Gratian wandte sich
an Theodosius, den Sohn jenes
Theodosius, der zehn Jahre zuvor so durchschlagenden Erfolg in Britannien
erzielt hatte. Dessen Vater war im Jahre 376 aufgrund einer Intrige am
Hof bei Valens in Ungnade gefallen
und hingerichtet worden, worauf sich der Sohn auf die Familiengüter
im spanischen Gallien zurückzog. Der Aufforderung des Kaisers folgte
er jetzt jedoch bereitwillig, und innerhalb weniger Monate hatte er sich
als so ausgezeichneter Führer erwiesen, daß ihn
Gratian im Januar 379 zum Mit-Augustus erhob.
Theodosius richtete sein Hauptquartier
in Thessalonike ein und verbrachte die zwei folgenden Jahre damit, in Thrakien
die Ordnung wiederherzustellen und das Vertrauen der Goten zurückzugewinnen,
von denen viele für die Legion rekrutiert wurden.
Natürlich ging es dabei nicht ohne Opfer ab: Die
Goten erhielten die vollständige Autonomie, mußten keine Steuern
bezahlen und erhielten außerordentlich hohen Sold für ihren
Militärdienst als Verbündete (Foederati) oder direkt dem
Kaiser unterstellte Söldner. Dies wiederum bedeutete eine höhere
finanzielle Belastung und damit proportional höhere Steuern für
die übrige Bevölkerung. Eine weitere Folge war die anhaltende
Abneigung gegen alles Nichtrömische und die Befürchtung, der
germanische Anteil in der Armee werde allmählich gefährlich stark.
Wenn der östliche Teil des Reiches sich jedoch nur zu diesem Preis
halten ließ, war
Theodosius
nur
allzugern bereit, ihn zu bezahlen. Dank seiner ruhigen, geduldigen Diplomatie
hatten sich die Goten bis zum Sommer 380 zufrieden in ihrer neuen Heimat
niedergelassen, und in Thrakien herrschte wieder Frieden. Am 24. November
hielt er seinen offiziellen Einzug in Konstantinopel, und am 11. Januar
380 hieß er den alten Athanarich in der Hauptstadt willkommen; er
empfing ihn außerhalb der Mauern und geleitete ihn persönlich
zu seiner Residenz. Die aufregenden Dinge in der prachtvollen Stadt und
die aufwendige Unterhaltung, die man ihm bot, waren offenbar zuviel für
den alten Mann, denn er starb zwei Wochen danach. Man richtete ihm ein
kostspieliges Begräbnis aus, und der Kaiser geleitete seine sterblichen
Überreste persönlich zum Grab.
In Konstantinopel nahm Theodosius
die Nachricht von der Ermordung Gratians
mit Schrecken auf. Im Augenblick war er jedoch machtlos. Der SASSANIDEN-König
Ardaschir
II., der vier Jahre zuvor seinen Bruder Schapur
II. abgelöst hatte, war soeben zugunsten seines Neffen
Schapur
III.
abgesetzt worden, einer unbekannten Größe, die
es zu beobachten galt. In der Zwischenzeit sorgten an der Nordgrenze die
Hunnen noch immer für Unruhe. Es war nicht der richtige Moment, um
sich auf einen langen Bestrafungsfeldzug gegen Maximus
einzulassen. Widerwillig anerkannte der Kaiser daher, wie die meisten Provinzen
des Westens, den Usurpator an.
Im Jahre 387 überquerte
Maximus die Alpen nach Italien unter dem Vorwand, das Reich
vom Makel der Häresie zu befreien. Justina
und
Valentinian
flohen zuerst nach Aquileja und von da nach Thessalonike, wo
Theodosius mit ihnen zusammentreffen konnte. Das vergangene
Jahr war für den Kaiser des Ostens nicht leicht gewesen. Im
Januar hatte er sich mit ernsten Unruhen in Antiochia auseinandersetzen
müssen, wo die Bevölkerung randaliert hatte und aus Protest gegen
eine Sondersteuer, die er der Stadt für die Finanzierung seiner bevorstehenden
Zehnjahresfeier der Thronbesteigung auferlegt hatte, die öffentlichen
Bäder zerstört und die Statuen des Kaisers und seiner Familie
zertrümmert hatte.
