Nur um so mehr wird Ptolemaios
den Abschluß mit Lysimachos beeilt
haben. Das Zeichen der erzielten Verständigung beider Könige
war, dass sie sich verschwägerten: Lysimachos
vermählte sich mit Ptolemaios‘
Tochter Arsinoe; er brachte damit der
Staatsklugheit ein nicht geringes Opfer; er liebte seine „Penelope“, die
edle Perserin Amastris, von ganzem
Herzen; er hatte sie nach Sardeis geladen und dort den Winter mit ihr verlebt.
An seinem Hof sind Parteiungen, deren er nicht Herr zu
werden versteht; und während Lysimachos immer
wieder das Gedächtnis der hochherzigen Amastris
erhebt, intrigiert Arsinoe gegen
den Thronfolger Agathokles und dessen
Gemahlin Lysandra. Seine väterliche
Liebe ist nicht so groß, dass er sie nicht um einer Laune, eines
Argwohns, eines namhaften Vorteils willen gar sehr hintansetzte.
Lysimachos Lobpreisungen
der Amastris reizten die Königin
Arsinoe, sie bat ihn, die Stadt Herakleia
ihr zu schenken; anfangs weigerte sich Lysimachos: das sei ein zu kostbares
Geschenk, sie besitze ja schon das schöne Kassandreia in Makedonien,
auch habe er der Stadt die Freiheit zugesichert; aber sie verstand ihn
zu kirren, sie ließ nicht nach, bis er ihren Bitten willfahrte. So
wurde Herakleia nebst Amastris und Tios Arsinoes
Eigentum.
Der älteste und zum Erben des Reiches bestimmte
Sohn des Lysimachos war
Agathokles, derselbe, der den Feldzug gegen Demetrios
mit ebensoviel Mut wie Besonnenheit geführt hatte, ein edler und ritterlicher
Fürst, der am Hofe, im Heere, vor allem in Kleinasien, wo er mehrere
Jahre kommandiert haben mochte, außerordentlich beliebt war; man
freute sich, in ihm und seinen Kindern die Erben des Reiches zu sehen.
Nur Arsinoe sah das alles mit bitterem
Neid; sollten denn diesem Sohn der Odryserin ihre, der Königs-Tochter,
Kinder nachstehen? Sollten sie einst von Agathokles‘
und seiner Kinder Gnade leben? Sollte sie selbst dann dieser Stiefschwester
Lysandra, die sie im väterlichen
Haus schon verachtet, den Rang abtreten und sich mit den armseligen Witwensitzen
Herakleia und Kassandreia begnügen müssen? Ihre Kinder nahten
dem Alter der Mündigkeit; es war Zeit zu handeln, wenn ihnen der thrakische
Thron werden sollte. Auch noch Geheimeres mag in ihrer Seele vorgegangen
sein; Agathokles war schön und
ritterlich, was war es der Königin, des alten Mannes Bett zu teilen?
Lysandra war die Glücklichere.
Man erzählt sich, die Königin habe den jungen Fürsten zu
gewinnen versucht, er liebte seine Gemahlin, er vermied die zweideutige
Gunst seiner Schwiegermutter, er wandte sich verachtend von ihr ab. Arsinoe
sann nach Rache. Der flüchtige Ptolemaios
Keraunos war nach Lysimacheia gekommen, mit ihm schmiedete sie
ihre Pläne. Sie begann, Lysimachos
zu umspinnen: nichr genug könne sie ihm danken, dass er ihr in Herakleia
einen Zufluchtsort habe geben wollen, dessen sei bald genug bedürfen
würde; sie verstand, die Ängstlichkeit und den Argwohn des alten
Manes zu steigern: auch das Erdbeben, das jüngst die Residenz fast
zerstört, sei ein nur zu deutliches Zeichen der Götter; es werde
ihm schmerzen, zu erfahren, dass er einem, der ihm auf Erden das liebste
sei, schon zu lange geliebt habe; es sei eine Zeit der abscheulichsten
Verbrechen. Endlich nannte sie Agathokles‘
Namen, berief sich auf Ptolemaios‘
Zeugnis, der gewiß Glauben verdiene, da Agathokles‘
Gemahlin seine rechte Schwester sei; der habe, für seines edlen Beschützers
Leben besorgt, ihr alles entdeckt. Der König glaubte; er eilte, einem
Verbrechen zuvorzukommen, dessen Agathokles
nicht fähig gewesen wäre. Der Sohn ahnte die Ränke der Königin;
als ihm an seines Vaters Tisch Vergiftetes gereicht war, nahm er Gegengift
und rettete sein Leben. Er ward ins Gefängnis geworfen, Ptolemaios
übernahm es, ihn zu ermorden.
Ob die Königin Arsinoe
mit im Spiele war? Nach Lysimachos Niederlage
hatte sie sich nach Ephesos geflüchtet; als aber die Seleukizonten
in der Stadt einen Aufstand machten, die Burg erbrachen und schleiften,
der Königin Leben feil gaben, ließ sie eine Dienerin in die
königliche Sänfte steigen und von Trabanten umgeben zum Hafen
eilen; sie selbst, in Lumpen gehüllt, das Gesicht mit Schmutz unkenntlich
gemacht, entkam nach dem Hafen, bestieg heimlich ein Schiff und entfloh.
