Norwich John Julius: Band I Seite 159,163,169,173,176
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Theodosios war schwach, unentschlossen und leicht beeinflußbar. Die gewaltige Theodosianische Mauer ruft als einzige große Leistung seiner zweiundvierzigjährigen Regierungszeit heute noch seinen Namen allgemein in Erinnerung, aber nicht einmal dazu hat er selbst Bedeutendes beigetragen. Mit dem Bau der ursprünglichen Mauer, einer einfachen anstelle der dreifachen von heute, wurde im Jahre 413 begonnen. Damals war Theodosios gerade zwölf Jahre alt, und er hat sie weder geplant noch zur Vollendung geführt. Dies besorgte der Prätorianer-Präfekt Anthemios, der in den ersten sechs Jahren von Theodosios' Regierungszeit nicht nur dessen Vormund, sondern auch eigentlicher Regent des Ostens war.
Anthemios war der erste Laie von Rang in Konstantinopel, der seit Theodosius dem Großen feste Prinzipien und Können zu kombinieren verstand. Außer für die Errichtung der Mauer kommt ihm noch das Verdienst zu für einen neuen Friedensvertrag mit Persien, für die erhebliche Verstärkung der Donauflotte, die bei einer letztlich erfolglosen Invasion des Hunnen-Königs Uldin dezimiert worden war, für eine verbesserte Versorgung mit Getreide aus Alexandria und schließlich für die Wiederherstellung guter Beziehungen zum Weströmischen Reich nach dem Tod von Arkadios. Er vermochte sich jedoch nicht lange zu halten und verschwindet nach 414 von der Bildfläche.
Wieweit sich Theodosios von der Frömmigkeit seiner Schwestern anstecken ließ, läßt sich nur mutmaßen. In Purpur geboren und bei seiner Geburt zum Mit-Augustus ernannt, "bewilligte" er bereits unmittelbar nach seiner Taufe, also im Alter von gerade ein paar Tagen, die erste an ihn gerichtete Petition; Porphyrios, der Bischof von Gaza, ersuchte ihn darin um die Erlaubnis, die heidnischen Tempel in seiner Diözese zerstören zu dürfen. Von frühester Kindheit an war Theodosius gezwungen, in der verdummenden Trennung von Altersgenossen zu leben, die man für einen Statthalter Gottes als angemessen betrachtete. Doch trotz der Bedingungen, unter denen er aufwuchs, und trotz seiner wohl auch erblich bedingten Charaktermängel scheint er eine gewisse Ausstrahlung gehabt zu haben. Der Kirchenhistoriker Sokrates schreibt, er sei bei Senat und Volk sehr beliebt gewesen. Auch war er bei weitem nicht dumm. Die Religion gehörte im 5. Jahrhundert so selbstverständlich zum alltäglichen Leben, dass sie ihn allein schon darum bis zu einem bestimmten Grad interessieren mußte. Aber seine Neigungen galten vor allem weltlicher Bildung und Kultur: den klassischen griechischen und lateinischen Autoren, der Mathematik und den Naturwissenschaften auf diesem Gebiet trugen ihm bald den Spitznamen Kalligraphos, das heißt Schönschreiber, ein. Seine Interessen waren aber nicht ausschließlich intellektueller und künstlerischer Natur. Er jagte leidenschaftlich gern, und es gibt Hinweise darauf (allerdings keine zeitgenössischen), dass er das persische Tsukan, uns heute unter dem Namen Polo bekannt, in Konstantinopel eingeführt hat. Mit alledem war er vollauf beschäftigt und überließ die Regierungsgeschäfte bereitwillig seiner Schwester, auch dann noch, als er längst alt genug gewesen wäre, sie selbst in die Hand zu nehmen. Erst im Jahre 420, als er neunzehn Jahre alt war, wandten sich seine Gedanken anderen Zielen zu; er ließ Pulcheria in einer bedeutenden Staatsangelegenheit rufen und sie wissen, es sei an der Zeit, dass sie ihm eine Frau gebe.
Das folgende wird uns erst von späteren Chronisten überliefert, aber wie dürfen wir uns anmaßen, es anzuzweifeln: Etwa um diese Zeit fand sich im Palast ein griechisches Mädchen namens Athenais von staunenerregender Schönheit ein. Sie war die Tochter eines gewissen Leontios, eines Lehrers an der Universität von Athen, und gekommen, um die Hilfe des Kaisers gegen ihre beiden Brüder zu erbitten, die sich weigerten, das Erbe ihres Vaters nach dessen Tod mit ihr zu teilen, und sie somit der Armut preisgaben. Nach einer anderen Version der Geschichte soll Leontios sie bewußt mit nur 100 Goldstücken abgefunden haben, da sie, so stand angeblich in seinem Testament, ohnehin einem Glück entgegensehe, wie es kaum einer anderen Frau zuteil werde. Falls das zutrifft, hat er recht behalten. Pulcheria, die sie als erste sah, zeigte sich tief beeindruckt, nicht allein von ihrer Schönheit, sondern besonders auch von ihrem ausgezeichneten Griechisch, in dem sie ihr Anliegen vortrug. Sie führte sie geradewegs zu Theodosios, und dieser verliebte sich sofort leidenschaftlich in sie. Die möglichen Schwierigkeiten, die dadurch hätten entstehen können, dass sie keine Christin war, räumte man rasch aus dem Weg. Bereits nach wenigen Wochen Unterweisung duch Bischof Attikos wurde sie getauft und nahm den Namen Eudokia an. Ihre neue Schwägerin, das versteht sich fast von selbst, wurde ihre Patin. Am 7. Juni 421 wurden sie und Theodosios getraut.
