JERUSALEM
Lexikon des Mittelalters:
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Jerusalem
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A. Stadtgeschichte, Kirchen
und Wallfahrt
I. Stadtgeschichte:
Unter byzantinischer Herrschaft (330-638) wandelte sich Jerusalem von
einer heidnisch-spätantiken Stadt (Aelia Capitolina) zu einem
blühenden Zentrum der Wallfahrt und fungierte seit der Zeit des
Konzils von Chalkedon (451) auch als Sitz eines Patriarchen.
Bevölkerungszahl und Stadtgebiet gewannen eine neue Dimension.
Infolge der Besiedlung des Bereichs jenseits der südlichen Mauern
wurde dieser Teil der Stadtbefestigung wiedererrichtet und die
Davidstadt mit dem Gebiet um den Siloah-Teich wie mit dem Berg Sion
verbunden; die von der Kaiserin
Eudokia
um 450 errichtete neue Mauer stand auf dem Mauerzug der zweiten
Tempelperiode. Unter Kaiser Herakleios wurde
anläßlich der triumphalen Rückführung des Hl.
Kreuzes ein neues Stadttor, das Goldene Tor, angelegt (629). Innerhalb
der Mauern war die Stadt, nach dem Zeugnis der Madaba-Mosaikkarte
(600), durch den Cardo in zwei Bereiche geteilt; dieser verlief vom
Stephanstor (bzw. Damaskustor) im Norden bis zum Sionstor im
Süden. Regierungs- und Verwaltungssitz war wie in
früheren Zeiten die Zitadelle mit ihren Türmen aus
herodianischer Zeit. Das wichtigste Forum der Stadt lag auf dem
heutigen Muristan, südlich des Hl. Grabes.
614 wurde die Stadt von den SASANIDEN
nach 20-tägiger Belagerung erobert; zahlreiche Bewohner wurden
erschlagen und Bauwerke zerstört. Durch den Vertrag v. 629 kam
Jerusalem wieder an Byzanz. Die persische Besetzung markiert einen
Einschnitt in die Geschichte Jerusalems.
Zahlreiche zerstörte Kirchen wurden unter byzantinischer
Herrschaft gar nicht mehr oder in bescheidenerem Umfang wiederaufgebaut
(meist durch den bedeutenden Verwalter und Patriarchen Modestos, 614-630/34). Das Vordringen der
Araber, die Byzanz 636 am Yarmuq schlugen, besiegelte auch die
byzantinische Herrschaft über Jerusalem,
das sich dem Kalifen Omar 638 zu milden Bedingungen
ergab. Nach der muslimischen Eroberung durften sich die Juden, die
während der römisch-byzantinischen Herrschaft aus Jerusalem
verbannt gewesen waren, wieder im südlichen Stadtviertel bei der
Klagemauer niederlassen. Auch siedelte sich muslimische
Bevölkerung an. Während der OMAYYADEN-Zeit
(685-750) entstand das bedeutendste islamische Bauwerk in Jerusalem,
der Felsendom (692). In seiner Nähe wurde seit dem 8. Jh. die
Al-Aqsa-Moschee errichtet. Diese reiche islamische Bebauung des in
byzantinischer Zeit zum Kehrichtplatz verfallenen Tempelbergs
gründet auf der Verehrung der Muslime für diesen Ort, den
Schauplatz der nächtlichen Jerusalemreise und der Himmelfahrt Mohammeds.
Während der islamischen Zeit erfolgte wohl ein
Bevölkerungsrückgang, ablesbar an der Verkürzung des
Mauerzuges, die 968 im Zuge der Verteidigung gegen die drohende
Invasion des Kaisers Nikephoros Phokas erfolgte.
