SYRIEN
Lexikon des Mittelalters:
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Syrien
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II. Arabisch-muslimische Zeit und
Kreuzzüge:
In die Regierungszeit des ersten
Kalifen Abu Bakr (632-634)
fallen die
Anfänge der Eroberung Syriens (arabisch as-Sam, das im Norden bzw.
»links« von der Arabischen Halbinsel gelegene, sich von
Gaza bis
zum Taurus erstreckende Gebiet, zu dem auch Palästina gezählt
wird) durch muslimische Stammesgruppen. Die seit langem an die
Raubzüge (Razzia) der Beduinen gewöhnten Byzantiner
unterschätzten diese ersten Angriffe aus dem östlich
angrenzenden Steppen- und Wüstengürtel und schickten
allzuspät größere und schlagkräftigere Heere gegen
sie ins Feld. Im Juli 634 erlitt Byzanz bei Agnadain eine blutige
Niederlage; im September 635 kapitulierte das von seiner byzantinischen
Garnison
verlassene Damaskus. Die von Kaiser Herakleios in Marsch
gesetzte Armee
konnte das Blatt nicht wenden - im August 636 wurde sie am Yarmuq
vernichtend geschlagen. Bis Ende 636 wurden Hamah, Homs und Aleppo
eingenommen; 637 wurde Antiochia kampflos übergeben; Jerusalem
kapitulierte 638; 640 fiel das bis dahin von See her unterstützte
Caesarea in muslimische Hand. Die rasche und unwiderrufliche Eroberung
Syriens ist
nicht allein mit militärischen Kategorien zu erklären
(große
Beweglichkeit und hohe Kampfmoral auf der arabischer Seite,
Schwerfälligkeit und Desinteresse in den byz. Söldnerheeren),
sondern auch mit der fiskal. und wirtschaftl. Bedrückung der
Provinzialbevölkerung durch die ksl. Bürokratie, aber wohl
auch mit dem religiösen Gegensatz zwischen den monophysitischen
Christen Syriens
und der orthodoxen byzantinischen Kirche. Die (mancherorts sogar als
Befreier
begrüßten) Muslime forderten dagegen lediglich die
politische
Unterwerfung der dem byzantinischen Staat längst entfremdeten
syrischen
Bevölkerung, nicht aber deren Konversion zum Islam, garantierten
Christen und Juden freie Religionsausübung und Schutz (arabisch
dimma) gegen Leistung einer vertraglich vereinbarten Abgabe (arabisch
gizya). Ohne eigene administrative Kenntnisse behielten die Muslime
zunächst die alten byzantinischen Verwaltungsstrukturen mit
Griechisch als
Amtssprache bei und beschränkten sich darauf, als
militärische
und religiöse Oberschicht von Heerlagern aus das Land zu
kontrollieren und
die Abgaben einzuziehen.
Eine weitere und tiefe Zäsur in der Geschichte des Landes bildete
die
Regierung des Kalifen und ehemaligen
Statthalters in Syrien (seit 639),
Muawiya,
der als Begründer der Dynastie
der OMAYYADEN
Damaskus
als Residenz beibehielt. Ehedem Randprovinz, wurde Syrien dadurch zum
Kernland des arabischen Großreichs, Damaskus zum Mittelpunkt der
islamischen Welt. Unter Muawiya und
seinen Nachfolgern, die sich als
kunstbeflissene Bauherren hervortaten, schritten Islamisierung und
Arabisierung der einheimischen Bevölkerung und ihre
allmähliche
Verschmelzung mit den Eroberern voran. In der Verwaltung wurden
Christen aus wichtigen Ämtern entfernt und durch Muslime ersetzt,
als Kanzleisprache Arabisch statt des Griechischen eingeführt.
Mit der Machtübernahme durch die ABBASIDEN
(750) verlor Syrien seine
politische, wirtschaftliche und kulturelle Vorrangstellung und fiel
zurück auf den Stand einer Reichsprovinz, in der - von der
Hauptstadt Bagdad argwöhnisch beäugt - allmählich das
Arabische das Syrische als Umgangssprache verdrängte. Der Ende des
9. Jh. einsetzende Zerfall des ABBASIDEN-Reiches
ist in Syrien von
zunehmender politischer Instabilität gekennzeichnet. Von
Ägypten
aus versuchten
TULUNIDEN und IHSIDIDEN,
das Land zu unterwerfen, das
wiedererstarkte Byzanz (Byzantinisches Reich, H) griff von Kleinasien
nach Syrien
aus. In Aleppo machte sich die
arabische Dynastie der HAMDANIDEN
selbständig. Vom 10. Jh. an faßten die türkischen SELGUQEN
in Syrien Fuß, die es in die Sultanate von Damaskus und Aleppo
sowie in eine Reihe kleinerer, sich befehdender Emirate wie Hamah,
Homs, Antiochia und andere aufteilten und schließlich. in
Konkurrenz
zu den FATIMIDEN
traten, die den südlichen Landesteil besetzten.
Im Verlauf des 1. Kreuzzuges und der darauffolgenden Jahre eroberten
die Kreuzfahrer große Teile von Syrien und begründeten das
Königreich
Jerusalem, die Grafschaft Tripolis, das Fürstentum Antiochia und
die Grafschaft Edessa.
Zum Schutz und zur Verwaltung des Landes erbauten sie zahlreiche Burgen
(Chastel Pélerin, Krak des Chevaliers, Montfort, Belvoir).
Syrien
wurde für zwei Jahrhunderte zum Schauplatz heftiger Kämpfe
zwischen Christen und Muslimen (Hattin), aber auch des wirtschaftlichen
(Levante-, Mittelmeerhandel) und kulturellen (Usama bei Munqid)
Austauschs. Soweit Syrien nicht von den Kreuzfahrern besetzt war, wurde
es
unter Saladin
ein Teil des Reiches der AYYUBIDEN, an
deren Stelle seit
1260 die Mamluken traten, die an der Goliathsquelle die nach Syrien
vordringenden Mongolen zurückschlugen.
Sultan Baibars (1260-1277)
und seine Nachfolger (zum Beispiel Qalawun)
regierten
von Kairo aus das Mamluken-Reich zentralistisch und teilten Syrien in
Statthalterschaften ein. Nach der Vertreibung der Kreuzfahrer (Fall von
Akkon, 1291) schleiften die Mamluken aus Furcht vor neuen Kreuzfahrern
die wichtigsten Küstenstädte (Tripolis, Tyrus). Schwere
Verwüstungen brachte dem Land der Einfall Timurs
(1401). Im
wirtschaftlicher und politischer Niedergang begriffen, wurde das
Mamluken-Reich
1517 von Sultan Selim I. erobert. Syrien
wurde Provinz des Osmanischen Reiches.