Norwich John Julius: Band I Seite 397-414
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Konstantin IV. war kaum 17 Jahre alt, als Anastasia, seine Frau, ihr erstes Kind gebar. Wäre er etwas älter und klüger gewesen, hätte man das Kind vielleicht nicht ausgerechnet Justinian getauft. Denn dieser überhebliche, ungebärdige Junge, der nur gerade 16 Jahre später Herr und Meister über das Reich wurde, war von allem Anfang an entschlossen, seinem gewaltigen Namensvetter nachzueifern und wie Justinian I. jedem Aspekt des Reiches unauslöschlich den Stempel seiner Person aufzudrücken. In gewissen Bereichen gelang ihm dies sogar. Er war intelligent und schlau, besaß politische Scharfsicht und all die rastlose Energie seines Urgroßvaters (?), und er zeigte als junger Mann alle Anlagen, die einen fähigen und begabten Herrscher auszeichnen, ja vielleicht sogar einen großen. Sein Unglück war, dass er, und zwar in vollem Ausmaß, auch die fortschreitende Geistesstörung geerbt hatte, die die letzten Jahre von Herakleios getrübt und sich im Verhalten des alternden Konstanz offenbart hatte. Wenn es wenig Anzeichen für diese Krankheit bei Konstantin IV. gab, so mag dies daran liegen, dass er starb, bevor sie erkennbar wurde. Bei seinem Sohn Justinian trat sie dafür um so früher in Erscheinung. Sie beherrschte ihn ganz und gar, beraubte ihn jeglicher Urteilskraft und Mäßigung und verwandelte ihn in ein unmenschliches Ungeheuer. Abgesehen von seinem Elan und seiner unbestreitbaren Kühnheit, fielen an ihm als typische Eigenschaften nur ein krankhaftes Mißtrauen gegenüber allen aus, mit denen er zu tun hatte, sowie eine schier unstillbare Blutrünstigkeit.
Seine Herrschaft hatte vielversprechend begonnen. Erfolgreiche Feldzüge nach Armenien, Georgien und Syrien ließen den fünften Kalifen Abdalmalik, der den Supremat über die Gläubigen im selben Jahr übernommen hatte, wie Justinian den Thron bestieg, im Jahre 688 eine Erneuerung des Vertrages anstreben, den Konstantin IV. mit Muawija geschlossen hatte. Dieses neue Abkommen stellte aus byzantinischer Sicht eine deutliche Verbesserung dar. Zusätzlich zur Zahlung von 1.000 Nomismata mußte neu nur jeden Freitag ein Tribut von 1 Pferd und 1 Sklaven entrichtet werden. Außerdem kam man in bezug auf die Einnahmen von Armenien und Iberien einerseits sowie Zyperns andererseits überein, dass sie künftig zu gleichen Teilen unter den Unterzeichnenden aufgeteilt werden sollten.
Als die Nachricht Konstantinopel erreichte, hatte Justinian einen seiner berüchtigten Tobsuchtsanfälle. Die überwiegende Mehrheit seiner Untertanen wird ihn jedoch kaum sehr bedauert haben. In den sieben Jahren seit seiner Thronbesteigung hatte der nun dreiundzwanzigjährige Kaiser einen Grad von Unbeliebtheit erreicht wie vor ihm vielleicht nur Phokas. Seine selbstherrliche Handhabung der Siedlungspolitik hatte, wie wir gesehen haben, bereits zu einer massiven Revolte geführt und ihn Armenien gekostet. Die alteingesessene Aristokratie, seiner feindseligen Haltung sehr wohl bewußt, hatte ohnmächtig zusehen müssen, wie er immer mehr ihrer Machtmittel und Privilegien zugunsten einer freien Bauernschaft beschnitt, die ihm direkt unterstellt war. Doch selbst deren Sympathie hatte er mit seinen unersättlichen Geldforderungen verwirkt.
