MONGOLEN
Lexikon des Mittelalters:
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Mongolen
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I. Geschichte:
Zentralasiatisches Volk, das mit Türken und Tungusen zur
altaischen
Sprachfamilie gehört. Als selbständiger politischer Verband
(ulus), in den auch türkische Ethnien einbezogen waren, treten die
Monggol seit Ende des 11. Jh. im Nordosten der heutigen
Mongolischen Republik in
Erscheinung. Nach dem Niedergang des ersten Mongolen-Reiches, der bis
etwa
1150 aufgrund von Rivalitäten zwischen führenden Clans der
Borjigid und der Tayici'ut eingetreten war, einigte Temüjin
('Schmied'), der selbst
den Borjigid angehörte, 1195-1206
gewaltsam die zerstrittenen Gruppen und wurde 1206 auf einer
Reichsversammlung als Cinggis Khan (Dschingis
Chan) auf den Thron
gehoben. Seit 1206 kommt in Titulatur und Herrschaftssymbolik des neuen
Großkhans ein gesteigertes Machtbewußtsein zum Ausdruck,
das sich auf göttliche Sendung beruft. 1206-1209 leitete Cinggis Khan
mit der Einführung des Dezimalsystems in die Heeresverfassung die
Auflösung der vorhandenen Gentilverbände ein, ersetzte die
alte Clan-Aristokratie durch eine ihm persönlich ergebene und
hierarchisch gegliederte, aber sozial durchlässige
Führungselite
und schuf so ein schlagkräftiges Heer, das hohe Mobilität mit
disziplinierter Manövrierfähigkeit verband. Bei der
Neuordnung des Heeres vermittelten Überläufer aus den
Völkern der Khitan und Uiguren, später auch Chinesen und
Muslime den Mongolen neue Waffen- und Belagerungstechniken und das
für
die Verwaltung des Reiches unentbehrliche Schrift- und Kanzleiwesen.
Seit
1213 stellten sie eigene Truppenverbände (»Schwarze
Armee«, Tataren), die das Gros der mongolischen Armee bildeten
und
nicht selten - etwa bei der Eroberung Chinas - eine entscheidende
militärische Rolle spielten. Gestützt auf diese autokratisch
regierte und militärisch festgefügte Gesellschaft konnte Cinggis
Khan seine Eroberungszüge über den Herrschaftsbereich
der
Steppenvölker hinaustragen. 1206 hatte sich das den Mongolen
kulturell
überlegene türkische Volk der Uiguren angeschlossen. 1211-34
wurde Nord-China erobert. Ein Krieg gegen das islamische
Großreich des
Hwarezmsah brachte 1217-1222 das westliche Zentral-Asien und
Nord-Persien
unter mongolische Herrschaft. 1223 erlag ein russisch-kumanisches
Aufgebot an der
Kalka mongolischen Vorausabteilungen. Doch setzte erst die nach dem
Tode
Cinggis Khans (1227) erfolgte Zerschlagung des
nordchinesischen Chin-Reiches
Kräfte für einen umfassenden West-Feldzug (1237-1242) frei,
in
dessen Verlauf der Cinggis Khan-Enkel Batu und dessen Heerführer
Sübe'etei 1237 die
Wolga-Bulgaren und Kumanen niederwarfen und bis
1240 alle russischen Fürstentümer mit Ausnahme Novgorods
eroberten. Die sich
anschließenden, zeitlich und räumlich aufeinander
abgestimmten
Operationen in Ungarn und Polen führten zu den Niederlagen des
PIASTEN-Herzogs
Heinrich des Frommen (69. H.)
bei Liegnitz (9. April
1241) und des ungarischen Königs
Béla IV. bei Mohi (11. April 1241).
Erst
der Tod des Großkhans Ögödei (11. Dezember 1241)
veranlaßte die Mongolen zum Abzug aus Ungarn und Polen.
