TURKMENEN
Lexikon des Mittelalters:
********************
Turkmenen
(türk. türkmän, Augmentativ v. türk, 'viele
Türken', 'Türkentum'?eine verbreitete, schon von Mahmud
al-Kasgari vorgenommene volksetymologhische Deutung ist dagegen die
Ableitung von persisch türk manand 'türkenähnl.'),
Turksprachiges Volk in Vorder- und Zentral-Asien, dessen Sprache
zusammen mit dem Osmanli- und Azeri-Türkischen zur
Südwest-Gruppe der Turksprachen gehört. Die Turkmenen
werden erstmals im 6. Jh. nach Christ in der chinesischen
Enzyklopädie des T'ung-tien als T'ö-hü-möng
bezeichnet und finden seit dem 10. Jh. auch bei arabischen (al-Maqdisi)
und persischen Autoren (Gardizi, Mahmud al-Kasgari, Rasid ad-Din und
andere) Erwähnung.
Ursprglich im Altai beheimatet, waren sie im Verband der Oguzen (Uzen)
nach Westen gewandert und hatten sich im 10. Jh. am Serafsan und
Syr-Darja niedergelassen. Ihrer eigenen Überlieferung zufolge
stammten die Turkmenen vom legendären Oguz-Khan ab. Wie
die Oguzen gliederten sie sich in 24 Stämme (halk). Der Name der Turkmenen
wurde zum Sammelbegriff für jene oguzischen Nomaden, die zum Islam
übergetreten waren und sich als politisch gesonderter Verband von
den Oguzen getrennt hatten. Seit dem 11. Jh. bezeichneten sich auch die
SELGUQEN
häufig als Turkmenen. Erst
seit der Mongolenzeit verdrängte das Ethnonym Turkmenen
den Namen der Oguzen. Noch im 14. Jh. bezeichnete Ibn Battuta auch die
Osmanen als Turkmenen.
Die Turkmenen bildeten nur
sprachlich und religiös durch ihr Bekenntnis zum Islam eine
Einheit. Ursprglich reine Nomaden, verschmolzen manche Verbände in
Transoxanien (Ma-waraal-Nahr) und Hurasan mit der iranischen
Bevölkerung (Nuchurli). Einige Gruppen wurden allmählich
seßhaft. Auch in der Folgezeit blieben die Übergänge
zwischen turkmenischen Nomaden beziehungsweise Halbnomaden und
Oasenbauern fließend.
Die Turkmenen bildeten nie
ein Großreich, spielten aber bei den Eroberungszügen der SELGUQEN im
Westen seit dem 11. Jh. eine große Rolle und trugen zur
Turkisierung und Islamisierung Anatoliens in erheblichem Maße
bei. Sie vermochten im 12. Jh. bis zu 300.000 Krieger aufzubieten, von
denen etwa ein Viertel an jedem Feldzug teilnahm. Allein im 11. Jh.
wanderten in Kleinasien ungefähr 500.000-700.000 Turkmenen
ein. Im 12. Jh. wuchs deren Zahl auf etwa eine Million an. Eine neue
Immigrationswelle erreichte Anatolien als Folge des Mongolensturms. Die
Zahl der neuen Einwanderer wurde auf etwa 350-400.000 Menschen
geschätzt.
Mangel an Weideflächen und drückende Abgaben sorgten für
soziale Unruhe, die sich 1239 im stark religiös motivierten
Aufstand des Baba Ishaq entlud
(unter anderem Bericht des Simon von St-Quentin). Mit dem Zerfall des SELGUQEN-Reiches
entstanden seit ca. 1260 selbständige turkmenische Emirate
(beylikler), deren bedeutendstes, das Fürstentum der Karaman in
Südwest-Anatolien, eine führende Rolle im Aufstand der Turkmenen
gegen die Fremdherrschaft der mongolischen Ilchane spielte (1277).
Gefährliche Gegner erwuchsen den Osmanen an ihrer Ostgrenze in den
turkmenischen Stammesföderationen der Aq-Qoyunlu ('Weiße
Hammel') und Qara-Qoyunlu ('Schwarze Hammel'). Die Qara-Qoyunlu, denen
sich auch kurdische Ethnien angeschlossen hatten, nomadisierten
zwischen. Mosul im nördlichen Irak und dem Vansee und machten
unter Qara
Yusuf (1389-1420) Täbriz zu ihrer
Hauptstadt. Ihr bedeutendster Herrscher Gahan-sah (1438-1467) berief sich auf die nomadische
wie islamische Herrschaftstradition, wenn er die Titel Chaqan und Sultan für
sich beanspruchte. 1467 wurden die Qara-Qoylunlu von den Aq-Qoyunlu
unter Uzun
Hasan (1453-1478) aus dem oguzischen Clan der
Bayindir entmachtet, der 1469 auch den TIMURIDEN
Abu Sa'id schlug.
Uzun Hasans
Versuch, gemeinsam mit Venedig eine antiosmanische Koalition zu bilden,
scheiterte aber 1473 mit seiner Niederlage gegen Sultan Mehmed II. Die
letzte der großen turkmenischen Dynastien, die SAFAWIDEN,
sollten, gestützt auf die turkmenischen Qizilbas
('Rotköpfe')-Stämme, in Persien von 1501 bis 1736 regieren.
H. Göckenjan