Konstantin IV. war
kaum 17 Jahre alt, als Anastasia, seine
Frau, ihr erstes Kind gebar. Wäre er etwas älter und klüger
gewesen, hätte man das Kind vielleicht nicht ausgerechnet
Justinian getauft. Denn dieser überhebliche, ungebärdige
Junge, der nur gerade 16 Jahre später Herr und Meister über
das Reich wurde, war von allem Anfang an entschlossen, seinem gewaltigen
Namensvetter nachzueifern und wie Justinian I.
jedem Aspekt des Reiches unauslöschlich den Stempel seiner Person
aufzudrücken. In gewissen Bereichen gelang ihm dies sogar. Er war
intelligent
und schlau, besaß politische Scharfsicht und all die rastlose
Energie seines Urgroßvaters (?), und er zeigte als junger
Mann alle Anlagen, die einen fähigen und begabten Herrscher auszeichnen,
ja vielleicht sogar einen großen. Sein Unglück war, dass er,
und zwar in vollem Ausmaß, auch die fortschreitende Geistesstörung
geerbt hatte, die die letzten Jahre von Herakleios
getrübt
und sich im Verhalten des alternden Konstanz offenbart
hatte. Wenn es wenig Anzeichen für diese Krankheit bei Konstantin
IV. gab, so mag dies daran liegen, dass er starb, bevor sie
erkennbar wurde. Bei seinem Sohn Justinian
trat sie dafür um so früher in Erscheinung. Sie beherrschte ihn
ganz und gar, beraubte ihn jeglicher Urteilskraft und Mäßigung
und verwandelte ihn in ein unmenschliches Ungeheuer. Abgesehen von
seinem Elan und seiner unbestreitbaren Kühnheit, fielen
an ihm als typische Eigenschaften nur ein krankhaftes Mißtrauen
gegenüber allen aus, mit denen er zu tun hatte, sowie eine schier
unstillbare
Blutrünstigkeit.
Seine Herrschaft hatte vielversprechend begonnen. Erfolgreiche
Feldzüge nach Armenien, Georgien und Syrien ließen den fünften
Kalifen
Abdalmalik, der den Supremat über die Gläubigen im
selben Jahr übernommen hatte, wie Justinian
den
Thron bestieg, im Jahre 688 eine Erneuerung des Vertrages anstreben, den
Konstantin
IV. mit Muawija geschlossen
hatte. Dieses neue Abkommen stellte aus byzantinischer Sicht eine deutliche
Verbesserung dar. Zusätzlich zur Zahlung von 1.000 Nomismata mußte
neu nur jeden Freitag ein Tribut von 1 Pferd und 1 Sklaven entrichtet werden.
Außerdem kam man in bezug auf die Einnahmen von Armenien und Iberien
einerseits sowie Zyperns andererseits überein, dass sie künftig
zu gleichen Teilen unter den Unterzeichnenden aufgeteilt werden sollten.
Als die Nachricht Konstantinopel erreichte, hatte Justinian
einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Die überwiegende
Mehrheit seiner Untertanen wird ihn jedoch kaum sehr bedauert haben. In
den sieben Jahren seit seiner Thronbesteigung hatte der nun dreiundzwanzigjährige
Kaiser einen Grad von Unbeliebtheit erreicht wie vor ihm vielleicht
nur Phokas. Seine selbstherrliche
Handhabung der Siedlungspolitik hatte, wie wir gesehen haben, bereits
zu einer massiven Revolte geführt und ihn Armenien gekostet. Die alteingesessene
Aristokratie, seiner feindseligen Haltung sehr wohl bewußt, hatte
ohnmächtig zusehen müssen, wie er immer mehr ihrer Machtmittel
und Privilegien zugunsten einer freien Bauernschaft beschnitt, die ihm
direkt unterstellt war. Doch selbst deren Sympathie hatte er mit seinen
unersättlichen
Geldforderungen verwirkt.
