Theodosios war
schwach, unentschlossen und leicht beeinflußbar.
Die gewaltige Theodosianische Mauer ruft als einzige große Leistung
seiner zweiundvierzigjährigen Regierungszeit heute noch seinen Namen
allgemein in Erinnerung, aber nicht einmal dazu hat er selbst Bedeutendes
beigetragen. Mit dem Bau der ursprünglichen Mauer, einer einfachen
anstelle der dreifachen von heute, wurde im Jahre 413 begonnen. Damals
war Theodosios gerade zwölf Jahre
alt, und er hat sie weder geplant noch zur Vollendung geführt. Dies
besorgte der Prätorianer-Präfekt Anthemios, der in den ersten
sechs Jahren von Theodosios' Regierungszeit
nicht nur dessen Vormund, sondern auch eigentlicher Regent des Ostens war.
Anthemios war der erste Laie von Rang in Konstantinopel,
der seit Theodosius dem Großen
feste Prinzipien und Können zu kombinieren verstand. Außer für
die Errichtung der Mauer kommt ihm noch das Verdienst zu für einen
neuen Friedensvertrag mit Persien, für die erhebliche Verstärkung
der Donauflotte, die bei einer letztlich erfolglosen Invasion des Hunnen-Königs
Uldin dezimiert worden war, für eine verbesserte Versorgung
mit Getreide aus Alexandria und schließlich für die Wiederherstellung
guter Beziehungen zum Weströmischen Reich nach dem Tod von Arkadios.
Er vermochte sich jedoch nicht lange zu halten und verschwindet nach 414
von der Bildfläche.
Wieweit sich Theodosios von
der Frömmigkeit seiner Schwestern anstecken ließ, läßt
sich nur mutmaßen. In Purpur geboren und bei seiner Geburt
zum Mit-Augustus ernannt, "bewilligte" er bereits unmittelbar nach
seiner Taufe, also im Alter von gerade ein paar Tagen, die erste an ihn
gerichtete Petition; Porphyrios, der Bischof von Gaza, ersuchte
ihn darin um die Erlaubnis, die heidnischen Tempel in seiner Diözese
zerstören zu dürfen. Von frühester Kindheit an war Theodosius
gezwungen, in der verdummenden Trennung von Altersgenossen zu leben, die
man für einen Statthalter Gottes als angemessen betrachtete. Doch
trotz der Bedingungen, unter denen er aufwuchs, und trotz seiner wohl auch
erblich bedingten Charaktermängel scheint er eine gewisse Ausstrahlung
gehabt zu haben. Der Kirchenhistoriker Sokrates schreibt, er sei
bei Senat und Volk sehr beliebt gewesen. Auch war er bei weitem
nicht dumm. Die Religion gehörte im 5. Jahrhundert so selbstverständlich
zum alltäglichen Leben, dass sie ihn allein schon darum bis zu einem
bestimmten Grad interessieren mußte. Aber seine Neigungen galten
vor allem weltlicher Bildung und Kultur: den klassischen griechischen
und lateinischen Autoren, der Mathematik und den Naturwissenschaften auf
diesem Gebiet trugen ihm bald den Spitznamen Kalligraphos, das heißt
Schönschreiber, ein. Seine Interessen waren aber nicht ausschließlich
intellektueller und künstlerischer Natur. Er jagte leidenschaftlich
gern, und es gibt Hinweise darauf (allerdings keine zeitgenössischen),
dass er das persische Tsukan, uns heute unter dem Namen Polo bekannt, in
Konstantinopel eingeführt hat. Mit alledem war er vollauf beschäftigt
und überließ die Regierungsgeschäfte bereitwillig seiner
Schwester, auch dann noch, als er längst alt genug gewesen wäre,
sie selbst in die Hand zu nehmen. Erst im Jahre 420, als er neunzehn Jahre
alt war, wandten sich seine Gedanken anderen Zielen zu; er ließ
Pulcheria in einer bedeutenden Staatsangelegenheit rufen und
sie wissen, es sei an der Zeit, dass sie ihm eine Frau gebe.
Das folgende wird uns erst von späteren Chronisten
überliefert, aber wie dürfen wir uns anmaßen, es anzuzweifeln:
Etwa um diese Zeit fand sich im Palast ein griechisches Mädchen
namens
Athenais von staunenerregender
Schönheit ein. Sie war die Tochter eines gewissen Leontios,
eines Lehrers an der Universität von Athen, und gekommen, um die Hilfe
des Kaisers gegen ihre beiden Brüder zu erbitten, die sich weigerten,
das Erbe ihres Vaters nach dessen Tod mit ihr zu teilen, und sie somit
der Armut preisgaben. Nach einer anderen Version der Geschichte soll Leontios
sie bewußt mit nur 100 Goldstücken abgefunden haben, da sie,
so stand angeblich in seinem Testament, ohnehin einem Glück entgegensehe,
wie es kaum einer anderen Frau zuteil werde. Falls das zutrifft, hat er
recht behalten. Pulcheria, die sie
als erste sah, zeigte sich tief beeindruckt, nicht allein von ihrer Schönheit,
sondern besonders auch von ihrem ausgezeichneten Griechisch, in dem sie
ihr Anliegen vortrug. Sie führte sie geradewegs zu Theodosios,
und dieser verliebte sich sofort leidenschaftlich in sie. Die möglichen
Schwierigkeiten, die dadurch hätten entstehen können, dass sie
keine Christin war, räumte man rasch aus dem Weg. Bereits nach wenigen
Wochen Unterweisung duch Bischof Attikos wurde sie getauft und nahm
den Namen Eudokia an. Ihre neue Schwägerin, das versteht sich
fast von selbst, wurde ihre Patin. Am 7. Juni 421 wurden sie und Theodosios
getraut.
