FATIMIDEN
Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 317
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Fatimiden
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Arabisch-islamische Dynastie schiitischen Bekenntnisses in Ifriquiya,
später in Ägypten (909-1171)
Die FATIMIDEN
leiteten aus ihrer behaupteten Abkunft vom Propheten
Mohammed (über dessen
Tochter Fatima) ihren Anspruch auf die
universale Lenkung der islamischen Gesamtgemeinde ab. Nach
jahrzehntelanger revolutionärer Propaganda gegen das Kalifat der ABBASIDEN von
Bagdad gelang ihnen zu Anfang des 10. Jh. in Nord-Afrika die
Gründung eines Gegen-Kalifats, das sich militärisch auf das
Berbervolk (Berber) der Kutama im Osten des heutigen Algerien (um
Constantine) stützte. Nach der Eroberung Ifriqiyas und der
Vertreibung der AGLABIDEN
durch seine Anhänger trat der
Dynastie-Gründer Abdallah (meist unrichtig: Ubaidallah)
909 in Kairuan als der verheißene Erneuerer des Islams, der
»Rechtgeleitete« (al-Mahdi) auf; das
schiitisch-ismailitische Bekenntnis wurde als die eigtliche, reine Form
des Islams propagiert. Von der 916 gegründeten Palaststadt
al-Mahdiya (an der tunesischen Küste südlich von Monastir)
aus suchten die FATIMIDEN
ihren Anspruch auf die islamische Universalherrschaft durchzusetzen; in
mehreren Feldzügen wurde der Magrib bis zur Atlantikküste
erobert; von Sizilien aus unternahmen freiwillige Glaubenskämpfer
(gazi) alljährlich Überfälle auf das byzantinische
Unter-Italien und die Küstenstädte des Tyrrhenischen Meeres.
969 unterwarf sich das krisengeschüttelte Ägypten vertraglich
der Oberhoheit der FATIMIDEN;
973 siedelte der vierte FATIMIDEN-Kalif al-Muizz
in die neugegründete Palaststadt Kairo (arabisch al-Qahira,
'die Siegreiche') über. Als Oberherren der von ihnen eingesetzten
Emire von Ifriqiya und Sizilien blieben die FATIMIDEN
bis in die Mitte des 11. Jh. die islamische Vormacht im westlichen
Mittelmeer; im östlichen Mittelmeer rivalisierten sie dank ihrer
bedeutenden Flottenmacht mit dem Byzantinischen Reich, mit dem sie
infolge der Feldzüge der Kaiser Nikephoros Phokas
(964-969), Johannes
Tzimiskes (975) und Basileios II.
(995) im nördlichen Syrien in Konflikt gerieten. Ihr eigtliches
Ziel, den Sturz der ABBASIDEN,
erreichten die
FATIMIDEN nicht; die Huldigung in Bagdad durch pro-fatimidische Rebellen
während des ganzen Jahres 1059 blieb Episode. Dagegen wurden die FATIMIDEN trotz
ihres schiitischen Bekenntnisses in Mekka und Medina als Kalifen und
damit als Schutzherren der Pilgerstätten anerkannt; 1047
etablierten sich im Jemen die
SULAIHIDEN, eine schiitische Vasallen-Dynastie der FATIMIDEN. Die
Herrschaft über das Rote Meer und damit über den Seehandel
vom Indischen Ozean zum Mittelmeer sicherte Ägypten eine
dominierende Stellung im Welthandel; Kairo stieg zu einer der
wirtschaftlichen und geistigen Metropolen der islamischen Welt auf. Die
italienischen Seestädte gründeten Handelsniederlassungen in
Ägypten; Kaufleute aus Amalfi sind schon 996 in Kairo bezeugt,
Genuesen um 1100; um 1150 wurde der
fondaco der Pisaner (Pisa) in
Alexandria gegründet.
