Die Geburtsjahre der beiden jüngeren Geschwister,
des späteren Ptolemaios'
VIII. Euergetes II. sowie von Kleopatra
II., sind unklar.
Die beiden Regenten Lenaios und Eulaios
versuchten alsbald durch Hebung der Autorität des von ihnen betreuten
Königskindes ihre eigene, staatsrechtlich wenig abgesicherte Position
aufzuwerten. Sie verliehen dem König das Gottesappellativ, während
die Prinzessin Kleopatra II.
als Königin auftrat. Bald danach (noch vor dem 15. April 175
v.u.Z.) wurde die Hochzeit dieser beiden unmündigen Geschwister gefeiert.
Ohne die militärischen Notwendigkeiten getroffen
zu haben, spielten die Regenten auf einer Massenversammlung die Gewinnung
von Koilesyrien, vielleicht sogar des ganzen SELEUKIDEN-Reiches
vor. Zur propagandistischen Unterstützung proklamierten sie zwischen
5. Oktober und 12. November 170 v.u.Z. eine gemeinsame Regierung der
drei ptolemäischen Geschwister, nämlich des Ptolemaios'
VI. Philometor, seiner Schwestergemahlin Kleopatra
II. und des jüngeren Bruders,
Ptolemaios' VIII. Nach dem Einmarsch
von Antiochos IV. in Ägypten riefen
die Alexandriner den jüngeren Bruder erneut zum König aus, womit
sie die Dreierherrschaft auflösten und eine Gegenregierung bildeten;
die nominelle Stellung der 11- bis 12-jährigen Kleopatra
II. als "Königin" blieb während dieser Vorgänge
unangetastet. Nicht lange danach versöhnten sich die drei ptolemäischen
Geschwister und die Samtherrschaft wurde wieder hergestellt.
Das PTOLEMÄER-Reich
wurde nach dem von C. Popilius Laenas erzwungenen Abzug von Antiochos
IV. (Ende Juli 168 v.u.Z.) für einige Jahre (bis Herbst
164 v.u.Z.) von der Gemeinschaftsregierung der drei ptolemäischen
Geschwister Ptolemaios VI., Kleopatra
II. und Ptolemaios VIII. repräsentiert.
Im Jahre 164 v.u.Z. wurde Ptolemaios VI. von
seinem Bruder nach Zypern vertrieben und vielleicht hatte sich Kleopatra
II. bei der Vertreibung ihres Brudergemahls dorthin begeben,
da Ptolemaios VIII. 164/63 v.u.Z. in
Alexandria ohne seine Schwester regierte. Da sich Ptolemaios
VIII. mit seiner tyrannischen Herrschaft rasch unbeliebt machte,
wurde Ptolemaios VI. von Alexandrinern
zurückgerufen (zwischen Mitte Juli und 13. August 163 v.u.Z.).
Im Sommer 163 v.u.Z. begann somit die selbständige
Regierung des nunmehr etwa 23-jährigen Ptolemaios
VI. Philometor zusammen mit seiner Schwestergemahlin Kleopatra
II.; diese Periode währte bis zum Tode Ptolemaios
Philometors († 145 v.u.Z.). Abgesehen von der vorausgehenden,
außergewöhnlichen Dreierherrschaft finden wir ab nun zum ersten
Mal eine offizielle Gemeinschaftsregierung des Königspaares.