Die nach dem Erdbeben von 1033 wiedererrichtete Mauer bezog den
Südteil mit dem Berg Sion nicht mehr ein. Die Christen Jerusalems,
die den Wiederaufbau der Mauern tragen sollten, zogen es,
begünstigt durch eine Intervention des byzantinischen Kaisers,
vor, in ein Viertel um die Grabeskirche überzusiedeln. Die Juden,
deren Viertel nun ebenfalls außerhalb der Mauern lag, zogen in
den nordöstlichen Teil der Stadt um. 1008/09 verhängte der Kalif al-Hakim (FATIMIDEN)
Repressionsmaßnahmen gegen den christlichen Kult (Konfiskation
des Kirchengutes, Verbot der Palmsonntagsprozessionen; Zerstörung
der Grabeskirche, die 1048 durch Konstantin Monomach wiederaufgebaut
wurde). Die Eroberung durch die SELGUQEN
(1071) führte erneut zu schweren Zerstörungen. 1098 wurde Jerusalem
nochmals von den FATIMIDEN
besetzt. Am 15. Juli 1099 eroberte dann das Kreuzfahrerheer die Stadt
(Kreuzzüge). Dem dreitägigen Blutbad, das die Kreuzfahrer
unter Muslimen und Juden anrichteten, könnten um 20.000 Menschen
zum Opfer gefallen sein. Die islamischen Heiligtümer (Felsendom,
Al-Aqsa-Moschee) wurden geplündert. Die neuen Herren der Stadt
verboten Nichtchristen, Muslimen und Juden, die Ansiedlung. So wurde Jerusalem
wieder zu einer christlichen Stadt und zur Hauptstadt des neuen
Königreiches Jerusalem. Die
Befestigungswerke wurden ausgebaut; so erhielt die Zitadelle einen
Wehrgraben, über den an der Ostseite eine Brücke in die Stadt
führte. Auch mehrere Stadttore (Damaskustor) wurden
wiederaufgebaut. An der Nordost-Ecke der Stadtmauer wurde ein Wehrturm
errichtet (sogenannter Turm des Tankred).
Im inneren Stadtbereich entstanden neue Viertel. Das ehemalige
Christenviertel hieß nun 'Viertel des Patriarchen'. Das
frühere Judenviertel wurde zum syrischen Viertel, besiedelt durch König Balduin I. mit Syrern aus
dem Oultrejourdain. Südlich der Grabeskirche, am Muristan,
entstand im Viertel der Italiener (Amalfitaner) der Sitz der Johanniter
(Hospitaliter) mit Hospital, Palast der Ritter und den Kirchen
St. Johannes Baptista und Sta. Maria Latina. Ein weiteres Viertel
gehörte dem mit der Leprosenpflege befaßten Ritterorden der
Lazariten; es lag im nördlichen Stadtgebiet zwischen Tankredsturm
und Stephanstor. Die Könige residierten während der ersten
drei Jahrzehnte in der ehemaligen Al-Aqsa-Moschee (sogenannter 'Templum
Salomonis'), um dann in den sogenannten Davidsturm, im
Außenbereich der Zitadelle, überzusiedeln. Die
Al-Aqsa-Moschee mit dem südlichen Teil des Tempelplatzes wurde
dann zum Sitz des Templerordens.
