ZENGIDEN


Lexikon des Mittelalters: Band IX Spalte 527
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Zengiden (Zangiden)
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Muslimische Dynastie mit Kernbereich im nördlichen Syrien, begründet vom türkischen Heerführer Imad-ad-Din Zangi (Imadaddin Zangi, geboren um 1082, gestorben 14. September 1146), der Mosul und Aleppo beherrschte. Nach seinem gewaltsamen Tode brach in Mosul ein Aufstand zugunsten der SELGUQEN aus. Zangis ältester Sohn Sarif ad-Din Gazi wurde von seiner Apanage Sahrazur nach Mosul berufen und regierte bis zu seinem Tode 1149. Dann ging hier die Herrschaft über an Qutbad-Din Maudud, den jüngeren Bruder von Nur-ad-Din; dieser ließ sich von Qutb-ad-Din Maudud Homs und Rahba abtreten. Die Statthalter von Haman und Aleppo setzten dagegen den zweiten Sohn Zangis, Nur-ad-Din (Nuraddin, 1146-74), als Herrscher über Aleppo durch. Nur-ad-Din führte die Expansionspolitik des Vaters erfolgreich weiter. Hauptgegner war zunächst Graf Josselin II. von Edessa, den Nur-ad-Din endgültig aus seiner Hauptstadt vertrieb und bis ans Lebensende gefangenhielt.
1146 war Zangis Erbe somit geteilt zwischen Saif ad-Din Gazi (Mosul) und Nur-ad-Din (Aleppo); diese Teilung befreite Nur-ad-Din von der Sorge um die angespannte Situation im Osten, welche die Position seines Vaters so sehr belastet hatte. Als das Heer des 2. Kreuzzuges Damaskus belagerte (unter Mißachtung des seit 1139 zwischen den Franken und den Damaszener BURIDEN bestehenden, gegen die ZENGIDEN gerichteten Bündnisses), trug Nur-ad-Din durch Mobilisierung eines Entsatzheeres zum Scheitern dieses Kreuzzugsunternehmens bei. Nach Beendigung des Kreuzzuges nahm er seiner Krieg gegen das Fürstentum Antiochia wieder auf; in den Feldzügen von 1147 und 1148 hatte er bereits die wertvollsten Territorien östlich des Orontes besetzt. Im Sommer 1149 erschien er vor den Mauern von Inab. Raimund von Antiochia (1. R.) und sein Ritterheer, die zur Befreiung der Stadt ausgezogen waren, wurden am 28. Juni 1149 geschlagen; Raimund fand den Tod. Dieser Sieg erhöhte das Ansehen Nur-ad-Dins, der nunmehr verstärkt als Vorkämpfer des Islams (Gihad; Krieg, Hl.) auftrat und in dieser Eigenschaft bestrebt war, die Muslime im Kampf gegen die Franken zusammenzuschließen. Dem Ziel einer Wiederherstellung der religiösen Einheit diente auch sein hartes Vorgehen gegen Häretiker in den eigenen Reihen, besonders gegen die Schiiten (Schia). Nurad-Din verurteilte das 'skandalöse' Bündnis zwischen Damaskus und den Franken und verstärkte ab 1150 den Druck auf Damaskus, dessen Bevölkerung ihm 1154 die Tore öffnete. Damit hatte Nur-ad-Din das muslimische Syrien geeint und zugleich seine militärische und politische Stärke erhöht. Doch erhoben sich 1157, unter Ausnutzung einer schweren Erkrankung des Herrschers, die Schiiten. Obwohl der Aufstand niedergeschlagen wurde und Nur-ad-Din von der Krankheit genas, vermochte er nicht mehr, die kriegerische Energie seiner frühen Jahre zurückzugewinnen.
1159 schloß er einen Vertrag mit Kaiser Manuel I. Komnenos (Byz. Reich, H. IV), was ihn von der Bedrohung eines byzantinischen Angriffs befreite und ihm ermöglichte, mit byzantinischer Waffenhilfe gegen die SELGUQEN in Anatolien Krieg zu führen. 1160 vereinbarte er einen zweijährigen Waffenstillstand mit König Balduin III. von Jerusalem. Als der ägyptische Machthaber Sawar, der im August 1163 von dem Usurpator Dirgam vertrieben worden war, Nur-ad-Din um Hilfe bat, entsandte dieser im April 1164 den kurdischen Heerführer Sirkuh, der von seinem Neffen Saladin (Salahaddin) begleitet wurde (AYYUBIDEN). Sie besiegten und töteten Dirgam unter den Mauern von Kairo (August 1164). Da Sawar die Vereinbarungen mit Nur-ad-Din nicht einhielt, besetzte Sirkuh die Provinz Sarqiya; Sawar verbündete sich mit König Amalrich von Jerusalem, was zur Belagerung Sirkuhs durch ägyptische und fränkische Truppen in Bilbais führte. Diese Bindung der fränkischen Streitkräfte in Ägypten begünstigte Nur-ad-Din bei seinen Angriffen auf Tripolis, Krak des Chevaliers und Harim. In der Ebene von Artah nahm er Bohemund III. von Antiochia und Raimund III. von Tripolis gefangen (August 1164). Nach der Kapitulation von Harim nahm Nur-ad-Din die Burg Banias ein (18. Oktober 1164).
Nur-ad-Din setzte der Selbständigkeit der letzten Fürstentümer im nördlichen Syrien ein Ende. Nach dem Tode seines Bruders Qutb-ad-Din Maudud (August 1170) besetzte Nurad-Din Mosul, ließ sich durch Urkunde des Kalifen zum Beherrscher der Stadt und ihres Territorium proklamieren und setzte Saif-ad-Din, den jüngeren Sohn seines verstorbenen Bruders, als Vasallenfürsten ein. Mit dem Tode Nur-ad-Dins (gestorben 15. Mai 1174), der nur einen minderjährigen Sohn als Erben hinterließ, endete jedoch die unabhängige Herrschaft der ZENGIDEN-Dynastie; die von Nur-ad-Din errichtete territoriale und militärische Organisation fiel rascher Zersplitterung anheim.
Gleichwohl verstand es Saladin, das zerfallende Imperium Nur-ad-Dins in wenigen Monaten in seiner Hand zu vereinigen und den Wiederaufbau der Regierungs- und Verwaltungsstrukturen durchzusetzen. Noch 1174 nahm Saladin, der bis dahin nur als Wesir von Ägypten fungierte, die Hauptstadt Damaskus in Besitz. Zwei Jahre später heiratete er Nur-ad-Dins Witwe und kam mit den verbliebenen Mitgliedern der ZENGIDEN-Dynastie zu einer Vereinbarung, die Aleppo und Mosul (vorläufig) im Besitz zweier ZENGIDEN beließ. 1180 schloß Saladin ein primär gegen Mosul gerichtetes Bündnis mit dem Sultan der Rumselguqen, Qilic Arslan II.; 1183 unterwarf er Aleppo seiner Kontrolle. 1185 wurde er als Oberherr über Mosul von dem zengidischen Fürsten Izz-ad-Din, dem Bruder und Nachfolger von Saif-ad-Din, anerkannt. Damit vollendete Saladin seine Machtübernahme des Reiches der ZENGIDEN. Kennzeichnend für das herrscherliche Selbstverständnis Saladins ist, daß er nach seinem Einzug in Jerusalem (1187) in der dem Islam zurückgewonnenen Al-Aqsa-Moschee die 'Kanzel' (minbar), die Nur-ad-Din 1169 für diese Moschee hatte anfertigen lassen, feierlich aufstellen ließ.

S. Schein