TÜRKEN

Lexikon des Mittelalters:
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Türken
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Weitverzweigte, in Nord-, Zentral- und West-Asien sowie Ost- und Südost-Europa verbreitete Gruppe von Völkern, deren Einheit vor allem von der Zugehörigkeit zu derselben Sprachfamilie bestimmt wird. Gemeinsame anthropologische Merkmale fehlen jedoch. Übereinstimmungen in der materiellen Kultur (Tracht, Behausung, Waffen und anderes), der Kunst (Tierstil) und der Religion (Himmels- und Ahnenkult, Schamanismus) sind weniger als spezifische Züge der türkischen Ethnien zu werten, sondern einem zentralasiatischen Kultursyndrom zuzuordnen, von dem auch mongolische, tungusische, finno-ugrische und indogermanische Verbände erfaßt wurden. Auch innerhalb der Welt der frühen T
ürken gab es deutliche Kulturgrenzen zwischen innerasiatischen Steppennomaden (Nomaden), Bauern und Stadtbewohnern (zum Beispiel Uiguren) sowie Jägern und Rentierzüchtern (Jakuten) in der sibirischen Taiga.
Die »Urheimat« der 'Prototürken' erstreckte sich vom Altai im Westen bis nach Transbaikalien im Nordosten und deckt sich im Kern mit dem Gebiet der heutigen Mongolei. Unsicher ist, wann das Ethnonym 'türk' erstmals in den Quellen auftaucht. So ist umstritten, ob die für das 5. Jh. von dem arabischen Historiker al-Tabari erwähnten 'Turk' mit den frühen T
ürken identisch sind. Unklar ist ferner, ob die Gründer der ersten Reiternomaden-Reiche, die Hsiung-nu, Hunnen und Avaren, türkischer Herkunft waren, da deren sprachliche Zuordnung aus Mangel an entsprechenden Sprachdenkmälern und Quellenzeugnissen nicht möglich ist.
Erste verläßliche Nachrichten über die T
ürken stammen aus chinesischen Quellen. Sie vermerken zum Jahre 552, daß sich das Nomadenvolk der T'u-küe gegen seine bisherigen Herren, die (mongolischen?) Jou-Jan erhob und ein eigenes Reich gründete. Die neuerdings erschlossene Bedeutung des Ethnonyms türk (plural türküt), 'vereinigter Adel' (S. Tezcan), bezeugt die Vormachtstellung, die das neue Steppenimperium für mehr als ein Jh. in einem Gebiet behauptete, das vom Amur im Osten bis zur Wolga im Westen reichte. Einzigartige Zeugnisse für das Selbstverständnis der frühen Türken und deren Weltbild sind die Inschriften in sogdischer (zum Beispiel von Bugut um 571/580) und alttürkischer Sprache (vor allem die vier sogenannten Orchon-Inschriften). Sie dienten als Gedenksteine, um verstorbene Fürsten oder Helden »magisch zu verewigen« (A. v. Gabain). Diese Schriftdenkmäler bieten zusammen mit den Darstellungen chinesischer, muslimischer und byzantinischer Autoren ein umfassendes Bild von Aufstieg und Blüte der frühen Türken-Reiche und gewähren zugleich Einblick in die Gesellschaftsordnung und Kultur der Alt-Türken.
Schon unter dem dritten namentlich bekannten Khagan Muqan (553-572) erfolgte eine weitausgreifende Expansion der T
ürken, die bei der Verfolgung der abtrünnigen Avaren 579 bis zur Krim vorstießen und nach Unterwerfung der Hephthaliten die Kontrolle über Sogdien und wichtige Teile der Seidenstraßen gewannen. Die Folge war ein Konflikt mit den SASANIDEN um das Seidenhandelsmonopol, der die Türken 576 veranlaßte, sich mit dem Byzantinischen Reich zu verbünden. Doch führten innere Wirren zur Teilung des türkischen Khaganats in ein Ost- und ein West-Reich. Die chinesischen Kaiser aus der T'ANG-Dynastie (618-907) nutzten deren instabile Lage, um 630 das östliche Khaganat zu erobern und 659 auch die westtürkischen Stämme der On oq (»Zehn Pfeile«) zu unterwerfen.
Erst ein Sieg der Tibeter über die Chinesen im Jahre 679 verhalf den Ost-T
ürken unter ihrem Khagan Elteris und seinem Berater, dem »weisen Tonjukuk«, erneut zu ihrer Unabhängigkeit. 699 gelang es sogar, durch den erzwungenen Anschluß der westtürkischen On oq-Stämme die Einheit des Türken-Reiches für kurze Zeit wiederherzustellen. Doch vermochten sich die Türken der seit Beginn des 8. Jh. einsetzenden arabischen Invasionen (Araber) kaum zu erwehren. Durch Abfallbewegungen von unterworfenen Stämmen zusätzlich geschwächt, erlagen die Türken den Angriffen der sprachverwandten Oghuzen, Uiguren und Karluken zwischen 745 und 766.