Nach dem Tode des Ptolemaios
VI. Philometor (Mitte Juli 145 v.u.Z.) mußte es sehr rasch
klargeworden sein, dass es keine sinnvolle Alternative zu Ptolemaios
VIII. Euergetes II. gab. Er wurde von Gesandten aus Kyrene geholt
und war nach einem Interregnum von etwa drei Wochen in Alexandria an der
Macht. Etwas später heiratete er die Witwe seines Bruders Kleopatra
II. Im Zuge des Regierungswechsels hatte es jedoch Spannungen
gegeben, denn es wird berichtet, dass Ptolemaios
VIII. seine Herrschaft mit Brutalität und Ungerechtigkeit
begonnen habe: Zuerst ließ er die Anhänger des noch sehr jungen
Sohnes des Ptolemaios VI. umbringen;
dieser selbst soll mitten in Hochzeitsfeierlichkeiten mit Kleopatra
II. in den Armen seiner Mutter getötet worden sein. Mit
Kleopatra II. war ein Konsens gefunden
worden, denn sie konnte ihre Stellung als offizielle Mitherrscherin,
die sie unter Ptolemaios VI. Philometor innehatte,
in die neue Regierung hinüberretten. In den Datierungsformeln der
Urkunden sind wieder "die Pharaonen Ptolemaios
und Kleopatra" angeführt. Im Jahre
144 v.u.Z. kam ein Sohn des Königspaares etwa zur Zeit des Krönungsfestes
in Memphis zur Welt; deshalb wird er in der literarischen Überlieferung
als "Memphites" bezeichnet. Bald nach der Geburt des Ptolemaios
Memphites soll Ptolemaios VIII. Euergetes
II. mit Kleopatra III.,
der jüngeren Tochter seiner Schwestergemahlin und seiner
eigenen Nichte und Stieftochter eine intime Beziehung begonnen haben.
141/40 v.u.Z heiratete er Kleopatra III.
zusätzlich in aller Form und erhob sie zur Ebenbürtigen Königin
neben Kleopatra II. Wir sehen, dass
der bei Regierungsantritt Ptolemaios' VIII.
gefundene Konsens nur oberflächlicher Natur war. Der König hatte
mit dieser Tat seine Schwester zutiefst verletzt und Mutter und Tochter
zu erbitterten Rivalinnen gemacht. Eine derartige Doppelehe stand in der
hellenistischen Welt ohne Beispiel da. Die beiden Frauen wurden staatsrechtlich
auf dieselbe Stufe gestellt; sie wurden in den offiziellen Dokumenten neben
ihrem Gemahl als "Königin" angeführt, jedoch Kleopatra
II. als "die Schwester" von Kleopatra
III. als "die Ehefrau" unterschieden. Der durch diese Vorgangsweise
des Königs heraufbeschworene Haß der beiden Frauen aufeinander
sowie die wiederaufgebrochene Gegnerschaft zwischen Ptolemaios
VIII. und Kleopatra II. sollten
für Dynastie und reich die schlimmsten Folgen haben.
Der Konflikt im Herrschertrio schwelte sicher die dreißiger
Jahre hindurch weiter, obwohl alle drei in den Datierungs- und Weiheformeln
immer wieder vereint begegnen. Bald nach dem Beginn des 39. Regierungsjahres
(vor dem 11. November 132 v.u.Z.) brach jedoch der Bürgerkrieg zwischen
den Anhängern Ptolemaios' VIII.
und der Partei um Kleopatra II. aus.
Ptolemaios VIII. Euergtes konnte offenbar
ein Jahr lang in Alexandria die Oberhand behalten. Dann konnte Euergetes
nicht mehr an Widerstand denken; heimlich floh er mit seiner zweiten
Gattin Kleopatra nach Zypern, um mit den
ihm ergebenen Truppen die Rückeroberung Ägyptens zu versuchen.
Daraufhin wurde in Alexandria Kleopatra II.
zur alleinigen Königin ausgerufen und dem Ptolemaios
VIII. Euergetes die Königswürde aberkannt. Um den
Bruch mit der Vergangenheit möglichst deutlich zu machen, begann Kleopatra
II. eine neue Ära, indem sie das Jahr 132/31 v.u.Z. als
"Jahr 1" zählte. Eine Zählung nach Regierungsjahren alleine nach
einer Frau stellte für die PTOLEMÄER-Zeit
ein äußerst gewagtes Novum dar. Als alleinige
PTOLEMÄER-Königin nahm sie nun einen Kultnamen
an, mit dem sie an alte Zeiten anknüpfte: Thea Philometor Soteira.
