ANGOULEME
Lexikon des Mittelalters:
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Angoulême
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I. Bistum (heute Dép.
Charente):
Suffraganbistum von Bordeaux.
Sein erster bekannter Bischof dürfte der hl. Ausonius (4. Jh.) gewesen
sein. Aber erst der Einsiedler Cybard
(† 581) begründete seinen
Ruhm; das Kloster, das seinen Namen trägt und eng an das Bistum
angeschlossen ist, wurde zwischen 817 und 838 gegründet.
Von den bedeutenden hochmittelalterlichen Bischöfen waren einige
der Simonie schuldig: Grimoard von
Mussidan (991-1018), unter dem die Kathedrale St. Peter
geweiht wurde; Gerhard (Gérard de Malart; 1037-1043);
Wilhelm (1043-1076) und Ademar Taillefer (1076-1101), unter
dem das Domkapitel seine Eigenständigkeit erlangte. In diese Zeit
fällt auch das Wirken des Chronisten
Ademar von Chabannes, seit 1010 Mönch in St-Cybard. Bischof Gerhard (Girard de Blaie, 1102-1136) gab der
Diözese ihre endgültige Organisation: Es wurden neue
Pfarreien geschaffen, das Kirchengut wiederhergestellt, eine Einigung
mit dem Kapitel erzielt, der Bischofspalast errichtet und die
Kathedrale vergrößert (1128).
Der Temporalbesitz der Kirche von Angoulême ist durch das
»Livre des fiefs« des Bischofs
Guillaume de Blaye (1273-1307) überliefert; es verzeichnet
das Lehen La Penne, nahe der Kathedrale gelegen, die
Lehensabhängigkeit der Herren von La Rochechandry, La
Rochefoucauld, Montmoreau und Montbron und einen Teil des
Périgord. Die Kriege und Irrungen der Grafen von Angoulême
mit den PLANTAGENET
und den franzsischen Königen führten zu einer Schwächung
des bischöflichen. Güterbestandes. Die Bischöfe im
späten 15. Jh. plünderten ihrerseits das Kirchengut;
erst Antoine d'Estaing (1507-1523) stellte in der
Diözese wieder geordnete Verhältnisse her.
II. Grafschaft:
Der pagus von Angouleme (Ecolismensis, Engolismensis), das
spätere Angoumois, gehörte zum regnum Aquitaniae, das lange
zwischen Pippin
II. von Aquitanien und KARL DEM KAHLEN
umstritten war. Auf den Grafen Turpio († 863) und Emeno, der bereits Graf des Périgord († 866)
war, folgte, ernannt durch KARL DEM KAHLEN,
Graf Vulgrimnus (Vougrin), der auch das
Périgord und darüber hinaus vielleicht die Saintonge und
das Agenais besaß; er konnte seine honores seinen Nachkommen
hinterlassen. Die endgültige Trennung der Grafschaft
Angoulême von der Grafschaft Périgueux fand erst um
975/982 statt; die Grafschaft Angoulême blieb nun in
Lehnsabhängigkeit von den Grafen von Poitiers und Herzögen
von Aquitanien.
Die Grafen des 11. Jh. und der 1. Hälfte des 12. Jh.
vergrößerten das Angoumois um Lehen im Poitou, in der
Saintonge und im Gironde-Gebiet: Melle, Chabanais, Confolens, Ruffec,
Blaye, Benauges. Trotz Erbteilungen und Auseinandersetzungen mit
rebellierenden Vasallen konnten sie sich als ein mächtiges
Geschlecht behaupten, das den Namen
TAILLEFER (nach einem Vorfahren aus dem 10. Jh.) trug. Mit
der Entführung der Erbin von
Angouleme, Isabella, der
Braut des Hugo v. Lusignan, Grafen von der Marche, durch den PLANTAGENET
Johann »ohne Land«, wurde der
große Konflikt zwischen den PLANTAGENET und dem
König von Frankreich ausgelöst, da Hugo von Lusignan diesen um Beistand
angerufen hatte (1200-1202). Nach dem Tode Johanns
heiratete Isabella
ihren einstigen Verlobten, der dem KAPETINGER
den Lehnseid leistete. Die Zeit von 1226 bis 1241 war die
Blütezeit der TAILLEFER-LUSIGNAN,
die nun das Angoumois mit Cognac und Merpins besaßen, die
Saintonge mit St-Jean d'Angély, Aunis (»le grand fief
d'Aunis«), Lusignan und die Grafschaft der Marche.
