Die Regierung des 4. Ptolemaios
steht als eine Zeit der Wende zwischen der Aufwärtsentwicklung unter
den ersten drei Königen und den dynastischen sowie außenpolitischen
Krisen nach dessen Tod. Von nun an gilt es, auf der internationelen Ebene
teils durch geschickte Diplomatie, teils durch Kraftanstrengung das Erreichte
zu halten beziehungsweise seit der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v.u.Z.
unter Hinnahme schmerzlicher Verluste sich unter neuen politischen Gegebenheiten
neben dem wachsenden Einfluß Roms zu behaupten. Die tatsächliche
Schwäche der Reichsregierung schon unter Ptolemaios
IV. kommt am deutlichsten durch die anhaltenden Aufstandsbewegungen
in Ägypten selbst zum Ausdruck.
Mit Beginn des Jahres 221 v.u.Z. finden wir den damals
etwa 20-jährigen, ältesten Sohn von Ptolemaios
III. und Berenike III. auf
dem Thron. Vermutlich ließ er sich nach ägyptischen Ritus zum
Pharao krönen. Von Anfang an (wenn nicht schon Lebzeiten seines Vaters)
trug er den Beinamen Philopator
(der "Vaterliebende"), der bald als Kulttitel belegt ist.
In der Zeit bis Herbst 220 v.u.Z. heiratete Ptolemaios
IV. seine Schwester Arsinoe III. Der
König stand seit seinem Regierungsantritt unter dem Einfluß
des mächtigsten Mannes am Hofe, des Alexandriners Sosibios.
Nach dem Regierungswechsel ließ Sosibios die bedeutendsten
Mitglieder der königlichen Familie umbringen: Lysimachos,
den noch lebenden Bruder
Euergetes' I., Magas,
den jüngeren Bruder des Philopator,
und schließlich auch die Mutter des Königs, Berenike
II., die offenbar den Magas
in eine höchst einflußreiche Stellung beim Heer gebracht hatte.
Vermutlich schaltete damit Sosibios die Köpfe einer politischen
Gegenbewegung aus, von der zu befürchten war, dass sie Einfluß
auf den König nehmen könnte.
Sosibios ging auch gegen den in Alexandria im
Exil lebenden Spartaner-König Kleomenes III.
vor. Er erregte durch eine Intrige den Argwohn des Königs und veranlaßte
damit, dass Kleomenes unter Bewachung
gestellt wurde. Nach einem gescheiterten Aufstandsversuch endete Kleomenes
und seine Leute durch Selbstmord (wohl Frühjahr 219 v.u.Z.). Hinter
und neben Sosibios agierte Agathokles von Samos, vermutlich
ein Jugendfreund des Philopator. Ihn
finden wir 216/15 v.u.Z. als Alexanderpriester. Von dem bestimmenden Einfluß,
den seine Schwester Agathokleia als königliche Mätresse
auf Philopator ausübte, wird wohl
auch Agathokles profitiert haben.
Im Frühjahr 219 v.u.Z. fiel die Seefestung Seleukeia
in Pierien durch Verrat in die Hände der SELEUKIDEN
zurück, in die Euergetes 27 Jahre
vorher eingezogen war. Damit war der Vierte Syrische Krieg (219 v.u.Z.-217
v.u.Z.) angelaufen, der zugleich einen Kampf um die Vorherrschaft im östlichen
Mittelmeer darstellte, das die PTOLEMÄER
mit ihren starken Flotten beherrschten.