Rußland
verblieb hingegen unter Mongolen-Herrschaft, die allerdings nur
mittelbar
ausgeübt wurde (Tribute, Heeresfolge). Seit Großfürst Alexander Nevskij
reisten die russischen Fürsten nach Saraj oder Qara Qorum
(Karakorum), um sich
von den mongolischen Khanen durch Gnadenbriefe (Jarlyk) in ihrem Amt
bestätigen zu lassen. Unter den
Großkhanen Möngke
(1251-1259) und Qubilai
(1260-1294) erreichte
das mongolische Weltreich die
größte Machtentfaltung. 1257/58 eroberte Hülegü
das Kalifat der
ABBASIDEN. 1276 wurde das südchinesische Sung-Reich
unterworfen.
Die mongolischen Eroberungskriege hatten für die unterjochten
Völker zum Teil katastrophale Folgen, da deren Widerstand mit
planmäßigem Terror gebrochen wurde. Blühende
Städte wurden entvölkert, ganze Landstriche verödet und
fruchtbare Anbaugebiete in Weideland verwandelt. Allein in Ungarn fiel
dem Mongolensturm etwa die Hälfte der Bevölkerung zum Opfer.
Bei
freiwilligem Anschluß der Gegner oder nach vollendeter
Unterwerfung konnte indes eine dauerhafte Friedensordnung (Pax
Mongolica) in Kraft treten, die Rechtssicherheit gewährleistete
und den unbehinderten Austausch von Waren, Personen und Ideen dank
eines weitgespannten Post- und Kurierdienstes zwischen den Kulturen
Europas,
Zentral-Asiens und des Fernen Ostens ermöglichte. Dem diente auch
die religiöse Toleranz der mongolischen Herrscher, die freilich
nur
unter der Prämisse gewährt wurde, daß die Geistlichen
der
verschiedenen Bekenntnisse für das Wohl der Dynastie zu beten
hatten. Der Höhepunkt der Machtentfaltung des mongolischen
Weltreiches
um 1260 war zugleich der Beginn von dessen Niedergang. Der Zerfall in
die vier Teilreiche (ulus) der Khanate
China, Cagatai, Qipcaq (Goldene
Horde) und des Ilchanats
war auf das Fehlen eines eindeutig geregelten
Thronfolgerechts und die Rivalitäten unter den CINGGISIDEN
zurückzuführen, hatte seine tieferen Ursachen aber vor allem
in
der Tatsache, daß die Eroberer in die ökonomische und
kulturelle
Abhängigkeit der unterworfenen Kulturvölker gerieten und
deren Assimilationsdruck nicht standzuhalten vermochten. Die Nachkommen
Cinggis Khans hielten
sich in Persien bis 1356 und als Khane der
Goldenen Horde bis 1502. Die mongolische YÜAN-Dynastie
wurde aus China
1368 vertrieben.
II. Institutionen und Sozialgefüge:
Die mongolische Gesellschaft setzte sich im 13. Jh. aus ethnischen
und
kulturell sehr heterogenen Elementen zusammen. Ihr gehörten neben
mongolischen Kernverbänden auch ursprglich türkische Ethnien
(Naiman,
Kereit und andere) an. Völlig verschieden waren die bei ihnen
üblichen Wirtschaftsformen. Bereits die vermutlich um 1240
verfaßte »Geheime Geschichte« der Mongolen
unterscheidet
zwischen dem »Volk der Filzzelte« (isgäi tu'urgatan),
das heißt
den Hirtennomaden und den »Waldleuten« (oyin irgen) Cis-
und Transbaikaliens, die von Jagd und Fischfang lebten. Das
Hirtennomadentum bildete aber schon im 13. Jh. die dominierende
Wirtschaftsform, die auf einer extensiven Viehhaltung beruhte. Gehalten
wurden fünf Tierarten (Pferde, Kamele, Rinder, Schafe, Ziegen),
mit denen die aus kleineren Familiengruppen bestehenden Jurtenlager
(ayil) in ihren Weidegebieten (nutug) jahreszeitlich bedingte
regelmäßige Wanderungen unternahmen. Daneben betrieb man als
Subsistenzwirtschaft Landbau (Hirse, Gerste, Weizen). Der Bedarf an
Luxus- und Verbrauchsgütern (Getreide, Tee, Waffen, Seidenstoffe,