Nach der Katastrophe von Hattin (4. Juli 1187) fiel Jerusalem
nach vierzehntägiger Belagerung am 9. Oktober 1187. Der
Übergabevertrag garantierte den Kreuzfahrern freien Abzug zur
Küste, doch nur soweit sie Lösegelder aufzubringen
vermochten. Saladin
ließ alle christlichen Kreuze an den Kirchen entfernen, erlaubte
aber, daß vier syrische Priester weiterhin den Gottesdienst am
Grabe Christi versahen. Der Sultan ließ (unter anderem durch
Besprengen mit Rosenwasser) die Spuren des Christentums an Felsendom
und
Al-Aqsa-Moschee tilgen und beide Bauwerke reich ausschmücken
(Fresken, Mosaiken). Saladin
ließ Juden offiziell wieder in der Stadt zu, so daß sich
erneut eine jüdische Gemeinde bildete, deren Mitglieder zumeist
aus Europa und dem Nahen Osten zugewandert waren. 1219 ordnete jedoch
der AYYUBIDEN-Sultan al-Mu'azzam die Schleifung der
Mauern und der Zitadelle von Jerusalem
an. In der unbefestigten Stadt setzte Bevölkerungsschwund ein, der
erst im 16. Jh. wieder ausgeglichen wurde. 1229 fiel Jerusalem
aufgrund des zwischen Kaiser FRIEDRICH
II. und Sultan al-Kamil
geschlossenen Vertrags an die Kreuzfahrer zurück (mit
Ausnahme des
Tempelplatzes). FRIEDRICH
II. zog in Jerusalem.
ein und krönte sich selbst in der Grabeskirche (18. März
1229). 1244 wurde die Stadt von einem choresmischen Söldnerheer
für den Sultan von Ägypten unter schweren Zerstörungen
und Plünderungen zurückerobert. Unter der Herrschaft der
Mamluken (1260-1516) wurden Baumaßnahmen durchgeführt
(Zitadelle, Wasserversorgung, Umgestaltung des Tempelplatzes durch
Brunnen, Arkaden, Minarette, Bethäuser und Medresen); Jerusalem
wurde zu einem Zentrum islamischer theologischer Bildung. Auch die
jüdische
Bevölkerung nahm zu: 1485 lebten im Judenviertel, das seit 1187 im
südöstlichen Gebiet (im Bereich des heutigen jüdischen
Stadtteils) lag, ca.
250 Familien.
Seit Mitte des 14. Jh. beherbergte Jerusalem
auch wieder römisch-katholische Christen, infolge der
Gründung der
franziskanischen Custodia Terrae Sanctae auf dem Berge Sion (1333), mit
Erlaubnis der muslimischen Regierung. Es kam zu einer Reihe von
Konflikten
mit der jüdischen Bevölkerung, die das auf dem Berge Sion
lokalisierte 'Davidsgrab', das die Franziskaner mit Kapellen (unter
amderem
Coenaculum) umbaut hatten, beanspruchten. Schließlich
konfiszierten die Muslime um 1427 die (gleichfalls von ihnen verehrte)
Stätte und errichteten eine Moschee.
In der Mamluken-Zeit nahm die Bevölkerung Jerusalems
kontinuierlich ab. Hatte sie im 12. Jh. noch ca. 30.000 Einw.
betragen, so sank sie bis zum Vorabend der osmanischen
Eroberung (1516) auf
ca. 10.000. Dieser Bevölkerungsverlust sowie die Verarmung breiter
städtischer Schichten ist nicht zuletzt auf die
Mißwirtschaft und
den Steuerdruck der Mamluken zurückzuführen, aber auch auf
eine außergewöhnliche Häufung von Katastrophen
(Schwarzer
Tod, 1348-1349).
S. Schein
II. Kirchen:
Die gesamte byzantinische Periode (330-638) stand im Zeichen starker
Bautätigkeit, orientiert auf die Errichtung beeindruckender
Basiliken über den hl. Stätten der Christenheit. Konstantin
der Große ließ um das Hl. Grab eine Kirchenfamilie
errichten; sie
umfaßte unter amderem die berühmte Rotunde (Anastasis), ein
Atrium,
die Martyrion-Basilika (Baukunst, B.I.1). Zwischen Tempelplatz und
östlichem Cardo entstand zum Gedenken an Verurteilung und
Geißelung des Herrn eine Hagia-Sophia-Kirche. Unweit hiervon im
südöstlichen (heute jüdischen) Viertel ließ Justinian I. die
große 'Nea'-Kathedrale erbauen (geweiht 540). Beim 'Hause des
Kaiphas' entstand eine Petruskirche, beim 'Gefängnis Christi' oder
'Pilatushaus' die Kirche des 'Pretorium', in der den Pilgern die
Geißelsäule gewiesen wurde (später in die Sionsbasilika
übertragen). Die Sionsbasilika, die 'Mutterkirche' Jerusalems
und
Aufbewahrungsort der Dornenkrone, war mit den drei urchristlichen
Traditionen der Fußwaschung, der Himmelfahrt Mariens und des
Pfingstwunders verbunden. Im Norden der Stadt wurde von Kaiserin Eudokia die
Stephansbasilika gestiftet (460). Am Ölberg, dem Ort der
Himmelfahrt Christi, entstand vor 380 die Kirche der Ascensio,
während auf dem Berggipfel, über der Höhle, in der
Christus den Aposteln die Endzeitprophetie verkündet hatte, durch
Helena
die dreischiffige Eleona-Kirche errichtet wurde, eines der
bedeutendsten Bauwerke der Konstantinischen
Ära in Jerusalem. Im
Gethsemane-Garten ließ Theodosios der
Große 385 eine Basilika bauen.
