Pernoud Regine: Seite 128,137-138,143
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"Frauen zur Zeit der Kreuzzüge"

Isabella war zum Zeitpunkt der Niederlage auf den Hörnern von Hattin 15 Jahre alt. Ihre Kindheit und Jugend waren von den Ereignissen geprägt, die aus der Sicht des Historikers, der sie mit dem nötigen Abstand betrachten kann, zwangsläufig zum Ende dieser Epoche führen mußten. Sie stammte aus der zweiten Ehe Amalrichs I. mit Maria Komnena, war somit Halbschwester Sibylles und Balduins IV.; sie hatte den Ausbruch der Krankheit ihres Bruders Balduin miterlebt, ihr Fortschreiten und ihre verheerenden Auswirkungen auf den Körper des jungen Mannes, der etwa 10 Jahre älter war als sie. 1172 geboren, war sie beim Tod ihres Vaters erst zwei Jahre alt. Ihre Mutter, die damals vom Hof entfernt wurde und sich nach Nablus zurückzog, hatte 1179 Balian II. von Ibelin geheiratet.
Im Oktober 1190, während ihr Mann Akkon belagerte, starb die Königin von Jerusalem. Da sie keinen Erben hatte, fiel die Krone Isabella zu, der jüngsten Tochter König Amalrichs I. Diese ließ wissen, sie werde wie seinerzeit ihre Halbschwester die Krone ihrem Gatten, Humfried von Toron, übergeben, den sie abgöttisch liebte. Diese Idee stieß bei den Baronen des Heiligen Landes auf einhellige Ablehnung. Dass sie wegen eines Guido von Lusignan Jerusalem eingebüßt hatten, reichte ihnen; so etwas wollten sie nicht ein zweites Mal erleben. Es war klar, dass die Königin einen Mann zur Seite haben mußte, der sich durchsetzen und die verlorenen Gebiete zurückerobern konnte. Um Saladin die Stirn zu bieten, genügte es nicht, gut suzusehen; Humfried besaß nicht den Heldenmut, der seine Familie berühmt hatte, und die Barone riefen nach einem starken Mann. Als solcher präsentierte sich Konrad von Montferrat.
Das verlangte die Stimme der Vernunft, mit anderen Worten: die Staatsräson. Doch Isabella, wie einige Jahre zuvor Sibylle, kümmerte sich herzlich wenig um die Staatsräson. Sie betete ihren schönen Gemahl an und dachte nicht daran, sich von ihm zu trennen. Das Thema löste eine heftige Debatte in der westlichen Welt aus, bei der die meisten Prälaten, allen voran der seit kurzem in Palästina weilenden Erzbischof von Canterbury, sich darüber entrüsteten, dass eine in dem Augen der Kirche gültige Ehe aufgelöst werden sollte. Die Barone wiederum warfen das Wohl des heiligen Landes und die Befreiung Jerusalems in die Waagschale.
In dieser Situation ergriff die Königin-Mutter, Maria Komnena, die Initiative. Sie gab zu bedenken, dass ihre Tochter acht Jahre alt war, als sie verlobt wurde, und bei ihrer Heirat erst elf: Sie hatte demnach ihre Wahl nicht aus freien Stücken getroffen, da sie noch minderjährig war, da Mädchen damals erst mit zwölf Jahren als volljährig galten.
Letzten Endes trug Humfried selbst die Schuld an seiner Scheidung. Bei einer hitzigen Versammlung warf einer der Barone aus dem Lager Konrads von Montferrat, der Mundschenk Guido von Senlis, Humfried von Toron den Fehdehandschuh vor die Füße, eine Geste, die anzeigte, dass er ihn zum Zweikampf forderte. Doch Humfried nahm die Herausforderung nicht an: "Er hatte nicht das Herz", wie ein Chronist sich ausdrückte. Die Barone entzogen ihm empört jede Unterstützung. Obwohl sie sich sehr liebten, mußten sich Humfried und Isabella trennen. Sie wurde am 24. November 1190 mit Konrad von Montferrat, dem starken Mann, verheiratet. Im übrigen hatten sich einige Barone vergeblich dafür eingesetzt, dass Guido von Lusignan den Titel "König von Jerusalem" behielt, den er jedoch nur seiner Frau verdankte.
