Bengtson Hermann: Seite 189-191,253-258
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"Philipp und Alexander der Große. Die Begründer der hellenistischen Welt."

Antipater war ein Repräsentant der altmakedonischen Tradition. Er stand treu zu Alexander, seine Befehle hat er pünktlich ausgeführt. Er war bereits ein alter Mann, geboren im Jahr 398 v.u.Z. Sein Tod fällt in den Sommer des Jahres 319 v.u.Z., das heißt, er hat die gesamte makedonische Geschichte des 4. Jahrhunderts bis in die Diadochenzeit hinein miterlebt. Bereits unter dem König Amyntas III. (393 v.u.Z.-370 v.u.Z.) stand er im Dienst, doch erst unter Philipp II. (359 v.u.Z.-336 v.u.Z.) ist er in führende Stellungen aufgerückt. Mit Philipp war er treu befreundet, sein Ratschlag wurde immer gern gehört. Und nach der Ermordung Philipps ist seine Stimme entscheidend ins Gewicht gefallen. Vor allem dem Antipater verdankte es Alexander, wenn er Philipps Nachfolger wurde, und Alexander hat ihm dies niemals vergessen. Mehrfach, und zwar bereits unter Philipp, sehen wir ihn im Amt des Reichsverwesers, sein Name war überall bekannt und geachtet, bei den nordischen Barbaren ebenso wie bei den Hellenen, die vor ihm keinen geringeren Respekt hatten als vor Alexander. Mit den hervorragendsten Männern des griechischen Geistes stand er in Verbindung, insbesondere mit Isokrates und Aristoteles. Wie es heißt, soll er eine Geschichte der illyrischen Feldzüge des Königs Perdikkas III. geschrieben haben. Seine Aufgabe während des asiatischen Feldzugs Alexanders waren schwierig, er sah sich einerseits der Bedrohung durch die persische Flotte unter dem Rhodier Memnon ausgesetzt, andererseits mußte er immer wieder Truppen an den König abgeben, so dass seine Heeresmacht (ursprünglich, beim Übergang Alexanders nach Asien, 12.000 Mann zu Fuß und 1.500 Reiter) immer mehr zusammenschmolz. Doch hat er sich bemüht, aus seiner Situation das Beste zu machen, und in der Tat hat er nicht nur versucht, die Selbständigkeitsbestrebungen des Strategen von Thrakien, Memnon, wieder unter Kontrolle zu bringen, er hat sich auch dem Spartaner-König Agis III. im Felde überlegen gezeigt. Antipater war der Sieger in der Schlacht bei Megapolis (331 v.u.Z.), die für die makedonische Herrschaft über die Griechen von größter Bedeutung war. Während der König in Asien von Sieg zu Sieg eilte, regierte Antipater in Makedonien und Griechenland. Schwierigkeiten hatte Antipater mit der Herrschaft der Königin-Mutter Olympias, die in viele Dinge hineinredete, aber Alexander hat sich ganz eindeutig auf Antipaters Seite gestellt und sich die politischen Aktivitäten seiner Mutter in Makedonien verbeten, worauf diese, zutiefst gekränkt, das Land verlassen hat, um in ihre Heimat Epirus zurückzukehren. Mit der Nebenregierung der Olympias war es damit zu Ende. Auch als Parmenion und der Lynkeste Alexander, der Schwiegersohn Antipaters, hingerichtet wurden, ist der Stratege von Europa in seiner Treue nicht wankend geworden. Obwohl er von seinem Standpunkt aus weder die Apotheose Alexanders noch die Verschmelzungspolitik des Königs für glücklich hielt, hat er sich dazu nicht geäußert, was um so bemerkenswerter ist, weil beides mit der altmakedonischen Tradition unvereinbar war. Aber Antipater war weit von seinem König entfernt, längst hatten andere jüngere Freunde auf den Monarchen einen bestimmenden Einfluß gewonnen, seine Entschlüsse sind vor allem von Hephaistion, Peukestas, Krateros und anderen bestimmt worden. Dies war dem Antipater durchaus bekannt, und wenn er seinen Sohn Kassander an das Hoflager des Königs gesandt hat, so erwies sich dies als ein Fehlschlag. Denn in der späteren nicht glaubwürdigen Tradition wird Kassander geradezu des Giftmordes an dem König bezichtigt. Dies ist natürlich Legende, sicher ist aber die Tatsache, dass der König den Sohn Antipaters ausgesprochen unfreundlich behandelt hat; er nahm sich nicht einmal die Mühe, die Rechtfertigungsversuche Kassanders, die dieser wegen seines Verhaltens gegenüber den Griechen vortragen wollte, auch nur anzuhören. Und was die Legende vom Giftmord betrifft, so wird sie wohl von Olympias stammen, die dem Antipater und seinem Hause spinnefeind gewesen ist. Man wundert sich nicht, wenn man hört, der König habe den Plan gefaßt, den greisen Antipater von seinem Posten abzulösen, und zwar sollte er durch Krateros ersetzt werden. Antipater wurde nach Babylon beordert, um den König Nachersatz zuzuführen. Niemand weiß, wie sich das Verhältnis der beiden Männer, des Alexander und des Antipater, zueinander gestaltet hätte, wenn der junge König nicht durch seinen plötzlichen Tod abberufen worden wäre.
In der Reichsordnung nach Alexanders Tod wurde Antipater in seiner Stellung als Stratege von Europa bestätigt. Dies war eine vernünftige Anordnung, wenn auch Konflikte mit dem nach Makedonien zurückkehrenden Krateros nicht ganz auszuschließen waren. Antipater hat jedenfalls noch vier Jahre lang in Makedonien seine Funktion erfüllt. Und in Triparadeisos in Nord-Syrien, im  Jahre 321 v.u.Z. (oder vielleicht erst im Jahre 320 v.u.Z.) wurde Antipater sogar zum Reichsverweser bestimmt, doch hatte er nicht mehr lange zu leben, denn er starb bereits im Sommer 319 v.u.Z.
Mit der Bestallung des wenig geeigneten Polyperchon zu seinem Nachfolger hat Antipater den Makedonen keinen guten Dienst erwiesen, vor allem weil die hierfür zuständige makedonische Heeresversammlung nicht gefragt worden war. Die Feindschaft des übergangenen Kassander gegen Polyperchon hat folgenreiche Konflikte in Europa heraufbeschworen. Sie haben letzten Endes zum Untergang der makedonischen Königs-Familie geführt. Doch das Bild des Antipater wird hiervon nicht berührt, er lebt im Gedächtnis seiner Zeitgenossen als treuer Diener seines Königs weiter.