Antipater war ein Repräsentant der altmakedonischen
Tradition. Er stand treu zu Alexander,
seine Befehle hat er pünktlich ausgeführt. Er war bereits ein
alter Mann, geboren im Jahr 398 v.u.Z. Sein Tod fällt in den
Sommer des Jahres 319 v.u.Z., das heißt, er hat die gesamte
makedonische Geschichte des 4. Jahrhunderts bis in die Diadochenzeit hinein
miterlebt. Bereits unter dem König Amyntas
III. (393 v.u.Z.-370 v.u.Z.)
stand er im Dienst, doch erst unter Philipp II.
(359 v.u.Z.-336 v.u.Z.) ist er in führende Stellungen
aufgerückt. Mit Philipp war er
treu befreundet, sein Ratschlag wurde immer gern gehört. Und nach
der Ermordung Philipps ist seine Stimme
entscheidend ins Gewicht gefallen. Vor allem dem Antipater verdankte es
Alexander, wenn er Philipps
Nachfolger wurde, und Alexander hat
ihm dies niemals vergessen. Mehrfach, und zwar bereits unter Philipp,
sehen wir ihn im Amt des Reichsverwesers, sein Name war überall
bekannt und geachtet, bei den nordischen Barbaren ebenso wie bei den Hellenen,
die vor ihm keinen geringeren Respekt hatten als vor Alexander.
Mit den hervorragendsten Männern des griechischen Geistes stand er
in Verbindung, insbesondere mit Isokrates und Aristoteles.
Wie es heißt, soll er eine Geschichte der illyrischen Feldzüge
des Königs Perdikkas III. geschrieben
haben. Seine Aufgabe während des asiatischen Feldzugs Alexanders
waren schwierig, er sah sich einerseits der Bedrohung durch die persische
Flotte unter dem Rhodier Memnon ausgesetzt, andererseits mußte
er immer wieder Truppen an den König abgeben, so dass seine Heeresmacht
(ursprünglich, beim Übergang Alexanders
nach Asien, 12.000 Mann zu Fuß und 1.500 Reiter) immer mehr zusammenschmolz.
Doch hat er sich bemüht, aus seiner Situation das Beste zu machen,
und in der Tat hat er nicht nur versucht, die Selbständigkeitsbestrebungen
des Strategen von Thrakien, Memnon, wieder unter Kontrolle
zu bringen, er hat sich auch dem Spartaner-König Agis
III. im Felde überlegen gezeigt. Antipater war der
Sieger in der Schlacht bei Megapolis (331 v.u.Z.), die für die makedonische
Herrschaft über die Griechen von größter Bedeutung war.
Während der König in Asien von Sieg zu Sieg eilte, regierte Antipater
in Makedonien und Griechenland. Schwierigkeiten hatte Antipater mit
der Herrschaft der Königin-Mutter Olympias,
die in viele Dinge hineinredete, aber Alexander
hat sich ganz eindeutig auf Antipaters Seite gestellt und sich die
politischen Aktivitäten seiner Mutter in Makedonien verbeten, worauf
diese, zutiefst gekränkt, das Land verlassen hat, um in ihre Heimat
Epirus zurückzukehren. Mit der Nebenregierung der Olympias
war es damit zu Ende. Auch als Parmenion und der Lynkeste Alexander,
der Schwiegersohn Antipaters, hingerichtet wurden, ist der Stratege
von Europa in seiner Treue nicht wankend geworden. Obwohl er von seinem
Standpunkt aus weder die Apotheose Alexanders
noch die Verschmelzungspolitik des Königs für glücklich
hielt, hat er sich dazu nicht geäußert, was um so bemerkenswerter
ist, weil beides mit der altmakedonischen Tradition unvereinbar war. Aber
Antipater war weit von seinem König entfernt, längst hatten
andere jüngere Freunde auf den Monarchen einen bestimmenden Einfluß
gewonnen, seine Entschlüsse sind vor allem von Hephaistion,
Peukestas, Krateros und anderen bestimmt worden. Dies war
dem Antipater durchaus bekannt, und wenn er seinen Sohn Kassander
an das Hoflager des Königs gesandt hat, so erwies sich dies als ein
Fehlschlag. Denn in der späteren nicht glaubwürdigen Tradition
wird Kassander geradezu des Giftmordes
an dem König bezichtigt. Dies ist natürlich Legende, sicher ist
aber die Tatsache, dass der König den Sohn Antipaters ausgesprochen
unfreundlich behandelt hat; er nahm sich nicht einmal die Mühe, die
Rechtfertigungsversuche Kassanders,
die dieser wegen seines Verhaltens gegenüber den Griechen vortragen
wollte, auch nur anzuhören. Und was die Legende vom Giftmord betrifft,
so wird sie wohl von Olympias stammen,
die dem Antipater und seinem Hause spinnefeind gewesen ist. Man
wundert sich nicht, wenn man hört, der König habe den Plan gefaßt,
den greisen Antipater von seinem Posten abzulösen, und zwar
sollte er durch Krateros ersetzt werden. Antipater wurde
nach Babylon beordert, um den König Nachersatz zuzuführen. Niemand
weiß, wie sich das Verhältnis der beiden Männer, des Alexander
und des Antipater, zueinander gestaltet hätte, wenn der junge
König nicht durch seinen plötzlichen Tod abberufen worden wäre.
In der Reichsordnung nach Alexanders
Tod wurde Antipater in seiner Stellung als Stratege von Europa
bestätigt. Dies war eine vernünftige Anordnung, wenn auch
Konflikte mit dem nach Makedonien zurückkehrenden Krateros
nicht ganz auszuschließen waren. Antipater hat jedenfalls
noch vier Jahre lang in Makedonien seine Funktion erfüllt. Und in
Triparadeisos in Nord-Syrien, im Jahre 321 v.u.Z. (oder vielleicht
erst im Jahre 320 v.u.Z.) wurde Antipater sogar zum Reichsverweser
bestimmt, doch hatte er nicht mehr lange zu leben, denn er starb bereits
im Sommer 319 v.u.Z.
Mit der Bestallung des wenig geeigneten Polyperchon
zu seinem Nachfolger hat Antipater den Makedonen keinen guten
Dienst erwiesen, vor allem weil die hierfür zuständige makedonische
Heeresversammlung nicht gefragt worden war. Die Feindschaft des übergangenen
Kassander gegen Polyperchon hat
folgenreiche Konflikte in Europa heraufbeschworen. Sie haben letzten Endes
zum Untergang der makedonischen Königs-Familie geführt.
Doch das Bild des Antipater wird hiervon nicht berührt, er
lebt im Gedächtnis seiner Zeitgenossen als treuer Diener seines Königs
weiter.