Das einzige Gebiet, auf dem sich Justinian
II. mit seinem großen Namensvetter messen konnte, war
die Bautätigkeit. Auch er hatte eine Leidenschaft dafür,
allerdings in einem Maß, das seine Untertanen in die Armut zu treiben
drohte. Die Steuereinnehmer folterten ihre Opfer gnadenlos, wenn sie dadurch
ein paar zusätzliche Goldstücke für ihren Herrn herauspressen
konnten. Zwangsläufig litt die reiche Aristokratie am meisten unter
dieser Politik. Justinian machte kein
Hehl aus der Tatsache, dass er diese Schicht haßte und entschlossen
war, sie als Klasse auszulöschen. Sie ertrugen die Zwangsmaßnahmen,
solange sie konnten, dann erhoben sie sich und
Leontios wurde der neue Kaiser. Justinian
wurde gefangengenommen und unter Beleidigungen und Schmähungen
seitens seiner Untertanen in Ketten rund um die Rennbahn geschleppt.
Dank der langen Freundschaft, die den neuen Kaiser
Leontios mit
Justinians Vater Konstantin IV. verbunden
hatte, wurde sein Leben verschont. Man fügte ihm lediglich die inzwischen
üblichen
Verstümmelungen von Nase und Zunge zu, bevor er auf die
Krim nach Cherson für immer ins Exil geschickt wurde.
Nach einem Jahrzehnt im Exil und trotz seiner häßlichen
Verstümmelungen war Justinian
in die Hauptstadt zurückgekehrt: sein Ehrgeiz ungebrochen, sein Herz
nach Rache dürstend. Zum Zeitpunkt seiner Verbannung war Justinian
erst
sechsundzwanzig Jahre alt, und er machte von Anfang an klar, dass er seinen
Aufenthalt in Cherson nur als vorübergehend betrachtete. Allmählich
scharte er einen Kreis ergebener Anhänger um sich, die mit der Zeit
ihre Feindschaft zu Leontios immer
offener äußerten. Als dieser 698 abgesetzt wurde, machten sie
keinen Hehl aus ihrer Freude. Bis 702 oder Anfang 703 war Justinian
zu einem solchen Risiko für die örtlichen Beamten geworden, dass
sie beschlossen, ihn nach Konstantinopel zurückzuschaffen. Gerade
noch rechtzeitig erfuhr er von diesem Plan, verließ heimlich die
Stadt und suchte beim Chasaren-Chagan
Ibusir Zuflucht. Dieser nahm ihn erfreut auf und gab ihm seine
Schwester zur Frau. Der erste Eindruck, den
Justinian auf sie machte, ist - vermutlich zum Glück -
nicht überliefert; er kann wahrhaftig keinen schönen Anblick
geboten haben. Es ist jedoch bezeichnend, dass er sie sofort in
Theodora umbenannte. Das Paar ließ sich in Phanagoria
an der Mündung des Asowschen Meeres nieder, um dort die weitere Entwicklung
abzuwarten.
Ihr Eheleben erfuhr jedoch schon bald eine Unterbrechung.
Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis der Aufenthaltsort des
exilierten Kaisers in Konstantinopel bekannt wurde. Im Verlauf des Jahres
704 erhielt Theodora von einer ihrer
Dienerinnen die Nachricht, dass ein kaiserlicher Gesandter am Hof ihres
Bruders eingetroffen sei und ein großes Lösegeld für Justinian
biete - tot oder lebendig. Offenbar war Ibusir
anfangs
fest geblieben, hatte jedoch, als der Ton des Gesandten drohender wurde,
allmählich nachgegeben. Sein Schwager befand sich deshalb in unmittelbarere
Lebensgefahr.
Dieser Bericht wurde wenige Tage später bestätigt,
als plötzlich ein Trupp Soldaten in Phanagoria auftauchte, die vorgaben,
eine neuformierte Leibwache zu sein. Justinian
glaubte ihnen keinen Augenblick. In zweien der Offiziere vermutete er schon
bald seine potentiellen Attentäter. Bevor sie zuschlagen konnten,
lud er sie einzeln zu sich, und kaum waren sie eingetrteten, stürzte
er sich auf sie und erwürgte sie eigenhändig. Die unmittelbare
Gefahr war abgewendet. Trotzdem galt es, keine Zeit zu verlieren. Theodora
war
hochschwanger,
und ihr blieb keine andere Wahl, als zu ihrem Bruder zurückzukehren.
