Auf dem Totenbett machte König
Balduin II. seine Absichten nochmals ganz klar, indem er nicht
nur Tochter und Schwiegersohn, sondern auch deren zweijährigen Sohn
Balduin III. zu Nachfolgern designierte
und damit eine Samtherrschaft dreier Personen begründete, die für
Balduin
III. freilich vorerst theoretisch blieb.
Da Fulko die Herrschaft
nur als Folge seiner Heirat mit Melisendis erlangt
hatte und sein ältester Sohn Balduin
erst 13 Jahre alt war, trat nach seinem Tode 1143 seine Witwe
Melisendis die Regierung an. Erstmals hören wir von keiner
Wahl. Die von Balduin II. begründete
Samtherrschaft funktionierte, jetzt von Mutter und Sohn. Zwar war die Mutter
Regentin für den minderjährigen Sohn, hatte aber daneben ihren
eigenen (territorial undefinierten) Anteil am Reich und herrschte deshalb,
wie Wilhelm von Tyrus ausdrücklich versichert, nach Erbrecht.
Sie wurde deshalb auch nochmals gekrönt, als Balduin
III. jetzt abermals die Krone empfing. Auf der Versammlung der
Haute Cour vom 24. Juni 1148 in Palmarea bei Akkon wurde der grenzenlos
dumme Beschluß zur Eroberung von Damaskus gefaßt. Der König
von Jerusalem konnte sich von einer Eroberung von Damaskus eine Prestigeerhöhung
versprechen, die ihn endlich von der Regentschaft seiner Mutter befreien
würde, die über die Volljährigkeit des Königs hinaus
andauerte. Der Eroberungsversuch scheiterte kläglich und 1154 öffnete
Damaskus Nur ad-Din die Tore der Stadt. Durch das Eingreifen Balduins
III. mußte nach der Schlacht von Inab (29.6.1149) Nurad-Din
die Belagerung von Antiochia aufgeben, womit der Bestand des Fürstentums
fürs erste gesichert war. Edessa konnte durch die Intervention des
Königs freilich nicht gerettet werden. Auch gestatteten die Verhältnisse
im Königreich Jerusalem keine längere Abwesenheit des Königs.
Die gemeinschaftliche Regierung mit seiner Mutter Melisendis,
die bei Eintritt der Volljährigkeit des Königs, sich auf ihren
eigenständigen Anteil am Reich stützend, keinerlei Anstalten
gemacht hatte, die Regentschaft niederzulegen, behagte dem inzwischen 19-jährigen
König ebensowenig wie der Mehrzahl der Barone. Die Auseinandersetzung
zwischen dem jungen König und seiner Mutter war viel schwerwiegender
als der Bericht bei Wilhelm von Tyrus vermuten läßt.
Nur sehr allmählich konnte Balduin III.
sich eine Machtbasis in der nördlichen Krondomäne um Tyrus und
Akkon aufbauen. Seit 1149 waren die Beziehungen zwischen Mutter und Sohn
mehr als frostig. Die Schaffung eines eigenen Haushalts, mehr noch die
eigener Vasallen, näherte sich einer Reichsteilung. Als der König
im Sommer 1150 wegen der Gefangennahme Joscelins II. von Edessa
nach Norden ziehen mußte, war seine Position verzweifelt. Eine Urkunde
aus dieser Zeit zeigt ihn im Besitz von Akkon, aber ansonsten verlassen:
sein Gefolge bestand aus einer Kapelle, einem vertriebenen Erzbischof und
entlassenen Kanzler, einem unbekannten Templer, einem Fürsten von
Galilaea, der um sein Fürstentum kämpfte, und einem wenig prominenten
Vasallen. Allerdings hatte er noch immer die Unterstützung der nördlichen
Herrschaften Beirut und Toron. Diejenigen Vasallen, die sich als solche
der Königin-Mutter betrachteten, gingen 1150 so weit, die Heerfolge
in den Norden zu verweigern, obwohl der König den ebenso ungewöhnlichen
Schritt unternommen hatte, sie einzeln schriftlich aufzubieten. Das Ziel
war klar: man wollte den König daran hindern, seine traditionelle
Rolle als Protektor der nördlichen Kreuzfahrerstaaten wahrzunehmen,
was aber mißlang. Ganz im Gegenteil zeigte sich Balduin
in Antiochia als geschickter Diplomat in delikaten Verhandlungen mit Byzanz.
Die Zwietracht machte es unmöglich, die dringendste Frage des Nordens
zu lösen, die Wiederverheiratung der Fürstin Konstanze von
Antiochia. Der König hatte ihr vergeblich drei sehr achtbare Kandidaten
vorgeschlagen und berief 1150 eigens die Vasallen von Antiochia, Jerusalem
und Tripolis zu einer Versammlung nach Tripolis, um die Frage zu entscheiden.
