Bengtson Hermann: Seite 12,116,126-129,190,209,255
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"Philipp und Alexander der Große. Die Begründer der hellenistischen Welt."

Ebenso wie Phila ist auch Kleopatra eine legitime Gattin des Königs gewesen, Phila am Anfang, Kleopatra am Ende seiner Regierung. Philipps Vermählung mit Kleopatra hat zu einem schweren Zerwürfnis im Königshaus geführt, denn Olympias hat zwar die Nebenfrauen geduldet, aber nicht Kleopatra. Sie hat sogar Makedonien verlassen, da sie zu Tode gekränkt war, und sich in ihre Heimat Epirus begeben. Das aber war die Trennung von ihrem Gemahl, ein Bruch, der nicht mehr geheilt worden ist.
Nach einer Erzählung Justins habe Olympias in ihrem unauslöschlichen Haß gegen ihren ungetreuen Gatten die Leiche des Mörders Pausanias bekränzen lassen, eine ganz wertlose Version, denn es ist ja bekannt, dass Olympias beim Tode Philipps II. sich in Epirus befand.
Auf die Kunde von Philipps Ende war Olympias sofort aus dem epirotischen Exil nach Makedonien zurückgekehrt.
Die Anwesenheit der Olympias in Makedonien war eine schwere Belastung, denn herrschsüchtig, wie sie war, lebte sie in ständigem Streit mit Antipater, dem Stellvertreter Alexanders, über den sie sich mehrfach bei Alexander beschwert hat. Alexander hat sich nicht gescheut, auch die Verwandten des Attalos in den Tod zu schicken. Während Kleopatra, die Witwe Philipps II., von Olympias gezwungen wurde, Selbstmord begehen mußte, wurde ihr Bruder Hippostratos auf Befehl Alexanders umgebracht. Kleopatra starb den Tod durch Erhängen, ihre Tochter von Philipp mit Namen Europa wurde im Schoß der Mutter ermordet. Dasselbe gilt von der Behauptung Plutarchs und Justins, Olympias habe den Mörder Pausanias angestiftet, während Alexander Mitwisser gewesen sei. Auch dies ist wenig glaubhaft.
Schwierigkeiten hatte Antipater mit der Herrschsucht der Königin-Mutter Olympias, die in viele Dinge hineinredete, aber Alexander hat sich ganz eindeutig auf Antipaters Seite gestellt und sich die politischen Aktivitäten seiner Mutter in Makedonien verbeten, worauf diese, zutiefst gekränkt, das Land verlassen hat, um in ihre Heimat Epirus zurückzukehren. Die Legende vom Giftmord an ihrem Sohn Alexander wird wohl von Olympias stammen, die dem Antipater und seinem Hause spinnefeind war.
Zu seiner Mutter, der epirotischen Prinzessin Olympias, soll Alexander ein ganz besonders enges Verhältnis gehabt haben. Als sein Vater Philipp die junge Kleopatra zu seiner legitimen Gattin erhob, da verließen Mutter und Sohn den makedonischen Hof. Mit seiner Mutter hat Alexander auf seinem Asienfeldzug eine ausgedehnte Korrespondenz unterhalten, aber die Beziehungen waren nicht ungetrübt, denn mit vielen Dingen, die Olympias ihm vortrug, war der Sohn nicht einverstanden. Olympias hat im Jahr 331 v.u.Z. aus Ärger über den Reichsstatthalter Antipater noch einmal Makedonien verlassen. In Epirus geriet sie abermals in Streit, dieses Mal mit ihrer Tochter Kleopatra, der Gattin Alexanders des Molossers.
Von einem besonders herzlichen Verhältnis zwischen Mutter und Sohn kann keine Rede sein, dazu war Olympias eine Frau, die in ihrer maßlosen Herrschsucht über Leichen ging, wenn dies ihrem Interesse entsprach. Von dieser Seite her hat Alexander wenig menschliche Wärme erfahren, sein vielfach unberechenbares Wesen wird man wohl auf die Mutter zurückführen müssen.
Olympias war von Polyperchon, dem unzulänglichen Nachfolger Antipaters, 317 v.u.Z. nach Makedonien zurückgerufen worden. Sie hatte nichts Eiligeres zu tun, als das regierende Herrscherpaar in Makedonien, Philipp III. Arrhidaios und Eurydike, gefangenzusetzen. Wir wissen nicht, ob die Überlieferung hier korrekt ist, die davon berichtet, dass Olympias die beiden Gefangenen in unvorstellbarer Weise gequält habe. Schließlich habe sie einen Thraker damit beauftragt, Philipp III. zu erstechen, während Eurydike zum Selbstmord durch Erhängen gezwungen wurde. Dies alles geht auf das Schuldkonto der Olympias, aber sie hatte wenig Nutzen davon, denn Kassander, ihr grimmigster Feind, ließ sie in Pydna und später in Amphipolis belagern. Kassander aber stellte sie, nachdem er ihrer habhaft geworden war, vor die makedonische Heeresversammlung, sie endete durch die Schwerter der Makedonen, denn ihr Wüten gegen Kassander und seine Freunde hatte man ihr nicht verziehen. Der Tod der Olympias fiel in das Frühjahr 316 v.u.Z.
Niemand kann behaupten, Olympias habe die Interessen ihres Sohnes Alexander und seiner Familie in glücklicher Weise vertreten. Das Gegenteil ist der Fall gewesen, ihre Politik war auf unerbittlichem Haß gegen Antipater und Kassander gegründet, und hier kannte sie kein Erbarmen. Der einzige Maßstab ihres Handelns war ihre überschäumende Herrschsucht, die sich in furchtbaren Exzessen Luft machte. Solange sie lebte, war ihre Existenz ein einziger schwerer Alpdruck, schon Alexander hatte seine liebe Not gehabt, die Mutter in Briefen zu ermahnen, nicht zu weit zu gehen. Und sein Tod in Babylon vollends war auch für Olympias ein großes Unglück, weil ihr nun der Kompaß fehlte, nach dem sie sich hätte richten können. Ernst Kornemann hat Olympias ein "balkanisches Teufelsweib" genannt. Im Sinne Alexanders hat Olympias nichts geleistet, sie war und blieb eine Belastung, und wenn auch Alexander alles versucht hat, ihren Ehrgeiz in geregelte Bahnen zu lenken, so waren seine Mühen doch zumeist vergebens. Man muß zugeben, dass Olympias die Untreue ihres Gatten zu schaffen gemacht hat, sie wurde geradezu aus der Bahn geworfen und hat niemals wieder festen Grund unter den Füßen gefunden. Wenn sie die junge Witwe Philipps II., Kleopatra, und deren Tochter Europa umgebracht hat, so war auch dies ein Zeichen ihres abgrundtiefen Hasses.