Droysen Johann Gustav: Band II Seite 367,419,420-421,425-426,431-432/Band III Seite 171
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"Geschichte des Hellenismus."

Nur um so mehr wird Ptolemaios den Abschluß mit Lysimachos beeilt haben. Das Zeichen der erzielten Verständigung beider Könige war, dass sie sich verschwägerten: Lysimachos vermählte sich mit Ptolemaios Tochter Arsinoe; er brachte damit der Staatsklugheit ein nicht geringes Opfer; er liebte seine „Penelope“, die edle Perserin Amastris, von ganzem Herzen; er hatte sie nach Sardeis geladen und dort den Winter mit ihr verlebt.
An seinem Hof sind Parteiungen, deren er nicht Herr zu werden versteht; und während Lysimachos immer wieder das Gedächtnis der hochherzigen Amastris erhebt, intrigiert Arsinoe gegen den Thronfolger Agathokles und dessen Gemahlin Lysandra. Seine väterliche Liebe ist nicht so groß, dass er sie nicht um einer Laune, eines Argwohns, eines namhaften Vorteils willen gar sehr hintansetzte.
Lysimachos Lobpreisungen der Amastris reizten die Königin Arsinoe, sie bat ihn, die Stadt Herakleia ihr zu schenken; anfangs weigerte sich Lysimachos: das sei ein zu kostbares Geschenk, sie besitze ja schon das schöne Kassandreia in Makedonien, auch habe er der Stadt die Freiheit zugesichert; aber sie verstand ihn zu kirren, sie ließ nicht nach, bis er ihren Bitten willfahrte. So wurde Herakleia nebst Amastris und Tios Arsinoes Eigentum.
Der älteste und zum Erben des Reiches bestimmte Sohn des Lysimachos war Agathokles, derselbe, der den Feldzug gegen Demetrios mit ebensoviel Mut wie Besonnenheit geführt hatte, ein edler und ritterlicher Fürst, der am Hofe, im Heere, vor allem in Kleinasien, wo er mehrere Jahre kommandiert haben mochte, außerordentlich beliebt war; man freute sich, in ihm und seinen Kindern die Erben des Reiches zu sehen. Nur Arsinoe sah das alles mit bitterem Neid; sollten denn diesem Sohn der Odryserin ihre, der Königs-Tochter, Kinder nachstehen? Sollten sie einst von Agathokles und seiner Kinder Gnade leben? Sollte sie selbst dann dieser Stiefschwester Lysandra, die sie im väterlichen Haus schon verachtet, den Rang abtreten und sich mit den armseligen Witwensitzen Herakleia und Kassandreia begnügen müssen? Ihre Kinder nahten dem Alter der Mündigkeit; es war Zeit zu handeln, wenn ihnen der thrakische Thron werden sollte. Auch noch Geheimeres mag in ihrer Seele vorgegangen sein; Agathokles war schön und ritterlich, was war es der Königin, des alten Mannes Bett zu teilen? Lysandra war die Glücklichere. Man erzählt sich, die Königin habe den jungen Fürsten zu gewinnen versucht, er liebte seine Gemahlin, er vermied die zweideutige Gunst seiner Schwiegermutter, er wandte sich verachtend von ihr ab. Arsinoe sann nach Rache. Der flüchtige Ptolemaios Keraunos war nach Lysimacheia gekommen, mit ihm schmiedete sie ihre Pläne. Sie begann, Lysimachos zu umspinnen: nichr genug könne sie ihm danken, dass er ihr in Herakleia einen Zufluchtsort habe geben wollen, dessen sei bald genug bedürfen würde; sie verstand, die Ängstlichkeit und den Argwohn des alten Manes zu steigern: auch das Erdbeben, das jüngst die Residenz fast zerstört, sei ein nur zu deutliches Zeichen der Götter; es werde ihm schmerzen, zu erfahren, dass er einem, der ihm auf Erden das liebste sei, schon zu lange geliebt habe; es sei eine Zeit der abscheulichsten Verbrechen. Endlich nannte sie Agathokles Namen, berief sich auf Ptolemaios Zeugnis, der gewiß Glauben verdiene, da Agathokles Gemahlin seine rechte Schwester sei; der habe, für seines edlen Beschützers Leben besorgt, ihr alles entdeckt. Der König glaubte; er eilte, einem Verbrechen zuvorzukommen, dessen Agathokles nicht fähig gewesen wäre. Der Sohn ahnte die Ränke der Königin; als ihm an seines Vaters Tisch Vergiftetes gereicht war, nahm er Gegengift und rettete sein Leben. Er ward ins Gefängnis geworfen, Ptolemaios übernahm es, ihn zu ermorden.