Viele dieser Kirchen wurden 614 von den Persern zerstört und nach
626 zum Teil vom Patriarchen Modestos
in bescheidenerem Ausmaß
wiederhergestellt. Sie überlebten zum Teil die frühe
muslimische
Periode (638-1099); einige wurden durch die christenfeindlichen
Maßnahmen al-Hakims
(1008/09) geschädigt. Aufgrund seiner
diplomatischen Kontakte zu Harun ar-Rasid
konnte KARL
DER GROSSE 810 die
Grabeskirche wiederherstellen und eine Kirche mit Pilgerhospiz (Sta.
Maria Latina) erbauen lassen. Um 1070-1080 erwirkte eine Gemeinschaft
von
Amalfitaner Kaufleuten die Erlaubnis, diese unter al-Hakim
zerstörte Kirche wiederaufzubauen und ihr einen Konvent nebst
Hospital (geweiht dem hl. Johannes 'dem Almosenier') sowie ein
Nonnenkloster (Sta. Maria Magdalena) anzugliedern. Konvent und
Nonnenkloster
wurden mit italienischen Benediktiner(inne)n besetzt, während das
Hospital
schon kurz vor dem 1. Kreuzzug einer Gemeinschaft von Rittern
unterstand (Johanniter).
Während der Kreuzfahrerzeit (1099-1187) wurden die meisten Kirchen
aus byzantinischer Zeit wiederhergestellt, doch nur wenige
neuerrichtet. 1130-1149
entstand der fünfschiffige romanische Neubau der Grabeskirche, der
unter einem Dach nun die einzelnen Sanktuarien der Konstantinischen
Ära
vereinte. Gleichfalls zum christlichen Hauptheiligtum wurde der
ehemalige
islamische Felsendom, der nun »Templum Domini« genannt
wurde.
Grabeskirche wie Felsendom wurden mit Augustinerchorherren (Chorherren
vom Hl. Grab) besetzt. Auch in anderen wiederbegründeten
älteren Kirchen (Ascensio, St. Maria in Josaphat,
Sionskirche), wurden Augustiner angesetzt. Unter den Hospitälern
ist namentlich eine Marienkirche (mit Spital) aus dem 12. Jh. zu
nennen, aus der, wohl indirekt (über Akkon), der Deutsche Orden
hervorgegangen ist. Große Kirchenbauten errichteten auch die
Gemeinschaften der Syrer (ansässig seit 1115-16 im ehemaligen
Judenviertel, der 'Juiverie'), Armenier (um 1165: Jakobskathedrale) und
Georgier (Hl. Kreuz).
In der Zeit nach der muslimischen Eroberung (1187) wurde ein
Großteil
der kirchlichen Bauten in Moscheen oder Medresen umgewandelt, die
Grabeskirche dagegen zwischen verschiedenen ostkirchlichen
Glaubensgemeinschaften aufgeteilt. Der römisch-katholische Kult
kam nach
dem Choresmiereinfall 1244 völlig zum Erliegen. Erst mit der
Custodia Terrae Sanctae hielten 1333 die Franziskaner Einzug, die von
ihrer Niederlassung auf dem Sionsberg aus (unter anderem Errichtung des
'Coenaculum') die zentralen Aufgaben für das religiöse Leben
der abendländischen Wallfahrer und Bewohner wahrnahmen.
S. Schein
III.