Der neue SASSANIDEN-König
hatte Theodosius durch eine mit großspurigen
Geschenken - darunter sogar Elefanten - beladene Gesandtschaft formell
von seinem Regierungsantritt in Kenntnis gesetzt. In den folgenden diplomatischen
Verhandlungen hatte sich jedoch erwiesen, daß er ebenso harte Vereinbarungen
treffen konnte wie sein Vater. Aus der Teilung Armeniens, die schließlich
387 daraus hervorging, blieb dem Reich nur gerade ein Fünftel, vier
Fünftel hatte sich Schapur angeeignet.
Doch wenigstens war der Frieden gesichert, und der lange
geplante Feldzug gegen Maximus konnte
endlich in die wege geleitet werden. Theodosius
verbrachte den Winter in Thessalonike bei Valentinian
und Justina, mit deren Tochter
Galla er seit kurzem in zweiter Ehe
verheiratet war [Zosimos vertritt die Ansicht,
Theodosius
sei auf das Unternehmen, Maximus anzugreifen,
zunächst nur sehr zögerlich eingegangen.
Justina,
die von seiner Witwerschaft und seiner extremen Schwäche für
attraktive Frauen wußte, habe daraufhin ihre Tochter Galla
in einer Art dipolmatischer Mission zu ihm gesandt, und danach habe er
sich dazu bereit erklärt. Sie habe den Kaiser, so deutet er an, aber
nicht nur zu überzeugen, sondern zugleich zu betören vermocht:
Gallas Unterhandlungen führten nicht nur zum Krieg, sondern
auch zur kaiserlichen Hochzeit.], und traf aktive Kriegsvorbereitungen.
Im Juni 388 war er dann endlich bereit, gemeinsam mit
Valentinian loszumarschieren. Einmal in Bewegung gesetzt, drängte
er jedoch rasch vorwärts über die Pässe von Makedonien und
Bosnien, vereitelte unterwegs erfolgreich einen geplanten Mordanschlag
und traf schließlich bei Siscia (dem heutigen Sisak) an der Save
auf Maximus. Trotz ihrer Müdigkeit
vom langen Marsch sprangen seine Truppen vollbewaffnet in den Fluß,
schwammen ans andere Ufer und schlugen die Rebellen in die Flucht. Ein,
zwei weitere Schlachten folgten, doch von an beschränkte sich der
Feldzug mehr oder weniger auf eine Verfolgungsjagd, bis Maximus
sich schließlich bei Aquileja zur Aufgabe gezwungen sah. Vor Theodosius
geführt, gestand er, daß er behauptet hatte, dieser sei mit
seiner gesetzwidirgen Machtergreifung einverstanden. Einen Moment lang
sah es aus, als würde der Kaiser das Leben seines ehemaligen Kollegen
verschonen. Die Soldaten schleppten den Gefangenen jedoch weg, bevor es
dazu kommen konnte. Theodosius war
bekannt für seine Milde, und sie zogen es vor, das Risiko gar nicht
erst einzugehen.
Theodosius und Valentinian
ernannten den fränkischen Feldherrn Arbogast zum Comes und
damit zum eigentlichen Statthalter von Gallien und verbrachten den Winter
in Mailand. Im folgenden Jahr zogen sie mit Theodosius'
4-jährigem Sohn Honorius
nach Rom, wo sie am 13. Juni 389 feierlich Einzug hielten. Die energischen
Bemühungen des rangälteren Kaisers, den Einfluß nichtchristlicher
Religionen zu entkräften, wird ihn der örtlichen Gefolgschaft
des alten Regimes nicht gerade sympathisch gemacht haben. Doch seine Zugänglichkeit
und sein persönlicher Charme brachten ihm eine Popularität ein,
wie sie seit über 100 Jahren keiner seiner Vorgänger mehr errungen
hattte. Die beiden Augusti kehrten nach Mailand zurück, wo sie das
ganze folgende Jahr verbrachten, jenes Jahr, das die Konfrontation von
Theodosius
und Ambrosius brachte.