Theodosios handelte
auf die Nachricht von der Usurpation des weströmischen Thrones durch
den Notar Johannes unverzüglich, mit ziemlicher Sicherheit auf Drängen
Pulcherias und vielleicht auch Athenais'
hin. Er zeigte keinerlei Absicht, mit anzusehen, wie das Weströmische
Reich von einem unbedeutenden Zivilbeamten weggeschnappt wurde, mochte
es auch noch so dahinsiechen. Er bestätigte Galla
Placidia an Ort und Stelle im Rang einer Augusta,
verlieh Valentinian den Titel eines
Cäsaren und ließ ein Heer zusammenstellen, das die beiden nach
Italien zurückbringen und wieder auf ihren angestammten Thron setzen
sollte.
Der Zug brach im folgenden Jahr, bis Thessalonike in
Begleitung des Kaisers, auf und wurde zu einem triumphalen Erfolg. Die
Befestigungsanlagen von Ravenna mied das byzantinische Heer nun klugerweise;
statt dessen gelang es den Soldaten, eine Furt zu finden und die Lagune
zu durchwaten. Sokrates behauptet, ein als Schafhirt verkleideter Engel
habe sie dabei geführt: Sie überraschten die Verteidiger und
nahmen Ravenna zu Beginn des Jahres 425 fast kampflos.
Als Nebenprodukt dieser Universität fiel die Zusammenstellung
des sogenannten Theodosianischen Kodexes an. Im Jahre 429 wurde damit eine
Gruppe von neun Gelehrten betraut. Dabei handelt es sich im Grunde um eine
Sammlung aller im Oströmischen und Weströmischen Reich seit den
Tagen Konstantins erlassenen Gesetze.
Viele dieser Gesetze waren inzwischen außer Kraft, andere überarbeitet,
und eine beträchtliche Anzahl, so fand man heraus, widersprachen einnander.
Das Dickicht war so verschlungen, dass die erste Kommission sich außerstande
sah, das Werk zu bewältigen. Erst nach neun Jahren gelang es einer
anderen Gruppe, die Aufgabe zu vollenden. Am 15. Februar 438, nur wenige
Monate nach der von langer Hand geplanten Vermählung von Valentinian
und
der 15-jährigen Eudoxia, wurde
der Kodex vom oströmischen und weströmischen Kaiser gemeinsam
verkündet, klar in der Absicht, die Einheit des Reiches zu betonen.
Und um sein Sicherheitsbedürfnis weiter zu untermauern,
entrichtete Theodosios seit etwa 430
Subsidien - die man ebensogut als Tribut bezeichnen könnte - von jährlich
350 Pfund Gold, um die Nachbarn zu bewegen, den Frieden zu wahren. Aber
erst 447 versetzte Attila Thedosios
und sein Ratgeber ernsthaft in Schrecken. Um diese Zeit starb Attilas
Bruder Bleda und dessen Truppen
stießen gleichzeitig in zwei Richtungen vor, und zwar südwärts
bis nach Thermopylae in Thessalien und ostwärts bis Konstantinopel.
Die Theodosianische Mauer war anscheinend genau zur rechten Zeit gebaut
worden. Die Hunnen verfügten weder über die Geduld noch über
die Strategie und nötige Disziplin, die eine längere Belagerung
erfordert, und so wandten sie sich auf der Suche nach leichterer Beute
bald ab. Sie brachten jedoch dem byzantinischen Heer bei Gallipoli eine
empfindliche Niederlage bei und zogen erst ab, nachdem der Kaiser zugesichert
hatte, die jährlichen Geldzahlungen an ihr Volk zu verdreifachen
und außerdem riesige Summen aus alten Forderungen nachzuzahlen, die
Attila
nach seiner vermutlich richtigen
Aussage wohl in der Tat nie bekommen hatte.
Von dieser Zeit an verkehrten Gesandtschaften zwischen
Attilas Lager und Theodosios'
Hofe. Attilas Gewißheit,
dass der Kaiser ihn nun fürchtete, erwies sich als durchaus richtig.
Theodosios'
ohnehin bescheidene Geistesgaben hatten sich längst
verflüchtigt, und seine Politik beschränkte sich auf eine Taktik
des faulen Friedens, wofür er nicht nur seinen eigenen Schatz zu plündern
bereit war, sondern auch seiner Untertanen ausbluten ließ. Hätten
ihm Athenais oder auch nur Pulcheria
zur Seite gestanden, wäre es ihnen vielleicht gelungen, ihm zu einer
entschiedenen Politik zu verhelfen. Doch die eine war weit weg in Jerusalem,
und die andere hatte seit langem jeden Einfluß auf ihren Bruder verloren.
Einflußreichste Figur am Hof war zu der Zeit der Eunuch Chrysaphos;
er vermochte im Jahre 448 Edeko, einen Gesandten Attilas,
in ein Komplott zur Beseitigung des Hunnen-Königs hineinzuziehen.
Und es sei dahingestellt, wie lange Attila
noch den Reichtum des Oströmischen Reiches aufgezehrt hätte,
wäre nicht Theodosios am 28.
Juli 450 während einer Jagd durch einen Sturz vom Pferd
ums Leben gekommen. Er und Athenais
hatten keinen männlichen Nachkommen hinterlassen.