Das einzige Gebiet, auf dem sich Justinian II. mit seinem großen Namensvetter messen konnte, war die Bautätigkeit. Auch er hatte eine Leidenschaft dafür, allerdings in einem Maß, das seine Untertanen in die Armut zu treiben drohte. Die Steuereinnehmer folterten ihre Opfer gnadenlos, wenn sie dadurch ein paar zusätzliche Goldstücke für ihren Herrn herauspressen konnten. Zwangsläufig litt die reiche Aristokratie am meisten unter dieser Politik. Justinian machte kein Hehl aus der Tatsache, dass er diese Schicht haßte und entschlossen war, sie als Klasse auszulöschen. Sie ertrugen die Zwangsmaßnahmen, solange sie konnten, dann erhoben sie sich und Leontios wurde der neue Kaiser. Justinian wurde gefangengenommen und unter Beleidigungen und Schmähungen seitens seiner Untertanen in Ketten rund um die Rennbahn geschleppt. Dank der langen Freundschaft, die den neuen Kaiser Leontios mit Justinians Vater Konstantin IV. verbunden hatte, wurde sein Leben verschont. Man fügte ihm lediglich die inzwischen üblichen Verstümmelungen von Nase und Zunge  zu, bevor er auf die Krim nach Cherson für immer ins Exil geschickt wurde.
Nach einem Jahrzehnt im Exil und trotz seiner häßlichen Verstümmelungen war Justinian in die Hauptstadt zurückgekehrt: sein Ehrgeiz ungebrochen, sein Herz nach Rache dürstend. Zum Zeitpunkt seiner Verbannung war Justinian erst sechsundzwanzig Jahre alt, und er machte von Anfang an klar, dass er seinen Aufenthalt in Cherson nur als vorübergehend betrachtete. Allmählich scharte er einen Kreis ergebener Anhänger um sich, die mit der Zeit ihre Feindschaft zu Leontios immer offener äußerten. Als dieser 698 abgesetzt wurde, machten sie keinen Hehl aus ihrer Freude. Bis 702 oder Anfang 703 war Justinian zu einem solchen Risiko für die örtlichen Beamten geworden, dass sie beschlossen, ihn nach Konstantinopel zurückzuschaffen. Gerade noch rechtzeitig erfuhr er von diesem Plan, verließ heimlich die Stadt und suchte beim Chasaren-Chagan Ibusir Zuflucht. Dieser nahm ihn erfreut auf und gab ihm seine Schwester zur Frau. Der erste Eindruck, den Justinian auf sie machte, ist - vermutlich zum Glück - nicht überliefert; er kann wahrhaftig keinen schönen Anblick geboten haben. Es ist jedoch bezeichnend, dass er sie sofort in Theodora umbenannte. Das Paar ließ sich in Phanagoria an der Mündung des Asowschen Meeres nieder, um dort die weitere Entwicklung abzuwarten.
Ihr Eheleben erfuhr jedoch schon bald eine Unterbrechung. Es war natürlich nur eine Frage der Zeit, bis der Aufenthaltsort des exilierten Kaisers in Konstantinopel bekannt wurde. Im Verlauf des Jahres 704 erhielt Theodora von einer ihrer Dienerinnen die Nachricht, dass ein kaiserlicher Gesandter am Hof ihres Bruders eingetroffen sei und ein großes Lösegeld für Justinian biete - tot oder lebendig. Offenbar war Ibusir anfangs fest geblieben, hatte jedoch, als der Ton des Gesandten drohender wurde, allmählich nachgegeben. Sein Schwager befand sich deshalb in unmittelbarere Lebensgefahr.
Dieser Bericht wurde wenige Tage später bestätigt, als plötzlich ein Trupp Soldaten in Phanagoria auftauchte, die vorgaben, eine neuformierte Leibwache zu sein. Justinian glaubte ihnen keinen Augenblick. In zweien der Offiziere vermutete er schon bald seine potentiellen Attentäter. Bevor sie zuschlagen konnten, lud er sie einzeln zu sich, und kaum waren sie eingetrteten, stürzte er sich auf sie und erwürgte sie eigenhändig. Die unmittelbare Gefahr war abgewendet. Trotzdem galt es, keine Zeit zu verlieren. Theodora war hochschwanger, und ihr blieb keine andere Wahl, als zu ihrem Bruder zurückzukehren. Justinian schlich sich zum Hafen hinunter, beschlagnahmte - oder vielmehr stahl - ein Fischerboot und segelte in die Nacht hinaus, um die Krim herum und zurück nach Cherson. Dabei muß er sich bewußt gewesen sein, dass er sein Leben aufs Spiel setzte. Er war eine wohlbekannte Figur in der Stadt; eine Verkleidung kam für ihn nicht in Frage, und die Behörden würden ihn kein zweites Mal entkommen lassen. Irgendwie gelang es ihm trotzdem, mit seinen Anhängern Kontakt aufzunehmen und sie zu einem geheimen Treffpunkt zusammenzurufen. Von dort setzten sie im Schutze der Dunkelheit gemeinsam Segel und brachen Richtung Westen über das Schwarze Meer auf.