Eigentlich wollte Antiochos
III. nach der Einnahme von Seleukeia den Feldzug gegen Achaios
einschieben, da veranlaßten ihn unerwartete Umstände, seine
Pläne zu ändern. Der ptolemäische
Stratege Theodotos war im Zuge höfischer Intrigen in Alexandria
schwer in Mißkredit geraten. Um der Regierung zuvorzukommen, entschloß
er sich zum Verrat und bot den SELEUKIDEN
an, ihm die ptolemäische Provinz
in die Hände zu spielen. Nachdem Antiochos
davon erfahren hatte, zog er nach Süden; er erhielt kampflos die Städte
Tyros und Ptolemais (Ake); die dort liegenden 40 Kriegsschiffe bedeuteten
eine willkommene Stärkung der seleukidischen Flotte. Er ging nun daran,
seine Herrschaft über Palästina auszuweiten. Am Ende des Jahres
219 v.u.Z., als man einen viermonatigen Waffenstillstand schloß,
müssen die militärischen Verhältnisse in Koilesyrien sehr
undurchsichtig gewesen sein.
Die ptolemäische
Regierung schloß den Waffenstillstand, weil sie der syrischen Invasion
noch nichts entgegenzusetzen hatte. Das Jahr 217 v.u.Z. brachte die Entscheidung.
Ptolemaios IV. marschierte von Pelusion
aus nach Norden bis in die Nähe von Raphia (südwestlich von Gaza).
Antiochos war schon entgegengekommen.
Beide Heere hatten eine erstaunliche Stärke aufzubieten: Auf ptolemäischer
Seite waren 70.000 Infanteristen, 5.000. Kavalleristen und 73 afrikanische
Elefanten einsatzbereit, auf seiten des Antiochos
standen 62.000 Infanteristen, 6.000 Reiter und 102 indische
Elefanten. Die Kerntruppe auf beiden Seiten bildete jeweils die makedonisch
bewaffnete Phalanx. Im PTOLEMÄER-Reich
haben die ungeheuren Mittel, die der Bevölkerung für diesen Krieg
abgerungen wurden, sowie die Miteinbeziehung der Ägypter in großem
Stil die innere Entwicklung der folgenden Jahre sicher entscheidend beeinflußt,
wenngleich die seit Polybios in Gang gekommene Diskussion über
die tatsächlichen Zusammenhänge und Auswirkungen noch nicht abgeschlossen
ist.
Die Könige eröffneten selbst am 22. Juni 217
v.u.Z. die Schlacht bei Raphia; an der Seite des Ptolemaios
stand seine Schwester und Gemahlin Arsinoe.
Schon zu Beginn wurden die afrikanischen Elefanten des PTOLEMÄER-Heeres
eingeschüchtert, flüchteten gegen die eigenen Reihen und richteten
Unordnung an. Währenddessen konte Antiochos
III. mit seinem rechten Flügel den linken des gegnerischen
Heeres überwinden und vernachlässigte siegessicher das übrige
Geschehen. "Da trat plötzlich Ptolemaios,
der sich unter den Schutz seiner Phalanx zurückgezogen hatte, mitten
vor die Reihen der Seinen und zeigte sich beiden Heeren, Schrecken verbreitend
beim Gegner, Mut und Kampfeseifer der eigenen Leute mächtig belebend."
So zeichnet an dieser Stelle Polybios zum letzten Mal in der Geschichte
das Bild eines in Asien kämpfenden Pharaos nach altägyptischem
Muster. Die ptolemäische Phalanx
mit ihrem großen Ägypterkontingent erfocht schließlich
für Philopator den Sieg. Antiochos
III. mußte die Niederlage anerkennen und zog sich nach
Antiocheia zurück.
Philopator schickte
den schlauen Sosibios nach Antiocheia, um zu verhandeln. Der König
selbst ordnete inzwischen die Verhältnisse im wiedergewonnenen Koilesyrien,
wo die Bevölkerung seit jeher mit den PTOLEMÄERN
sympathisierte. Im Spätsommer 217 v.u.Z. drang Ptolemaios
IV. ins seleukidische Syrien
ein und ließ dort einige Städte plündern, wohl um die Verhandlungen
unter Druck zu setzen. Der folgende Vertrag, dessen Einzelheiten wir nicht
kennen, läßt dennoch staatsmännische Klugheit und eine
auf lange Sicht planende Politik der Balance auf ptolemäischer
Seite erkennen. Man nützte den Sieg nur dazu, um die ptolemäische
Provinz "Syrien und Phönikien" abzusichern; vermutlich überließ
man dem SELEUKIDEN sogar Seleukia in
Pierien, da die Stadt als Enklave nur mit kostspieligem, militärischem
Schutz
zu halten und künftigen Beziehungen stets hinderlich gewesen wäre.
