Runciman Steven: Seite
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"Geschichte der Kreuzzüge"
Die IBELINS
waren aus politischen wie aus
persönlichen
Gründen zutiefst verärgert, und die Kluft zwischen ihnen und
den COURTENAYS, die von Rainald von Chatillon
unterstützt wurden,
vertiefte sich. Im Oktober 1180 versuchte der König, sich wieder
zusammenzuführen,
indem er seine Halbschwester Isabella
mit Humfried IV. von Toron verlobte.
Isabella
war
die Stieftochter Balians von Ibelin
und Humfried der Stiefsohn
Rainalds
von Chatillon. Humfried war überdies als Enkel und Erbe
des
großen Konnetabel und als voraussichtlicher Erbe des
seiner
Mutter
gehörigen Lehens von Oultrejourdain der ebenbürtigste unter
den
ortsansässigen Adeligen, den diese Eheverbindung mit Befriedigung
erfüllen durfte. Angesichts der Jugend der Prinzessin, sie erst
acht
Jahre zählte, wurde die tatsächliche Trauungsfeierlichkeit
auf
drei Jahre hinausgeschoben.
Im Herbst 1190 fiel Königin
Sibylle einer Seuche zum Opfer. Die zwei kleinen
Töchter,
welche sie König
Guido
geboren
hatte, starben einige Tage vor ihr. Die Erbin des Königreiches war
jetzt die Prinzessin
Isabella. Die
Barone des Königreichs, angeführt von Balian von Ibelin,
erblickten
eine Gelegenheit, sich Guidos
schwacher
und glückloser Herrschaft zu entledigen. Ihr Anwärter auf den
Thron war Konrad von Montferrat.
Wenn
er mit Isabella verheiratet werden
konnte, waren seine Ansprüche höher als die
Guidos.
Das Gerücht wollte wissen, dass Konrad
eine noch lebende Gattin in Konstantinopel hatte und
möglicherweise
noch eine zweite in Italien und sich nie um eine Annullierung oder
Scheidung
dieser Ehen bemüht hatte. Die Barone beschlossen, dass Humfrieds
Ehe geschieden werden müsse. Humfried selbst ließ
leicht
hierzu überreden. Er war fürs Eheleben nicht geeignet und
scheute
jegliche politische Verantwortung. Aber Isabella
war weniger gefügig. Humfried war stets lieb und gut zu
ihr
gewesen, und sie hegte nicht den Wunsch, ihn gegen einen grimmigen
Kriegsmann
mittleren Alters auszutauschen. Auch am Thron war ihrem Ehrgeiz nichts
gelegen. Die Barone überließen die Angelegenheit den
fähigen
Händen ihrer Mutter, der Königin
Maria
Komnen, Balians Gattin.
Sie setzte ihre mütterliche
Autorität
ein, um die zögernde Prinzessin zu nötigen, Humfried
aufzugeben.
Sodann erklärte sie vor den versammelten Bischöfen, ihre
Tochter
sei durch ihren Onkel Balduin IV.
in
die Ehe gezwungen worden und zur Zeit ihres Verlöbnisses erst acht
Jahre
alt gewesen. In Anbetracht ihrer großen Jugend und Humfrieds
allbekannter Weibischkeit solle die Ehe für ungültig
erklärt
werden. Der Patriarch Heraklios
war zu krank, um an der Sitzung
teilzunehmen,
und ernannte den Erzbischof von Canterbury zu seinem Vertreter; der
Erzbischof
wiederum, der wußte, dass sein Herr, König
Richard, den LUSIGNANS
zugetan
war, weigerte sich, die Annullierung auszusprechen. Er erwähnte Konrads vorherige Ehe und erklärte,
eine Eheschließung
Konrads
und Isabellas wäre daher ein
doppelter
Ehebruch. Aber der Erzbischof von Pisa, der päpstliche Legat, war
für die Sache Konrads gewonnen
worden. Der Bischof von Beauvais,
der König
Philipps Vetter war, verwendete die Unterstützung des
Legaten
dazu, eine allgemeine Zustimmung zu Isabellas
Ehescheidung
herbeizuführen, und verheiratete sie selbst mit Konrad
am 24. November 1190.
Allen, denen die Zukunft des Königreiches am
Herzen
lag, war es klar, dass Isabella
wieder
heiraten und ein Kind zur Welt bringen mußte, wenn das
Königshaus
fortbestehen sollte. Das neu verheiratete Paar zog sich nach Tyros
zurück,
wo Isabella
im folgenden Jahr einer
Tochter das Leben schenkte, die
nach ihrer byzantinischen
Großmutter
Maria
genannt wurde.
Am 28. April 1192 wurde
Isabellas
Gemahl Konrad
von zwei Assassinen
ermordet.
Sein Verschwinden brachte einen entschädigenden Ausgleich.
Isabella,
die Erbin des Königreiches, war jetzt frei, um wieder zu
heiraten
und die Krone auf einen weniger umstrittenen Mann zu übertragen.
Als
Heinrich
von Champagne von dem Mord vernahm, eilte er von Akkon
zurück
nach Tyros. Dort hatte sich die verwitwete
Prinzessin in der Burg
eingeschlossen;
und sie weigerte sich, die Schlüssel zu ihrer Stadt irgend jemand
außer den Vertreter des Königs von Frankreich oder des
Königs
von England auszuhändigen.
Heinrich wurde
bei seinem Eintreffen vom Volk von Tyros unverzüglich als der Mann
ausgerufen, der die Prinzessin heiraten und den Thron erben sollte. Er
war jung und hochgemut, allgemein beliebt und überdies der Neffe
zweier
Könige. Isabella gab dem
Verlangen
der Öffentlichkeit nach. Sie überlieferte sich selbst und
ihre
Schlüssel in Heinrichs Hand.