Der bulgarische König Tervel empfing Justinian ebenso freudig wie der Chagan der Chasaren ein oder zwei Jahre zuvor und stimmte seinem Vorschlag bereitwillig zu: Tervel sollte ihm die nötige militärische Unterstützung bieten, damit Justinian seinen Thron zurückgewinnen könne; dafür würde er den Titel Cäsar und die Hand seiner Tochter erhalten. So kam es, dass im Frühjahr 705 der exilierte Kaiser an der Spitze eines Heeres aus Slawen und Bulgaren vor den Mauern Konstantinopels erschien. Er wartete drei Tage lang, erntete aber mit seinen herrischen Aufforderungen, ihm die Tore zu öffnen, nur Spott und Hohn. Da schritt er zur Tat. In den drei Tagen hatten seine Späher eine alte Wasserleitung entdeckt, die schon lange nicht mehr benutzt wurde und unter der Mauer durch in die Stadt führte. In der Nacht des dritten Tages gelang es ihm in Begleitung von wenigen ausgewählten Freiwilligen, sich durch diesen Tunnel zu zwängen. Sie tauchten direkt vor dem Blachernenpalst am Nordende der Mauer auf. Die schlafenden Wachen wurden überrumpelt, und in wenigen Minuten befand sich das Gebäude in seiner Gewalt. Als sich am folgenden Morgen die Nachricht verbreitete, der Kaiser sei wieder da und habe seinen Palast in Besitz genommen, floh Tiberios sofort nach Bithynien. Die Bevölkerung von Konstantinopel, vor die Alternative einer Kapitulation oder sofortigen Plünderung der Stadt durch fremde Horden gestellt, entschied sich höchst klugerweise für das erstere.
Tiberios wurde bald ergriffen und sein Vorgänger Leontios unter Protest aus dem Kloster geholt. Am 15. Februar 706 wurden die beiden dann wie Justinian zehn Jahre zuvor in Ketten durch die Stadt geführt, während ihre ehemaligen Untertanen nun sie mit Schmähungen bedachten und mit Schmutz bewarfen. Nach der vorgeschriebenen Runde stieß man sie vor den Kaiser, und dieser setzte beiden symbolisch einen Purpurstiefel auf den Nacken. Dann wurden sie zum Richtplatz geführt und der Henker hieb ihnen den Kopf ab.
Unterdessen wartete das bulgarische Heer vor den Toren. Tervel hatte seine Männer nur mit Mühe davon abhalten können, in die Stadt einzufallen und dort der Gewalt und dem Plündern zu frönen, auf die sie sich bereits gefreut hatten. Justinian war sich sehr wohl bewußt, dass sein neuer Verbündeter sie nicht nach Hause führen würde, bevor er nicht seine Belohnung erhalten hatte. Von der geplanten Heirat seiner Tochter mit Tervel ist allerdings nirgends mehr die Rede. Da die Chronisten sie auch danach nie mehr erwähnen, läßt sich daraus nur schließen, dass sie ihrer Mutter schon früh ins Grab gefolgt war. Die andere Hälfte des Handels war jedoch unausweichlich. So kam es, dass Justinian kurz nach seiner Rückkehr in einer beeindruckenden Feier vor großem Publikum dem Bulgaren-König den Purpurmantel um die Schultern legte, ihn neben sich Platz nehmen ließ und offiziell zum Cäsar ausrief. Viele der Anwesenden waren schockiert. Mußten sie wirklich tatenlos zusehen, wie der zweithöchste Titel, der bis dahin ausnahmslos älteren Mitgliedern der kaiserlichen Familie vorbehalten war, einem fremden Briganten verleihen wurde, der noch nicht einmal Bürger des Reiches war? Die Antwort lautete kurz und bündig: Ja, es blieb ihnen nichts anderes übrig. Nur zu bald wurde ihnen klargemacht, dass ihr Basileus nichts von Traditionen hielt und dass sie gut daran taten, für sich zu behalten, was immer sie davon hielten.