Am 28. April 1192 wurde ihr Gemahl, Konrad von Montferrat, von zwei Assassinen ermordet.
Wieder einmal stand man vor der Notwendigkeit, für das Königreich seinen Beschützer zu finden. König Richard von England "begab sich auf den Rat der Barone hin nach Tyrus und brachte den Grafen Heinrich mit, um ihn mit Isabella, der Frau des Markgrafen, zu verheiraten". Es handelte sich um den jungen Grafen Heinrich von der Champagne, der zwei Jahre zuvor, im Juli 1190, in Akkon gelandet war. Kaum 20 Jahre war er alt, als er die Überfahrt antrat, mit dem festen Vorsatz, nach Abschluß des Unternehmens in seine Heimat, die Champagne, zurückzukehren. Er war der Sohn der berühmten Marie de Champagne, also Enkel Ludwigs VII. und Eleonore von Aquitaniens und Neffe von Richard Löwenherz.
Der englische König mußte zunächst die Bedenken seines Neffen ausräumen: "Der König sprach mit dem Grafen. Er sagte ihm, die Dame, mit er er ihn verheiraten wolle, erwarte ein Kind von dem Markgrafen, und wenn sie einen Sohn gebäre, erbe dieser die Krone. Er [Heinrich] gab ihm zur Antwort: 'Und ich habe dann die Dame am Hals!' Es tat Heinrich sicher auch leid, nicht mehr in die Champagne zurückkehren zu können. Isabella wartete inzwischen in Tyrus auf die Ankunft der Barone, die in aller Eile verständigt worden waren. Heinrich änderte schließlich seine Meinung, nachdem er seine zukünftige Frau gesehen hatte, denn sie soll nach den Worten der Chronisten "weißer als eine Perle" gewesen sein. Auch sie war anscheinend gleich von ihm begeistert. Heinrich war jung und tapfer, und am Hof von Tyros herrschte eine Atmosphäre, in der sich ritterliche Tugenden entfalten konnten. Auf jeden Fall feierte Isabella am 5. Mai ihre dritte Hochzeit, acht Tage nach Konrads Tod - die Ereignisse verlangten schnelle Entscheidungen. Sie war erst 20 Jahre alt, zärtlich, gefühlvoll und unbekümmert. Doch sie war auch die Erbin des Königreichs Jerusalem; um den Fortbestand dieses Königreichs zu sichern, hatte sie sich von Humfried trennen müssen, den sie seit ihrer Kindheit liebte, danach hatte sie miterlebt, wie ihr zweiter Mann ermordet wurde. In diesem Augenblick gebot es das Schicksal und ihre Pflicht, einen dritten Mann zu heiraten - und wenn sie die Zukunft hätte voraussehen können, hätte sie sich bemüht, ihn nicht zu lieben, um nicht noch einmal leiden zu müssen.
Die Hochzeit war in der Tat ein großartiges Ereignis, eine Garantie für das Überleben des Königreichs, denn kurz darauf wurde die kleine Maria geboren, Konrads Tochter, die später den Titel "Königin von Jerusalem" tragen sollte.
1197 kündigte sich ein Besuch an, der in Heinrich manche Erinnerung an seine Familie wachrief: Margarethe, "Königin von Ungarn", Schwester Philipp Augusts und Heinrichs Tante, die den jungen König Heinrich, wie man ihn in England nannte, geheiratet hatte und in weiterer Ehe König Bela III. von Ungarn. Dieser war gestorben und sie verspürte den Wunsch, nach Jerusalem zu reisen. Deshalb verkaufte sie ihr Wittum, das ihr großen Reichtum einbrachte, nahm das Kreuz und kam mit einer beachtlichen Schar von Rittern zusammen mit den Deutschen nach Syrien und nach Tyrus. Graf Heinrich begab sich nach Tyrus, um seine Tante zu begrüßen und mit allen Ehren zu empfangen. Nach ihrer Ankunft lebte sie nur noch acht Tage, dann starb sie und wurde im Chor der Kirche von Tyrus beigesetzt. Sie vermachte Heinrich ihren ganzen Besitz, denn er war ihr Neffe, der Sohn ihrer Schwester.
