Sohn des N.N.; Neffe des Aristoteles
Illustriertes Lexikon des Altertums: Seite 213
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Kallisthenes
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Griechischer Historiker; ein Neffe von Aristoteles. Kallisthenes war Alexanders offizieler Geschichtsschreiber im persischen Feldzug. Er pries Alexander „in den Himmel“ - er deutete an, Alexander sei ein Sohn des Zeus. Trotzdem wandte sich Kallisthenes 327 v. Chr. gegen Alexanders Versuch, an seinem Hof die Proskynese, den Kniefall, einzuführen. Bald darauf beschuldigte Alexander ihn der Teilnahme an einer Verschwörung und ließ ihn hinrichten. Kallisthenes' nicht überlieferte Alexander-Geschichte dürfte vielen späteren Autoren als Vorlage gedient haben.
Literatur:
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Jakoby, Fragmente griech. Historiker, 1923, 124;
L. Pearson, Lost Histries of Alexander, 1960, 22-49; Berve,
Alexander
2,
408.
Großneffe und Schüler des Aristoteles
Kallisthenes stellte sein schriftstellerisches Schaffen in den Dienst der makedonischen Politik und verherrlichte Alexander den Großen in seinem Werk ‚Taten Alexanders‘ (Alexandros praxeis; mindestens bis 331 v. Chr. reichende erste selbständige Darstellung dieses Stoffs); galt fälschlich als Verfasser des phantasiereichen Alexander-Romans. Seine 'Griechische Geschichte' (Helenika) umfaßte in zehn Büchern die Jahre von 386 bis 356. Alle Werke sind nur fragmentarisch überliefert. Wegen angeblicher Teilnahme an einer Verschwörung gegen Alexander hingerichtet.
Ausgabe: FGrH Band IIB, 1. Berlin 1927. Nachdruck
Leiden 1962.
Griechischer Historiker, Neffe des Aristoteles
Kallisthenes nahm als makedonischer Hofhistoriograph am Perserfeldzug Alexanders des Großen teil und beschrieb die "Taten Alexanders", worin er dessen Leistungen legendär verherrlichte und den König als Vorkämpfer des Panhellenismus feierte. Zu einem Bruch mit Alexander kam es wegen der Proskynese, die Kallisthenes verweigerte. Deshalb wurde er 327 v.u.Z. hingerichtet. Das Geschichtswerk von Kallisthenes wurde zum Ausgangspunkt einer Alexander-Legende. Unter dem Namen des Kallisthenes ist ein populärwissenschaftlicher, romanhafter Alexander-Roman überliefert, der in 30 Sprachen übersetzt und bis ins Mittelalter hinein gern gelesen wurde.
Literatur:
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A. Ausfeld, Der griechische Alexanderromen, Leipzig 1907;
G. Kroll, Historia Alexandri Magni, Berlin 1926.
An einem Abend sollte Versuch bei einem Fest unternommen
werden. Jeder Gast mußte nach dem Mahl einen goldenen Becher nehmen
und daraus trinken, während Alexander
sich dem Feuer zuwandte. Dann folgten der Trinkspruch und ein Trankopfer.
Bis dahin verlief alles in Übereinstimmung mit den Gebräuchen
bei jedem griechischen Trinkgelage. Danach mußte jeder die persische
Rolle spielen und seine Hand, Alexander zugewandt,
küssen. Alle Gäste gehörten zum engsten Kreis der Höflinge,
und so mußten sie sich dabei nur leicht nach vorn beugen, wie es
bei den hohen Beamten der Fall war, die in Persepolis dargestellt sind.
Keiner aus diesem Kreis mußte sich zu Boden werfen. Statt dessen
ging danach jeder der Gäste zu Alexander
und tauschte einen Kuß mit ihm, vielleicht auf die Wange und vielleicht
auf den Mund. Der Becher ging rundherum, und jeder Gast kam der Forderung
nach. Aber als Kallisthenes, der Vetter des Aristoteles,
an der Reihe war, trank dieser, unterließ jede Geste und ging direkt
auf Alexander zu. Hephaistion
hatte den König in ein Gespräch verwickelt, so dass er das Versäumnis
des Hofgeschichtsschreibers nicht bemerkte. Aber ein Leibwächter
wies darauf hin, und so verweigerte Alexander
seinen
Kuß. "Sehr schön", sagte Kallisthenes. "So gehe ich um
einen Kuß ärmer."