Denn nun begann das Terrorregime. Eine noch schlimmere Orgie des Blutvergießens als jene, die Phokas 100 Jahre zuvor eingeleitet hatte. Paulus Diaconus drückt sich, in einer abfälligen Anspielung auf des Kaisers fehlende Nase, überaus deutlich aus: Er habe fast ebenso oft, wie er sich die Schleimtropfen von den Nasenlöchern wischte, die Hinrichtung eines weiteren Gegners angeordnet. Tiberios' Bruder Herakleios, der fähigste Feldherr des Reiches, den zu verlieren sich Justinian gar nicht leisten konnte, wurde mit all seinen Getreuen an einer entlang der Landmauer errichteten Reihe von Galgen erhängt. Andere wurden in mit Gewichten beladene Säcke gebunden und ins Meer geworfen. Der Patriarch Kallinikos, der beide Usurpatoren gekrönt hatte, wurde geblendet und nach Rom verbannt - als Warnung, so munkelte man, an Papst Johannes VII., falls er das Quinisextum nicht ratifiziere. Die zahllosen übrigen Fälle von Folter und Verstümmelung beschränkten sich keineswegs auf ehemalige Gegner Justinians. Für seine Zeitgenossen gab es nur eine mögliche Erklärung: Justinian war geistig zerrüttet. Mittlerweile schien er Staatsgeschäften oder der immer bedenklicher werdenden Lage an den Reichsgrenzen gegenüber völlig gleichgültig. Er wollte nur noch zwei Dinge: das eine war Blut - und wenn es der Lebenssaft des Reiches selbst war, kümmerte ihn das keinen Deut. Das andere war seine Frau.
Es war unterdessen zwei Jahre her, seit er sie zum letzten Mal gesehen hatte. Möglicherweise wußte er nicht einmal, ob sie und das Kind überhaupt noch am Leben waren. Auch war er nicht sicher, ob ihr Bruder Ibusir ihr überhaupt gestatten würde, den Hof zu verlassen. Darüber hätte er sich aber nicht zu sorgen brauchen. Als Chagan Ibusir von der Wiedereinsetzung des Kaisers hörte, bereute er seine Treulosigkeit. Er setzte nun alles daran, ihre Freundschaft wiederzubeleben und in den Genuß der Vergünstigungen eines kaiserlichen Schwagers zu kommen. Theodora kam mit ihrem kleinen Jungen, der ungeschickterweise Tiberios hieß, sicher in Konstantinopel an. Sie war die erste Nicht-Römerin auf dem Thron von Byzanz. Justinian kam in den Hafen, um sie zu empfangen. Und nun verschlug es dem zahlreich anwesenden Publikum vollends die Sprache, als ihm langsam die Wahrheit dämmerte. Dieses Monster, ihr Kaiser, dieses unmenschliche Ungeheuer, das nur Bitterkeit und Haß zu atmen schien, war verliebt. Unweigerlich gab es da und dort Kopfschütteln, als man sah, wie der Kaiser seiner Frau und seinem Sohn in der Hagia Sophia die Diademe aufsetzte. Diese Frau war ja nicht nur eine Fremde. Das allein wäre schon schlimm genug gewesen. Nein, obendrein war sie eine Barbarin, und ihr Sohn, den Justinian gleichzeitig zum Mit-Kaiser machte, war ebenfalls ein halber Barbar. Solche unstandesgemäßen Ehen, so flüsterte man, wären früher undenkbar gewesen.