Wallfahrt:
Nach archäologischen Belegen war Jerusalem
bereits vor der allgemeinen Christianisierung des römischen
Reiches Ziel von Pilgerfahrten. Nach
der Umwandlung Jerusalems
in eine christliche Stadt und mit der sich
verbreitenden Kunde von der Auffindung des Hl. Grabes und des Wahren
Kreuzes wuchs die Zahl der Wallfahrer aus allen Teilen der christlichen
Welt
mächtig an. Zwar betonten Kirchenväter im Anschluß an
Paulus, daß dem irdischen Jerusalem
- im Gegensatz zum Himmlischen Jerusalem
- keine
Heilsnotwendigkeit zukomme, doch konnte sich diese Doktrin nicht
durchsetzen - zu stark war das Verlangen der Gläubigen, »zu
Seiner Wohnstatt zu wallen« (Ps 132,7). Zwei große
Kirchenväter verschafften der Wallfahrt eine gleichsam
autoritative Grundlage:
Eusebios von Kaisareia († 340), der als Verehrer
Konstantins
wesentlich die byzantinische Reichstheologie prägte, feierte die
von Konstantin
geschaffenen Heiligtümer Jerusalems
emphatisch als 'Neues
Jerusalem.', das er dem
durch die Kreuzigung Christi befleckten 'Alten Jerusalem'
gegenüberstellte.
Hieronymus († 420) rief die Gläubigen auf,
sich die enge Bindung des Apostels Paulus an den Ort Jerusalem
(Apg 21, 13-14;
24, 17) zum Vorbild zu nehmen. Die Jerusalem-Pilger
der frühchristlichen und
frühmittelalterlichen Zeit erlebten Jerusalem
stark in Begriffen des Neuen Testaments,
als Grabesstätte des Heilands und als einzigen Ort, an dem die
'imitatio Christi' auf unmittelbare Weise möglich war. Durch die
muslimische Eroberung (638) ging die Wallfahrt zurück, nahm aber
im
Laufe des 11. Jh. wieder stark zu, bedingt durch die seit dem
8. Jh. in den Bußbüchern geforderten
Bußwallfahrten und mehr noch durch die Gedankenwelt des
Chiliasmus, der Jerusalem
aufs engste mit der Endzeiterwartung (Eschatologie)
verknüpfte. Die Jerusalem-Wallfahrt
wurde im 11. Jh. von einem mehr
individuellen Phänomen zu einer kollektiven Bewegung: 1026
führte Richard von St-Vanne
500 Pilger ins Hl. Land; die
große Jerusalem.-Reise
unter Führung deutscher Bischöfe und Adliger 1064-65
(beschrieben unter anderem bei Lampert
von Hersfeld) soll gar 10.000 Pilger
umfaßt haben.
Nach der Eroberung Jerusalems
durch die Kreuzfahrer (1099) nahm die Wallfahrt
neue Dimensionen an; im 12. Jh. durchdrangen Wallfahrt und
Kreuzzug einander. Die religiöse Sinngebung der Wallfahrt wandelte
sich; Jerusalem und das Hl.
Land wurden stärker als Schauplatz des Lebens
Christi gesehen. Nicht zuletzt die 'biblische' Atmosphäre des 1.
Kreuzzuges führte zu einer Hinwendung zu den alttestamentlichen
Traditionen, die nun neben den neutestamentlichen standen.
Ließ die Eroberung Jerusalems
durch Saladin (1187)
die Wallfahrt
zurückgehen, so erlebte sie im 14. und 15. Jh. einen erneuten
Aufschwung, bedingt durch eine höher entwickelte äußere
Organisation, die Zunahme des Reisens überhaupt und die wachsende
Beliebtheit, die die Wallfahrt nach Jerusalem
(neben Rom- und
Santiago-Wallfahrt) bei Adligen und Bürgern genoß. Goldenes
Zeitalter der Jerusalem-Wallfahrt
war das 15. Jh., wie die große
Zahl der Pilgerberichte und -führer (Itineraria, Descriptiones
Terrae Sanctae) zeigt (nach R. Röhricht aus dem 15. Jh.
allein 400, dagegen aus den Jahren 333-1099 und 1099-1291 nur je 100).
