karls von Valois, der in Italien einrückte und rasch in die feingesponnenen Netze kommunaler Parteikämpfe geriet, deren Struktur sein Beraterkreis niemals vollständig begriffen hat.
Unterdessen hatte Karl von Valois den italienischen Krieg weitergeführt und wollte sich Anfang Mai von Neapel aus mit den Truppen Roberts von Anjou vereinen, der als Herzog von Kalabrien ebenfalls gegen Sizilien Krieg führte. Am 18. Mai 1302 jedoch erhoben sich die Einwohner von Brügge gegen den französischen Gouverneur Jacques de Chatillon und brachten einen großen Teil der fremden Besatzung um. Philipp der Schöne reagierte sofort, denn es bestand ernste Gefahr, Flandern zu verlieren und die englische Position unverhältnismäßig gestärkt zu sehen. Er rief Karl von Valois aus Italien zurück und schickte Robert von Artois mit einer Armee nach Flandern.
Etienne de Mornay war ein Vertrauter Karls von Valois, des Bruders Philipps IV., und hatte zuletzt dessen Kanzlei geleitet. Karl von Valois seinerseits, tragisches Beispiel für das Schicksal zweitgeborener Königssöhne, hatte sich zeitlebens mit wichtigen, aber im Vergleich zur Königswürde zweitrangigen Aufgaben begnügen müssen. Seit 1283 war ihm vom Papst Aussicht auf die aragonesische Krone eröffnet worden, doch die Hoffnung hatte sich im September 1285 schmählich zerschlagen. Immer wieder führte Karl königliche Heere: Gegen England und in Flandern, in Italien für den Papst mit Aspiration auf das Königtum in Sizilien. Durch seine Heirat mit Katharina von Courtenay, der Tochter des letzten lateinischen Kaisers von Konstantinopel, erwarb er 1301 Anspruch auf das östliche Kaisertum, 1307 kandidierte er für die Nachfolge des ermordeten römisch-deutschen Königs ALBRECHT I. VON HABSBURG, unterlag aber gegen HEINRICH VON LUXEMBURG. Nun wollte er im Rat seines Neffen der wahre Regent Frankreichs sein.
Karl von Valois, seit langem sein Todfeind, legte ihm die beim Regierungsantriit Ludwigs X. entdeckten Fehlbeträge im Kronschatz zur Last, doch Marigny konnte sich bis in den März 1315 als Kämmerer halten. Dann aber wurde ihm wegen Hochverrats, Unterschlagung und magischer Praktiken der Prozeß gemacht.
Auf dem Totenbett hatte Ludwig X. seine Onkel Karl von Valois und Ludwig von Evreux sowie seinen Bruder Karl von la Marche mit dem Schutz der Witwe beauftragt und ihnen damit praktisch die Lenkung des Reiches anvertraut. Als Sprecher dieses Triumvirats und faktisches Haupt des kapetingischen Familienverbandes durfte sich Karl von Valois betrachten, der schon zu Lebzeiten seines Bruders eine hervorragende Stellung eingenommen hatte, die auch Ludwig X. später niemals angetastet hatte.