Dasselbe galt schließlich jedoch auch für einen Kaiser ohne Nase. Derlei altmodische Vorurteile waren in Justinians Konstantinopel unannehmbar geworden. Bezeichnenderweise hatte er keinem der Thronräuber die Nase abschneiden lassen. Als lebendiges Beispiel dafür, dass ein Kaiser auch ohne Nase sein konnte, sah er keinen Grund mehr dafür. Die einzige Möglichkeit sicherzugehen, dass sie keine Schwierigkeiten mehr machen würden, war, sie ganz aus dem Weg zu räumen - was er auch getan hatte. In der Folge hörte man denn auch kaum mehr von der widerwärtigen Praxis der Rhinokopia, wie man das Nasenabschneiden nannte. Ebenso war die Chasarin Theodora nur die erste von vielen Kaiserinnen, die außerhalb auch der entferntesten Grenze des Reiches geboren war.
Kurz gesagt, dass Byzantinische Reich des 8. Jahrhunderts unterschied sich stark vom Byzanz des 7. Jahrhunderts. Und das ging trotz all seiner Gewalttätigkeit und Brutalität in großem Maße auf Justinian II. zurück.
Dass Justinian Trevel zum Cäsar ernannte, war nicht sein einziger Versuch, die nachbarlichen Beziehungen zu verbessern. Bald nach seiner Wiederkunft befreite er 6.000 arabische Kriegsgefangene seiner beiden Vorgänger. Und ein oder zwei Jahre später sandte er Kalif Walid I. ansehnliche Mengen Goldes, eine Gruppe Facharbeiter und eine große Lieferung Mosaiksteinchen zur Vergrößerung der großen Moschee von Medina, die damals gerade im Bau war. Im Gegenzug, heißt es, habe ihm Walid ein ganzes Haus voller Pfeffer im Wert von 20.000 Dinar zukommen lassen.
Aber auch noch so viele großzügige Gesten vermochten den Frieden an den Reichsgrenzen nicht für lange Zeit zu sichern. Justinians Nachbarn im Osten und Westen merkten nur allzu bald, dass er mit seinen Säuberungsaktionen die besten Offiziere umgebracht hatte, und sie warteten nicht lange, um davon zu profitieren. Im Jahre 708 fügten einige - ziemlich sicher nicht Tervel unterstehende - bulgarische Stämme in Anchaialos in der Nähe der Donaumündung den Byzantinern eine schwere Niederlage zu. 709 wurde ihnen ein noch schlimmerer Schlag versetzt: der Verlust der strategisch wichtigen Festung von Tyana in Kappadokien an die Araber, was jene ermutigte, erneut und immer noch tiefer in das Reichsgebiet vorzudringen.
Im selben Jahr 709 ereignete sich ein Vorfall, der Justinians Ruf jedoch viel mehr Schaden zufügte als der Verlust noch so vieler Festungen. Dies war sein Rachefeldzug gegen Ravenna. Die Gründe dafür sind bis heute ein Rätsel. Gewiß, als er versucht hatte, Papst Sergius' habhaft zu werden, hatte ihm die Stadt Widerstand geleistet. Doch dies war vor siebzehn Jahren geschehen. Selbst ein zehnjähriges Exil bietet keine ausreichende Erklärung für eine verspätete Rache. Agnellus aus Ravenna, unsere illusterste Quelle für jene Episode, legt nahe, Männer aus Ravenna seien für Justinians Rhinokopia verantwortlich gewesen, aber die Hypothese klingt noch unwahrscheinlicher. Es gibt noch eine dritte Möglichkeit, und zwar die, dass Ravenna gefährliche Anstalten machte, gegen Rom zu rebellieren. Die Beziehungen zwischen den beiden Städten waren stets etwas gespannt gewesen. Als Hauptstadt des Exarchats beanspruchte Ravenna immer einen gewissen Grad an kirchlicher Autonomie und neigte dazu, Rom die Oberhoheit übelzunehmen. Im Jahre 708 weigerte sich der neue Erzbischof Felix jedoch kategorisch, die erforderliche Verpflichtung zu unterschreiben. Darauf kam es zu einer wütenden Auseinandersetzung. Dies könnte den Kaiser zu seiner Handlungsweise veranlaßt oder ihm zumindest als Vorwand gedient haben. Im Frühjahr 709 sandte er unter den Befehl eines Patrikios namens Theodor eine Flotte mit dem Befehl nach Ravenna, in seinem Namen alle Würdenträger zu einem Bankett einzuladen. Nichts Böses ahnend, erschienen diese am festgesetzten Tag, worauf man sie ergriff, mit zusammengebundenen Füßen auf ein Schiff lud und nach Konstantinopel verfrachtete, während Theodor mit seinen Truppen Ravennas Bevölkerung raubend und plündernd Gewalt antat. In Konstantinopel verurteilte Justinian, ohne zu zögern, die Honoratoren zum Tode. Nur Erzbischof Felix blieb am Leben. Man blendete ihn und verbannte ihn danach nach Pontus.