Zwei
Tage nach Konrads Ermordung wurde
ihre
Verlobung bekanntgegeben. Dieser und jener meinte, es hätte sich
wohl
geziemt, etwas länger zu warten, und es war außerdem
zweifelhaft,
ob eine Wiederverheiratung binnen eines Jahres nach dem Kirchenrecht
gültig
sein könne.
Heinrich selbst verhielt
sich ein wenig lau. Isabella war
eine
liebreizende junge Frau von 21 Jahren, aber sie war bereits zweimal
verheiratet
gewesen und hatte jetzt eine kleine Tochter, die ihre Erbin war.
Anscheinend
bestand
Heinrich darauf, dass die Verlobung
von König
Richard
bestätigt
werden müsse. Richard riet Heinrich,
die Wahl auf den Thron anzunehmen, und versprach ihm, er werde eines
Tages
mit frischer Hilfe für sein Königreich zurückkehren. Am
5. Mai 1192, nach einer knappen Woche der Witwenschaft, zog Isabella
mit Heinrich an ihrer Seite in
Akkon
ein. Die Prinzessin und ihr Gemahl nahmen sodann in der Burg von Akkon
ihren Wohnsitz. Es war eine glückliche Ehe. Heinrich
verliebte sich alsbald über alle Maßen in seine Gattin und
konnte
es nicht ertragen, sie nicht in seiner Nähe zu wissen, und sie
fand
nach der Bärbeißigkeit des alternden Piemontesen, mit dem
sie
gewaltsam vereint worden war, seinen Zauber unwiderstehlich.
Am 10. September 1197 starb König
Heinrich durch einen Sturz aus dem Fenster seines Palastes.
Heinrichs
Witwe, die Prinzessin
Isabella,
war
durch ihren Verlust so völlig aus der Fassung gebracht, dass sie
nicht
in der Lage war, die Regierung zu übernehmen; aber als Erbfolgerin
der königlichen Stammlinie
war sie dennoch die Hauptperson, um die
sich alles drehte. Von ihren Kindern aus der Ehe mit
Heinrich
waren zwei kleine Mädchen namens
Alice
und Philippa noch am Leben. Ihre
Tochter
aus der Ehe mit Konrad,
Maria
von Montferrat, nach dem Rang ihres Vaters allgemein als La
Marquise bekannt, war erst fünf Jahre alt. Die Barone
anerkannten
ihre Stellung als Thronerbin, erachteten es aber als ihre
Angelegenheit,
ihren nächsten Gemahl auszuwählen. Unglücklicherweise
konnten
sie sich auf keinen geeigneten Bewerber einigen. Hugo von Tiberias und
seine Freunde schlugen seinen Bruder
Ralph vor. Seine Familie, das Haus
der FALKENBERG VON SAINT-OMER, war eine der hervorragendsten im
Königreich.
Aber sie war arm; sie hatte ihre Ländereien in Galiläa an die
Muslimen verloren, und überdies war Ralph ein jüngerer Sohn.
Besonders die Ritterorden widersetzten sich ihm. Der inzwischen
eingetroffene
Erzbischof Konrad von Mainz, Vertrauter des Kaisers
und Freund des
künftigen
Papstes Innozenz III., schlug vor, man solle den Thron König
Amalrich von Zypern anbieten. Amalrichs
erste
Gemahlin, Eschiva von Ibelin,
war
kürzlich
gestorben und er war somit frei,
Isabella
zu heiraten. Amalrich selbst
zauderte
ein wenig. Er kam erst im Januar 1198 nach Akkon. Am Morgen nach seiner
Ankunft wurde er mit der Prinzessin Isabella
vermählt, und einige Tage später krönte der Patriach sie
zum König und zur Königin von Jerusalem.
In Jerusalem verdankte Amalrich
seine Stellung seiner Gemahlin. Wenn er starb, konnte sie neuerlich
heiraten
und ihr neuer Gemahl als König anerkannt werden. Und ihre Erbin
war
ihre Tochter Maria von Montferrat.
Amalrich
starb
am 1. April 1205 zu Akkon, nach kurzer Krankheit infolge
übermäßigen
Fischgenusses, kaum mehr als 50 Jahre alt. Im Königreich Jerusalem
ging die oberste Regierungsbefugnis automatisch auf Königin
Isabella über, die durch den Tod dieses ihres
letzten
Gatten
nicht so tief bekümmert war, als dass sie nicht die
Regierungsgeschäfte
hätte übernehmen können. Aber sie überlebte ihn
nicht
sehr lange. Der Zeitpunkt ihres Todes ist gleich den meisten
Einzelheiten
ihres Lebens in Dunkel gehüllt. Von allen Herrinnen des
Königshauses
von Jerusalem ist sie allein eine schattenhafte Gestalt, von deren
Persönlichkeit
nichts auf uns überkommen ist. Ihre Ehe und Tatsache ihrer
Existenz
überhaupt waren von großer Bedeutung. Hätte sie
politischen
Ehrgeiz besessen, so hätte sie ein großer Machtfaktor im
Lande
sein können; aber sie ließ sich von einem Ehegatten zum
nächsten
weiterreichen, ohne dass ihre persönlichen Wünsche in
Betracht
gezogen wurden. Wir wissen, dass sie eine schöne Frau war, aber
wir
können nur schließen, dass sie hilflos und schwach war.
Isabella
hinterließ
fünf Töchter:
Maria von Montferrat,
Alice
und Philippa von Champagne und
Sibylle
und Melisende von Lusignan.