Das Schicksal der Arsinoe II.
ist mit dem des Hauses des Lysimachos,
des Königs von Thrakien und Makedonien, aufs engste verbunden.
Arsinoe heiratete, wohl im Jahr 300
v.u.Z. (vielleicht auch in einem der folgenden Jahre) den König
Lysimachos. Dieser war schon ein Sechziger,
Arsinoe war dagegen noch ein junges
Mädchen.
Agathokles wäre
der gegebene Nachfolger auf dem Thron des Lysimachos
gewesen, wäre es nicht zu einem schwerwiegenden Konflikt mit seiner
Stiefmutter Arsinoe II.
gekommen. Der Hofklatsch wußte zu berichten, dass die Stiefmutter
dem Agathokles Liebesanträge gemacht
habe, sie seien jedoch von diesem schnöde zurückgewiesen
worden. In Wirklichkeit dürfte die Frage der Nachfolge das auslösende
Element gewesen sein. Arsinoe II. hatte
dem Lysimachos drei Söhne geboren,
sie hießen Ptolemaios, Lysimachos
und Philippos. Arsinoe II. aber
vermochte den bejahrten Herrscher dazu zu bringen, seinen Sohn Agathokles
hinrichten zu lassen. Die Vorgänge am Hof des Lysimachos,
insbesondere aber der gewaltsame, auf Anstiftung der Arsinoe
II. herbeigeführte Tod des Agathokles,
zeigen ein nicht mehr zu überbietendes Maß an Rohheit und Rücksichtslosigkeit.
Weder der Stiefsohn noch die eigenen Schwester waren der Herrscherin heilig,
und die Verblendung des Lysimachos
war ihr eine willkommene Hilfe beim Streben nach der Macht, das sie bis
zur äußersten Konsequenz durchgekämpft hat. Niemand wird
diese Handlungen entschuldigen, sie sind ein Spiegel des Charakters der
Arsinoe II., die weder das göttliche
noch das menschliche Recht respektiert hat.
Aber der Umschwung und die Nemesis kamen früher,
als Arsinoe geahnt und gewünscht
hatte. Die Freunde des Agathokles bewogen
Seleukos I. zum Eingreifen, der Lysimachos
in der Schlacht bei Kurupedion (Februar 281 v.u.Z.) vernichtend schlug.
In Ephesos hatte sich die seleukidische
Partei erhoben, schon während des Krieges hatte sie aus ihren Sympathien
für Seleukos kein Hehl gemacht.
So konnte sich Arsinoe, die Witwe
des Lysimachos, nur mit Mühe aus
der Stadt auf die Schiffe retten. Eine ihrer Dienerinnen, die das Gewand
der Königin angelegt hatte, kam auf der Flucht ums Leben (angeblich
ist sie von einem Offizier des Seleukos getötet
worden).
Lysimachos Herrschaft
in Kleinasien brach zusammen und seine Witwe rettete sich unter
Mühen nach Kassandreia in Makedonien. Die Herrschaft der Arsinoe
II. über die europäischen Gebiete des Lysimachos-Reiches
stand auf ganz schwachen Füßen, an die Krönung ihres
ältesten Sohnes Ptolemaios von Lysimachos
konnte im Ernst nicht gedacht werden, da er zu jung war, um mit den Schwierigkeiten
der Nachfolge fertig zu werden. Überdies entschied sich die makedonische
Heeresversammlung zuerst für Seleukos I.
und dann für Ptolemaios Keraunos.
Was aber lag näher als eine Übereinkunft zwischen der Witwe
des Lysimachos und dem neuen König
von Makedonien? Dass Ptolemaios Keraunos
und Arsinoe II. Halbgeschwister waren,
bedeutete in jener Zeit kein Hindernis. Die Anregung ist von Ptolemaios
Keraunos ausgegangen; er wollte durch eine Heirat offenbar versuchen,
die Erbansprüche der drei Söhne der Arsinoe
auszuschalten. Er versprach ihr die Ehe und verpflichtete sich, mit ihren
Söhnen eine gemeinsame Regierung zu führen. Arsinoe
aber hatte sich offenbar nichts Gutes von ihrem Halbbruder versehen; sie
willigte in seinen Antrag ein, nachdem er bei allen Göttern geschworen
hatte, er werde Arsinoe als einzige
rechtmäßige Gattin halten und allein ihre Söhne und Kinder
als legitime Erben anerkennen. Daraufhin sei die Hochzeit unter großem
Gepränge gefeiert worden, versichert Justin. Im Angesicht der
makedonischen Heeresversammlung habe Ptolemaios
Keraunos seiner Gattin und Schwester das Diadem, das Zeichen
der Königswürde aufs Haupt gesetzt und sie als Königin begrüßt.
