JOHANNITER

Lexikon des Mittelalters:
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Johanniter
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I. Geschichte:
Der Orden vom Hospital des hl. Johannes zu Jerusalem entstand 1099, im Jahr der Eroberung der Stadt durch die Kreuzfahrer (Kreuzzug, erster). Er ging aus dem Hospital hervor, das kurz vor 1080 bei der Abtei Sta. Maria Latina entstanden war, dessen Administratoren, vielleicht 'conversi', nach 1099 mehr Eigenständigkeit gewannen und für ihr Hospital reiche Landschenkungen, sowohl im lateinischen Osten als auch im westlichen Europa, erlangten. 1113, zu einem Zeitpunkt, als das Hospital bereits in einigen führenden Wallfahrtsorten Europas abhängige Spitäler errichtet hatte, wurde es von Papst Paschalis II. (»Pie postulatio voluntatis«) als einer unabhängigen Institution zugehörig anerkannt, doch erfolgte Anerkennung der J
ohanniter als Orden erst vierzig Jahre später (Bulle »Christiane fidei religio«, 1154). - Die ethische Haltung der Johanniter in ihren Anfängen, wie sie sich aufgrund der frühen Quellen und namentlich der Regel (entstanden um 1130) darstellt, geht vermutlich auf den ersten Meister, Gerhard, zurück und ist stark von der Kirchenreform des 11. Jh. geprägt. Die Johanniter verehrten den 'hl. Armen' und verstanden sich selbst als 'Diener der Armen Christi'. Ihr nach griechisch-byzantinischem Vorbild organisiertes Hospital hatte in der 2. Hälfte des 12. Jh. ein erstaunliches Versorgungs- u. Ernährungsniveau erreicht. Es konnte 2000 Kranke beider Geschlechter aufnehmen und war in einzelne Abteilungen gegliedert, von denen zum Beispiel die Abteilung für Geburtshilfe individuelle Betten und gar Wiegen besaß. Das Hospital beschäftigte vier Ärzte und vier Wundärzte, außerdem neun diensthabende Pfleger in jeder Abteilung, weiterhin Priester, da auf die spirituelle Betreuung der Insassen größter Wert gelegt wurde. Das Hospital der Johanniter, das Einfluß auf die Entwicklung des abendländischen Hospitalwesens hatte, verband die religiöse Zielsetzung, den Armen als Abbild des Herrn zu achten, mit praktisch-konkreter Hilfeleistung.
Neben der Hospitaltätigkeit bildeten die J
ohanniter rasch einen militärischen Zweig aus, wohl unter dem Einfluß der Templer und infolge einer Wandlung in der sozialen Herkunft der Brüder:
Erstmals 1141 ist ein Adliger als Mitglied der J
ohanniter belegt.
Mit ihrer neuen militärischen Orientierung kamen die J
ohanniter den Bedürfnissen der Königreiches Jerusalem entgegen: 1136 verlieh ihnen der König eine strategisch wichtige Burg im südlichen Palästina, mit der sie die in Askalon konzentrierten muslimischen Kräfte in Schach halten sollten. Dem folgte 1144 durch den Grafen von Tripoli die Übertragung des 'Krak des Chevaliers' mit der zugehörigen Grenzmark. Der Besitz dieser Burgen, auf denen vielleicht damals zum Teil noch fremde Ritter und Mannschaften eingesetzt wurden, belegt zwar für diese Zeit noch nicht zwangsläufig militärische Tätigkeit der Johanniter, doch waren sie eindeutig auf dem Weg zu einem Ritterorden: Der erste Ritterbruder tritt in einer Quelle von 1144 auf. Trotz päpstlicher Mißbilligung dehnte sich der militärische Zweig auf Kosten des Hospitalwesens aus: In den Jahren nach 1160 stürzten Rüstungskosten (Festungen, Teilnahme an Feldzügen) den Orden in schwere Schulden. Die von einem wohl 1206 abgehaltenen Generalkapitel erlassenen Statuten vermitteln das Bild eines vollausgebildeten Ritterordens, in dem das Hospitalwesen nur mehr den zweiten Platz einnimmt. Seit den Jahren nach 1230 hatten die Ritterbrüder eindeutig Vorrang vor den Priesterbrüdern. 