ABBASIDEN
Lexikon früher Kulturen: Band I Seite 11
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Abbasiden
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I. Vorgeschichte:
Die Dynastie der ABBASIDEN (749-1258)
führt sich auf Abbas,
einen Oheim des Propheten Mohammed,
zurück. Wenige Jahre vor seinem Tode hatte sich der Prophet mit
seiner Vaterstadt ausgesöhnt. Die führende Schicht des
jüngst bekehrten Mekkas und viele von den Emigranten, die zu Mohammeds ältester mekkanischer
Anhängerschaft gehört hatten, wurden zu den
Hauptnutznießern der Eroberungszüge unter den ersten drei
Nachfolgern Mohammeds. Diese
Entwicklung widersprach dem islamischen Ideal der Gleichheit aller
Gläubigen, dem die Kalifen Umar (634-644)
und später Ali ibn abi Talib (656-661),
der Schwiegersohn des Propheten,
Geltung zu verschaffen suchten. In einem mehrjährigen
Bürgerkrieg gelang es jedoch der alten Führungsschicht, ihre
Position zu wahren. Die Dynastie der OMAYYADEN von Damaskus (661-749)
ging aus diesen Kreisen hervor. Ali ibn abi Talib,
dem engen Verwandten des Propheten, wurden von seinen Anhängern
schon bald charismatische Züge beigelegt. Seine
Anhängerschaft, die aus den angedeuteten Gründen mit der
Entwicklung des islamischen Staatswesens nicht zufrieden war, bildete
den Grundstock der mannigfaltigen schiitischen Bewegungen, die gegen
die OMAYYADEN
kämpften und hofften, die Herrschaft eines Nachkommens Alis oder
allgemeiner eines Kalifen aus der Verwandtschaft des Propheten -
gemeint waren die Familien, die sich auf seine Oheime
väterlicherseits zurückführten - werde ihre Wünsche
erfüllen. Der letztere Grundgedanke wurde von der
Hasimiten-Bewegung (so genannt nach Hasim,
dem Urgroßvater des Propheten)
vertreten, die in der ersten Hälfte des 8. Jh. in
verschiedenen Gebieten des OMAYYADEN-Reiches,
unter anderem in Hurasan, nachweisbar ist. Eine aus unterschiedlichen
Quellen gespeiste religiöse und politische Krise hatte das OMAYYADEN-Reich
erfaßt; die Hasimiten-Bewegung konnte nicht im Zaum gehalten
werden. In den 40-er Jahren gewann ein gewisser Abu Muslim die
Hasimiten-Anhänger von Merw für Ibrahim, einen Nachkommen des Abbas. Obwohl Ibrahim gefangengenommen und
umgebracht wurde, verstand es Abu
Muslim, im Osten des Reiches die unterschiedlichsten anti-omayyadischen
Kräfte um sich zu scharen. 748 vertrieb er den letzten omayyadischen
Statthalter aus Hurasan und ließ seine Streitmacht in den Iraq
vordringen. Die hasimitische Zentrale Kufa wurde befreit; 749 wurde
dort mit
as-Saffah der erste ABBASIDE zum Kalifen ausgerufen. Marwan, der letzte Damaszener OMAYYADE, erlitt eine
vernichtende Niederlage und wurde auf der Flucht in Ägypten
ermordet.
II. Blütezeit:
Das Kernproblem, das sich den Kalifen der neuen Dynastie stellte, war
die Zurückgewinnung der politischen und religiösen Einheit
des islamischen Reiches. Die ABBASIDEN,
von einer schiitischen
Bewegung an die Macht gebracht, versuchte jetzt, sich von derartigen
Gruppen abzusetzen: Sie mußten gegen andere Prätendenten aus
der Propheten-Familie,
insbesondere Nachkommen Alis,
vorgehen und
bemühten sich, auch von der nichtschiitischen Mehrheit der
Muslime als alleinige Herrscher anerkannt zu werden. Al-Mahdi
(775-785)
verlieh diesen Bestrebungen Ausdruck, indem er verkünden
ließ, der Prophet habe dem Abbas,
dem Ahnherrn der Dynastie, das
Kalifat verheißen; alle vorabbasidischen Herrscher
seien als
Usurpatoren zu betrachten. Al-Ma'mun (813-833) fügte dieser
Behauptung die religiöse bzw. theologische Begründung hinzu,
indem er die Überzeugung vertrat, als Kalif und Angehöriger
der Propheten-Familie sei er
von Gott dazu ausersehen, die Muslime im
Sinne der göttlichen Offenbarung zu erziehen und sie zu einem
einheitlichen Staatsgebilde zusammenzuschweißen; ohne
diese Erziehungsarbeit des Kalifen würde die Zwietracht die
Gläubigen verwirren, so dass sie das Recht auf den Eintritt in das
Paradies verlören. Von diesen Gedanken ausgehend, versuchte
Al-Ma'mun, durch
Apelle an die Einsichtsfähigkeit der Menschen
und durch die Verdammung bestimmter Glaubenslehren seinem Ziel
näherzukommen. Gegen Ende seiner Regierungszeit setzte er
Inquisitoren ein, um unter anderem volkstümliche religiöse
Führer auf seine Lehren zu verpflichten. Seine beiden Nachfolger
setzten die Inquisition fort. Erst Al-Mutawakkil
(847-861) hob sie auf.
