ÄGYPTEN


Lexikon des Mittelalters:
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Ägypten
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I. Byzantinische Epoche:
Vom Tode Kleopatras 30 v. Chr. bis hin zur arabischen Eroberung im 7. Jh. (Ägypten in arabischer Zeit, Alexandria) ist Ägypten ohne Unterbrechung römisch bzw. frühbyzantinische Reichsprovinz. Durch trinitarische und christologische Streitigkeiten und nationale Elemente bedingt, treten vom 4.-6. Jh. Spannungen mit der byzantinischen Zentralverwaltung auf. (Ägypten, Kirchengeschichte, Alexandria).
[1] Grundzüge der Verwaltung:
(Auf schwierige Einzelfragen wie zum Beispiel Scheidung von Militär- und Zivilgewalt, untergeordnete Beamte, Militärorganisation, kann hier natürlich nicht eingegangen werden). Ägypten ist ungefähr 308 in vier Einzelprovinzen (Thebais, Libya, Jovia, Herculia) unter je einem praeses gegliedert; weitere Teilungen folgten. Bis 382 sind sie der Diözese Oriens zugeteilt. Dann wird Ägypten eigene Diözese mit einem Augustalis an der Spitze. 539 nimmt Justinian nochmals eine Verwaltungsreform mit einer deutlichen Zweiteilung und Überordnung des Militärgouverneurs (dux) über die Zivilverwaltung vor. Die kleineren Gebietseinheiten, die sogenannten Toparchien, werden am Anfang des 4. Jh. zu Pagi mit einer Stadt (pAliV) als Zentrum und einem praepositus pagi (Pagarch) als leitendem Zivilbeamten. Diese Gaue sind von unterschiedlicher wirtschaftlicher Bedeutung. Die Bevölkerung der Gaustadt Oxyrhynchus, über deren Sozialstruktur wir durch reiche Papyrusfunde besonders gut Bescheid wissen (in den Papyri sind 90 verschiedene Handwerksberufe für diese Stadt bezeugt), schätzt Fikhman auf 15-25.000 Einwohner. Insgesamt sind 17 größere Städte bekannt.
[2] Die wirtschaftliche Bedeutung Ägyptens im Reichsverband:
Ägypten war für das römische Imperium die wichtigste Bezugsquelle für Getreide zur Versorgung der Großstadtbevölkerung Roms. Nach der Neugründung Konstantinopels mußte die neue Hauptstadt mitversorgt werden. Konstantin der Große ordnet am 18. Mai 332 die Verteilung von 80.000 Broten täglich an; für Altrom ist die Zahl 200.000 anzusetzen. Für die Mitte des 6. Jh. berechnet Jones aus Edikt 13, 8 Justinians eine jährliche Getreidelieferung aus Ägypten für umgerechnet 600.000 Personen (27.000.000 Modioi). Hinzu kommt die Versorgung der Armee (im 6. Jh. sind in Ägypten 64.000 Mann Limitanei, das heißt Grenztruppen, stationiert) durch zusätzlich erhobene sogenannte annona militaris. Erst mit der Eroberung Ägyptens durch die Araber Mitte des 7. Jh. versiegt aus Ägypten die Zufuhr von Getreide, das vom Staat als Grundsteuer, Pacht und durch Kauf zusammen mit den Naturalsteuern gehortet wurde.