1262 wurde verfügt, daß nur ein Ritterbruder das Amt des Meisters bekleiden konnte; in der Praxis waren auch die anderen hohen Ämter den Rittern vorbehalten. Voraussetzung für die Aufnahme als Ritterbruder war zunächst nur legitime Abstammung aus ritterbürtiger Familie; erst später kam eine Ahnenprobe dazu. Die 'servientes' oder 'dienenden Brüder' (im Waffen- oder Hospitaldienst), die keine adligen Ahnen vorweisen konnten, spielten eine untergeordnete Rolle, desgleichen die Priesterbrüder. Wie andere Orden bildeten auch die Johanniter einen weiblichen Zweig aus, dessen Mitglieder aber keine karitativen Aufgaben wahrnahmen, sondern nach der Augustinusregel als Kanonissen in Klausur lebten. Die Johanniter waren einer der ersten echten Orden; sie besaßen eine internationale Organisation unter zentraler Leitung, waren von der Jurisdiktion der Diözesanbischöfe befreit und verfügten über ein Netz von Niederlassungen in der gesamten Christenheit, was die Möglichkeit der räumlichen Versetzung von Brüdern bot. Die Entwicklung dieser internationalen Struktur läßt sich ab ca. 1120 verfolgen. Ihr Fundament waren im westlichen Europa die Kommenden (commanderies, Komtureien), die auf der Grundlage einer Diözese, einer Grafschaft (shire in England) oder gar eines ganzen Königreiches (Schottland) verfaßt waren und religiöse mit wirtschaftlich-administrativen Funktionen verbanden; letztere umfaßten vor allem die Pflicht zur Zahlung von 'responsiones', die ein Drittel der Einkünfte betrugen und an das Haupthaus im Osten gesandt wurden. Die Kommenden waren in Prioraten zusammengefaßt, von denen es im frühen 14. Jh. 25 gab und deren Zahl nach dem Erwerb der Güter des aufgelösten Templerordens leicht anstieg. Die Priorate waren zeitweise, aber nicht durchgängig in vier größeren europäischen Ordensprovinzen, den Großkommenden (Grand Commanderies) gruppiert. Weitaus wichtiger war die Einteilung nach 'Zungen' (Langues), die seit dem 13. Jh. auftritt. Bis 1295 hatten sich sieben Zungen ausgebildet, die jeweils mehrere Priorate umfaßten, doch hatten sie damals keine Bedeutung für die Gesamtstruktur des Ordens, sondern für die Zugehörigkeit der im Haupthaus lebenden Brüder. Jede Zunge hatte ihre 'Herberge' (auberge) und stellte jeweils den Träger eines der großen Ordensämter. Wie in anderen Orden spielten die Kapitel eine gewichtige Rolle. Alle Konvente, vom Haupthaus bis zu den einzelnen Kommenden, hielten wöchentlich Kapitel ab. Alljährlich versammelten sich die Komture eines Priorats; Generalkapitel fanden unter Teilnahme aller Prioren und großen Amtsträger, zunächst in unregelmäßigem Abstand, dann in fünfjährigem Turnus statt.
Bis 1187 (Hattin) war Jerusalem Sitz des Haupthauses, 1191-1291 dann Akkon. Nach dem Verlust Palästinas zogen die J
ohanniter nach Limassol auf Zypern, führten 1306 eine Invasion der Insel Rhodos durch und verlegten 1309 ihren Sitz dorthin. Durch die türkische Eroberung 1522 vertrieben, erhielten sie Malta, das bis 1798 ihr Hauptsitz blieb. 1312 erwarben die Johanniter die beschlagnahmten Templergüter. Aufgrund der auf diese Weise erfolgten Verdoppelung ihres Besitzes konnten die Johanniter - trotz gelegentlicher finanzieller Schwierigkeiten - Rhodos zu einer der stärksten Festungen der mittelalterlichen Welt ausbauen und in der Politik des östlichen Mittelmeerraumes eine aktive Rolle spielen: Die Johanniter beteiligten sich an fast allen Kreuzzugsligen, hielten 1374-1402 Smyrna und beherrschten kurze Zeit das lateinische Morea (1376). Nachdem Rhodos bereits 1440 und 1444 von den Mamluken angegriffen worden war, erfolgte 1480 eine Belagerung durch die Osmanen, die die Festung 1522 einnahmen. Bereits mit der Übersiedlung nach Zypern verlagerte sich der militärische Schwerpunkt der Johanniter vom Landkrieg auf ihre starke Flottenmacht. In Rhodos unterhielten die Johanniter in der Regel sieben bis acht Kriegsgaleeren. Mittlerweile de facto selbständig geworden (eine förmliche Eigenstaatlichkeit wurde jedoch erst im 18. Jh. erreicht), handelten die Meister (seit 1489: Großmeister) gleichsam wie selbständige Fürsten, prägten Münzen und schickten ihre Gesandten an die Höfe Europas. Vergleiche drängen sich auf zum Deutschen Orden, der 1309 sein Haupthaus in Marienburg errichtete, im selben Jahr wie die Johanniter auf Rhodos; offenbar begegneten die beiden Orden auf ähnliche Weise der Krise, mit denen die Ritterorden im frühen 14. Jh. konfrontiert waren und der die Templer erlagen.

J. Riley-Smith