Ein Steppenimperium war untergegangen, das an Ausdehnung und Bedeutung nur noch vom Weltreich der Mongolen im 13. Jh. übertroffen wurde. Die glanzvolle Hofhaltung der türkischen Khagane und ihrer Stellvertreter wird von so unterschiedlichen Augenzeugen wie dem byzantinischen Gesandten Zemarchos im 6. Jh. und dem chinesischen Pilger Hsüan-tsang im 7. Jh. bewundert. Die hohe Kultur einer Oberschicht, die unter anderem auf einer weit verbreiteten Schriftkenntnis (vor alem der türkischen, von der aramäischen Kursive abgeleiteten Runenschrift und der sogdischen Schrift) beruhte, ist auch auf intensive Beziehungen zu Sogdien und China zurückzuführen. Sogdische Kaufleute spielten eine große Rolle im Handelsverkehr, während der kulturelle Einfluß an zahlreichen iranischen Lehnwörtern im Alttürkischen ablesbar ist. Die Vorliebe für chinesische. Spiegel und Seidenstoffe ist ebenso evident wie die Mitwirkung chinesischer Künstler an türkischen Totengedenkstätten (Kültegin-Denkmal). Zu den religiösen Vorstellungen der frühen T
ürken gehörten der Glaube an einen höchsten Himmelsgott (tängri), Animismus, Schamanismus und Ahnenkult.
Wertvolle Hinweise auf die Glaubenswelt geben die Bestattungsbräuche (Trennung von Totensanktuarien und Gräbern, Pferdeopfer und -bestattungen, 'Balbals', das heißt, Grabstatuetten der Toten bzw. der von ihnen einst getöteten Feinde).
Die Erinnerung an das »türkische« Großreich blieb auch nach dessen Zerfall bei den zentralasiatischen Völkern lange lebendig. Zur Verbreitung des Namens trugen nicht zuletzt die arabischen, persischen und byzantinischen Autoren bei, die über die Steppennomaden berichteten. Selbst die fränkische Chronik des sogenanten Fredegar weiß im 7. Jh. um die Existenz der 'Turci'. Im Westen knüpften vor allem die Chazaren, die bis ca. 630 zum türkischen Reich gehört hatten, an dessen Tradition an. Strittig ist aber, ob die alttürkische ASINA-Dynastie auch die Herrschaft bei den Chazaren ausübte und deren Khagan nach 630 stellte. Der ASINA-Clan scheint bei den Steppenvölkern ein Prestige genossen zu haben, das später nur noch von dem der mongolischen CINGGISIDEN (Dschingis Chan) übertroffen wurde. Auf die Herkunft von den ASINA beriefen sich unter anderem die bis 1213 regierenden QARAHANIDEN und die SELGUQEN. Den dynastischen Traditionen der T
ürken und Chazaren folgten auch die frühen Ungarn, die seit dem 6. Jh. unter westtürkischer und chazarischer Herrschaft gelebt hatten und deren Fürsten türkischer Herkunft waren. Folgerichtig bezeichnen auch die byzantinischen Autoren Chazaren wie Ungarn als 'Tourkoi'. Die turksprachigen Elemente in den pontischen Steppen (Schwarzes Meer) und an der mittleren Wolga erhielten in den folgenden Jahrhunderten beträchtlichen Zuzug durch die Invasionen der Pecenegen, der in den altrussischen Chroniken als 'Torki' erwähnten Uzen und der Kumanen. Die größte Einwanderungswelle von turksprachigen Verbänden erfolgte aber im Verlauf der mongolischen Eroberungszüge (Tataren). Sie führte bereits im 14. Jh. zur Turkisierung und Islamisierung der Goldenen Horde.
In Zentralasien formierten sich nach dem Zerfall der türkischen Hegemonialmacht im 8. Jh. die Nachfolgereiche der Uiguren, Kirgizen und Karluken. Während die Uiguren in den Oasen des Tarimbeckens und in Kansu seßhaft wurden und sich dort unter dem Einfluß von Buddhismus, Manichäismus und nestorianischen Christentum zu Trägern einer reichen Kultur entwickelten, wandten sich andere Verbände nach Westen. Der Sieg der Araber über die Chinesen bei Talas hatte 751 dem Islam im westlichen Innerasien zum Durchbruch verholfen und den Migrationen und Reichsgründungen neue Impulse gegeben. Als erste traten die KARLUKEN gegen Ende des 8. Jh. zum Islam über. Unter ihren Nachfolgern, den QARAHANIDEN, die 840-1212 in Ost- und West-Turkestan herrschten, entstand die erste islamisch geprägte türkische Literatursprache (Fürstenspiegel Qutadgu-bilig »Glücklichmachendes Wissen« von Yusuf aus Balasagun, 1069/70, und das Wörterbuch Divan-i lugat-it Türk 'Sammelband der türkischen Sprache' von Mahmud al-Kasgari, 1073). Byzantinische und muslimische Autoren (Ps.-Maurikios: Taktikon [Taktika, 2], Konstantin VII. Porphyrogennetos und aandere; Mahmud al-Kasgari, ar-Rawandi und andere) betonen übereinstimmend den kriegerischen Geist und die militärische Schlagkraft der türkischen. Nomaden. Seit al-Mu'tasim (833-842) verwendeten daher die abbasidischen Kalifen und andere muslimische Fürsten türkische Militärsklaven (gulam) als Gardetruppen, deren Mitglieder bis in die höchsten Ämter gelangten und zum Teil später eigene Dynastien gründeten (TULUNIDEN, 868-905; GAZNAVIDEN, 962-1190; »Sklavensultane« von Delhi, 1206-90; Mamluken, 1260-1517). Als politische Erben der frühen T
ürken traten aber auch die Oguzen (Uzen und Turkmenen) in Erscheinung, deren Reiterheere die Grundlagen für den späteren Aufstieg der SELGUQEN und OSMANEN schufen.

H. Göckenjan