Aber Konstanze widersetzte sich auch dort jeder Ehe.
Im Frühjahr 1152 war die Opposition gegen Melisendis
und Manasses von Hierges, einem Neffen Balduins
II., stark genug geworden, um Balduin
III. entscheidende Schritte zu ermöglichen. Er verlangte
vom Patriarchen eine Bestätigungskrönung zu Ostern, aber ohne
erneute Krönung seiner Mutter. Dies hätte dem versammelten Volk
deutlich gemacht, dass er von nun an Alleinherrscher war. Auch wenn die
Staatsräson dies dringend erfordern machte, so hätte eine solche
Zeremonie die Rechte der Melindis verletzt,
weil sie die Samtherrschaft zerstört hätte. Es war vorauszusehen,
dass der Patriarch den Vorschlag ablehnen würde, aber Balduin
ließ nur scheinbar von seinem Vorhaben ab, erschien aber urplötzlich
am Ostermontag und ohne seine Mutter im Schmuck einer Krone in der Öffentlichkeit.
Dies kam einer öffentlichen Kriegserklärung gleich. Auf einer
Reichsversammlung konnte als Kompromiß noch eine förmliche Reichsteilung
erzielt werden, bei der sich der König allerdings bereits als der
Stärkere erwies, da er als erster seinen Teil wählen durfte.
Manasses
verlor sein wichtige Konstableramt an Humfried II. von Toron,
einen Parteigänger des Königs. Die Teilung sprach den politischen
Notwendigkeiten Hohn und hatte nur drei Wochen Bestand. Balduin
ging zum offenen Krieg über, verjagte Manasses aus seiner Burg
Mirabel und zwang ihn ins europäische Exil. Dann vertrieb er seine
Mutter aus dem weitgehend unbefestigten Nablus und belagerte sie schließlich
in der Zitadelle von Jerusalem, wo sich auch seit kurz vor 1150 auf dem
Gelände der heutigen Polizeistation der Königspalast befand.
Melisendis
mußte die Stadt übergeben und aus der Regierung ausscheiden.
Zum standesgemäßen Lebensunterhalt und als Rest ihrer unbestreitbaren
Rechte aus der Samtherrschaft, die sie erst mit ihrem Gemahl, dann mit
ihrem Sohn innegehabt hatte, verblieb ihr Nablus mit der Krondomäne
von Samaria. Der König versprach feierlich, sie in diesem Besitz ungestört
zu lassen, und hielt sich an dieses Versprechen bis kurz vor ihrem Tode
1161. Von nun an regierte Balduin in
der Politik allein, aber der vorangegangene Bürgerkrieg ließ
für die Zukunft nichts Gutes ahnen, und er konnte auf die Autorität
der Dynastie den großen Vasallen gegenüber keine günstigen
Auswirkungen haben.
Balduin III. war
ein hochgewachsener, junger Mann mit blondem Haar und einem
stattlichen
Vollbart. Die Natur hatte ihn mit einem ungewöhnlich scharfen
Verstand und einer bemerkenswerten Redegabe ausgerüstet.
Er hatte eine sorgfältige Erziehung genossen, so dass seine
guten Manieren, seine Höflichkeit zu jedermann, seine
Waffengewandtheit, aber auch seine Rechtskundigkeit, seine
Vorliebe für die Lektüre historiographischer Schriften
und seine Lust an der Diskussion gerühmt wurden. Seine Frömmigkeit
überschritt das Durchschnittsmaß offenbar nicht. Eine Leidenschaft
für Würfel- und Glücksspiel und eine gewisse erotische
Freizügigkeit vor seiner Vermählung vermochte auch ein so
wohlwollender Beobachter wie Wilhelm von Tyrus nicht übersehen.
Wie so oft war ein Zug nach Norden die erste Aufgabe,
die Balduin III. nach seiner zweiten
"Krönung" angehen mußte. Er und Melisendis
hatten dort einen Ehezwist zwischen Raimund II. von Tripolis und
dessen Gemahlin Hodierna, einer
Schwester der Melisendis, zu schlichten.
Doch noch während der Anwesenheit des Königs wurde der Graf von
Assassinen ermordet (1152), und Balduin veranlaßte
die Barone, der Gräfin für ihren unmündigen Sohn Raimund
III. (1152-1187) zu huldigen. Im Jahr darauf erzielte Balduin
III. im Süden einen spektakulären Erfolg. Bereits
um 1150 hatte er die von Fulko begonnene
Einkreisung Askalons, der "Braut Syriens", vollendet, indem er auf den
Ruinen des antiken Ortes Gaza eine Festung erbaute, die nunmehr die Verbindung
Askalons mit dem fatimidischen Süden
verhinderte. Im Januar 1153 begann der König mit der Unterstützung
aller verfügbaren Kräfte eine energische Belagerung Askalons.