Justinian schlich sich zum Hafen hinunter, beschlagnahmte -
oder vielmehr stahl - ein Fischerboot und segelte in die Nacht hinaus,
um die Krim herum und zurück nach Cherson. Dabei muß er sich
bewußt gewesen sein, dass er sein Leben aufs Spiel setzte. Er war
eine wohlbekannte Figur in der Stadt; eine Verkleidung kam für ihn
nicht in Frage, und die Behörden würden ihn kein zweites Mal
entkommen lassen. Irgendwie gelang es ihm trotzdem, mit seinen Anhängern
Kontakt aufzunehmen und sie zu einem geheimen Treffpunkt zusammenzurufen.
Von dort setzten sie im Schutze der Dunkelheit gemeinsam Segel und brachen
Richtung Westen über das Schwarze Meer auf.
Der bulgarische König
Tervel
empfing Justinian
ebenso freudig wie der Chagan der Chasaren ein oder zwei Jahre zuvor und
stimmte seinem Vorschlag bereitwillig zu: Tervel
sollte
ihm die nötige militärische Unterstützung bieten, damit
Justinian
seinen
Thron zurückgewinnen könne; dafür würde er den Titel
Cäsar und die Hand seiner Tochter erhalten. So kam es,
dass im Frühjahr 705 der exilierte Kaiser an der Spitze eines Heeres
aus Slawen und Bulgaren vor den Mauern Konstantinopels erschien. Er wartete
drei Tage lang, erntete aber mit seinen herrischen Aufforderungen, ihm
die Tore zu öffnen, nur Spott und Hohn. Da schritt er zur Tat. In
den drei Tagen hatten seine Späher eine alte Wasserleitung entdeckt,
die schon lange nicht mehr benutzt wurde und unter der Mauer durch in die
Stadt führte. In der Nacht des dritten Tages gelang es ihm in Begleitung
von wenigen ausgewählten Freiwilligen, sich durch diesen Tunnel zu
zwängen. Sie tauchten direkt vor dem Blachernenpalst am Nordende der
Mauer auf. Die schlafenden Wachen wurden überrumpelt, und in wenigen
Minuten befand sich das Gebäude in seiner Gewalt. Als sich am folgenden
Morgen die Nachricht verbreitete, der Kaiser sei wieder da und habe seinen
Palast in Besitz genommen, floh
Tiberios
sofort
nach Bithynien. Die Bevölkerung von Konstantinopel, vor die Alternative
einer Kapitulation oder sofortigen Plünderung der Stadt durch fremde
Horden gestellt, entschied sich höchst klugerweise für das erstere.
Tiberios wurde bald
ergriffen und sein Vorgänger Leontios
unter Protest aus dem Kloster geholt. Am 15. Februar 706 wurden die beiden
dann wie Justinian zehn Jahre zuvor
in Ketten durch die Stadt geführt, während ihre ehemaligen Untertanen
nun sie mit Schmähungen bedachten und mit Schmutz bewarfen. Nach der
vorgeschriebenen Runde stieß man sie vor den Kaiser, und dieser setzte
beiden symbolisch einen Purpurstiefel auf den Nacken. Dann wurden sie zum
Richtplatz geführt und der Henker hieb ihnen den Kopf ab.
Unterdessen wartete das bulgarische Heer vor den Toren.
Tervel
hatte
seine Männer nur mit Mühe davon abhalten können, in die
Stadt einzufallen und dort der Gewalt und dem Plündern zu frönen,
auf die sie sich bereits gefreut hatten. Justinian
war sich sehr wohl bewußt, dass sein neuer Verbündeter sie nicht
nach Hause führen würde, bevor er nicht seine Belohnung erhalten
hatte. Von der geplanten Heirat seiner Tochter mit Tervel
ist
allerdings nirgends mehr die Rede. Da die Chronisten sie auch danach nie
mehr erwähnen, läßt sich daraus nur schließen, dass
sie ihrer Mutter schon früh ins Grab gefolgt war. Die andere Hälfte
des Handels war jedoch unausweichlich. So kam es, dass Justinian
kurz nach seiner Rückkehr in einer beeindruckenden Feier vor großem
Publikum dem Bulgaren-König den Purpurmantel um die Schultern legte,
ihn neben sich Platz nehmen ließ und offiziell zum Cäsar ausrief.
Viele der Anwesenden waren schockiert. Mußten sie wirklich tatenlos
zusehen, wie der zweithöchste Titel, der bis dahin ausnahmslos älteren
Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten war, einem fremden Briganten
verleihen wurde, der noch nicht einmal Bürger des Reiches war? Die
Antwort lautete kurz und bündig: Ja, es blieb ihnen nichts anderes
übrig. Nur zu bald wurde ihnen klargemacht, dass ihr Basileus nichts
von Traditionen hielt und dass sie gut daran taten, für sich zu behalten,
was immer sie davon hielten.