Der König kehrte im Triumph nach Ägypten zurück; das siegreiche
Heer belohnte er mit 300.000 Goldstücken.
Um für künftige Auseinandersetzungen mit dem
SELEUKIDEN-Reich gewappnet zu sein,
betrieb die ptolemäische Regierung,
wo immer es ging, eine erklärte Friedenspolitik. Für die Kontinuität
in den Beziehungen zu Griechenland aus den Tagen Euergetes'
I. bürgte vor allem Sosiobios. Der PTOLEMÄER-König
versuchte wiederholt zu vermitteln und machte sich auch sonst in greichischen
Städten durch Stiftungen beliebt.
Was die Persönlichkeit des Ptolemaios
IV. anlangt, so vermittelt uns die Überlieferung bei Polybios
das Bild eines Königs, der durch seine Nachlässigkeit in
den Regierungsgeschäften und ein Leben im Rausch unaufhörlicher
Feste den Niedergang des Reiches einleitete. Diesem Urteil liegen die "Historien"
des Phylarchos, die "Geschichten über Philopator" des Ptolemaios
von Megalopolis und die Arsinoe-Biographie
des alten Eratosthenes zugrunde. Es wird hier die negative Einstellung
zu einem höfischen Leben sichtbar, das in wachsendem Ausmaß
vom Herrscherideal der Tryphe, vom üppigen Leben in Verbindung mit
der Dionysiosverehrung, beherrscht wurde. Dazu sei das Prunkschiff des
Philopator erwähnt, das zu den
sensationellen Prunkeffeketen gehörte, mit denen der König die
Welt beeindrucken wollte.
Philopator war gleich
den Königen vor ihm ein begeisterter Anhänger der schönen
Literatur. Er soll selbst eine Tragödie "Adonis" geschrieben haben
und sein Minister Agathokles dazu den Kommentar. Als großer
Bewunderer Homers stiftete der König für diesen einen
Tempel samt Kult in Alexandria. In Alexandria ist uns unter Philopator
ein öffentliches Fest der Musen bezeugt. Außerdem übte
das Königsaar ein besonderes Patronat über die Musenfeste im
Musental der böotischen Stadt Thepeia aus.
Im Frühling oder Sommer 204 v.u.Z. verstarb
Ptolemaios IV. noch nicht 40-jährig.
Er hinterließ einen kaum 6-jährigen Sohn, der bald nach seiner
Geburt (9. Oktober 210 v.u.Z.) "Mitregent" geworden war.
Während der Regierung des 4. PTOLEMÄERS
konnte das Reich die glanzvolle Fassade seiner außenpolitischen Vorrangstellung
im östlichen Mittelmeeraum aufrechterhalten. Aber die siegreiche Schlacht
von Raphia markiert gleichsam das Ende einer ruhmreichen Vergangenheit,
des "Jahrhunderts der PTOLEMÄER".
In den späteren Jahren des Philopator
glich das Reich einem Koloß auf tönernen Füßen. Die
wirtschaftliche Stärke mußte durch die hohen Kosten des Vierten
Syrischen Krieges, die chaotischen ägyptischen Aufstandsbewegungen
im nördlichen Ägypten sowie durch die Errichtung des thebanischen
Pharaonen-Staates schwer erschüttert worden sein; die Auswirkungen
sind allerdings umstritten. Nach dem Tode Philopators
büßte das hellenistische Staatswesen der PTOLEMÄER
durch innere Krisen und äußere Aggressionen in einem
dramatischen Abstieg seine Weltgeltung ein und sollte schließlich
169/68 v.u.Z. bis an die Wurzeln erschüttert werden.