DAMASKUS


Lexikon des Mittelalters:
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Damaskus (griech. Damaskos; hebr. Dammäsäq; akkad. Dimasqa; arab. Dimasq, heute Dimasq)
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I. Antike und frühbyzantinische Zeit:
Damaskus, das alte Zentrum Syriens, eine Siedlung von sehr hohem Alter, liegt auf einer Hochebene am östlichen Fuß des Antilibanon, am Ausgang der Barada-Schluchten. Es verdankt seine Ursprünge der Guta, einer äußerst fruchtbaren Oase, die, vom Barada-Fluß und einigen anderen Wasserläufen gespeist, am Rande der arabisch-syrischen Wüstengebiete liegt und den Kreuzungspunkt mehrerer Karawanenstraßen, die teils entlang dem Gebirge, teils in den Iraq führen, bildet.
In der Bibel wird Damaskus bereits in der Geschichte Abrahams (19.-17. Jh. v. Chr.) erwähnt (Gen 12-25); diese Überlieferungen wurden - mit Sagen und Legenden vermischt - noch von den Arabern der islamischen Zeit tradiert. Damaskus ist in der Städteliste des ägyptischen Herrschers Tutmosis III. (15. Jh. v. Chr.) verzeichnet. Seit dem 2. Jahrtausend erscheint die Stadt als Hauptstadt des Staates der Aramäer. Bedeutender Handelsplatz, kam Damaskus durch die Eroberung Davids im 10. Jh. v. Chr. an Israel, erlangte aber unter Salomon wieder die Unabhängigkeit und zählte fortan zu den Gegnern Israels. Von Assyrern und Babyloniern eingenommen und geplündert, begann unter der Herrschaft der Perser ein erneuter Aufschwung der Stadt, der in die Blütezeit der Stadt in der hellenistischen und römischen Epoche einmündete. In hellenistischer Zeit stand Damaskus unter der Herrschaft der SELEUKIDEN und der Nabatäer. 66 v. Chr. wurde es durch Pompeius dem Römischen Reich eingegliedert. Der Einfluß der hellenistisch geprägten Mittelmeerwelt spiegelt sich unter anderem im Grundriß des neuen Stadtviertels wider, das neben der altorientalischen Stadt entstand. - Damaskus gehörte zur römischen Provinz Syria, seit dem 2. Jh. n. Chr. zur Phoenicia, seit der Neugliederung der Provinzverwaltung unter Diokletian zu Phoenice ad Libanum. Unter Hadrian wurde Damaskus 130 zur Metropolis erhoben. Auch in der römischen Kaiserzeit war Damaskus eine Großstadt mit lebhaftem Handel und Verkehr. Diokletian begründete hier Werkstätten und Magazine für die Versorgung der im Ostteil des Reiches stationierten Truppen, insbesondere Betriebe zur Waffenherstellung. - Aus der Römerzeit, in der Damaskus als eine der schönsten Städte des Reiches galt, sind umfangreiche archäologische Funde überkommen, am bedeutendsten der Mosaikzyklus um den Hof der Moschee.
Zur Zeit des Neuen Testaments besaß Damaskus eine starke jüdische Kolonie, in der offenbar das junge Christentum Fuß fasssen konnte, was Anlaß gab zur Expedition des Saulus (Paulus) (Apg 9,2). Die jüdische Bevölkerung von Damaskus litt unter dem jüdischen Krieg (66-70); Josephus spricht von 10.000 Opfern der Verfolgung. Aus der christlichen Geschichte von Damaskus haben wir sichere Nachrichten erst seit dem 4. Jh.: Bischöfe von Damaskus waren unter den Teilnehmern der Synoden von Nikaia (325), Antiocheia (341), Konstantinopel (381), Ephesos (431) und Chalkedon (451). Kaiser Theodosios I. (379-395) verwandelte den prächtigen Jupitertempel in eine Kirche zu Ehren Johannes' des Täufers, Kaiser Justinian I. (527-565) ließ eine andere zum hl. Leontios erbauen. Berühmt wurde die Marienkirche, der man den zweiten Platz nach der Anastasis in Jerusalem zuerkannte. Sophronios, Patriarch von Jerusalem, Andreas von Kreta, Johannes Damaskenos waren seine berühmtesten Söhne.
613 wurde Damaskus von den Persern geplündert und ein Teil der Bevölkerung verschleppt. Am Vorabend der arabisch-islamischen Expansion Hauptstadt des christlich-arabischen Fürstentums der GASSANIDEN, wurde Damaskus 635 nach mehrmonatiger Belagerung von den Arabern eingenommen, wie es scheint, aufgrund von Verhandlungen, an denen der Vater des Johannes Damaskenos, Sargun ibn Mansur, wesentl. beteiligt war, und 636 nach ihrem Sieg am Yarmuk über die Byzantiner endgültig besetzt. Allem Anschein nach gab es viele Übertritte zum Islam, obwohl die Eroberer zunächst eher großzügige Duldung gewährten. Das Stadtgebiet wurde geteilt: westlich der »Geraden Straße« (vgl. Apg 9, 11) waren die Viertel der Araber, östlich die der Christen und Juden.