Denn nun begann das Terrorregime. Eine noch schlimmere
Orgie des Blutvergießens als jene, die Phokas
100 Jahre zuvor eingeleitet hatte. Paulus Diaconus drückt sich,
in einer abfälligen Anspielung auf des Kaisers fehlende Nase, überaus
deutlich aus: Er habe fast ebenso oft, wie er sich die Schleimtropfen von
den Nasenlöchern wischte, die Hinrichtung eines weiteren Gegners angeordnet.
Tiberios'
Bruder
Herakleios,
der fähigste Feldherr des Reiches, den zu verlieren sich Justinian
gar nicht leisten konnte, wurde mit all seinen Getreuen an einer entlang
der Landmauer errichteten Reihe von Galgen erhängt. Andere wurden
in mit Gewichten beladene Säcke gebunden und ins Meer geworfen. Der
Patriarch Kallinikos, der beide Usurpatoren gekrönt hatte,
wurde geblendet und nach Rom verbannt - als Warnung, so munkelte man, an
Papst Johannes VII., falls er das Quinisextum nicht ratifiziere.
Die zahllosen übrigen Fälle von Folter und Verstümmelung
beschränkten sich keineswegs auf ehemalige Gegner
Justinians. Für seine Zeitgenossen gab es nur eine mögliche
Erklärung: Justinian
war
geistig
zerrüttet. Mittlerweile schien er Staatsgeschäften oder der
immer bedenklicher werdenden Lage an den Reichsgrenzen gegenüber völlig
gleichgültig. Er wollte nur noch zwei Dinge: das eine war Blut - und
wenn es der Lebenssaft des Reiches selbst war, kümmerte ihn das keinen
Deut. Das andere war seine Frau.
Es war unterdessen zwei Jahre her, seit er sie zum letzten
Mal gesehen hatte. Möglicherweise wußte er nicht einmal, ob
sie und das Kind überhaupt noch am Leben waren. Auch war er nicht
sicher, ob ihr Bruder Ibusir ihr überhaupt
gestatten würde, den Hof zu verlassen. Darüber hätte er
sich aber nicht zu sorgen brauchen. Als Chagan
Ibusir von der Wiedereinsetzung des Kaisers hörte, bereute
er seine Treulosigkeit. Er setzte nun alles daran, ihre Freundschaft wiederzubeleben
und in den Genuß der Vergünstigungen eines kaiserlichen Schwagers
zu kommen. Theodora kam mit ihrem kleinen
Jungen, der ungeschickterweise Tiberios
hieß, sicher in Konstantinopel an. Sie war die erste Nicht-Römerin
auf dem Thron von Byzanz. Justinian
kam in den Hafen, um sie zu empfangen. Und nun verschlug es dem zahlreich
anwesenden Publikum vollends die Sprache, als ihm langsam die Wahrheit
dämmerte. Dieses Monster, ihr Kaiser, dieses unmenschliche Ungeheuer,
das nur Bitterkeit und Haß zu atmen schien, war verliebt.
Unweigerlich gab es da und dort Kopfschütteln, als man sah, wie der
Kaiser seiner Frau und seinem Sohn in der Hagia Sophia die Diademe aufsetzte.
Diese Frau war ja nicht nur eine Fremde. Das allein wäre schon schlimm
genug gewesen. Nein, obendrein war sie eine Barbarin, und ihr Sohn,
den
Justinian gleichzeitig zum Mit-Kaiser
machte, war ebenfalls ein halber Barbar. Solche unstandesgemäßen
Ehen, so flüsterte man, wären früher undenkbar gewesen.
Dasselbe galt schließlich jedoch auch für
einen Kaiser ohne Nase. Derlei altmodische Vorurteile waren in Justinians
Konstantinopel unannehmbar geworden. Bezeichnenderweise hatte er keinem
der Thronräuber die Nase abschneiden lassen. Als lebendiges Beispiel
dafür, dass ein Kaiser auch ohne Nase sein konnte, sah er keinen Grund
mehr dafür. Die einzige Möglichkeit sicherzugehen, dass sie keine
Schwierigkeiten mehr machen würden, war, sie ganz aus dem Weg zu räumen
- was er auch getan hatte. In der Folge hörte man denn auch kaum mehr
von der widerwärtigen Praxis der Rhinokopia, wie man das Nasenabschneiden
nannte. Ebenso war die Chasarin Theodora
nur die erste von vielen Kaiserinnen, die außerhalb auch der entferntesten
Grenze des Reiches geboren war.
