Hölbl Günther: Seite 111-120
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"Geschichte des Ptolemäerreiches. Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung."

Die Regierung des 4. Ptolemaios steht als eine Zeit der Wende zwischen der Aufwärtsentwicklung unter den ersten drei Königen und den dynastischen sowie außenpolitischen Krisen nach dessen Tod. Von nun an gilt es, auf der internationelen Ebene teils durch geschickte Diplomatie, teils durch Kraftanstrengung das Erreichte zu halten beziehungsweise seit der Wende vom 3. zum 2. Jahrhundert v.u.Z. unter Hinnahme schmerzlicher Verluste sich unter neuen politischen Gegebenheiten neben dem wachsenden Einfluß Roms zu behaupten. Die tatsächliche Schwäche der Reichsregierung schon unter Ptolemaios IV. kommt am deutlichsten durch die anhaltenden Aufstandsbewegungen in Ägypten selbst zum Ausdruck.
Mit Beginn des Jahres 221 v.u.Z. finden wir den damals etwa 20-jährigen, ältesten Sohn von Ptolemaios III. und Berenike III. auf dem Thron. Vermutlich ließ er sich nach ägyptischen Ritus zum Pharao krönen. Von Anfang an (wenn nicht schon Lebzeiten seines Vaters) trug er den Beinamen Philopator (der "Vaterliebende"), der bald als Kulttitel belegt ist. In der Zeit bis Herbst 220 v.u.Z. heiratete Ptolemaios IV. seine Schwester Arsinoe III. Der König stand seit seinem Regierungsantritt unter dem Einfluß des mächtigsten Mannes am Hofe, des Alexandriners Sosibios. Nach dem Regierungswechsel ließ Sosibios die bedeutendsten Mitglieder der königlichen Familie umbringen: Lysimachos, den noch lebenden Bruder Euergetes' I., Magas, den jüngeren Bruder des Philopator, und schließlich auch die Mutter des Königs, Berenike II., die offenbar den Magas in eine höchst einflußreiche Stellung beim Heer gebracht hatte. Vermutlich schaltete damit Sosibios die Köpfe einer politischen Gegenbewegung aus, von der zu befürchten war, dass sie Einfluß auf den König nehmen könnte.
Sosibios ging auch gegen den in Alexandria im Exil lebenden Spartaner-König Kleomenes III. vor. Er erregte durch eine Intrige den Argwohn des Königs und veranlaßte damit, dass Kleomenes unter Bewachung gestellt wurde. Nach einem gescheiterten Aufstandsversuch endete Kleomenes und seine Leute durch Selbstmord (wohl Frühjahr 219 v.u.Z.). Hinter und neben Sosibios agierte Agathokles von Samos, vermutlich ein Jugendfreund des Philopator. Ihn finden wir 216/15 v.u.Z. als Alexanderpriester. Von dem bestimmenden Einfluß, den seine Schwester Agathokleia als königliche Mätresse auf Philopator ausübte, wird wohl auch Agathokles profitiert haben.
Im Frühjahr 219 v.u.Z. fiel die Seefestung Seleukeia in Pierien durch Verrat in die Hände der SELEUKIDEN zurück, in die Euergetes 27 Jahre vorher eingezogen war. Damit war der Vierte Syrische Krieg (219 v.u.Z.-217 v.u.Z.) angelaufen, der zugleich einen Kampf um die Vorherrschaft im östlichen Mittelmeer darstellte, das die PTOLEMÄER mit ihren starken Flotten beherrschten.