Ptolemaios VIII. Euergetes II.
rächte sich in seinem zyprischen Exil für diese Vorgehensweise
auf das furchtbarste: den etwa 14-jährigen Ptolemaios
Memphites, der ihm, seinem Vater, offenbar völlig vertraut
hatte, ließ er vor seinen Augen umbringen und ihm Kopf, Beine und
Hände abhauen. Die Überreste seines Sohnes schickte er nach Alexandria
und ließ sie Kleopatra II. in
der Nacht vor der Feier ihres Geburtstages zustellen. Sie aber stellte
nun die Körperteile des ermordeten Kronprinzen in Alexandria aus,
um die Wut der Massen zu steigern.
Kleopatra II. stützte
sich vor allem auf die Griechen und Juden der Hauptstadt und hatte auch
Anhänger unter der griechischen Bevölkerung und den Juden in
der Chora. Es gelang ihr aber nie, ganz Ägypten in ihre Hand zu bekommen,
da vor allem einheimische Ägypter auf Euergetes'
Seite verblieben waren.
Spätestens im Herbst 131 v.u.Z. hatte sich Ptolemaios
VIII. Euergetes II. nach Zypern begeben. Bald danach wird er
mit Heeresmacht nach Ägypten zurückgekehrt sein, denn im Frühling
130 v.u.Z. wurde bereits in Memphis nach ihm und Kleopatra
III. datiert. Bis mindestens 127 v.u.Z. gab es auf diese Weise
zwei Alexanderpriester, einen bei Kleopatra II.
in Alexandria und einen beim König bzw. "im Lager des Königs".
Kleopatra II. war damals in Alexandria
völlig isoliert. Sie bot daher 129 v.u.Z. ihrem seleukidischen
Schwiegersohn Demetrios II. als Lohn für
eine militärische Intervention die Herrschaft über Ägypten
an. Jedoch kam er mit seinem Expeditionsheer nur bis zur ägyptischen
Grenzfestung Pelusion, wo ihm Ptolemaios VIII.
Euergetes entgegentrat. Infolge einer Meuterei seiner Truppen
mußte er seine Pläne aufgebe (Frühjahr 128 v.u.Z.). Dadurch
wurde die Lage für Kleopatra II.
in Alexandria aussichtslos; sie flüchtete samt dem
ptolemäischen Staatsschatz nach Syrien. Somit beraubte
Euergetes II. mit seiner erfolgreichen
Außenpolitik Kleopatra II. ihres
erhofften Rückhaltes in Syrien.
Im Jahre 124 v.u.Z. kam es nach Aussage der Datierungsformeln
zu einer wenigstens äußeren Versöhnung der
ptolemäischen Streitparteien, und die merkwürdige
Dreierregierung wurde fortgesetzt. Der Begriff der Theoi
Euergetai umfaßte nun wieder - wie schon 140 v.u.Z.-130 v.u.Z.
- Ptolemaios VIII. und seine beiden
Frauen Kleopatra II. und III.
Warum sich Ptolemaios VIII. Euergetes
mit seiner geschlagenen Schwestergemahlin plötzlich aussöhnte,
bleibt uns verborgen. Möglicherweise stand dies in Verbindung mit
seiner Syrienpolitik.
Nach dem Tode des Ptolemaios
VIII. Euergetes II. († 28.6.1116 v.u.Z.) wollte Kleopatra
III. ihren jüngeren Sohn Ptolemaios
X. Alexander I. zum Mitregenten nehmen, jedoch konnte ihre Mutter
und Rivalin Kleopatra II. dies vereiteln:
Heer und Volk erhoben in Alexandria den älteren PTOLEMÄER
zum König, so dass Kleopatra III. nun
gezwungen war, ihn als Ko-Pharao zu akzeptieren. Gleichzeitig setzte Kleopatra
II. ihre eigene Teilnahme an der Regierung durch. Diese Dreierherrschaft
ist durch eine demotische Urkunde vom 29. Oktober 116 v.u.Z. bezeugt;
voran stehen die beiden Pharaoninnen mit Namen Kleopatra,
als dritter erscheint der Pharao Ptolemaios
mit dem Kultnamen Philometor Soter.
Dieser Titel ist die maskuline Form des Kultnamens, den Kleopatra
II. während des Bürgerkrieges gegen Ptolemaios
VIII. angenommen hatte. Noch vor Ende 116 v.u.Z. wird
Kleopatra II. gestorben sein.