Rückschläge ließen sich zwar nicht vermeiden, aber nach
hartnäckigen Kämpfen kapitulierte die Besatzung am 19. August
1153 gegen freien Abzug innerhalb von drei Tagen. Den Belagerern fiel unermeßliche
Beute in die Hände und der König vergabte reichlich Geld- und
Landlehen daraus an seine Anhänger. Etwa 1154 gab er dann seinem
Bruder
Amalrich, der 1152 im Bürgerkrieg
bis zum Ende bei Melindis
ausgeharrt
und deshalb seine Grafschaft Jaffa verloren hatte, nicht nur Jaffa zurück,
sondern fügte Stadt und Distrikt von Askalon noch hinzu. Balduin
III. hatte sich bei der Ausrüstung seines Heeres so stark
verschuldet, dass seine politische Bewegungsfreiheit gehemmt war. Schon
1154 konnte er Damaskus gegen den letzten Angriff Nur ad-Dins keine
wirksame Hilfe leisten, wie es der Vertrag von 1139 und das fränkische
Interesse erfordert hätten.
Balduin III. war
schlecht beraten, als er der Verbindung zwischen Konstanze von Antiochia
und Rainald von Chatillon zustimmte, denn Rainald offenbarte
sofort brutale Charakterzüge. Während der Krankheit Nur ad-Dins
benutzte Rainald von Antiochia die Pause, um mit Unterstützung
Balduins III. und des gerade anwesenden
Grafen Dietrich von Flandern den Sarazenen die Festung Harim zu
entreißen (Februar 1158), die Antiochia am Orontes nach Osten hin
abschirmte. Das Verhalten Rainalds (1156 Plünderung der byzantinischen
Insel Zypern) veranlaßte den König von Jerusalem ein Jahr später
zu einer engeren Anlehnung an Byzanz. Die Verhandlungen führten im
September 1158 zu einer glanzvollen Hochzeit Balduins
mit Theodora, der blutjungen Nichte
des byzantinischen Kaisers, deren reiche Mitgift den König
auch fürs erste aus seinen finanziellen Verlegenheiten befreite. Die
politischen Abmachungen gingen offenbar dahin, dass
Kaiser Manuel
sich zum Kampf gegen Nur ad-Din bereit erklärte, wogegen Balduin
seine Zustimmung zur Demütigung Rainalds von Antiochia erteilte.
Nach der 1161 erfolgten Gefangennahme Rainalds von Antiochia wandten
sich die Barone an den König von Jerusalem und Balduin
III. setzte gegen die Ansprüche der Fürstin Konstanze
den wieder zurückgekehrten Patriarchen Amalrich ein. Das Arrangement
gefiel weder Konstanze noch dem byzantinischen Kaiser. Dieser verhandelte
damals, nachdem seine erste Gemahlin
Bertha
von Sulzbach 1159 gestorben war, gerade über eine neue
Ehe. Da Balduin den byzantinischen
Einfluß in Antiochia nicht noch verstärken wollte, schlug er
dem Kaiser Melisendis von Tripolis vor, aber nach einjährigem
Zögern entschied sich Manuel für
Maria
von Antiochia, die Tochter Konstanzes, die sich bei
Manuel über die Regelung der antiochischen Frage beschwert
hatte. Balduin III., für den das
Bündnis mit Byzanz jetzt so lebenswichtig war wie früher die
Allianz mit Damaskus, konnte diesem Wunsch nichts entgegensetzen, obwohl
er daraus weitere byzantinischen Ansprüche auf Antiochia befürchten
mußte.
Balduin war 1162
während eines Aufenthalts in Tripolis erkrankt. Als sich keine Besserung
einstellte, ließ er sich nach Beirut transportieren, um in seinem
eigenen Reich zu sterben. Der Tod ereilte ihn am 10. Februar 1163.
Nach einem achttägigen Trauerzug von Beirut nach Jerusalem, bei dem
selbst die nichtchristliche Bevölkerung den toten König beweint
haben soll, wurde er neben seinen Vorfahren in der Grabeskirche beigesetzt.
Mit unbestreitbarem diplomatischen Geschick hatte er sein Reich 20 Jahre
lang zwischen der türkischen Bedrohung und der bisweilen drückenden
Übermacht des byzantinischen Verbündeten durchlaviert. Im September
1162 war ihm seine Mutter Melisendis
nach langer Krankheit im Tode vorausgegangen. Da
Balduin ohne Kinder gestorben war, folgte ihm sein sechs Jahre
jüngerer Bruder Amalrich
im Alter von 27 Jahren.