GOLDENE HORDE
Lexikon des Mittelalters:
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Goldene Horde
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benannt nach den goldenen Deckplatten des Herrscherzeltes; russisch
Zolotaja Orda in islamischen Quellen weithin Qypcaq, mongolischer
Teilstaat (Mongolen), der zwischen 1237/40 und 1502 weite Teile
Ost-Europas beherrschte. Seine Grenzen reichten im 13. Jh. etwa von der
mittleren Volga, der Kama, dem Tobol und dem Ural zu den
Pripet-Sümpfen und bis an den Aralsee, das Kaspische Meer und den
Nordfuß des Kaukasus. Schlesien, Mähren und Halic blieben
trotz mehrerer Anläufe (1241, Liegnitz; 1259,1286) außerhalb
des Herrschaftsgebiets der Goldenen Horde, das im 14. und 15. Jh.
zusehends schrumpfte. Hauptstadt war Alt-, dann Neu- Saraj an der Volga
(nahe Volgograd) (Ausgrabungen 1926). - Die Bedeutung der Goldenen
Horde beruhte auf der Oberherrschaft über die meisten
altrussischen Fürstentümer, die durch ihre Tributleistungen
die Goldene Horde weithin wirtschaftlich trugen. Dazu kam die Ausfuhr
von Sklaven (besonders zu den Mamluken in Ägypten) sowie von
Pelzen, Fischen und Getreide. Diese Waren gingen nicht nur in den Nahen
Osten und nach Byzanz, sondern durch die Vermittlung der Kolonien
Genuas (seit 1267) an der Südost-Küste der Krim (Mittelpunkt
Caffa) über das Mittelmeer ins westliche Europa. Der Landweg
über die Moldau und Halic (Stapelplatz Lemberg) trat
demgegenüber zurück. - Aus Ägypten kamen vielfach
Künstler und (später) islamische Theologen. Aus dem
westlichen Europa wurden flämische Tuche, Töpferwaren und
Geschmeide importiert. Der Handel mit Iran trat wegen der politischen
Differenzen zurück.
Die Goldene Horde war religiös tolerant und gewährte der
russischen orthodoxen Kirche vielerlei Privilegien, die als Dokumente
weithin noch heute erhalten sind. Die gegenüber der mongolischen
Herrschaft anschmiegsame Kirche vermochte die Einheit des Volkes
gegenüber den vielen Fürsten und das christlich-byzantinische
Erbe gegenüber der mongolischen Kultur zu bewahren und auch manche
Übergriffe der Mongolen abzuwenden. Seit 1261 gab es ein
russisches Bistum in Saraj. Das kirchliche Zentrum verlagerte sich 1326
von Kiev nach Moskau; dessen Herrscher wurden seit 1328 - mit der
Dynastie in Saraj verschwägert - dauernd als
Großfürsten anerkannt und hatten nun für die
Ablieferung des Tributs einzustehen. Den Ostslaven blieb durch die
mongolisch-tatarische Oberherrschaft ein Ausgreifen nach Mittel-Europa
und Vorderasien auf Jahrhunderte hinaus versagt. Damit war die Goldene
Horde ungewollt ein Hüter der staatlichen Ordnung in diesen
Gebieten. Verwaltung, Post- und Heerwesen Alt-Rußlands wurden von
den Mongolen wesentlich beeinflußt (vgl. die entsprechenden
russischen Lehnwörter aus dem Mongolischen).
Die Herrschaft wurde von Dschingis Chans Enkel Batu (gestorben
1255) eingerichtet. Zu Ende des 13. Jh. unterstand ihr
auch Donau-Bulgarien. Mit Byzanz wurde ein Ausgleich wegen der
Durchfuhr der Sklaven durch die Dardanellen erreicht (Vertrag von
1281). - Die Goldene Horde geriet bald in einen Gegensatz zum Reich der
Ilchane in Iran und war deshalb lange mit dem Ägypten der Mamluken
verbündet. Kaukasien ging an Iran verloren, blieb aber bis 1357
umkämpft. Ein Ausgleich der Ilchane mit den Mamluken 1323 lockerte
deren Verhältnis zur Goldenen Horde.
Chan Berke (1256-1267)
nahm den sunnitischen Islam an, der durch den Übertritt des
Chans Özbeg (1313-1341)
endgültig Staatsreligion wurde; die Tataren wurden dadurch immer
stärker mit der Kultur des Nahen Ostens verbunden.
Abendländische Missionsversuche (Mission) Papst Johannes' XXII. (1316-1334) blieben erfolglos. Die
Annahme des Islams förderte die Verschmelzung der zusammen
eingedrungenen Mongolen und Türken mit alt-einheimischen
Türkvölkern; sie wurden dadurch zum Neuvolk der
(Volga-)Tataren mit einer eigenen Türksprache. Das hat sie bis
heute vor einem Aufgehen im orthodoxen Russentum bewahrt.
Die Macht der Goldenen Horde wurde seit 1359 durch Bürgerkriege
und Kämpfe mit den Russen und dem neu aufkommenden Litauen
geschwächt; diesem fiel um 1370 Kiev in die Hände. Die
Verbindung zum Mittelmeerraum wurde durch die osmanische Inbesitznahme
der Dardanellen 1354 unterbrochen. 1380 gelang dem Großfürsten Dmitrij (Donskoj)
auf dem Schnepfenfeld (Kulikovo pole) ein erster Sieg über
tatarische Kräfte, auf den freilich Rückschläge folgten.
Nach einer zeitweiligen Festigung unter Timurs Schützling Tochtamysch (1376-1395)
und dem Hausmeier Edigz (gestorben 1419) zerfiel die Goldene
Horde; eine Anzahl Prätendenten verband sich wahlweise mit den
russischen oder litauischen Großfürsten und verlor laufend
an Einfluß. 1480 hörte die Oberherrschaft der Goldenen Horde
über Rußland auf; 1502 wurde ihr letzter Chan vertrieben.
Seit der Mitte des 15. Jh. hatten sich jedoch Teilstaaten abgesondert:
Kazan' (bis 1552), Astrachan' (bis 1557), Sibirien (bis 1584) und das
Chanat der Krim (bis 1783), das - seit 1475 mit den Osmanen verbunden -
von Zeit zu Zeit noch Einfälle nach Inner-Rußland unternahm,
wo die Tatarenfurcht noch lange lebendig blieb (vgl. russische Sagen
und
Volksüberlieferungen). Tataren.
B. Spuler