Kurz gesagt, dass Byzantinische Reich des 8. Jahrhunderts
unterschied sich stark vom Byzanz des 7. Jahrhunderts. Und das ging trotz
all seiner Gewalttätigkeit und Brutalität in großem Maße
auf Justinian II. zurück.
Dass Justinian Trevel zum
Cäsar ernannte, war nicht sein einziger Versuch, die nachbarlichen
Beziehungen zu verbessern. Bald nach seiner Wiederkunft befreite er 6.000
arabische Kriegsgefangene seiner beiden Vorgänger. Und ein oder zwei
Jahre später sandte er Kalif
Walid I. ansehnliche Mengen Goldes, eine Gruppe Facharbeiter
und eine große Lieferung Mosaiksteinchen zur Vergrößerung
der großen Moschee von Medina, die damals gerade im Bau war. Im Gegenzug,
heißt es, habe ihm Walid ein
ganzes Haus voller Pfeffer im Wert von 20.000 Dinar zukommen lassen.
Aber auch noch so viele großzügige Gesten
vermochten den Frieden an den Reichsgrenzen nicht für lange Zeit zu
sichern. Justinians Nachbarn im Osten
und Westen merkten nur allzu bald, dass er mit seinen Säuberungsaktionen
die besten Offiziere umgebracht hatte, und sie warteten nicht lange, um
davon zu profitieren. Im Jahre 708 fügten einige - ziemlich sicher
nicht Tervel unterstehende - bulgarische
Stämme in Anchaialos in der Nähe der Donaumündung den Byzantinern
eine schwere Niederlage zu. 709 wurde ihnen ein noch schlimmerer Schlag
versetzt: der Verlust der strategisch wichtigen Festung von Tyana in Kappadokien
an die Araber, was jene ermutigte, erneut und immer noch tiefer in das
Reichsgebiet vorzudringen.
Im selben Jahr 709 ereignete sich ein Vorfall, der Justinians
Ruf jedoch viel mehr Schaden zufügte als der Verlust noch so vieler
Festungen. Dies war sein Rachefeldzug gegen Ravenna. Die Gründe dafür
sind bis heute ein Rätsel. Gewiß, als er versucht hatte, Papst
Sergius' habhaft zu werden, hatte ihm die Stadt Widerstand geleistet.
Doch dies war vor siebzehn Jahren geschehen. Selbst ein zehnjähriges
Exil bietet keine ausreichende Erklärung für eine verspätete
Rache. Agnellus aus Ravenna, unsere illusterste Quelle für jene Episode,
legt nahe, Männer aus Ravenna seien für
Justinians Rhinokopia verantwortlich gewesen, aber die Hypothese
klingt noch unwahrscheinlicher. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit,
und zwar die, dass Ravenna gefährliche Anstalten machte, gegen Rom
zu rebellieren. Die Beziehungen zwischen den beiden Städten waren
stets etwas gespannt gewesen. Als Hauptstadt des Exarchats beanspruchte
Ravenna immer einen gewissen Grad an kirchlicher Autonomie und neigte dazu,
Rom die Oberhoheit übelzunehmen. Im Jahre 708 weigerte sich der neue
Erzbischof Felix jedoch kategorisch, die erforderliche Verpflichtung
zu unterschreiben. Darauf kam es zu einer wütenden Auseinandersetzung.
Dies könnte den Kaiser zu seiner Handlungsweise veranlaßt oder
ihm zumindest als Vorwand gedient haben. Im Frühjahr 709 sandte er
unter den Befehl eines Patrikios namens Theodor eine
Flotte mit dem Befehl nach Ravenna, in seinem Namen alle Würdenträger
zu einem Bankett einzuladen. Nichts Böses ahnend, erschienen diese
am festgesetzten Tag, worauf man sie ergriff, mit zusammengebundenen Füßen
auf ein Schiff lud und nach Konstantinopel verfrachtete, während Theodor
mit seinen Truppen Ravennas Bevölkerung raubend und plündernd
Gewalt antat. In Konstantinopel verurteilte Justinian,
ohne zu zögern, die Honoratoren zum Tode. Nur Erzbischof Felix
blieb am Leben. Man blendete ihn und verbannte ihn danach nach Pontus.