Eigentlich wollte Antiochos III. nach der Einnahme von Seleukeia den Feldzug gegen Achaios einschieben, da veranlaßten ihn unerwartete Umstände, seine Pläne zu ändern. Der ptolemäische Stratege Theodotos war im Zuge höfischer Intrigen in Alexandria schwer in Mißkredit geraten. Um der Regierung zuvorzukommen, entschloß er sich zum Verrat und bot den SELEUKIDEN an, ihm die ptolemäische Provinz in die Hände zu spielen. Nachdem Antiochos davon erfahren hatte, zog er nach Süden; er erhielt kampflos die Städte Tyros und Ptolemais (Ake); die dort liegenden 40 Kriegsschiffe bedeuteten eine willkommene Stärkung der seleukidischen Flotte. Er ging nun daran, seine Herrschaft über Palästina auszuweiten. Am Ende des Jahres 219 v.u.Z., als man einen viermonatigen Waffenstillstand schloß, müssen die militärischen Verhältnisse in Koilesyrien sehr undurchsichtig gewesen sein.
Die ptolemäische Regierung schloß den Waffenstillstand, weil sie der syrischen Invasion noch nichts entgegenzusetzen hatte. Das Jahr 217 v.u.Z. brachte die Entscheidung. Ptolemaios IV. marschierte von Pelusion aus nach Norden bis in die Nähe von Raphia (südwestlich von Gaza). Antiochos war schon entgegengekommen. Beide Heere hatten eine erstaunliche Stärke aufzubieten: Auf ptolemäischer Seite waren 70.000 Infanteristen, 5.000. Kavalleristen und 73 afrikanische Elefanten einsatzbereit, auf seiten des Antiochos standen 62.000 Infanteristen, 6.000 Reiter und 102 indische Elefanten. Die Kerntruppe auf beiden Seiten bildete jeweils die makedonisch bewaffnete Phalanx. Im PTOLEMÄER-Reich haben die ungeheuren Mittel, die der Bevölkerung für diesen Krieg abgerungen wurden, sowie die Miteinbeziehung der Ägypter in großem Stil die innere Entwicklung der folgenden Jahre sicher entscheidend beeinflußt, wenngleich die seit Polybios in Gang gekommene Diskussion über die tatsächlichen Zusammenhänge und Auswirkungen noch nicht abgeschlossen ist.
Die Könige eröffneten selbst am 22. Juni 217 v.u.Z. die Schlacht bei Raphia; an der Seite des Ptolemaios stand seine Schwester und Gemahlin Arsinoe. Schon zu Beginn wurden die afrikanischen Elefanten des PTOLEMÄER-Heeres eingeschüchtert, flüchteten gegen die eigenen Reihen und richteten Unordnung an. Währenddessen konte Antiochos III. mit seinem rechten Flügel den linken des gegnerischen Heeres überwinden und vernachlässigte siegessicher das übrige Geschehen. "Da trat plötzlich Ptolemaios, der sich unter den Schutz seiner Phalanx zurückgezogen hatte, mitten vor die Reihen der Seinen und zeigte sich beiden Heeren, Schrecken verbreitend beim Gegner, Mut und Kampfeseifer der eigenen Leute mächtig belebend." So zeichnet an dieser Stelle Polybios zum letzten Mal in der Geschichte das Bild eines in Asien kämpfenden Pharaos nach altägyptischem Muster. Die ptolemäische Phalanx mit ihrem großen Ägypterkontingent erfocht schließlich für Philopator den Sieg. Antiochos III. mußte die Niederlage anerkennen und zog sich nach Antiocheia zurück.
Philopator schickte den schlauen Sosibios nach Antiocheia, um zu verhandeln. Der König selbst ordnete inzwischen die Verhältnisse im wiedergewonnenen Koilesyrien, wo die Bevölkerung seit jeher mit den PTOLEMÄERN sympathisierte. Im Spätsommer 217 v.u.Z. drang Ptolemaios IV. ins seleukidische Syrien ein und ließ dort einige Städte plündern, wohl um die Verhandlungen unter Druck zu setzen. Der folgende Vertrag, dessen Einzelheiten wir nicht kennen, läßt dennoch staatsmännische Klugheit und eine auf lange Sicht planende Politik der Balance auf ptolemäischer Seite erkennen. Man nützte den Sieg nur dazu, um die ptolemäische Provinz "Syrien und Phönikien" abzusichern; vermutlich überließ man dem SELEUKIDEN sogar Seleukia in Pierien, da die Stadt als Enklave nur mit kostspieligem, militärischem Schutz zu halten und künftigen Beziehungen stets hinderlich gewesen wäre. Der König kehrte im Triumph nach Ägypten zurück; das siegreiche Heer belohnte er mit 300.000 Goldstücken.