Sie verfehlte ihr Ziel völlig; denn es gelang nicht, den
Einfluß ihrer Opfer auf die Masse der Gläubigen zu brechen,
für die nicht der Kalif und seine erzieherischen Maßnahmen
heilswichtig waren, sondern die Kenntnis und Befolgung der
normsetzenden Taten und Worte des Propheten und seiner Gefährten.
Das erste Jahrhundert abbasidischer
Herrschaft war eine Blütezeit
der islamischen Kultur. In dieser Epoche wurde in wesentlichen Teilen
das begriffliche Instrumentarium der arabisch-islamischen Theologie,
Philosophie und Rechtswissenschaft geschaffen. Bedeutende Gelehrte
wurden an den Hof der 760 gegründeten Hauptstadt Bagdad gezogen;
das antike Erbe auf den Gebieten der Naturwissenschaften, Medizin und
Philosophie wurde durch Übersetzungen den Muslimen zugänglich
gemacht. Daneben zeigten sich kulturelle Einflüsse Irans.
III. Der Machtverfall:
Trotz allen Anstrengungen glückte es den ABBASIDEN
nicht, alle
islamischen Gebiete unter ihrer Herrschaft zu einen. Bereits 756
entglitt ihnen Spanien, wo ein Nachkomme der OMAYYADEN die
Macht an
sich riß. Erst nach einem Bürgerkrieg gegen seinen Bruder
Al-Amin war Al-Ma'Mun Kalif
geworden. Dabei hatte er sich auf Hurasan
und andere östliche Gebiete gestützt. Er konnte es deswegen
nicht verhindern, dass einer seiner Feldherren sich dort zu einem
nahezu unabhängigen Herrscher aufschwang (TAHIRIDEN). Zur selben
Zeit, als religiös-politische Ideen scheiterten,
verfiel auch die tatsächliche Macht der ABBASIDEN.
Diese
Entwicklung wurde durch den Aufstieg türkischer
Söldnerführer beschleunigt, die im 9. Jahrhundert nicht nur
in ferneren Provinzen wie Ägypten (TULUNIDEN)
selbstherrlich
regierten, sondern den Kalifen selber zu einer Figur in ihrem
Intrigenspiel degradierten. Von 945 bis 1055 waren die ABBASIDEN
von
der iranischen Dynastie der BUYIDEN
abhängig, die, entgegen den
Interessen der
ABBASIDEN, die Schia unterstützten; das aus einem
Zweig der Schia hervorgegangene Kalifat der FATIMIDEN
bedrohte im 10.
und 11. Jahrhundert von Ägypten aus die Existenz der Abbasiden.
Neue, im Osten aufgetauchte Kräfte bewahrten es jedoch
zunächst vor dem Untergang: Die SELDSCHUKEN, turkmenische
Nomadenführer, spielten sich als Schutzherren der ABBASIDEN auf
und erhielten zum Dank dafür alle religiösen und politischen
Funktionen des Kalifen in ihren jeweiligen Herrschaftsbereich
delegiert (Sultanat). So wurde scheinbar die Oberhoheit des Bagdader
Kalifen über die große Mehrzahl der Muslime
aufrechterhalten. Mit der Ermordung des letzten Abbasiden durch die
Mongolen nahm die Dynastie 1258 ein Ende. Eines ihrer
Familienmitglieder rettete sich ins mameluckische Ägypten, wo er
und seine Nachfahren noch bis ins 16. Jahrhundert die jeweiligen
Sultane als Herrscher zu legitimieren hatten.
| Abul
Abbas |
†
09.06.754
|
749-
754 |
| al-Mansur |
712 † 07.10.775 |
754- 775 |
al-Hadi
|
742 † 15.09.786
|
775- 786 |
Harun al-Raschid
|
763/66 † 24.03.809 |
786- 809 |
al-Amin
|
787 † 25.09.813
|
809- 813 |
| al-Mamun |
786 †
07.08.833 |
813- 833 |
| al-Mutasim |
795/97 † 05.01.842
|
833- 842 |
| al-Wahtik |
811/15 † 10.08.