Es wäre zu erwarten gewesen - und die Mehrheit seiner
Untertanen hat wohl ergeben darauf gehofft -, dass der Kaiser nach dem
heftigen Aufstand, der seiner Strafexpedition in Ravenna folgte, von ähnlichen
Abenteuern absah. Doch Justinians Handlungen
waren so unvorhersehbar wie eh und je. Anfang 711, also etwa um die Zeit,
da er mit dem Papst verhandelte, schlug er erneut zu, diesmal gegen Cherson,
die Stadt seines Exils auf der Krim. Als der Kaiser das Heer nach Hause
berief, versank die gesamte Flotte im Schwarzen Meer.
Als Justinian die
Nachricht des Unglücks erfahren habe, sei er in schallendes Gelächter
ausgebrochen. Falls dies zutrifft, ist die gnädigste Erklärung
dafür, dass er einen hysterischen Anfall erlitt. Sonst bietet sich
eigentlich nur der Schluß an, dass er der Geisteskrankheit
in seiner Familie nun vollends zum Opfer gefallen war. Fast sogleich bekundete
er die Absicht zu einen zweiten. Feldzug, doch dem kamen Boten mit einer
weiteren beunruhigenden Nachricht zuvor. Ein Chasarenheer sei in Cherson
eingetroffen, um die Stadt vor einem byzantinischen Angriff zu verteidigen.
Und was noch schlinmer war: Der kaiserliche Gouverneur Elias sowie
die gesamte Besatzung der Festung seien, zahlenmäßig hoffnungslos
unterlegen und in Lebensgefahr, zum Feind übergelaufen.
Übergeschnappt oder nicht, Justinian
schlug den einzig möglichen Kurs ein: den der Diplomatie. Er ließ
sowohl den Tudun als auch den Bürgermeister frei und sandte sie mit
einer Eskorte von 300 Soldaten zurück, um ihre einstigen Stellungen
wieder einzunehmen. Begleitet wurden sie von seinem Großlogotheten
Georg von Syrien mit dem Auftrag, den Chagan für alles, was geschenen
war, in seinem Namen aufrichtig um Verzeihung zu bitten. Dann sollte er
die Auslieferung von Elias und eines weiteren Feldherrn armenischer
Abstammmung namens Vardan (hellenisiert zu Bardanes),
den er, wohl zu Recht, für den Verrat des Gouverneurs verantwortlich
hielt.
Die Bevölkerung von Cherson war jedoch an Versöhnung
nicht gelegen. Der Logothet und sein Gefolge wurden bei ihrer Ankunft getötet,
der Tudun samt seiner 300 Mann Begleitung zum Chagan entsandt und umgebracht.
Cherson und weitere Städte der Krim versagten Justinian
nun
offiziell die Gefolgschaft als Kaiser und bekannten sich zu Bardanes,
dem exilierten Armenier, der sich darauf unter dem schönen alten Namen
Philippikos
zum
Basileus ausrief. Von diesem Augenblick an herrschte offener Krieg.
Justinians Zorn war
furchterregend, als man ihm diese neueste Entwicklung zitternd berichtete.
Er zog auf der Stelle eine neue Streitmacht unter der Leitung des Patrikios
Mauros zusammen, mit dem Befehl, Cherson dem Erdboden gleichzumachen
und nichts innerhalb seiner Mauern am Leben zu lassen. Dank der mitgebrachten
riesigen Belagerungsmaschinen gelang es Mauros tatsächlich, zwei Verteidigungstürme
der Stadt zu zerstören. Da traf jedoch ein weiterer Trupp Chasaren
ein, und es blieb ihm keine Wahl, als Verhandlungen anzubieten. Er wußte
sehr wohl, dass danach an eine Rückkehr und ein Eingeständnis
seiner Niederlage vor Justinian nicht
zu denken war. Deshalb verlangte er, vor Philippikos
gebracht zu werden, und warf sich vor ihm auf die Knie. Die Würfel
waren gefallen. Es hatte keinen Sinn, noch länger zu warten. Die byzantinische
Flotte und was vom Heer übriggeblieben war, segelte mit dem neuen
Kaiser an der Spitze zurück nach Konstantinopel.