Der Protest des Kallisthenes ist bezeichnend für
ihn. Als ein "Schmeichler, dessen Geschichte aus Alexander
einen
Gott machen wollte", kann er die "Proskynese" nicht im griechischen Sinne
als Geste angesehen haben, die nur einem Gott zusteht. Er dürfte sich
ihr kaum aus religiösen Gründen widersetzt haben. Er wußte
natürlich, dass die Geste bei den Persern eine soziale Rangabstufung
beschrieb. Dies war für ihn schmerzlicher. Aristoteles hatte
behauptet, die Barbaren seien von Natur aus Sklaven, und für seinen
Schüler war die "Proskynesis" damit ein Beweis für den verachtenswerten
Mangel an Freiheit. Kallisthenes war in seiner Erziehung verwurzelt.
Er hatte die Themen der griechischen Kultur als Student förmlich aufgesogen.
Er analysierte die griechischen Mythen. Er stimmte der Ansicht zu, dass
ein Teil der Ägypter athenischer Abstammung sei. Er hatte früher
in seiner Geschichte beschrieben, wie die Wellen an der lykischen Küste
einen Bogen bildeten und dem vorbeiziehenden Alexander
damit die Proskynesis" erwiesen. Eine solche Erniedrigung mochte zu barbarischen
Wellen passen, aber für einen Griechen schmeckte sie nach Sklaverei
und Hochmut.
In der Stellung des Kallisthenes liegt eine tiefe
Ironie. Am Anfang hatte er Alexander
als den göttlichen Sohn des Zeus gerühmt, als Rächer der
Schmach, welche die Griechen durch die persischen Könige erlitten
hatten. Es ist wahrscheinlich, aber nicht gewiß, dass seine "Taten
Alexanders" im Jahr der Gefangennahme des Dareios
endete. In diesem Jahr hatte sich aber das Bild Alexanders
geändert. In den wenigen bekannten Sätzen der Geschichte des
Kallisthenes
könnte sich sogar ein Hinweis darauf finden, dass bereits diese Änderung
für ihn ein Verrat am Gedanken des griechischen Rachefeldzugs darstellte.
Als er die Geschichte von Gaugamela niederschrieb, mag Kallisthenes
im Nachhinein bei Parmenion einen Abscheu gegenüber barbarischem
"Hochmut" und barbarischer "Zügellosigkeit" gesehen haben. Der Lobredner
begann sein Mißfallen zu äußern.
Es gibt noch andere Berichte über die Spitzfindigkeiten
des Kallisthenes und seine fehlende Bereitschaft, ein Zugeständnis
zu machen. Eine davon ist wichtig, nicht zuletzt wegen ihrer Herkunft.
Chares,
der Zeremonienmeister des Hofes, berichtete, wie einmal beim Mahl
ein Becher mit unverdünntem Wein die Runde machte und zu Kallisthenes
kam. Dieser weigerte sich zu trinken und wurde deshalb mit dem Ellbogen
angestoßen. Darauf entgegnete Kallisthenes: "Ich will nicht
von Alexander trinken und danach auf
Asklepios, den Gott der Medizin, angewiesen sein." Wie die "Proskynesis"
gehörte auch das Trinken von unverdünntem Wein zur "Zügellosigkeit"
und zum "Hochmut" der Barbaren.
Nach dem Protest des Kallisthenes wurde die "Proskynesis"
vermutlich nicht bei den makedonischen Offizieren eingeführt. Aber
die Bindungen zwischen dem Geschichtsschreiber und den makedonischen
Generälen sind wahrscheinlich nicht eng gewesen. Er kämpfte nicht,
und er trank nicht, und er war in gewisser Weise auch zu klug. Alexanders
taktvoller Versuch hätte einen besseren Ausgang verdient. Aber der
Widerstand war damit nicht beendet. Als er offen ausbrach, hatte er sich
unerwartet bei einer anderen Gruppe gebildet: nicht bei den treuen Makedonen,
bei den Männern wie dem loyalen Krateros, und nicht bei Philipps
Veteranen, die insgesamt zufrieden ihren Dienst verrichteten, sondern bei
einer Gruppe, welche die Kluft zwischen den Generationen wieder einmal
deutlich machen sollte.