Anhand des Reiseberichts von Felix
Faber (1441/42-1502) ist auch eine
erneute religiöse Akzentverschiebung erkennbar: Die Wallfahrt
stand nun im Zeichen der Spiritualität der Franziskaner, die als
Kustoden (Custodia Terrae Sanctae) und Pilgerführer die
neutestamentliche Sinngebung und namentl. den Gedanken der Passion
betonten.
S. Schein
B.
Königreich und
Lateinisches Patriarchat
I. Königreich:
Die Gründung des Königreiches
Jerusalem
wurde
am 22. Juli 1099, eine Woche nach der Eroberung Jerusalems, von einer
Versammlung
der Befehlshaber des 1. Kreuzzuges beschlossen. Der erste Herrscher, Gottfried
von Bouillon, lehnte den Königstitel ab, doch sein
Nachfolger
Balduin von Luxemburg (Balduin I.)
ließ sich Weihnachten 1100 in Bethlehem krönen. Hierfür
wurde die päpstliche Approbation erbeten und gewährt; im
übrigen
war Jerusalem aber nie 'Vasallenstaat' des Heiligen Stuhles oder des
neugegründeten
Patriarchats, dessen erster kanonisch gewählter Inhaber, Daimbert,
allerdings versucht hatte, Gottfried von
Bouillon
in eine abhängige Stellung zu drängen. Auch die Anerkennung
einer
byzantinischen Oberhoheit, wie sie in der Krise von 1171 offenbar
akzeptiert
worden ist, blieb ohne praktische Auswirkungen.
Zur Zeit seiner größten Ausdehnung, in
den
Jahren nach 1153, umfaßte das Königreich Jerusalem ein
Gebiet,
das im Norden bis Beirut, im Süden noch über al-Darum, einen
Ort an der Küstenstraße nach Ägypten, hinausreichte. Im
Binnenland wurde im Norden um Beirut, nur ein schmaler
Küstenstreifen
von Christen beherrscht, während die Herrschaft im Süden weit
ins Landesinnere reichte und mit der mächtigen Herrschaft
Oultrejourdain
(Transjordanien) sogar das Gebiet des östlich des Sees von
Tiberias
und des Toten Meeres, bis zum Golf von Aqaba, umfaßte.Die Herren der beiden nördlich von Beirut
gelegenen
Grafschaften Tripolis und Edessa waren zeitweilig persönlich
Vasallen
des Königs von Jerusalem; ob und wieweit diese Grafschaften als
solche
aber von Jerusalem lehnsrührig waren, bleibt eine offene Frage.
Das
Fürstentum Antiochia, das als Vasall des Byzantinischen Reiches
konstituiert
war, scheint zeitweilig (vor allem während seiner Konflikte mit
Byzanz)
eine gewisse Oberherrschaft Jerusalems als des mächtigsten der
Kreuzfahrerstaaten
akzeptiert zu haben.
Die Kreuzfahrer und ihre im Heiligen Land
ansässigen
Nachkommen gründeten zwar einige Siedlungen, die mit Zuwanderern
aus
West-Europa zu entsprechendem Recht besiedelt waren, ließen aber
im
übrigen die Strukturen der einheimischen Dörfer unangetastet
und nutzten sie als Steuer- und Abgabenquelle, wobei sie die aus
muslinmischer
Zeit überkommene effiziente Fiskalverwaltung im wesentlichen
beibehielten.
Da in den Dörfern kaum Domanialland bestand (ein
charakteristischer
Zug der Landwirtschaft in Palästina), blieb das Interesse der
neuen
Herren an Eigenbewirtschaftung gering. Auch in den Städten wurden
die bewährten muslimischen Praktikender Besteuerung von handel und
Gewerbe weiter fortgefführt, die Steuerämter lediglich nach
westlichem
Vorbild mit Jurisdiktionsbefugnissen ausgestattet. Die Maschinerie der
islamischen Verwaltung war von feudalen Herrschaftsstrukturen
überwölbt;
auf dieser Ebene traten ausschließlich lateinische Christen in
Erscheinung,
denn nur sie waren vor Gericht und im öffentlichen Leben
vollberechtigt.