Ein absurder Unfall setzte den Hoffnungen, die das fränkische Syrien mit seiner Regentschaft verband, ein jähes Ende. Am 10. September 1197, während einer Versammlung mit seinen Baronen in dem großen Saal seiner Residenz in Akkon, lehnte sich Heinrich unvorsichtigerweise an das etwas lockere "Gitter" eines Fensters, fiel kopfüber in den Hof hinunter und erlitt einen Schädelbruch. Er war auf der Stelle tot, ebenso wie sein Lieblingsgefährte, der Zwerg Scharlach, der den Sturz seines Herrn aufhalten wollte und mitgerissen wurde.
"Als Königin Isabella die Nachricht erfuhr, stürzte sie wie von Sinnen herbei; sie schrie, zerkratzte sich das Gesicht und raufte sich die Haare. Am Aufgang zum Schloß begegnete sie den Leuten, die den Leichnam brachten; als sie ihn sah, warf sie sich über ihn und bedeckte ihn unter Tränen und Klagen mit Küssen; sie schrie so laut, dass alle Anwesenden Erbarmen mit ihr hatten", schreibt der Verfasser der Herakleios-Chronik.
Mit 26 Jahren war Isabella nun zum zweiten Mal Witwe und einmal geschieden. Von ihrem dritten Mann hatte sie zwei Töchter, Alice und Philippa. Wieder einmal stand sie vor dem Problem, durch eine Heirat ihren Titel einem fähigen und verläßlichen Oberhaupt des Königreichs zu übergeben.
In der Umgebung der immer noch schönen Königin herrschte bestimmt kein Mangel an Anwärtern. Obwohl sie plötzlich Witwe geworden war, wurde sie sicher von vielen umschwärmt. Einer der Bewerber, Amalrich von Lusignan, ein Bruder Guidos, wurde von den Rittern des Templer- und des Johanniterordens favorisiert.
Im Anschluß an ihre Vermählung wurden Amalrich und Isabella gekrönt, für die junge Frau war es die vierte Krönung.
Was Isabella angeht, so bedeutete ihre Vermählung mit Amalrich das Ende ihrer ehelichen Mißgeschicke. Sie bekamen drei Kinder:
einen Sohn, der früh starb, und zwei Töchter,
Sibylle
und Melisende.
Amalrich starb am 1. April 1205, und Isabella überlebte ihren Mann nur einige Monate. Die Krone von Jerusalem fiel an ihre älteste Tochter, die kaum 12-jährige Maria aus ihrer Ehe mit Konrad von Montferrat. Isabella hatte vor ihrem Tod die Regentschaft über das Königreich und die Vormundschaft über die junge Prinzessin dem Alten Herrn von Beirut anvertraut.

Isabella hatte sozusagen den Grundstein für die sich abzeichenende Neuordnung der Machtverhältnisse gelegt, denn ihre Nachkommen, die Dynastien, die aus ihr hervorgingen, sollten fortan das Geschehen bestimmen und allenthalben von sich reden machen. Zunächst begegnen wir auf dem Thron von Jerusalem ihre Tochter Marie, die Johann von Brienne heiratete: Er war bei der Hochzeit im Jahre 1210 60 Jahre alt, sie 16 oder 17 Jahre, doch er war ein tapferer und kraftvoller Ritter. Isabellas Töchter aus ihrer Ehe mit Heinrich von der Chamagne Alice und Philippa, lebten auf Zypern - Alice, die ältere, wurde später Königin der Insel. Beide führten später einen langwierigen Streit um ihre Erbrechte an der Champagne, und ihre Nachkommen spielten an den Höfen Zyperns oder Syriens eine Rolle. Von den beiden Töchtern aus Isabellas Ehe mit Amalrich heiratete die ältere, Sibylle, den Fürsten Leo II. von Armenien und die jüngere, Melisende, Bohemund IV., der die Herrschaft über das Fürstentum Antiochia und die Grafschaft Tripolis ausübte. Mit anderen Worten, in jedem Kapitel der Geschichte dieser Region, die von ständigen Wirren heimgesucht wurde, ist von den Nachkommen jener Isabella von Jerusalem die Rede, der Liebenden, die der Staatsräson geopfert wurde.