Edelmetalle und anderes) wurde durch Handel mit seßhaften
Nachbarn und
durch deren Tributzahlungen, in unsicheren Zeiten auch durch
Raubzüge gedeckt. Die mongolische Gesellschaft gliederte sich in
etwa
achtzig patrilineare und exogame Clans (yasun 'Knochen'), die zugleich
Abstammungs- und Kultgemeinschaften, aber auch politische Einheiten
bildeten und sich bisweilen zu Clan-Föderationen
zusammenschlossen. An die Spitze einer solchen Liga trat im Kriegsfall
ein von einer Ratsversammlung (qurilta) gewählter Khan, dessen
Eignung weniger durch seine Abstammung als durch sein persönliches
Charisma (qutug) bestimmt wurde, das er sich als Führer einer
Gefolgschaft (nöküd) erworben hatte. Als Reiternomaden wiesen
die Mongolen wie andere zentralsiatische Wanderhirtenvölker alle
Merkmale
des »steppennomadischen Kultursyndroms« auf, da
»gleiche
ökologische Bedingungen, wie sie die halbariden Steppenzonen
bieten,
zu gleichen ökologischen Formen und ergologischen Lösungen
führen« (W. Heissig). Zu den zum Teil bis in
vorchristliche Zeit
zurückreichenden stereotypen Komponenten dieser Hirtenkulturen
gehörten die Herdentierzucht, die Nomadenkleidung, das Rundzelt
(Jurte, ger) und die Bewaffnung (Reflexbogen, Pfeile, Säbel,
Fangschlinge). Das religiös-geistige Leben war bestimmt durch den
Glauben an einen höchsten Schöpfergott, den »Ewigen
blauen Himmel« (Köke möngke tngri) und durch den
Schamanismus. Zu den bestimmenden Merkmalen der mongolischen Religion
gehörten der Ahnenkult, die Verehrung von Bergen und Höhen
und Opfer zu Ehren der die Feldzeichen (tuq) belebenden Geister, der
sülde. Obwohl der Schamanismus bis ins 16. Jh. im
Volksglauben vorherrschte, fanden Hochreligionen früh auch in
synkretistischer Form Aufnahme. Seit Beginn des 11. Jh.
verbreitete
sich bei einigen Stämmen (Kereit, Naiman und anderen) das
nestorianische
Christentum (Nestorios), zu dem sich im 13. Jh. auch Mitglieder
der Familie Cinggis Khans
bekannten. Im 13. Jh. kamen die Mongolen in
Berührung mit dem Lamaismus, der sich aber erst im 16. Jh.
allgemein durchsetzte. Der Islam errang in der Goldenen Horde unter
Berke
(1257-1266) und im Ilchanat (Ilchane) seit Gazan
(1295-1304) die
endgültige Vorherrschaft.
III. Beziehungen zum Westen:
Erste Nachrichten über die Eroberungszüge Cinggis Khans
erreichten den Westen im Frühjahr 1221, als sich im
Kreuzfahrerlager
vor Damietta das Gerücht verbreitete, ein König David,
Nachfolger des Priester-Königs Johannes Presbyter, habe Persien
erobert und nahe zur Befreiung Jerusalems. Der Vorstoß der
Mongolen in
den Kaukasus und die Schlacht an der Kalka fanden im Westen ebenfalls
Beachtung, gerieten aber nach deren Rückzug bald in Vergessenheit.
Erst 1237 meldeten ungarische Dominikaner einen erneut bevorstehenden
Angriff
der Mongolen. Sie brachten ein Sendschreiben des Großkhans
Ögödäi
mit, das Kaiser FRIEDRICH II. und König Béla
IV. von Ungarn zur
Unterwerfung aufforderte. Der mongolische West-Feldzug von
1237-42 löste zwar allgemein Schrecken und Verwirrung aus, doch
fanden ein Kreuzzugsaufruf Papst
Gregors IX. und ein Appell FRIEDRICHS
II. nur mäßigen Widerhall, da die
Auseinandersetzungen zwischen
Kaiser- und Papsttum anhielten. Unterdessen leitete Innozenz IV. in der
päpstlichen Mongolen-Politik eine Wende ein. Mit Billigung des
1245
einberufenen I. Konzils von Lyon richtete er vier Gesandtschaften
(Laurentius von Portugal, Johannes von Plano Carpini [157.