[3] Der Wandel der Sozialstruktur:
Während im 1. und 2. Jh. n. Chr. Ägypten die hohen Belastungen ohne größere Krise überstehen konnte, obwohl bereits aus dieser Zeit die Papyri von Steuerflucht berichten, ist das 3. Jh. gekennzeichnet durch Inflation, Einfall von Nomadenstämmen, Vernachlässigung der dringend notwendigen Bewässerungsanlagen und verstärkte Steuerflucht. Im 4. Jh. bahnen sich Wandlungen in der Sozialstruktur Ägyptens an, die erst im 6. Jh. voll in Erscheinung treten. Für das 5. Jh. sind leider sehr wenige Papyri erhalten. Der heidnische Charakter der Städte verschwindet. Gymnasien, Tempel und Theater machen Kirchen und Klöstern Platz. Die Kirche wird Grundherrin, ohne daß wir die Gesamtausdehnung ihrer Güter in Ägypten einigermaßen abschätzen können. Die Kurialen, die Schicht der Ratsherren, verschwindet in den Dokumenten; dafür treten in den Städten reiche landbesitzende Familien auf, von denen die Familie der Apionen in mehreren kontinuierlich folgenden Generationen vom Ende des 5. Jh. bis 625 durch die Oxyrhynchuspapyri am besten bekannt ist. Diese Familien besitzen sogenannte Autopragie, das heißt sie haben das Recht, Steuern von den Bauern einzutreiben, die sich unter ihren Schutz gestellt haben in der Patrociniumsbewegung, die der Staat 415 nach langem Ringen anerkennen muß: Codex Theodosianus XI, 24, 6. Diese Familien bekleiden hohe Verwaltungsposten und besitzen trotz scharfer staatlicher Verbote eigene Privatgefängnisse. Die in den Papyri auftretenden Bauern sind schwer in die sonst aus der Gesetzgebung bekannten Kategorien der Kolonen (coloni liberi und coloni adscripticii) einzuordnen. Die Bauern schließen mit den Herren Leihverträge für Gebrauchsgeräte, borgen Geld und verpflichten sich zu Dienstleistungen. Der Staat vermag den »freien«, keinem Großgrundbesitzer unterstellten Bauern vor Beamtenwillkür kaum zu schützen, und es ist erstaunlich, daß sich Dörfer freier Bauern mit Autopragie überhaupt halten konnten. Die Kaisererlasse betonen bis zur Novelle 15 Justinians a. 535 immer wieder die Machtlosigkeit des um 331 in Ägypten. erstmals auftretenden defensor, der ähnlich wie der neben ihm amtierende logistes »wie ein Vater« durch richterliche Gewalt den Schwachen vor den Beamten des Fiskus bewahren sollte. Die soziale Lage breiter Bevölkerungsschichten in Ägypten war geeignet, die religiösen und nationalen Spannungen zur Zentralregierung in Konstantinopel zu verstärken und den Sieg des Islam in Ägypten zu erleichtern.

G. Weiß

II. Arabische Zeit:
Das byzantinische Aigyptos wurde 619 von dem sasanidischen König Husro II. erobert - der Sieg des Kaisers Herakleios über die Perser (628) brachte das Land jedoch wieder unter byzantinische Herrschaft. 640 fiel ein arabisches Heer unter Amr ibn al-As, einem Feldherrn des 2. Kalifen Umar (634-644) in Ägypten ein; die Kapitulation Alexandrias (17.9. 642) besiegelte die arabische Eroberung. Unter den Kalifen-Dynastien der OMAYYADEN von Damaskus (661-750) und der ABBASIDEN von Bagdad (seit 750) wurde Ägypten (arabisch Misr) von Gouverneuren (arabisch amir oder wali) verwaltet, die zunächst Araber, seit der Mitte des 9. Jh. aus dem Sklavenstand aufgestiegene türkische Offiziere waren. Die römisch.