Ob die Königin Arsinoe mit im Spiele war? Nach Lysimachos Niederlage hatte sie sich nach Ephesos geflüchtet; als aber die Seleukizonten in der Stadt einen Aufstand machten, die Burg erbrachen und schleiften, der Königin Leben feil gaben, ließ sie eine Dienerin in die königliche Sänfte steigen und von Trabanten umgeben zum Hafen eilen; sie selbst, in Lumpen gehüllt, das Gesicht mit Schmutz unkenntlich gemacht, entkam nach dem Hafen, bestieg heimlich ein Schiff und entfloh. Kurze Zeit darauf ist sie mit ihren Söhnen in ihrer Stadt Kasandreia in Makedonien; sie mochte hoffen, dass sich die Makedonen nach Seleukos Tode zugunsten ihres ältesten, jetzt fast 18-jährigen Sohnes erheben würden.
Ptolemaios Keraunos hatte durch seine Erfolge über Antigonos und den Frieden mit Antiochos seine makedonisch-thrakische Macht schnell genug gefestigt. Aber noch blieben die Ansprüche der Kinder seiner Halbschwester Arsinoe und des Lysimachos. Er suchte geheime Wege, um den Prätenden Ptolemaios los zu werden und in den Besitz Kassandreia zu kommen, wo sich Arsinoe hielt. Er ließ der Königin eine Verbindung antragen, wie sie nach ägyptischer Sitte unanstößig war. Der ränkevollen Frau konnte die Absicht ihre Bruders nicht entgehen. Ptolemaios ließ ihr berichten, er wolle mit ihren Söhnen gemeinschaftlich das Reich regieren; er habe nicht gegen sie gekämpft, um ihnen das Reich zu entreißen, sondern es ihnen zurückzugeben. Lange schwankte die Königin; vor des Bruders rachewildem Gemüt bang und zu ernstlichem Widerstand zu schwach, entschloß sie sich endlich, auf den Antrag einzugehen. Der König beschwor in einem Tempel in Gegenwart eines Gesandten seiner Schwester: aufrichtig sei sein Bewerben um die Hand der Königin, sie werde seine Gemahlin und Königin sein; er werde kein anderes Ehebündnis schließen, keine andere als ihre Kinder haben. Die Königin kommt; mit ausgesuchter Zärtlichkeit empfängt sie Ptolemaios, ein festliches Beilager wird veranstaltet, in allgemeiner Versammlung schmückt er sie mit dem Diadem, läßt verkünden, sie sei die Königin von Makedonien. Dann wieder lädt sie ihn in ihre Stadt Kassandreia, eilt selbst voraus, um alles zu ordnen. Ihre beiden Knaben, Philippos und Lysimachos, gekränzt und im Festschmuck, eilen zum Empfang dem König entgegen; er umarmt die Knaben und küßt sie; sobald er an das Schloßtor kommt, läßt er seine Trabanten den Hof, die Zugänge, die Mauer besetzen, die Knaben befiehlt er zu töten; sie fliehen in das Innere des Schlosses zur Mutter, sie bergen sich in ihrem Schoß; schon sind die Mörder da, unter den üssen, dem Jammerruf der Mutter, die umsonst ihren leib den Dolchen bietet, werden sie ermordet. Sie selbst entflieht mit zwei Dienerinnen nach der heiligen Insel Samothrake.
Philadelphos‘ Gemahlin war Arsinoe, die Tochter des Lysimachos; auch, so entdeckte er, trachtete sie ihm nach dem Leben. Amyntas und der rhodische Arzt Chrysippos, ihre Mitverschworenen, wurden hingerichtet, sie selbst nach Koptos verwiesen. Es ist nicht mehr zu erkennen, ob diese mit den früheren Intrigen zusammenhing, ob vielleicht Amyntas der ungenannte Bruder des Königs war, der in Kypros einen Aufstand versuchte. Höchst merkwürdig ist nun, dass sich demnächst der König mit seiner Schwester Arsinoe vermählte. Die Halbschwester zu heiraten war nicht gegen die griechische Sitte, aber Arsinoe war desselben Vaters, derselben Mutter Kind wie der König. Was konnte ihn bestimmen, eine Ehe zus chließen, die freilich nach ägyptischem Brauch nicht unheilig war, Griechen und Makedonen dagegen in jeder Weise anstößig, ja blutschänderisch erscheinen mußte? War es leidenschaftliche Liebe zu der Schwester. Sie war bedeutend älter als er, nahe an die 40 Jahre, da sie nach Ägypten zurückkam, und was aus ihrem früheren Leben bekannt ist, läßt sie nicht eben liebenswürdig erscheinen. Welchen Unsegen hatten ihre Ränke in Lysimachos Haus gebracht? Der edle Agathokles wurde ein Opfer ihrer Liebe und ihres Hasses, mit Ptolemaios Keraunos, ihrem Halbbruder, hatte sie seinen Tod angestiftet, um ihren Kindern das Reich zu schaffen. Dann flüchtete sie, da Lysimachos gefallen ist, nach Ephesos, dann nach der Stadt Kassandreia; der älteste ihrer Söhne versucht mit Hilfe der Dardaner, den Thron Makedoniens zu erobern, während sie selbst den Anträgen ihres Halbbruders Keraunos nachgibt und jene Hochzeit feiert, die mit dem Morde ihrer zwei jüngeren Söhne endet.