Theodosios handelte auf die Nachricht von der Usurpation des weströmischen Thrones durch den Notar Johannes unverzüglich, mit ziemlicher Sicherheit auf Drängen Pulcherias und vielleicht auch Athenais' hin. Er zeigte keinerlei Absicht, mit anzusehen, wie das Weströmische Reich von einem unbedeutenden Zivilbeamten weggeschnappt wurde, mochte es auch noch so dahinsiechen. Er bestätigte Galla Placidia an Ort und Stelle im Rang einer Augusta, verlieh Valentinian den Titel eines Cäsaren und ließ ein Heer zusammenstellen, das die beiden nach Italien zurückbringen und wieder auf ihren angestammten Thron setzen sollte.
Der Zug brach im folgenden Jahr, bis Thessalonike in Begleitung des Kaisers, auf und wurde zu einem triumphalen Erfolg. Die Befestigungsanlagen von Ravenna mied das byzantinische Heer nun klugerweise; statt dessen gelang es den Soldaten, eine Furt zu finden und die Lagune zu durchwaten. Sokrates behauptet, ein als Schafhirt verkleideter Engel habe sie dabei geführt: Sie überraschten die Verteidiger und nahmen Ravenna zu Beginn des Jahres 425 fast kampflos.
Als Nebenprodukt dieser Universität fiel die Zusammenstellung des sogenannten Theodosianischen Kodexes an. Im Jahre 429 wurde damit eine Gruppe von neun Gelehrten betraut. Dabei handelt es sich im Grunde um eine Sammlung aller im Oströmischen und Weströmischen Reich seit den Tagen Konstantins erlassenen Gesetze. Viele dieser Gesetze waren inzwischen außer Kraft, andere überarbeitet, und eine beträchtliche Anzahl, so fand man heraus, widersprachen einnander. Das Dickicht war so verschlungen, dass die erste Kommission sich außerstande sah, das Werk zu bewältigen. Erst nach neun Jahren gelang es einer anderen Gruppe, die Aufgabe zu vollenden. Am 15. Februar 438, nur wenige Monate nach der von langer Hand geplanten Vermählung von Valentinian und der 15-jährigen Eudoxia, wurde der Kodex vom oströmischen und weströmischen Kaiser gemeinsam verkündet, klar in der Absicht, die Einheit des Reiches zu betonen.
Und um sein Sicherheitsbedürfnis weiter zu untermauern, entrichtete Theodosios seit etwa 430 Subsidien - die man ebensogut als Tribut bezeichnen könnte - von jährlich 350 Pfund Gold, um die Nachbarn zu bewegen, den Frieden zu wahren. Aber erst 447 versetzte Attila Thedosios und sein Ratgeber ernsthaft in Schrecken. Um diese Zeit starb Attilas Bruder Bleda und dessen Truppen stießen gleichzeitig in zwei Richtungen vor, und zwar südwärts bis nach Thermopylae in Thessalien und ostwärts bis Konstantinopel. Die Theodosianische Mauer war anscheinend genau zur rechten Zeit gebaut worden. Die Hunnen verfügten weder über die Geduld noch über die Strategie und nötige Disziplin, die eine längere Belagerung erfordert, und so wandten sie sich auf der Suche nach leichterer Beute bald ab. Sie brachten jedoch dem byzantinischen Heer bei Gallipoli eine empfindliche Niederlage bei und zogen erst ab, nachdem der Kaiser zugesichert hatte, die jährlichen Geldzahlungen  an ihr Volk zu verdreifachen und außerdem riesige Summen aus alten Forderungen nachzuzahlen, die Attila nach seiner vermutlich richtigen Aussage wohl in der Tat nie bekommen hatte.
Von dieser Zeit an verkehrten Gesandtschaften zwischen Attilas Lager und Theodosios' Hofe. Attilas Gewißheit, dass der Kaiser ihn nun fürchtete, erwies sich als durchaus richtig. Theodosios' ohnehin bescheidene Geistesgaben hatten sich längst verflüchtigt, und seine Politik beschränkte sich auf eine Taktik des faulen Friedens, wofür er nicht nur seinen eigenen Schatz zu plündern bereit war, sondern auch seiner Untertanen ausbluten ließ. Hätten ihm Athenais oder auch nur Pulcheria zur Seite gestanden, wäre es ihnen vielleicht gelungen, ihm zu einer entschiedenen Politik zu verhelfen. Doch die eine war weit weg in Jerusalem, und die andere hatte seit langem jeden Einfluß auf ihren Bruder verloren. Einflußreichste Figur am Hof war zu der Zeit der Eunuch Chrysaphos; er vermochte im Jahre 448 Edeko, einen Gesandten Attilas, in ein Komplott zur Beseitigung des Hunnen-Königs hineinzuziehen.
Und es sei dahingestellt, wie lange Attila noch den Reichtum des Oströmischen Reiches aufgezehrt hätte, wäre nicht Theodosios am 28. Juli 450 während einer Jagd durch einen Sturz vom Pferd ums Leben gekommen. Er und Athenais hatten keinen männlichen Nachkommen hinterlassen.