Innenpolitisch beruhte die Herrschaft der FATIMIDEN
zunächst auf der Ergebenheit der berberischen Kutama-Krieger, die
der Dynastie in Ifriqiya zur Macht verholfen hatten und ihr in Scharen
nach Ägypten folgten; in wachsendem Maße stützten die FATIMIDEN sich
aber auf importierte, zu Soldaten ausgebildete Sklaven (abid), in
Ifriqiya meist 'Slaven' (saqaliba)
genannte Süd- und
Ost-Europäer, in Ägypten seit der Regierung des Kalifen al-Aziz (975-996)
zunehmend Türken (Mamluken), die den Einfluß der Berber
zurückdrängten. Das schiitisch-ismailitische Bekenntnis der FATIMIDEN
wurde privilegiert, doch blieb die Zahl seiner Anhänger gering
gegenüber den Sunniten, die zwar als Muslime zweiter Klasse
galten, in der Ausübung ihres Kultes aber kaum behindert wurden.
Die christliche Bevölkerungsmehrheit von Ägypten, die
Christen Syriens und die Juden genossen den Schützlingsstatus
(dimma), den das islamische Recht den Anhängern monotheistischer
Religionen gewährt; Christen und Juden dominierten vor allem
in der ägyptischen Finanzverwaltung und stiegen gelegentlich zum
Amt des Wesirs auf. Lediglich unter al-Hakim (996-1021)
wurden die Nicht-Muslime bedrängt, als der Kalif versuchte, ihnen
die - nach islamischer Anschauung rechtmäßigen -
diskriminierenden Kleidervorschriften und Kennzeichen aufzuzwingen, die
Ausübung ihres Kultes in der Öffentlichkeit zu
beschränken, den Beamtenapparat zu islamisieren und durch
Konfiskationen seine leeren Kassen zu füllen; eine Bekehrung aller
Christen zum Islam war jedoch zu keinem Zeitpunkt beabsichtigt. Mehrere
Kirchen und Klöster in Ägypten und Syrien, unter anderem die
Grabeskirche in Jerusalem, wurden in den Jahren 1009-1019 enteignet,
ausgeplündert und zum Teil zerstört.
Außenpolitishe Rücksichtnahme auf Byzanz zwang jedoch al-Hakim und
seinen Nachfolger az-Zahir (1021-1036),
diese Maßnahmen rückgängig zu machen.
Unter al-Mustansir (1036-1094)
sah Ägypten zunächst den Höhepunkt seiner
wirtschaftlichen und politischen Macht und erlebte dann infolge
politischer Wirren, Beduineneinfällen, Mißernten und Seuchen
einen schnellen Niedergang; 1051 sagte sich der Magrib unter der
berberischen Statthalter-Dynastie der
ZIRIDEN von Ägypten los; die nordsyrischen Städte
gingen an die türkischen SELDSCHUKEN
verloren. Unter dem
armenischen Wesir Badr al-Gamali,
den al-Mustansir
an die Spitze von Armee und Verwaltung berief (1074-94), und
unter dessen Sohn und Nachfolger al-Afdal (1094-1121)
festigte die Dynastie ihre Herrschaft jedoch noch einmal. Die
türkischen und die unter al-Mustansir
neu aufgestellten sudanesischen Truppen wurden durch armenische
Söldner ersetzt; Kairo erhielt zum Schutz gegen innere Wirren seit
1087 neue Mauern und Tore (das Südtor Bab Zuwaila und die Nordtore
Bab an-Nasr und Bab al-Futuh stehen noch); Steuernachlässe und
Verwaltungsreformen brachten dem Land Erholung und neuen
wirtschaftlichen Aufschwung. Die Inbesitznahme Palästinas durch
die Kreuzfahrer konnten die FATIMIDEN
indes nicht verhindern; nach der Ermordung des Kalifen al-Amir (1130) verfiel
Ägypten erneut der Anarchie und geriet gegenüber dem
fränkischen Königreich Jerusalem in die Defensive. Unter az-Zafir (1149-1154)
bahnte sich das Zusammenspiel zwischen den FATIMIDEN
und dem Emir von Aleppo, Nur ad-Din ben Zengi, gegen die
Kreuzfahrer an; diese suchten der drohenden Gefahr durch direkte
Angriffe auf Ägypten zu begegnen. Nach der Eroberung von Askalon
(1161) intervenierte König Amalrich von Jerusalem
mehrfach in Ägypten, das zeitweilig nicht mehr war als ein
fränkisches Protektorat. Das Ende des fränkischen Einflusses
kam mit der endgültigen Besetzung des Nillandes durch eine
syrische Armee; deren Befehlshaber, der AYYUBIDE
Salahaddin (Saladin) Yusuf, wurde zum Wesir der FATIMIDEN erhoben. Im September 1171
stürzte Saladin
die schiitische Dynastie und ließ den ABBASIDEN-Kalifen
von Bagdad als Oberherrn der gesamten islamischen Welt proklamieren.