In der Zwischenzeit hatte Justinian
einen entscheidenden Fehler gemacht. Er hatte die Hauptstadt verlassen.
Nicht dass er geflohen wäre (er hatte keine Ahnung von den jüngsten
Vorfällen), sondern lediglich, um einen unbedeutenden Aufstand in
Armenien niederzuschlagen. Er kam allerding nie dort an. Kaum hatte ihn
die Nachricht erreicht, dass ein dritter potentieller Usurpator sich auf
dem Weg über das Schwarze Meer befinde, machte er kehrt und eilte
"brüllend wie ein Löwe", so schnell er konnte, nach Konstantinopel
zurück. Er kam jedoch zu spät. Philippikos
war vor ihm eingetroffen und von der Bevölkerung Konstantinopels mit
offenen Armen empfangen worden. Justinian wurde
beim zwölften Meilenstein von einem Trupp unter dem Kommando eines
Offiziers namens Elias festgenommen; aller Wahrscheinlichkeit nach
war es derselbe, den er wenige Monate zuvor zum Gouverneur von Cherson
ernannt hatte. Dieser beanspruchte das Recht, die Hinrichtung persönlich
auszuführen, schlug Justinian
mit einem Schlag den Kopf ab und sandte ihn dem neuen Kaiser als
Trophäe. Das abgeschlagene Haupt soll daraufhin in Rom und Ravenna
zur Schau gestellt worden sein. Dem kopflosen Leichnam wurde die Würde
einer christlichen Beisetzung versagt. Man warf in kurzerhand ins Marmarameer.
Kurz gesagt, seine Untertanen waren froh, ihn los zu
sein. Wir mögen mit seiner Mutter Anastasia
fühlen,
von der es heißt, sie sei einmal von Sakallarios Stephan ausgepeitscht
worden, ohne dass ihr Sohn einen Finger zu ihrer Verteidigung gekrümmt
hätte. Oder mit seiner Frau Theodora,
von deren Schicksal wir nichts wissen, die sich aber vermutlich bei ihrem
Mann befand - da sie ja offenbar nicht bei ihrem Sohn war -, als das Ende
kam. Und vor allem mit seinem Sohn, dem armen, verängstigten
Tiberios, der ohne guten Grund kurz
vor seinem siebenten Geburtstag ermordet wurde.
Justinian
war
zweizundvierzig, als er starb. Von ihm kann man trotz allem nur sagen,
dass er an diesem 4. November 711 keinen Tag zu spät umkam.
Als die Nachricht vom Tod Justinians
in Konstantinopel die Runde machte, suchte dessen Mutter, Kaiserin
Anastasia, mit ihrem Enkel Tiberios
eilig
in der Blachernenkirche Zuflucht. Sie war kaum mit ihm dort angekommen,
als zwei Bevolmächtigte von Philippikos
erschienen und verlangten, dass Tiberios
ihrem Gewahrsam übergeben werde. Die Kaiserin versuchte sich für
Tiberios einzusetzen, und einer der
beiden schien auch geneigt, ihr zuzuhören. Aber derweil stürzte
sein Kollege, ein gewisser Johannes Strouthos ("der Sperling"),
auf das verängstigte Kind, das sich mit der einen Hand am Altar fest-
und mit der anderen ein Stück des echten Kreuzes Christi umklammert
hielt. Kein Byzantiner durfte über einen so heiligen Gegenstand einfach
hinweggehen, doch von seinem Auftrag ließ sich Strouthos deswegen
nicht abbringen. Er entwand Tiberios
das Holzstück und legte es ehrfürchtig auf den Altar. Darauf
löste er ein Behältnis mit weiteren Reliqien von dessen Hals
und hängte es sich selbst um. Dann aber schleift er seinen kleinen
Gefangenen zur Tür einer angrenzenden Kirche, riß ihm die Kleider
vom Leib und schlachtete ihn, wie es ein Chronist sehr anschaulich
beschreibt, "wie ein Schaf" ab. Damit wurde die herakleische
Dynastie
mit dem kaltblütigen Mord an einem knapp siebenjährigen Jungen
für immer ausgelöscht.