Bei einem kleinen baktrischen Dorf, vielleicht nahe dem
heutigen Aqcha, waren vier Abteilungen gegen die letzten Rebellen des Spitamenes
ausgeschwärmt. In dieser Zeit wurde im Lager eine ernste Verschwörung
gegen Alexander aufgedeckt. Sie entstand
bei den königlichen Pagen, den jungen Söhnen der Adeligen, die
am Hof ausgebildet wurden. Acht von ihnen hatten den Entschluß gefaßt,
Alexander
zu töten, wenn er am Abend zu seinem Zelt zurückkehrte. Die Bewachung
des königlichen Zeltes war ein Privileg der Pagen. Aber ausgerechnet
in dieser Nacht war
Alexander lange
beim Wein sitzen geblieben. Die Leidenschaft, die für Persepolis und
für Kleitos das Ende bedeutete, hat Alexander
in
diesem Fall das Leben gerettet. Als er erst in der Morgendämmerung
vom Wein aufstand, kam er zu seinem Zelt, als die Gruppe der Verschwörer
bereits abgelöst war. So legte er sich sicher zum Schlafen nieder.
Als die Pagen in dieser Nacht lange Zeit gewartet hatten,
war die Verschwörung bereits einige Tage alt. Nach dem Scheitern offenbarte
sich einer der Verschwörer seinem unschuldigen Bruder. Die Hinrichtungen
erfolgten bald darauf in aller Öffentlichkeit, vermutlich durch Steinigung.
Für die Verschwörung können verschiedene Motive gefunden
werden. Der Rädelsführer soll ausgepeitscht worden sein, als
er bei einer Eberjagd dem König das Vorrecht nahm, zuerst zu schießen.
Er nahm diese Bestrafung eben so übel, wie dies auch früher bei
Persern der Fall gewesen war. Zur Rache zettelte er eine Verschwörung
an. Bei mindestens zwei Verschwörern scheinen die Väter kurz
zuvor ihren Posten verloren oder ihn gegen einen anderen eingetauscht zu
haben. Dies könnte sie ebenfalls bewogen haben, sich daran zu beteiligen,
auch wenn die Beteiligung anderer Komplizen gegen die familiären Bindungen
stand. Spätere Berichte betonen vor allem die Überzeugungen der
Pagen: den Verlust ihrer Freiheit und den Haß gegen die östliche
Form des Königtums. In diesem Fall mag daran sogar etwas Wahres gewesen
sein.
Hinter der Verschwörung können aber keine makedonischen
Traditionen gestanden haben. Einer der Verschwörer war ein Thraker.
Der Grund war anscheinend eher allgemeiner Natur. Schließlich waren
die Pagen unerfahrene Jugendliche. Selbst wenn Alexander
einen
Sohn oder zwei Väter vor den Kopf gestoßen hatte, muß
man dies nur als Teil ihrer täglichen Erfahrungen sehen. So wurde
hinter der Verschwörung ein Älterer gesehen:
Kallisthenes
wurde ergriffen und verantwortlich gemacht.
Wie Aristoteles war er sicherlich dazu aufgefordert
worden, bei der Erziehung der Pagen zu helfen. Schließlich war sein
Geschichtswerk fertiggestellt, und die Aufgabe des Erziehers entsprach
ihm. Die jüngsten Ereignisse könnten ihn nur dazu gebracht haben,
seine Meinung von der einzig sicheren Zuhörerschaft, die er hatte,
auszusprechen, wobei einige seiner Schüler durch die Vorgänge
dafür empfänglich waren. Die griechische Philosophie hatte gewichtige
Dinge darüber zu sagen, wie wichtig es sei, einen Tyrannen zu töten,
und die Geschichte zeigte, dass Tyrannenmörder oft jung waren. Da
er seine eigene griechische Kultur verriet, schien
Alexander ein verachtenswerter Despot zu sein. Wie Aristoteles
sah auch Kallisthenes in solchen barbarischen Sitten eine sklavische
Gesinnung. Er, der die "Proskynesis" vereitelt hatte, könnte seine
Prinzipien sehr wohl seinen Schülern vor Augen geführt haben.
Damit wäre er der erste in der Reihe der Philosophen gewesen, die
später das Recht zum Mord oder Selbstmord gegen die zügellose
Herrschaft eines hellenistischen Königs diskutierten.
Ohne die Anstiftung durch Kallisthenes ist die
Verschwörung der Pagen in ihren Zielen und dem Zusammenhalt nicht
so leicht zu erklären. Alexander
war nicht in der Stimmung, ihm eine weitere Chance zu geben. Das Schicksal
des Kallisthenes wurde oft diskutiert, ein Beweis für die Emotionen,
die es unter den sympathisierenden Griechen hervorrief. Ptolemaios
war
davon unbeeindruckt, Aristobulos weniger. Der Hofmarschall Chares
zeigte eine aufschlußreiche persönliche Einschätzung.