Die FATIMIDEN
errichteten in ihrer (von Saladin
aufgegebenen) Palaststadt Kairo bedeutende Bauten wie die 970
gegründete Palastmoschee al-Azhar (die erst im 13. Jh. zu einer
Hochschule wurde) und die Moschee al-Hakims
(990); wissenschaftliche Studien aller Art diente das von al-Hakim 1005
eröffnete »Haus der Weisheit« (dar al-hikma), eine
Lehranstalt und Bibliothek, die als einzige Institution des islamischen
Mittelalters die Bezeichnung »Universität« verdient;
sie wurde nach dem Sturz der Dynastie geschlossen. Bedeutendstes
Ergebnis der von den FATIMIDEN
geförderten Forschungen ist die »Hakim'sche Tabelle«
(az-zig al-Hakimi) des Astronomen Ibn
Yunus; von den unter den FATIMIDEN
errichteten Observatorien hat sich indes keines erhalten.
H. Halm
Schiitisch-ismailitische Dynastie (909-1171)
in Ifriqiqa, Ägypten
und Syrien. Die
FATIMIDEN, angeblich von Fatima,
der Tochter des
Propheten, und dem Kalifen Ali abstammend,
bekämpften die
Autorität der sunnitischen ABBASIDEN-Kalife
und sicherten sich im
10. bis Anfang des 11. Jahrhunderts durch erfolgreiche
Verwaltungsreformen, Förderung von Landwirtschaft, Handwerk und
Handel die Hegemonie in der islamischen Welt.
Ubaid Allah
al-Mahdi
|
|
871 † 04.03.934 |
909- 934 |
al-Kaim
|
Sohn ? |
893 † 18.05.946 |
934- 946 |
| al-Mansur |
Sohn |
914 † 18.03.953
|
946- 953 |
| al-Muizz |
Sohn |
931 † 10.12.975
|
953- 975 |
al-Aziz
|
Sohn |
955 † 14.10.996
|
975-
996 |
| al-Hakim |
Sohn |
985 † 13.02.1021 |
996-1021 |
| al-Zahir |
Sohn |
1005 † 13.06.1036 |
1021-1036 |
al-Mustansir
|
Sohn |
1029 † 29.12.1094 |
1036-1094 |
al-Mustali
|
Sohn |
1074 † 08.12.1101
|
1094-1101 |
al-Amir
|
Sohn |
1096 † 07.10.1130 |
1101-1130 |
| al-Hafiz |
Enkel al-Mustalis |
1074 † 11.10.1149
|
1130-1149 |
al-Zafir
|
Sohn |
1133 † 16.04.1154
|
1149-1154 |
al-Faizz
|
Sohn |
1149 † 20.07.1160 |
1154-1160 |
| al-Adid |
Enkel von al-Hafiz
|
1151 † 13.09.1171 |
1160-1171 |