Um für künftige Auseinandersetzungen mit dem SELEUKIDEN-Reich gewappnet zu sein, betrieb die ptolemäische Regierung, wo immer es ging, eine erklärte Friedenspolitik. Für die Kontinuität in den Beziehungen zu Griechenland aus den Tagen Euergetes' I. bürgte vor allem Sosiobios. Der PTOLEMÄER-König versuchte wiederholt zu vermitteln und machte sich auch sonst in greichischen Städten durch Stiftungen beliebt.
Was die Persönlichkeit des Ptolemaios IV. anlangt, so vermittelt uns die Überlieferung bei Polybios das Bild eines Königs, der durch seine Nachlässigkeit in den Regierungsgeschäften und ein Leben im Rausch unaufhörlicher Feste den Niedergang des Reiches einleitete. Diesem Urteil liegen die "Historien" des Phylarchos, die "Geschichten über Philopator" des Ptolemaios von Megalopolis und die Arsinoe-Biographie des alten Eratosthenes zugrunde. Es wird hier die negative Einstellung zu einem höfischen Leben sichtbar, das in wachsendem Ausmaß vom Herrscherideal der Tryphe, vom üppigen Leben in Verbindung mit der Dionysiosverehrung, beherrscht wurde. Dazu sei das Prunkschiff des Philopator erwähnt, das zu den sensationellen Prunkeffeketen gehörte, mit denen der König die Welt beeindrucken wollte.
Philopator war gleich den Königen vor ihm ein begeisterter Anhänger der schönen Literatur. Er soll selbst eine Tragödie "Adonis" geschrieben haben und sein Minister Agathokles dazu den Kommentar. Als großer Bewunderer Homers stiftete der König für diesen einen Tempel samt Kult in Alexandria. In Alexandria ist uns unter Philopator ein öffentliches Fest der Musen bezeugt. Außerdem übte das Königsaar ein besonderes Patronat über die Musenfeste im Musental der böotischen Stadt Thepeia aus.
Im Frühling oder Sommer 204 v.u.Z. verstarb Ptolemaios IV. noch nicht 40-jährig. Er hinterließ einen kaum 6-jährigen Sohn, der bald nach seiner Geburt (9. Oktober 210 v.u.Z.) "Mitregent" geworden war.
Während der Regierung des 4. PTOLEMÄERS konnte das Reich die glanzvolle Fassade seiner außenpolitischen Vorrangstellung im östlichen Mittelmeeraum aufrechterhalten. Aber die siegreiche Schlacht von Raphia markiert gleichsam das Ende einer ruhmreichen Vergangenheit, des "Jahrhunderts der PTOLEMÄER". In den späteren Jahren des Philopator glich das Reich einem Koloß auf tönernen Füßen. Die wirtschaftliche Stärke mußte durch die hohen Kosten des Vierten Syrischen Krieges, die chaotischen ägyptischen Aufstandsbewegungen im nördlichen Ägypten sowie durch die Errichtung des thebanischen Pharaonen-Staates schwer erschüttert worden sein; die Auswirkungen sind allerdings umstritten. Nach dem Tode Philopators büßte das hellenistische Staatswesen der PTOLEMÄER durch innere Krisen und äußere Aggressionen in einem dramatischen Abstieg seine Weltgeltung ein und sollte schließlich 169/68 v.u.Z. bis an die Wurzeln erschüttert werden.