Aber zwischen Hugo X.
einerseits, König Ludwig IX. dem Heiligen
und seinem Bruder Alfons von Poitiers
andererseits brachen 1241 Streitigkeiten aus; als besiegte Rebellen
verloren Hugo und Isabella nach
dem Vertrag von Pons (1242) ein Drittel ihrer Domänen; sie
behielten jedoch die Grafschaft Angouleme. Die Linie der TAILLEFER-LUSIGNAN erlosch
mit Hugo XIII. und seinem Bruder Gui [Guido], zu dessen Lebzeiten sich Philipp der Schöne der
Grafschaft durch Verrat bemächtigte (1308); die natürlichen
Erben wurden entschädigt und das Angoumois mit der Krondomäne
vereinigt (1314). Danach ging die Grafschaft noch durch folgende
Hände:
Johanna von
Navarra (1317);
Charles d'Espagne
(1350);
der König von England, Eduard III.,
nach dem Vertrag von Brétigny (1360-73);
Ludwig, Herzog von Orléans (1394), dessen Urenkel jüngerer Linie Franz von Angouleme,
der als Franz I. König von
Frankreich wurde und die Grafschaft zum Herzogtum erhob (1515).
III. Stadt:
Die Stadt Angouleme (gallo-römisch Iculisna) wurde erst im
4. Jh. gegründet und wurde Hauptort einer eigenen civitas,
die aus der civitas von Saintes herausgelöst wurde. Das auf einem
die Charente beherrschenden Bergsporn gelegene oppidum hatte vorher nur
eine kleine Siedlung beherbergt. Zur Bischofsstadt und zum Grafensitz
geworden (Abschnitte I, II), hatte Angoueleme 508 den Angriff der
Franken und im 9. Jh. die Zerstörungen der Normannen zu
ertragen. Die spätrömische Ummauerung umfaßte nur den
zentralen Teil des Plateaus. Die befestigte gräfliche Burganlage
des 11.-14. Jh. lag im Osten des castrum (heute Rue Taillefer und
Rathaus). Im späten 13. Jh. wurde die Ummauerung in
südöstlicher Richtung ausgedehnt.
Das Wirtschaftsleben in Angouleme stagnierte bis zum 12. Jh.
weithin. Im 11. Jh. werden allerdings einige Münzhandwerker
erwähnt. Zwei vorstädtische Siedlungen entstanden am
Flußufer: die eine bei der Abtei St-Cybard, die andere bei
L'Houmeau in Verbindung mit einem Flußhafen, der 1280 v.a.
für den Salzhandel geschaffen wurde. - 1203-04 verlieh der englische König Johann »ohne
Land« Angouleme eine »Kommune« nach dem
Vorbild der Etablissements de Rouen; doch verschwand sie bald wieder.
Erst 1373 stellte König Karl V. von Frankreich
die städtische Selbstverwaltung mit einer Körperschaft von
100 pairs wieder her; diese wählten jährlich 12 Schöffen
und einen Zwölferrat (conseilleurs)
und präsentierten dem König einen Kandidaten für das
Bürgermeisteramt. Diese politischeOrganisation bedeutete
allerdings für eine Stadt, die im MA kaum über die Zahl von
1000 Feuerstellen hinausgelangte, eine schwere Belastung.
Ch. Higounet