-byzantnische Einteilung Ägyptens in Pagarchien lebte in den Kreisen (arabisch kura) bis ins 11. Jh. fort, allerdings wurde anstelle von Alexandria das arabische Militärlager Fustat Misr (vom lateinisch-griechischen phossáton 'Lager') im Süden des heutigen Kairo Hauptstadt des Landes. Die mittleren und unteren Ränge der Verwaltung blieben eine Domäne christlicher Beamter; bis ins 8. Jh. sind die Urkunden zweisprachig (griechisch und arabisch) abgefaßt. Christen und Juden behielten als Schutzgenossen (arabisch dimmi) gegen die Zahlung einer Kopfsteuer Religionsfreiheit; der jakobitisch (kopt.) und der melkitische Patriarch wurden vom Gouverneur (später vom Sultan) eingesetzt. Wachsender Steuerdruck führte im 8. und 9. Jh. zu mehreren Aufständen der Kopten (arabisch Qibt), nach deren Niederwerfung zahlreiche Übertritte zum Islam erfolgten; ihren Höhepunkt erreichte die Islamisierung im 14. Jh. Gleichzeitig vollzog sich die allmähliche sprachliche Arabisierung der bäuerlichen Landbevölkerung, der Fellachen (arabisch fallah 'Bauer') durch die Verschmelzung mit eingewanderten, seßhaft gemachten arabischen Nomadenstämmen. Der türkische Gouverneur Ahmad ibn Tulun (868-884) machte Ägypten vom Kalifat unabhängig und begründete die Dynastie der TULUNIDEN (868-905), deren Machtbereich sich über Syrien bis zur byzantinischen (Taurus-) Grenze erstreckte. Nach drei Jahrzehnten erneuter Verwaltung durch abbasidische Gouverneure begann mit Muhammad ibn Tughg al-Ihsid die 2. unabhängige Dynastie (IHSIDIDEN, 935-969). Sie wurde abgelöst durch die im heutigen Algerien und Tunesien zur Macht gekommenen FATIMIDEN, die 969 Ägypten eroberten. 973 siedelte der fatimidische Kalif al-Mu'izz in die neugegründete Hauptstadt Kairo (arabisch al-Qahira 'die Siegreiche') über. Die Politik der FATIMIDEN zielte wie die ihrer Vorgänger auf die Beherrschung Syriens, doch beendete die Errichtung der Kreuzfahrerstaaten (seit 1099) ihre Vormachtstellung im östlichen Mittelmeer. 1167-68 war Ägypten eine Art Protektorat des Königreiches Jerusalem. 1171 riß der zum Wesir aufgestiegene kurdische Offizier Salahaddin (Saladin) Yusuf ibn Ayyub die Macht an sich; unter den AYYUBIDEN (1171-1250) übernahm Ägypten die bisher von den syrischen Emiraten gespielte Rolle im Kampf gegen die Kreuzfahrer. 1187 eroberte Saladin Jerusalem zurück; ein Kreuzzug gegen Ägypten (1218-21) scheiterte trotz der Eroberung von Damiette. Unter den AYYUBIDEN entstand das Mamlukentum: die Mamluken (arabisch mamluk 'eigen', 'Sklave'), meist türkische, aber auch griechische, slavische und tscherkessische Kriegssklaven, die durch Freilassung in den Offiziersstand aufstiegen und anstelle eines Soldes die Grundrente eines Landloses (iqta) zu Lehen erhielten, bildeten seit ca. 1240 das Gros der ägyptischen Armee. Diese zur wirtschaftlich und politisch vorherrschenden Schicht gewordene Militäroligarchie stürzte 1250 die ayyubidischen Dynastie, um hinfort Ägypten durch Sultane aus den eigenen Reihen zu regieren. In Kairo lebende Nachkommen der von den Mongolen 1258 entmachteten ABBASIDEN mußten als Kalifen die Herrschaft der mamlukischen Sultane (arabisch sultan 'Macht', 'Herrschaft') legitimieren. Unter den Mamluken ging der bis dahin große christliche Bevölkerungsanteil stark zurück. Wichtigste außenpolitische Leistungen der (nach der Lage ihrer Kasernen benannten) Bahri- ('Fluß-') Mamluken (1250-1389) waren die Abwehr der Mongoleninvasion durch den Sieg beim syrischen Ain Galut (1260) und die endgültige Beseitigung der Kreuzfahrerherrschaft besonders durch Baibars I. (1260-1277) und al-Asraf Halil (Fall Akkons 1291), Unter den Burgi- ('Zitadellen-') Mamluken (1382-1517) erlebte Ägypten eine durch die rücksichtslose Abschöpfung der Grundrenten verursachte wirtschaftliche Regression; die Errichtung der portugiesischen Kolonialherrschaft im Indischen Ozean (seit 1497) ruinierte den für Ägypten lebenswichtigen Indienhandel über die Häfen am Roten Meer. 1516 wurden die Mamluken bei Marg Dabiq nahe Aleppo von dem osmanischen Sultan Selim I. geschlagen; Ägypten wurde ein osmanischer Paschalik (1517).

H. Halm