Anfang 391 verließen die beiden Herrscher Mailand:
Theodosius
um nach Konstantinopel zurückzukehren,
Valentinian,
um in Gallien die Macht zu übernehmen. Doch war dieser am 15. Mai
392 bereits tot.
Gesandte wurden losgeschickt, um
Theodosius über das unglückliche Ableben seines Schwagers
und die einstimmige Wahl von Eugenius
als Nachfolger in Kenntnis zu setzen. Theodosius
wollte jedoch nichts davon hören. Das Recht, seinen Mitregenten zu
bestimmen, lag bei ihm und bei ihm allein. Neun Jahre zuvor, als eine ähnliche
Gesandtschaft in Maximus'
Auftrag eingetroffen war, war er zum Abwarten gezwungen gewesen. Diesmal
fühlte er sich stärker, denn er wußte zumindest, daß
sowohl die Nord- als auch die Ostgrenze im Augenblick ungefährdet
war. So sandte er eine ausweichende Antwort und begann sogleich Vorbereitungen
zu treffen.
Diese dauerten bis Ende 393 an, und in dieser Zeit gelang
es Arbogast trotz heftigen Widerstandes von Ambrosius, seinen
Günstling auch in Italien durchzusetzen. Als
Theodosius im Frühsommer 394 zum zweiten Mal gegen einen
erfolgreichen Emporkömmling und Thronprätenden zog, tat er es
im Bewußtsein, nicht nur für Rechtmäßigkeit, sondern
auch für seinen Glauben zu kämpfen. Er war für sein Vorhaben
gut gerüstet, denn abgesehen von den römischen Legionären
zählten rund 20.000 Goten zu seinem Heer. Viele leisteten unter ihren
Stammesführern Dienst, und unter diesen war auch ein hervorragender
junger Anführer namens Alarich.
Als stellvertretenden Heerführer hatte Theodosius
Stilicho
ernannt, einen Vandalen, den er kurz zuvor mit seiner Nichte Serena
verheiratet hatte. Doch wie zuversichtlich er dem Ausgang des Feldzugs
auch entgegengesehen haben mag, sein Herz war schwer. Am Vorabend seiner
Abreise war Galla, seine geliebte
zweite Frau, vermutlich im Wochenbett gestorben. Sie war die
Liebe seines Lebens gewesen. Die wenigen Jahre, die sie zusammen verbracht
hatten, waren sehr glücklich gewesen. Zum Glück hatten sie bereits
ein gemeinsames Kind, die Tochter Galla
Placidia, die er abgöttisch liebte.
Das Heer von Arbogast und Eugenios
war ungefähr gleich stark wie das von Theodosius,
als es Ende Juli in der Lombardei aufbrach. Aber dennoch war vor allem
Eugenius
in Sorge; Ambrosius hatte sich während des Aufenthaltes des
Pseudokaisers demonstrativ aus Mailand zurückgezogen, ihn später
öffentlich als Glaubensverräter verurteilt und die örtlichen
Gesitlichen angewiesen, ihm und seiner christlichen Gefolgschaft die Kommunion
zu verweigern. Beim Verlassen der Stadt schwor Arbogast, er werde
seine Pferde, sollte er siegreich zurückkehren, in der Basilika unterbringen,
und es könnte ebensogut Trotz wie ein anderer Grund gewesen sein,
was ihn bewog, dem Heer nicht das Labarum des christlichen Kaisers, sondern
ein Abbild des Hercules Invictus als Standarte vorneweg tragen zu lassen.
