Älterer Sohn des Herrn Dorino I. Gattilusio von
Lesbos
Lexikon des Mittelalters: Band IV Spalte 1139
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Die Gattilusio von Lesbos
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Nach Jacopos erbenlosem Tod fiel Lesbos an den
jüngeren Bruder Dorino I. (+ 30. Juni 1455), Herr von Phokaia.
Er ließ sich vom Kaiser die Inseln Lemnos und Thasos übertragen,
wurde aber von den Osmanen zur Tributleistung gezwungen. Ihm folgte in
Lemnos sein Sohn Domenico nach. Dieser wurde 1455 von Mehmed
II. zu einer Verdoppelung des Tributs und zur Abtretung von
Thasos genötigt. Der Sultan besetzte auch Alt-Phokaia und Lemnos,
hier begünstigt durch einen Aufstand der Inselbevölkerung gegen
das Regiment Niccolos II., des Bruders von Domenico. 1458
bemächtigte sich Niccolo II. durch Brudermord der Herrschaft
über Lesbos, mußte aber 1462 vor den Türken kapitulieren
und wurde in Konstantinopel, wohin er mit den Notabeln der Insel verschleppt
worden war, erdrosselt.
Die osmanische Flotte wandte sich aber nicht nach Rhodos,
sondern nach Mytilini (Lesbos), wo sie Ende Juli oder in der ersten Augusthälfte
auf der Reede vor Anker ging. Der Historiker Dukas, des Fürsten
Domenico Gattilusio Sekretär, ward an Bord gesandt, um durch Überbringung
reicher Geschenke dem Großherrn seine treue Gesinnung kundzutun.
Die Sendung bestand in kostbaren seidenen und wollenen Gewändern,
in einer geschickt getroffenen Auswahl der vorzüglichsten Inselerzeugnisse
an Pferden, Hornvieh, nämlich 20 Ochsen und 50 Hammeln, 800 Maß
Wein, zwei Metzen gesäuerten, eine ungesäuerte Brote, über
zehn Zentner Käse, einer großen Menge Zugemüse zur Erfrischung
der Schiffsmannschaft und schließlich 6.000 Silbertalern in barer
Münze.
Inzwischen hatte sich aber die Lage auf Mytilini dramatisch
zugespitzt und verlangte die Aufmerksamkeit der Pforte. Eben, als die osmanische
Flotte unter Hamsa in See ging, starb am 30. Juni 1455 Dorino I. Gattilusio,
Herr von Mytilini (Lesbos), Alt-Fotscha nördlich Smyrna
mit seinen ergiebigen Alaungruben, Thasos und Lemnos. Er überließ
diese fragwürdig gewordenen Besitzungen seinem ältesten überlebenden
Sohn Domenico als bedenkliche Erbschaft. Als sein Statthalter führte
sein jüngerer Bruder Niccolo auf Mytilini die Staatsgeschäfte.
Wenige Wochen nach Übernahme der Herrschaften sandte Domenico Gattilusio
den Geschichtsschreiber Dukas mit der Weisung nach Adrianopel,
Mehmed II. den Regierungswechsel anzuzeigen und den Tribut zu
entrichten. Dieser belief sich bei Lesbos auf 3.000, bei Lemnos auf 2.325
Goldstücke; für Imbros mußten jährlich 2.000 Dukaten
erlegt werden.
Dukas eilte nach Mytilini zurück und brachte schleunigst
Domenico Gattilusio mit einem stattlichen Gefolge von fränkischen
und rhomäischen Großen seines Hofstaates nach Adrainopel. Dort
aber traf er den Großherrn nicht an, der wegen einer fürchterlichen
Pest die frische Luft der balkanischen Berge aufgesucht hatte. Mehmed
II. verweigerte dem Fürsten die Unterhaltung, gestattete
ihm nur den Handkuß und ließ ihn durch Mahmud-Pascha abfertigen.
Obgleich dieser wie auch die übrigen Würdenträger mit ansehnlichen
Geschenken bedacht worden waren, scheuten sie sich nicht, unter Berufung
auf ihren Herrn, sehr angemessene Forderungen an den fassungslosen Domenico
Gattilusio zu stellen. Zuerst verlangten sie, der Fürst solle
die ihm gehörige Insel Thasos abtreten. Als er notgedrungen seine
Einwilligung gab, wollte man am folgenden Tag den bisher gezahlten Tribut
verdoppelt wissen. Er erklärte soviel Geld aufzubringen sei er außerstande,
man solle ihm dann lieber gleich die Inse Lemnos abnehmen. Nach längerem
Feilschen einigte man sich, das Jahrgeld von 3.000 auf 4.000 Goldstücke
zu erhöhen. Überdies machte man den Fürsten zur Pflicht,
die seiner Insel gegenüberliegenden anatolischen Küstenstriche
vor katalanischen Seeräubern zu schützen. Die neuen Abmachungen
wurden durch einen Treueid feierlich beschworen, der Fürst wurde mit
einem prächtigen Ehrenkleid, dem Brokatkaftan, beschenkt, während
seine Begleiter silberne Gewänder erhielten. Sie kehrten dann stracks
nach ihrer Insel zurück, wo sie ihrem Schöpfer dankten, daß
sie allesamt wenigstens duiesmal mit heiler Haut den Händen des 'Unholds'
entronnen waren.
Der unselige Dukas mußte sich um diese Zeit abermals
im Auftrage seines Gebieters an die Pforte begeben, um dort wegen des Vorgehen
Junus-Paschas entsprechende Vorstellungen zu machen. Sie nahmen aber einen
schlimmen Ausgang. Der Admiral, dem Dukas gegenübergestellt wurde,
erklärte ihm, und zwar auf Befehl des Sultans, schlankweg, seine Herr
müsse auf der Stelle 10.000 Goldstücke erlegen osder sich auf
einen Waffengang gefaßt machen. Mehmed II.
ließ inzwischen rasch noch Alt-Fotscha besetzen, das ebenfalls
zum Herzogtum Lesbos gehörte. Als er von der Einnahme in Kenntnis
gesetzt worden ward, beurlaubte er den bis dahin zurückgehaltenen
Dukas ohne weitere Forderungen nach seiner Insel. So schmolz, fast ohne
Schwertstreich und nur durch Drohungen, in der Ägäis die Frankenherrschaft
zusammen.
Ein Vorwand für das Unternehmen gegen Lesbos (Mytilini)
war bald gefunden. Der ehrgeizige Inselherr Niccolo Gattilusio hatte
Ende 1458 seinen älteren Bruder Domenico unter der Beschuldigung,
er wolle das Eiland an die Türken ausliefern, in den Kerker geworfen
und dann erdrosseln lasssen, um sich hierauf selbst der Insel zu
bemächtigen.
Literatur:
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Babinger Franz: Mehmed der Eroberer. Weltenstürmer
einer Zeitenwende. R. Piper GmbH&Co. KG, München 1987 Seite 137,139,140,143,224
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