Das Lehnswesen war teils durch starke Vorherrschaft des Geld- und
Rentenlehns,
teils durch einen Typ des Lehens, der in einer Mischung aus Landbesitz,
Natural- und Geldleistungen bestand, geprägt. Das Königreich
war in einzelne Herrschaften aufgegliedert, deren Inhaber - vielleicht
nach dem Vorbild westlicher Markenorganisation - über volle
Jurisdiktionsrechte
verfügten. Dies zog eine Zersplitterung der politischen Gewalt
nach
sixch, da das Königtum nur innerhalb seiner Krondomäne
über
öffentliche Gerichtshöfe und sonstige Wirksame Institutionen
der Machtausübung verfügte, im übrigen aber nur mit Rat
und Hilfe seiner Kronvasallen regieren konnte. Die Haute Cour,
die
Versammlung der Kronvasallen, war folglich Zentrum der politischen
Macht;
allerdings wurde dieses Gremium in der Zeit nach 1163 stark
vergrößert,
da aufgrund der Assise sur la ligece nun auch Aftervasallen
zugelassen
wurden. Bei besonderen Gelegenheiten wurde die Haute Cour zum
Parlement
erweitert, unter Teilnahme von Repräsentanten aller
Institutionen
des Königreiches. Da jedoch - außer in wenigen
Sonderfällen
- keine allgemeinen Steuern erhoben wurden, blieb eine Entwicklung zu
'tiers
etat' und 'ständischer' Repräsentation aus. Die sich
über
der ausgeklügelten islamischen Bürokratie erhebenden
Institutionen
einer Zentralverwaltung trugen stets rudimentäre Züge. In
einer
'frontier society', in der die Zahl der Ritter begrenzt war (von einer
zu vermutenden Gesamtzahl von 700 Rittern konnten nur ca. 500 Ritter
mit
Lehen ausgestattet werden), wurde stark das Moment des Dienstes betont
- zu einem Zeitpunkt, als in W-Europa feudale Dienste vielfach
abgelöst
oder transfomiert worden waren. Auf diesem Hintergrund ist die
Entstehung
der bedeutenden baronialen Rechtsschule des 13. Jh. zu sehen, in deren
Werken ein Bild des Königreiches entworfen wird, das den Monarchen
gleichsam auf die Rolle eines 'chef seigneur' reduziert.
Demgemäß wurde die Gesellschaft des
Königreiches
Jerusalem in der älteren Forschung häufig als eine
Feudalgesellschaft
angesehen, die im wesentlichen den Stand des 11. Jh. konservierte.
Heute
läßt sich allerdings zeigen, daß das Königtum
gleichwohl
über ausgedehnte Rechte und Machtmittel verfügte: Die
Krondomäne
war größer als die einzelnen Herrschaften und umfaßte
auch die ertragreichen Haupthäfen Akkon und Tyros. Ebenso war das
Königreich in der Lage, die feudalen Strukturen zu seinen Gunsten
zu modifizieren, während die einzelnen Herrschaften bald in
finanzielle
Bedrängnis gerieten.
Mit der Schlacht von Hattin (1187), in der Saladin
das größte Kreuzfahrerheer, das je im Felde stand,
vernichtete,
geriet die Verteilung der politischen Gewichte ins Wanken. Trotz der
Rückeroberung
weiter Teile der Küstengebiete in den Jahren nach 1190 erreichte
das
Königreich Jerusalem nie mehr seine alte Ausdehnung; die Stadt
Jerusalem
war nur mehr für kurze Zeit, 1229-1244, in christlicher Hand. Doch
konnten die Territorialverluste in gewissem Maße durch die
reichen
Häfen, die infolge des Aufschwungs der transasiatischen
Handelsverbindungen
ihre Blüte erlebten, ausgeglichen werden. Andererseits wurde
das Königreich durch eine Anzahl von Faktoren im 13. Jh.
geschwächt:
instabile dynastische und politische Verhältnisse (1186-1228:
Anfall
der Krone an Herrscherinnen bzw. deren Ehemämmer, 1225-1269:
häufig
wechselnde Regentschaften); Aufstieg einer mächtigen Aristokratie,
die sich in schwere Auseinandersetzungen mit FRIEDRICH
II. verwickelte; Thronstreit zwischen den LUSIGNAN
und Karl von Anjou (1277-1285).