H.M. Biedermann
    
II. Islamische Zeit:
Das erste Jahrhundert der arabisch-islamischen Herrschaft bedeutete für Damaskus eine unvergleichliche Blütezeit. Mit der Erhebung zur Hauptstadt durch den Begründer der OMAYYADEN-Dynastie, Muawiya, wurde Damaskus zum Zentrum des arabischen Großreiches (661). Während sich die Araber in anderen Provinzen ihres Reiches in neuangelegten Heerlager-Städten etablierten, errichteten die OMAYYADEN ihren Sitz in der Stadt selbst, im Kontakt mit der dort lebenden christlichen Bevölkerung (zu deren Oberschicht etwa die Familie des großen Theologen Johannes Damaskenos gehörte, siehe oben); die Christen stellten das Verwaltungspersonal für die neuen Herren. Um 700 wurde über der Johanneskirche die große Moschee, eine der glanzvollsten Schöpfungen islamischen Kunst, errichtet. Das Oasengebiet der Guta wurde großzügig ausgebaut, um die Versorgung der Großstadt gewährleisten zu können.
Die abbasidische Revolution (ABASIDEN) um die Mitte des 8. Jh., die die Verlegung des Herrschaftszentrums des islamischen Reiches in den Iraq zur Folge hatte, war für Damaskus eine Katastrophe, auch wenn die Stadt ein bedeutender Umschlagplatz blieb. Die Opposition gegen die neue Dynastie führte zu wiederholten Unruhen. Mit dem beginnenden Zerfall des Kalifats wurden Syrien und Damaskus zum Streitobjekt zwischen den Herrschern von Ägypten und den Mächten, die das nördliche Syrien, die Grenzzone zum Byzantinischen Reich, kontrollierten. Die Eroberung Ägyptens durch die FATIMIDEN, die den Bruch Ägyptens mit Bagdad vollendete, führte schließlich zu einer von den Einheimischen kaum unterstützten Besetzung der Stadt Damaskus und des südlichen Syrien durch die maghribinische Armee der FATIMIDEN, während der Norden in der Hand autonomer Beduinendynastien verblieb; die Nomaden gewannen in den Landgebieten einen stets wachsenden Einfluß. Die Quellen dieser Zeit berichten von permanenten Konflikten innerhalb einer städtischen Bevölkerung, die in einheimischen Notabeln, sunnitischen Geistliche, private Stadtmilizen der ahdat, der kleinen Leute aus der Unterschicht, und in die Soldaten der Okkupationsarmee gespalten war.
Mit der Bildung des Reiches der SELDSCHUKEN, das mit der Ausdehnung auf Iran auch das gesamte arabische Asien umschloß, wurde Damaskus in die neuen türkischen Fürstentümer einbezogen; diese vermochten durch ihre Garnisonen, die örtlichen Volksbewegungen in Damaskus bis zu einem gewissen Grad in Schach zu halten. Damaskus wurde für ein halbes Jahrhundert (1104-1154) zur Residenz der kleinen türkischen Dynastie der BURIDEN und wurde dann in das Reich des Nurad-Din und seiner zengidischen Erben (ZENGIDEN) einverleibt, im Rahmen eines im Innern geeinigten Syrien, dessen Küstengebiete allerdings von den Kreuzfahrern besetzt waren. Die Eroberung Ägyptens durch die türkisch-kurdische Armee Saladins stellte gegen die Kreuzfahrerstaaten (Schlacht von Hattin 1187) die politische Einheit von Syrien und Ägypten wieder her. Der Kampf gegen die Kreuzfahrer und die Expansionspläne der AYYUBIDEN, der Erben Saladins, machten aus Damaskus eines der politischen und militärischen Hauptzentren des in dynastische Teilherrschaften gespaltenen AYYUBIDEN-Reiches, und die nachfolgende Herrschaft der Mamluken ließ die bedeutende Rolle von Damaskus bis zum Ende des Mittelalters fortleben. Gleichwohl profitierte Damaskus indirekt auch vom Aufschwung des Mittelmeerhandels; nächst Kairo war es im 13. Jh. die größte Stadt im Nahen Osten. Das religiöse und architektonische Erscheinungsbild wandelte sich durch die Errichtung zahlreicher Madrasen (religiöser Hochschulen), Klöster, Moscheen. Es war zudem eines der Zentren der auf religiöse Integration bedachten Rechtsschule der Hanbaliten und, besonders im 14. Jh., Sitz einer bedeutenden Schule der Historiographie.
Das ausgehende Mittelalter war für Damaskus wie für den gesamten Nahen Osten eine Periode der Schwierigkeiten und der Stagnation. Der Aufstieg des Mongolen-Rreiches seit dem 13. Jh. hatte zu einer teilweisen Verlegung der Großen Handelswege geführt und zwischen Syrien und Mesopotamien eine Art »Guerillazone« entstehen lassen, die dem Nomadentum, nicht aber dem Handel günstig war. Dazu kamen die Große Pest, die Invasion Timurs, der die besten Handwerker aus Damaskus in seine Hauptstadt Samarqand deportieren ließ, der fiskalische Druck, die häufigen Militärrevolten und der allgemeine Verfall der Mamlukenherrschaft. In dieser Periode vollzog sich in Kleinasien und Südost-Europa der Aufstieg des Osmanischen Reiches; 1516 wurde Damaskus von Sultan Selim I. erobert, 1517 Ägypten.

C. Cahen