847 |
842- 847 |
| al-Mutawakkil |
822 † 11.12.861
|
847- 861 |
al-Mustansir
|
837 † 25.06.862 |
861- 862 |
al-Mustain
|
831 † Oktober
866 |
862-5.1.866 |
al-
Mustazz
|
845 † Juli/August
869 |
866- 869 |
al-Muhtadi
|
†
21.07. 870
|
869-
870 |
al-Mutamid
|
842/44 † 15.10.
892 |
870- 892 |
al-Mutadid
|
855/62 † 05.04.902
|
892- 902 |
al-Muktafi
|
877 † 13.08.908
|
902- 908 |
al-Muktadir
|
895 †
31.10.932
|
908- 932 |
al-Kahir
|
†
Oktober 950
|
932- 934 |
al-Radi
|
909 † 23.12.940
|
934- 940 |
al-Mutakki
|
† Juli
968
|
940- 944 |
al-Mustakfi
|
† 09./10.949
|
944-
946 |
al-Muti
|
†
09./10.974
|
946-
974
|
al-Tai
|
929/30 † 03.08.1003 |
974- 991 |
al-Kadir
|
947/48 † 29.11.1031 |
991-1031 |
| al-Kaim |
†
02.04.1075 |
1031-1075 |
| al-Muktadi |
1056 † Februar
1094 |
1075-1094 |
al-Muztazhir
|
1077 †
06.08.1118
|
1094-1118 |
al-Mustarschid
|
1093/94 †
29.08.1135 |
1118-1135 |
al-Raschid
|
1107 †
06.06.1138
|
1135-1136 |
al-Muktafi
|
1096 † 12.03.1160 |
1136-1160 |
| al-Mustandschid |
1116 †
20.12.1170 |
1160-1170
|
al-Mustadi
|
1142 †
März 1180
|
1170-1180 |
al-Nasir
|
um 1155 †
06.10.1225
|
1180-1225 |
al-Zahir
|
† 11.07.1226
|
1225-1226 |
al-Mustansir
|
†
20.02.1258
|
1242-1258 |
Arabisches Kalifengeschlecht, das 750-1258
in Bagdad und dann bis 1517
in Ägypten die Kalifenwürde besaß
Ahnherr ist Abbas, dessen Urenkel Abu Al-Abbas Abdallah 749
den Thron
bestieg. Ökonomisches und politisches Zentrum des Kalifen-Reiches
waren Iran und Mesopotamien mit der Hauptstadt Bagdad; unter den
ABBASIDEN
begann die Entfaltung der "klassischen" islamischen
Feudalkultur. Die führende Rolle übernahm dabei der iranische
Adel, nicht die arabische Stammesaristokratie wie bei den OMAIJADEN.
Die Reichsverwaltung lag in den Händen des Großwesirs;
stehende Söldnerheere und die türkische Sklavengarde
verdrängten die freien arabischen Krieger. Der fortschreitende
Feudalisierungsprozeß führte zum Abfall der Provinzen; 945
eroberte das iranische Geschlecht der
BUJIDEN Bagdad und machte als
Hausmeier die Sultanswürde erblich, dadurch Entmachtung der
ABBASIDEN-Kalifen.
1055 nahmen die
SELDSCHUKEN Bagdad; Toghrul-Beg
wurde
Sultan. Nach der vernichtenden Niederlage durch die Mongolen unter
Chulagu-Chan 1258 wurde Al-Musta'sim vom
Thron gestürzt. Nach dem
Sturz des Kalifen von Bagdad verpflanzte sich die abbasidische
Kalifenwürde nach Ägypten, wo ihre Vertreter als machtlose
Repräsentanten einer schattenhaften geistlichen Erbwürde von
den dortigen Machthabern bevormundet wurden, bis nach der Eroberung
Ägyptens durch die OSMANEN 1517
auch dieser letzte Rest des
abbasischen Kalifats erlosch. Der letzte, der 18.
ägyptische Kalif
war Muhammed
al-Mutawakkil.