Eine sich um die Mitte des 13. Jh. vollziehende
Verlagerung
des Asienhandels, der nun nicht mehr auf die Häfen des Landes
orientiert
war, schwächte die Position der Königsgewalt und führte
bei den italienischen Kaufleutegemeinschaften zu heftigen Konflikten.
Begünstigt
durch die inneren Krisen, konnten die auf ihre straffe
Militärmacht
gestützten Mamluken seit 1263 ihre Herrschaft auf Kosten der
Lateiner
Zug um Zug ausdehnen. Ihr jahrzehntelanges Vordringen gipfelte in der
Einnahme
Akkons (18. Mai 1291); der letzte Außenpostend er Lateiner fiel
am
14. August 1291. Damit war Jerusalem zu einem Titular-Königtum
geworden,
dessen Krone von den LUSIGNAN und
den
Nachkommen Karls von Anjou
getragen
wurde.
II.
Lateinisches Patriarchat:
Die ersten Kreuzfahrer verließen Europa wohl ohne feste Absicht,
ein lateinisches Patriarchat zu begründen. Sie erwarteten, im
Rahmen einer
von Byzanz befehligten Streitmacht ins Hl. Land zu ziehen; dies
hätte zur vollen Wiederherstellung der orthodoxen Hierarchie in Jerusalem
geführt. Tatsächlich hat der griechische
Patriarch von Jerusalem,
Symeon,
die Kreuzfahrer ein Stück Weges begleitet, und nach der Eroberung
von Antiochia wurde hier der
griechische Patriarch, Johannes
IV.,
wiedereingesetzt. Als die Kreuzfahrer Jerusalem
erobert hatten, erreichte sie
schon bald die Nachricht vom Tode Symeons,
und sie wählten am 1.
Aug. 1099 einen Lateiner, um so die Lücke zu schließen. In
den folgenden Jahrzehnten wurde der Aufbau einer lateinischen
Diözesanstruktur nur langsam betrieben; 1120 amtierten erst vier
lateinische Bischöfe. Bereits 1111 veränderte der Hl. Stuhl
in einem
umstrittenen Spruch die Grenze zwischen den Patriarchaten Jerusalem
und Antiochia,
um sie mit der Nordgrenze des Königreiches Jerusalem
zur Deckung zu bringen (unter
Einschluß der Kirchenprovinz Tyros, doch ohne deren drei
nördliche Diözesen).
Ein um 1100 begonnener Versuch, ein Patrimonium, vergleichbar dem
'Patrimonium Petri', zu begründen, schlug fehl; die Patriarchen
kontrollierten lediglich den Bezirk um die Grabeskirche, die einzige
Kirche in Jerusalem mit
'jus parochiale'. Nach dem Fall Jerusalems
(1187) siedelten
die Patriarchen in das 1191 zurückeroberte Akkon über, wo sie
auch in den Jahren 1229-1241, in denen Jerusalem wieder christlicher
Herrschaft unterstand, verblieben. 1261 wurde das Patriarchat Jerusalem
mit dem Bistum Akkon vereinigt.
Den Patriarchen unterstanden vier Kirchenprovinzen (Nazareth, Tyros,
Caesarea, Petra), sie genossen den ihrer Würde entsprechenden
Ehrenvorrang. Dennoch hat das Papsttum ihnen kaum mehr Rechte
zugebilligt als anderen Inhabern von Primaten. Wie diese stützten
die Patriarchen ihre Macht stark auf die Legatengewalt ('legati nati'
seit ca. 1220).
Nach 1291 setzten Titular-Patriarchen die Tradition fort, bis 1847 die
Wiederbegründung des lateinischen Patriarchats erfolgte.
J. Riley-Smith