Kurze Zeit darauf ist sie mit ihren Söhnen in ihrer Stadt Kasandreia
in Makedonien; sie mochte hoffen, dass sich die Makedonen nach Seleukos’
Tode zugunsten ihres ältesten, jetzt fast 18-jährigen Sohnes
erheben würden.
Ptolemaios Keraunos
hatte durch seine Erfolge über Antigonos
und den Frieden mit Antiochos seine
makedonisch-thrakische Macht schnell genug gefestigt. Aber noch blieben
die Ansprüche der Kinder seiner Halbschwester Arsinoe
und des Lysimachos. Er suchte geheime
Wege, um den Prätenden Ptolemaios los zu werden und in den Besitz
Kassandreia zu kommen, wo sich Arsinoe
hielt. Er ließ der Königin eine Verbindung antragen, wie sie
nach ägyptischer Sitte unanstößig war. Der ränkevollen
Frau konnte die Absicht ihre Bruders nicht entgehen. Ptolemaios
ließ ihr berichten, er wolle mit ihren Söhnen gemeinschaftlich
das Reich regieren; er habe nicht gegen sie gekämpft, um ihnen das
Reich zu entreißen, sondern es ihnen zurückzugeben. Lange schwankte
die Königin; vor des Bruders rachewildem Gemüt bang und zu ernstlichem
Widerstand zu schwach, entschloß sie sich endlich, auf den Antrag
einzugehen. Der König beschwor in einem Tempel in Gegenwart eines
Gesandten seiner Schwester: aufrichtig sei sein Bewerben um die Hand der
Königin, sie werde seine Gemahlin und Königin sein; er werde
kein anderes Ehebündnis schließen, keine andere als ihre Kinder
haben. Die Königin kommt; mit ausgesuchter Zärtlichkeit empfängt
sie Ptolemaios, ein festliches Beilager
wird veranstaltet, in allgemeiner Versammlung schmückt er sie mit
dem Diadem, läßt verkünden, sie sei die Königin von
Makedonien. Dann wieder lädt sie ihn in ihre Stadt Kassandreia, eilt
selbst voraus, um alles zu ordnen. Ihre beiden Knaben, Philippos
und Lysimachos, gekränzt und im
Festschmuck, eilen zum Empfang dem König entgegen; er umarmt die Knaben
und küßt sie; sobald er an das Schloßtor kommt, läßt
er seine Trabanten den Hof, die Zugänge, die Mauer besetzen, die Knaben
befiehlt er zu töten; sie fliehen in das Innere des Schlosses zur
Mutter, sie bergen sich in ihrem Schoß; schon sind die Mörder
da, unter den üssen, dem Jammerruf der Mutter, die umsonst ihren leib
den Dolchen bietet, werden sie ermordet. Sie selbst entflieht mit zwei
Dienerinnen nach der heiligen Insel Samothrake.
Philadelphos‘ Gemahlin
war Arsinoe, die Tochter des Lysimachos;
auch, so entdeckte er, trachtete sie ihm nach dem Leben. Amyntas
und der rhodische Arzt Chrysippos, ihre Mitverschworenen, wurden
hingerichtet, sie selbst nach Koptos verwiesen. Es ist nicht mehr zu erkennen,
ob diese mit den früheren Intrigen zusammenhing, ob vielleicht Amyntas
der ungenannte Bruder des Königs war, der in Kypros einen Aufstand
versuchte. Höchst merkwürdig ist nun, dass sich demnächst
der König mit seiner Schwester Arsinoe
vermählte. Die Halbschwester zu heiraten war nicht gegen die griechische
Sitte, aber Arsinoe war desselben Vaters,
derselben Mutter Kind wie der König. Was konnte ihn bestimmen, eine
Ehe zus chließen, die freilich nach ägyptischem Brauch nicht
unheilig war, Griechen und Makedonen dagegen in jeder Weise anstößig,
ja blutschänderisch erscheinen mußte? War es leidenschaftliche
Liebe zu der Schwester. Sie war bedeutend älter als er, nahe an die
40 Jahre, da sie nach Ägypten zurückkam, und was aus ihrem früheren
Leben bekannt ist, läßt sie nicht eben liebenswürdig erscheinen.
Welchen Unsegen hatten ihre Ränke in Lysimachos‘
Haus gebracht? Der edle Agathokles
wurde ein Opfer ihrer Liebe und ihres Hasses, mit Ptolemaios
Keraunos, ihrem Halbbruder, hatte sie seinen Tod angestiftet,
um ihren Kindern das Reich zu schaffen. Dann flüchtete sie, da Lysimachos
gefallen ist, nach Ephesos, dann nach der Stadt Kassandreia; der älteste
ihrer Söhne versucht mit Hilfe der Dardaner, den Thron Makedoniens
zu erobern, während sie selbst den Anträgen ihres Halbbruders
Keraunos nachgibt und jene Hochzeit feiert,
die mit dem Morde ihrer zwei jüngeren Söhne endet.