ALMOHADEN
Lexikon des Mittelalters:
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Almohaden (arabisch al-muwahhidun 'die Unitarier')
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Eine durch den Masmuda-Berber Ibn
Tumart (geboren 1091, gestorben 1130)
begründete religiöse Reformbewegung. Sie beruhte auf striktem
Bekenntnis der göttlichen Einheit, Glauben an den von Gott
gesandten
Mahdi und einem puristschen Islam strengster Observanz. Sie entstand
als
Protestbewegung gegen die ALMORAVIDEN
und malikitische Theologen, die die
Lehren des al-Gazzali verworfen hatten. Von Tinmallal im Hohen Atlas,
wo sich Ibn Tumart Ende 1121
als Mahdi proklamierte, breitete sich die
Lehre rasch aus und erreichte 1147 mit der Einnahme von Marrakesch den
Sturz der
ALMORAVIDEN. Abdalmumin (1133-1163),
ein Zanata-Berber
aus der Nähe von Tlemsen, treuester Jünger des Mahdi,
sicherte sich dessen Nachfolge und begründete ein Reich, das auf
dem Höhepunkt von Tripolitanien bis zum Atlantik reichte und
al-Andalus einschloß. Bereits 1160 war ganz Nord-Afrika
unterworfen;
die almoravidischen
Statthalter - voran der Admiral ihrer Flotte - gingen
meist zu den ALMOHADEN
über, und die wiederauflebenden Versuche maurischer
Fürsten, eigene Reiche zu gründen, wurden vereitelt.
Lediglich die
Balearen blieben bis 1203/04 unbezwungen (Banu Ganiya), und Ibn
Mardanis (1124-1172),
der Herr der spanischen Levante,
leistete bis zu seinem
Tode Widerstand. Der Sohn und
Nachfolger des Reichsgründers, Abu
Yaqub Yusuf (1163-1184),
der in Sevilla aufgewachsen und von
hispanomaurischer Gesittung geprägt war, verstärkte die
kulturellen Bindungen Nord-Afrikas mit al-Andalus. Der fortdauernde
Druck
der Reconquista wurde unter Abu
Yusuf Yaqub al-Mansur (1184-1199)
in
der Schlacht von Alarcos (1195) vorübergehend zum Stehen gebracht,
aber bereits unter Muhammad an-Nasir (1199-1213) machte die schwere
Niederlage von Las Navas de Tolosa (1212) den inzwischen eingetretenen
Machtverfall deutlich sichtbar. Nach dem Tod seines Sohnes und
Nachfolgers, Yusuf al-Mustansir,
1224, nahmen Konflikte im Rat
der Zehn
(ahl algamaa) und dem der Vierzig - Kern der almohadischen
Stammestheokratie - sowie Familienzwiste um die Thronfolge
überhand; in den Provinzen brachen Aufstände aus und
schließl. warf Abu lUla (1227-1232), ganz dem Milieu
von
al-Andalus ergeben, die almohadischen Traditionen
ab. Die Folge war der
Abfall Ifriqiyas (1229) unter seinem Gouverneur
Abu Zakariyya,
Nachfahre eines der engsten Vertrauten des Mahdi, Abu Hafs Umar
(HAFSIDEN).
Seinem Beispiel folgte 1236 Yagmurasan,
der in West-Algerien
die Dynastie der ABDALWADIDEN begründete.
Die MARINIDEN,
Zanata-Berber wie die Vorgenannten, drangen von Osten her nach Marokko
ein,
nahmen 1250 Fes und machten 1269 mit der Erstürmung von Marrakesch
dem Reich der ALMOHADEN
ein Ende; der letzte Widerstand in Tinmallal am
Ausgangspunkt der almohadischen Bewegung
wurde 1276 gebrochen.
Was die ALMOHADEN
zu schaffen wußten, war ein Staatswesen mit einem
ausgeklügelten System abgestufter Kontrollorgane (Räte),
Prediger und einer Art Elitekommissare, die aber doch in der
Blütezeit des Reiches nicht hemmend wirkten. Die ALMOHADEN versagten
insofern, als sie dem islamischen Staat zuliebe die Möglichkeit,
einen
dauerhaften Bund aller Berber zu schaffen, verpaßten. Die Formel
aller berberschen Dynastien und Staaten - ein Clan als
Führungsspitze
eines Reiches - verkörperten sie beispielhaft. In ihrem Falle
ruhte die Herrschaft auf der sicheren Basis der volkreichsten aller
Berbergruppen, der Masmuda, weshalb sie länger als andere
berberische
Dynastien Bestand hatten. Es gelang ihnen aber auch nicht, die um die
Mitte des 11. Jh. in Tunesien eingebrochenen Beduinenstämme
der Banu Hilal und Sulaim, die zum »Ferment der
Dekomposition« sowohl des Reiches der ALMOHADEN
wie späterer werden
sollten, im Staatsgefüge zu neutralisieren. Erst jenen ist das
Heimischwerden des Arabischen in Nord-Afrika und die Arabisierung der
Steppengebiete und Ebenen zuzuschreiben. In al-Andalus rief die Politik
der ALMOHADEN
eine wachsende anti-afrikanische Einstellung hervor, die Bestand
haben sollte. Andererseits förderten sie die Wissenschaften
(Averroës [Ibn Rusd], Ibn Tufail, Ibn Zuhr) und die Künste,
vor alem die Architektur. »Andalusische« Baumeister
entwickelten einen monumentalen, unverwechselbaren almohadischen
Stil, der
in der Giralda in Sevilla, der Qasba der Udaya in Rabat, der Kutubiyya
von Marrakesch und anderen großartigen Bauwerken fortlebt. Sie
öffneten auch die Städte der Ifriqiya, die bis dahin
kulturell stärker dem Orient als dem muslimischen Westen verbunden
war, der
hispano-maurischen Kultur. Die ALMOHADEN
schufen das größte und
glänzendste Reich, das je Berbern zu errichten gegeben war.
H.-R. Singer