TURKMENEN


Lexikon des Mittelalters:
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Turkmenen (türk. türkmän, Augmentativ v. türk, 'viele Türken', 'Türkentum'?eine verbreitete, schon von Mahmud al-Kasgari vorgenommene volksetymologhische Deutung ist dagegen die Ableitung von persisch türk manand 'türkenähnl.'),

Turksprachiges Volk in Vorder- und Zentral-Asien, dessen Sprache zusammen mit dem Osmanli- und Azeri-Türkischen zur Südwest-Gruppe der Turksprachen gehört. Die T
urkmenen werden erstmals im 6. Jh. nach Christ in der chinesischen Enzyklopädie des T'ung-tien als T'ö-hü-möng bezeichnet und finden seit dem 10. Jh. auch bei arabischen (al-Maqdisi) und persischen Autoren (Gardizi, Mahmud al-Kasgari, Rasid ad-Din und andere) Erwähnung.
Ursprglich im Altai beheimatet, waren sie im Verband der Oguzen (Uzen) nach Westen gewandert und hatten sich im 10. Jh. am Serafsan und Syr-Darja niedergelassen. Ihrer eigenen Überlieferung zufolge stammten die T
urkmenen vom legendären Oguz-Khan ab. Wie die Oguzen gliederten sie sich in 24 Stämme (halk). Der Name der Turkmenen wurde zum Sammelbegriff für jene oguzischen Nomaden, die zum Islam übergetreten waren und sich als politisch gesonderter Verband von den Oguzen getrennt hatten. Seit dem 11. Jh. bezeichneten sich auch die SELGUQEN häufig als Turkmenen. Erst seit der Mongolenzeit verdrängte das Ethnonym Turkmenen den Namen der Oguzen. Noch im 14. Jh. bezeichnete Ibn Battuta auch die Osmanen als Turkmenen.
Die T
urkmenen bildeten nur sprachlich und religiös durch ihr Bekenntnis zum Islam eine Einheit. Ursprglich reine Nomaden, verschmolzen manche Verbände in Transoxanien (Ma-waraal-Nahr) und Hurasan mit der iranischen Bevölkerung (Nuchurli). Einige Gruppen wurden allmählich seßhaft. Auch in der Folgezeit blieben die Übergänge zwischen turkmenischen Nomaden beziehungsweise Halbnomaden und Oasenbauern fließend.
Die T
urkmenen bildeten nie ein Großreich, spielten aber bei den Eroberungszügen der SELGUQEN im Westen seit dem 11. Jh. eine große Rolle und trugen zur Turkisierung und Islamisierung Anatoliens in erheblichem Maße bei. Sie vermochten im 12. Jh. bis zu 300.000 Krieger aufzubieten, von denen etwa ein Viertel an jedem Feldzug teilnahm. Allein im 11. Jh. wanderten in Kleinasien ungefähr 500.000-700.000 Turkmenen ein. Im 12. Jh. wuchs deren Zahl auf etwa eine Million an. Eine neue Immigrationswelle erreichte Anatolien als Folge des Mongolensturms. Die Zahl der neuen Einwanderer wurde auf etwa 350-400.000 Menschen geschätzt.
Mangel an Weideflächen und drückende Abgaben sorgten für soziale Unruhe, die sich 1239 im stark religiös motivierten Aufstand des Baba Ishaq entlud (unter anderem Bericht des Simon von St-Quentin). Mit dem Zerfall des SELGUQEN-Reiches entstanden seit ca. 1260 selbständige turkmenische Emirate (beylikler), deren bedeutendstes, das Fürstentum der Karaman in Südwest-Anatolien, eine führende Rolle im Aufstand der T
urkmenen gegen die Fremdherrschaft der mongolischen Ilchane spielte (1277).
Gefährliche Gegner erwuchsen den Osmanen an ihrer Ostgrenze in den turkmenischen Stammesföderationen der Aq-Qoyunlu ('Weiße Hammel') und Qara-Qoyunlu ('Schwarze Hammel'). Die Qara-Qoyunlu, denen sich auch kurdische Ethnien angeschlossen hatten, nomadisierten zwischen. Mosul im nördlichen Irak und dem Vansee und machten unter Qara Yusuf (1389-1420) Täbriz zu ihrer Hauptstadt. Ihr bedeutendster Herrscher Gahan-sah (1438-1467) berief sich auf die nomadische wie islamische Herrschaftstradition, wenn er die Titel Chaqan und Sultan für sich beanspruchte. 1467 wurden die Qara-Qoylunlu von den Aq-Qoyunlu unter Uzun Hasan (1453-1478) aus dem oguzischen Clan der Bayindir entmachtet, der 1469 auch den TIMURIDEN Abu Sa'id schlug. Uzun Hasans Versuch, gemeinsam mit Venedig eine antiosmanische Koalition zu bilden, scheiterte aber 1473 mit seiner Niederlage gegen Sultan Mehmed II. Die letzte der großen turkmenischen Dynastien, die SAFAWIDEN, sollten, gestützt auf die turkmenischen Qizilbas ('Rotköpfe')-Stämme, in Persien von 1501 bis 1736 regieren.

H. Göckenjan