Die beiden Heere trafen am 5. September etwas nördlich
von Triest aufeinander, und zwar am Frigidus, dem kleinen Zufluß
des Isonzo, der heute besser unter dem Namen Wippach (oder Vipacco) bekannt
ist. Der erste Tag endete für Theodosius
und seine Soldaten mit einer Katastrophe: Mindestens die Hälfte der
gotischen Krieger war niedergemetzelt, und der Rest des Heeres hatte sich
unkontrolliert zurückgezogen. Der folgende Morgen begann jedoch unter
etwas günstigeren Vorzeichen. Ein ansehnliches Sonderkommando traf
ein; Arbogast hatte es entsandt, um Theodosius
den
Rückzug abzuschneiden, aber dessen Angehörige erklärten
sich nun bereit, ihre Loyalität gegen einen annehmbaren Preis auf
Theodosius zu übertragen. Mit neuem Optimismus begab man
sich wieder in die Schlacht. Als weitere Bestätigung göttlicher
Wohlgesinntheit zog von Osten her ein heftiger Sturm mit orkanartigen Windböen
auf. Theodosius
und seine Leute hatten
den Wind im Rücken, während die Soldaten von Arbogast und
Eugenius
von Staubwolken geblendet
und derart vom Sturmwind durchgeschüttelt wurden, daß sie sich
kaum auf den Beinen halten konnten. Das Werfen von Speeren, ja selbst das
Abschießen von Pfeilen kam nicht in Frage. Es machte ganz den Anschein,
als hätten sich die Götter samt und sonders gegen sie verschworen.
Erschöpft und demoralisiert gaben sie bald auf. Eugenius
wurde geköpft, während er sich vor dem Kaiser im Staub wand,
Arbogast entkam. Nachdem er mehrere Tage in den Hügeln umhergeirrt
war, griff er auf die alte römische Lösung für seine Probleme
zurück und stürzte sich ins Schwert.
Der triumphierende Theosdosius
zog nach Mailand weiter, wo seine erste Amtshandlung darin bestand, allen
überlebenden Anhängern
Eugenius'
Pardon zu gewähren. Dann wandte er seine Aufmerksamkeit der Nachfolgefrage
zu. Da Valentinian unverheiratet und
kinderlos gestorben war, schien es nur logisch, das Reich unter seine beiden
Söhne aufzuteilen. Arkadios, dem
älteren, sollte die östliche Reichshälfte zufallen,
dem jüngeren Honorius die
westliche. Zu dieser Zeit befanden sich beide in Konstantinopel. Honorius
erhielt die Anweisung, sofort nach Mailand zu kommen. Bis die kaiserlichen
Boten ihre Nachricht überbracht hatten, war es Winter geworden. Und
es wurde Mitte Januar, bis der 10-jährige Herrscher, begleitet von
seiner Cousine Serena, der Frau von Stilicho, durch
den Schnee nach Mailand reisen konnte. Als er endlich eintraf, entdeckte
er zu seinem Schrecken, daß sein Vater ernstlich krank war. Theodosius'
Freude über das Wiedersehen mit seinem Sohn wirkte für
kurze Zeit wie Medizin. Er konnte sogar dem Anfang der Spiele im Hippodrom
beiwohnen, die er zur Feier der sicheren Ankunft des Jungen angeordnet
hatte. Etwa in der Halbzeit brach er jedoch plötzlich zusammen, und
in der folgenden Nacht, es war der 17. Januar 395, starb er in seinem
50. Lebensjahr. Vierzig Tage lang lag der einbalsamierte Leichnam in vollem
Staat auf der purpurnen Bahre im Atrium des Palastes. Am 25. Februar wurde
er in den Dom überführt, wo man das Hochamt feierte und Bischof
Ambrosius seine Gedächtnisrede hielt. Erst dann brach der Zug unter
dem Schutz einer starken Eskorte auf und machte sich auf die lange Heimreise
nach Konstantinopel.