Daraufhin habe Arsinoe, voll Freude
über die wiedergewonnene Königsherrschaft, ihren Gemahl eingeladen,
zu ihr nach Kassandreia zu kommen. Sie gab Anordnungen, die Stadt für
die Ankunft des Königs zu schmücken, insbesondere wurden die
Tempel und Altäre mit reichen Blumenschmuck versehen. Ihre Söhne,
den zweitältesten mit Namen Lysimachos,
damals 16-jährig, und Philipp,
seinen jüngeren 13-jährigen Bruder, ließ sie mit Kränzen
geschmückt dem Gemahl entgegengehen. Ptolemaios
soll sie in überschwenglicher Weise begrüßt
haben. Was aber darauf folgte, ist eine Szene, die an Dramatik nicht zu
überbieten ist: Ptolemaios ließ,
nachdem er mit seiner Begleitung das Stadttor durchschritten hatte, die
Burg besetzen und die Söhne niedermachen. Sie hatten sich voller Furcht
in den Schoß der Mutter geflüchtet. Dort empfingen sie unter
den Küssen der unglücklichen Mutter den Todesstoß. Arsinoe
aber brach in lautes Wehklagen aus und fragte, womit sie eine
solche Freveltat verdient habe. Sie sei sich weder bei der Heirat noch
nach der Heirat irgendeiner Schuld bewußt. Vergebens hatte die Söhne
vor den Mördern zu beschützen versucht, und ihr Wunsch, anstatt
der Söhne die Wunden selbst entgegenzunehmen, blieb unerfüllt.
Nicht einmal am Begräbnis ihrer Söhne durfte sie teilnehmen.
In zerrissenem Kleid und mit aufgelöstem Haar, nur von zwei treuen
Dienerinnen begleitet, verließ sie Kassandreia, um sich ins Exil
nach Samothrake, in das Heiligtum der Kabiren, zu begeben. Ihr größter
Schmerz war der, dass man es ihr nicht erlaubt hatte, zusammen mit ihren
Söhnen zu sterben.
Zwei Kronen hatte Arsinoe II.
verloren, und es war ganz unwahrscheinlich, dass sie ohne fremde Hilfe
jemals wieder Königin in Makedonien werden würde. Den Aufenthalt
in Samothrake betrachtete sie nur als eine Zuflucht für den äußersten
Notfall. Als sie eine Einladung ihres jüngeren Bruders, des
Königs Ptolemaios II. von Ägypten,
erreichte, da bestieg sie ohne Zögern ein Schiff, um von nun an am
Hofe in Alexandria zu leben und zu wirken; denn ihre Hoffnungen, eine neue
Machtstellung zu erringen, hatte sie nicht aufgegeben. Als Schwester des
regierenden Monarchen sah sich die nunmehr 37-jährige jedoch in mancher
Hinsicht behindert, vor allem hatte sie in der Königin Arsinoe
I., der Tochter des Lysimachos,
eine Rivalin, deren Existenz ihr höchst unbequem war. Aber Ptolemaios
II. war Wachs in ihrer Hand, rasch hatte Arsinoe
II. ihn völlig für sich gewonnen. Sie konnte ihn bald
dazu bestimmen, seine Gemahlin, Arsinoe
I., in die Verbannung zu treiben.
Arsinoe II. hatte
es sehr eilig und wohl schon im Jahre 277 v.u.Z. feierte man eine Hochzeit,
die bald in aller Munde war: der 31-jährige Ptolemaios
II. heiratete seine leibliche Schwester, die immerhin
schon fast die Vierzig erreicht hatte. Allein schon der ungewöhnliche
Altersunterschied zeigt jedermann, dass von einer Neigungsehe nicht die
Rede sein kann. Es war von Anfang an eine eminent politische Ehe, Arsinoe
II. wollte wieder eine Königskrone, und ihrem Streben hat
sich der an Jahren jüngere Bruder nicht zu widersetzen vermocht. Die
Ehe von Geschwistern, die von dem gleichen Vater und der gleichen Mutter
stammten, war ein Novum, für die Griechen und Makedonen war die
Ehe ein Skandal ersten Ranges.