J.], Ascelin,
Andreas von Longjumeau) an die
Mongolen mit der Aufforderung, alle weiteren
Angriffe einzustellen und sich taufen zu lassen. Zugleich wurden die
Gesandten beauftragt, das Heerwesen der Mongolen und deren
künftige
Zielsetzungen zu erkunden. Zwar bereicherten die Berichte der
Gesandten, die weite Verbreitung fanden, die Kenntnisse der
abendländischen Welt über die Mongolen beträchtlich,
doch blieben die
politischen Erwartungen der Kurie unerfüllt. Der neugewählte
Großkhan Güyük (1246-1248) forderte vielmehr
die
päpstliche Unterwerfung und erhob seinen eigenen Anspruch auf
Weltherrschaft. Erst ein Bündnisangebot des mongolischen Statthalters
Eljigidei an König Ludwig IX. den Heiligen von Frankreich
weckte neue
Hoffnungen, so daß der König 1253 den Papst aufforderte,
Missionsbistümer bei den Mongolen zu errichten. Ludwig
entsandte gleichzeitig
den flämischen Franziskaner
Wilhelm von Rubruk nach Qara Qorum, der von
seiner Reise den bislang ausführlichsten Bericht über die
Mongolen,
aber auch die Erkenntnis mitbrachte, daß die Vorstellungen von
einem christlichen Mongolen-Reich im Osten nicht zutrafen. Für
eine künftige
Allianz mit den Mongolen wurde daher aus päpstlicher Sicht deren
Übertritt zum Christentum zur unabdingbaren Voraussetzung, zumal
dringende Hilferufe aus Ungarn und Polen eintrafen, die von erneuten
Einfällen der Mongolen in Ost-Europa (1255/56 und 1259)
berichteten. Die
Eroberung des
ABBASIDEN-Kalifats durch Hülegü
1258 und dessen
Vordringen nach Syrien riefen im Westen eher Verwirrung hervor. Erst
der
Sieg der Mamluken an der Goliathsquelle am 3. September 1260 über
die
Mongolen ließ eine Annäherung zwischen Kurie und den
Ilchanen geboten
erscheinen.
Die Ilchane Hülegü (1256-1265),
Abaqa (1265-1282)
und Argun
(1284-1291) gaben nach dem
Zerfall des Gesamtreiches den Anspruch auf
Weltherrschaft auf und nahmen im Innern eine betont christenfreundliche
Haltung ein. Sie suchten dem Zweifrontenkrieg gegen die Goldene Horde
und die Mamluken auch dadurch zu begegnen, daß sie Verbindungen
zu den christlichen Mächten aufnahmen. Obwohl 1262-1291 acht
Gesandtschaften
im Westen eintrafen, kam ein Bündnis nicht zustande, da die
Päpste
auch weiterhin auf der vorherigen Taufe der Ilchane beharrten. Weit
erfolgreicher waren die Versuche der Kurie, Kontakte mit den in
Khanbaliq (China) residierenden Großkhanen zu knüpfen. Schon
1275 hatten die Venezianer
Niccolò, Matteo und
Marco Polo - von
den chinesischen. Quellen aber nicht bestätigte - Verbindungen zum
Großkhan Qubilai aufgenommen.
1294 gelang es dem päpstlichen
Legaten und ersten lateinischen
Erzbischof von Khanbaliq, Johannes
de Monte Corvino
(147. J.), mit Zustimmung des Großkhans eine rege
Missionstätigkeit zu entfalten. Eine letzte päpstliche
Legation
unter Leitung von Giovanni da
Marignolli weilte 1342-1345 am Hofe des
Großkhans Toyon Temür (1333-1368).
Hatte Marignolli 1352
über ein blühendes kirchliches Leben in den
neugegründeten Erzbistümern
Sarai (Khanat Qipcaq), Sultaniyah (Ilchanat) und Khanbaliq berichten
können, so brachen nach dem Sturz der mongolischen YÜAN-Dynastie
in China alle Verbindungen des Westens zu den christlichen Gemeinden
Zentral-Asiens
und Chinas ab.
H. Göckenjan