Kallisthenes
wurde "sieben Monate lang gefangengehalten, damit ihm später in der
Gegenwart des Aristoteles von der Versammlung der Alliierten in
Griechenland der Prozeß gemacht werden konnte". Dies war eine Antwort
auf Aristobulos und andere, die protestierten, dass Kallisthenes
ohne
Gerichtsverhandlung hingerichtet wurde.
Die zeitgenössischen Autoren schrieben dem Geschichtsschreiber
wenigsten
fünf verschiedene Todesarten zu. Dies ist ein Zeichen dafür,
dass sein Tod bei den Freunden in Griechenland heftige Reaktionen hervorrief.
Der Lebenslauf des Kallisthenes war widersprüchlich. Er hatte
damit begonnen, ein Loblied über einen Herrscher in Kleinasien zu
schreiben, der der Gönner des Aristoteles war und den Barbaren durch
eine List sterben ließen. Seine Erziehung und die ständige Übung
hatten ihn im Glauben an die griechische Welt bestärkt, gebildet durch
ein Gefühl für Einzelheiten der Vergangenheit, für Mythen
und für die frühe Dichtkunst. Die politische Freiheit war eine
andere Angelegenheit, weiter entfernt von diesem Studenten, der seine Zeit
mit Siegerlisten der Pythischen Spiele Griechenlands verbrachte. Die Gönnerschaft
und die Macht brachten ihn dann dazu, das Loblied des neuen Zeussohnes
zu singen. Vielleicht glaubte er teilweise sogar selbst daran. Doch als
der Rächer Griechenlands zum Erben des Dareios
wurde und Anzeichen zu erkennen waren, dass er Barbaren ernsthaft als Freunde
und Diener betrachtete, wollte Kallisthenes keine Kompromisse eingehen.
Das Küssen der Hand und der Einsatz für Türsteher, für
Bagoas und für unverdünnten Wein: Das war "Zügellosigkeit
und Hochmut". Unter seinen Schülern stachelte er jugendliche Tyrannenmörder
an, aber kein Höfling wurde mit ihm in Zusammenhang gebracht. Der
"Tyrann" verfolgte immer noch seine Pläne: den Marsch bis zum Ende
Asiens und ein Zukunft, in der die Söhne der "Barbaren" immer mehr
Raum einnehmen sollten. Männer, die er mochte und schätzte, wenn
sie zuerst seine Sprache lernten und sich seinem Hof unterstellten.
Literatur:
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Bamm Peter: Alexander der Große. Ein königliches
Leben. Droemersche Verlagsanstalt AG Zürich 1968 Seite 245,301,303/04
- Bengtson Hermann: Die Diadochen. Die Nachfolger Alexanders des
Großen. C. H. Beck'sche Verlagsbuchhandlung München 1987 Seite
119 - Bengtson Hermann: Philipp und Alexander der Große. Die
Begründer der hellenistischen Welt. Eugen Diederichs Verlag
München 1997 Seite 131,137,158,170,194,201,223,236,241,243,264 -
Droysen
Johann Gustav: Geschichte des Hellenismus. Primus Verlag 1998 Band I Seite
147,310,311,314/Band III Seite 480 - Droysen Johann Gustav: Geschichte
Alexanders des Großen. Akademische Verlagsgesellschaft Athenaion
Kettwig 1990 -
Errington Malcolm: Geschichte Makedoniens. C.H. Beck
Verlag München 1986 Seite 17,105,227 - FISCHER WELTGESCHICHTE.
Band 6 Der Hellenismus und der Aufstieg Roms. Die Mittelmeerwelt im Altertum
II. Fischer Bücherei KG, Frankfurt am Main 1965 Seite 212 - Fox
Robin Lane: Die Suche nach Alexander. Georg Westermann Verlag GmbH Braunschweig
1990 Seite 219,220-223 - Geyer, Fritz: Alexander der Große
und die Diadochen. Verlag von Quelle & Meyer in Leipzig 1925 Seite
40,45,54,67,113,145 - Herm Gerhard: Die Welt der Diadochen. Alexanders
Erben kämpfen um die Herrschaft. C. Bertelmann Verlages GmbH, München
1978 Seite 27 - KLEINES LEXIKON DES HELLENISMUS. Harrassowitz Verlag
Wiesbaden 1993 Seite 50,209, 211,223,228,697 - Kreißig Heinz:
Geschichte des Hellenismus. Akademie-Verlag Berlin 1982 Seite 56 - Lauffer
Siegfried: Alexander der Große. Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH
& Co. KG München 1993 Seite 22,53,74,84,136,208,219 -