Es wäre zu erwarten gewesen - und die Mehrheit seiner Untertanen hat wohl ergeben darauf gehofft -, dass der Kaiser nach dem heftigen Aufstand, der seiner Strafexpedition in Ravenna folgte, von ähnlichen Abenteuern absah. Doch Justinians Handlungen waren so unvorhersehbar wie eh und je. Anfang 711, also etwa um die Zeit, da er mit dem Papst verhandelte, schlug er erneut zu, diesmal gegen Cherson, die Stadt seines Exils auf der Krim. Als der Kaiser das Heer nach Hause berief, versank die gesamte Flotte im Schwarzen Meer.
Als Justinian die Nachricht des Unglücks erfahren habe, sei er in schallendes Gelächter ausgebrochen. Falls dies zutrifft, ist die gnädigste Erklärung dafür, dass er einen hysterischen Anfall erlitt. Sonst bietet sich eigentlich nur der Schluß an, dass er der Geisteskrankheit in seiner Familie nun vollends zum Opfer gefallen war. Fast sogleich bekundete er die Absicht zu einen zweiten. Feldzug, doch dem kamen Boten mit einer weiteren beunruhigenden Nachricht zuvor. Ein Chasarenheer sei in Cherson eingetroffen, um die Stadt vor einem byzantinischen Angriff zu verteidigen. Und was noch schlinmer war: Der kaiserliche Gouverneur Elias sowie die gesamte Besatzung der Festung seien, zahlenmäßig hoffnungslos unterlegen und in Lebensgefahr, zum Feind übergelaufen.
Übergeschnappt oder nicht, Justinian schlug den einzig möglichen Kurs ein: den der Diplomatie. Er ließ sowohl den Tudun als auch den Bürgermeister frei und sandte sie mit einer Eskorte von 300 Soldaten zurück, um ihre einstigen Stellungen wieder einzunehmen. Begleitet wurden sie von seinem Großlogotheten Georg von Syrien mit dem Auftrag, den Chagan für alles, was geschenen war, in seinem Namen aufrichtig um Verzeihung zu bitten. Dann sollte er die Auslieferung von Elias und eines weiteren Feldherrn armenischer Abstammmung namens Vardan (hellenisiert zu Bardanes), den er, wohl zu Recht, für den Verrat des Gouverneurs verantwortlich hielt.
Die Bevölkerung von Cherson war jedoch an Versöhnung nicht gelegen. Der Logothet und sein Gefolge wurden bei ihrer Ankunft getötet, der Tudun samt seiner 300 Mann Begleitung zum Chagan entsandt und umgebracht. Cherson und weitere Städte der Krim versagten Justinian nun offiziell die Gefolgschaft als Kaiser und bekannten sich zu Bardanes, dem exilierten Armenier, der sich darauf unter dem schönen alten Namen Philippikos zum Basileus ausrief. Von diesem Augenblick an herrschte offener Krieg.
Justinians Zorn war furchterregend, als man ihm diese neueste Entwicklung zitternd berichtete. Er zog auf der Stelle eine neue Streitmacht unter der Leitung des Patrikios Mauros zusammen, mit dem Befehl, Cherson dem Erdboden gleichzumachen und nichts innerhalb seiner Mauern am Leben zu lassen. Dank der mitgebrachten riesigen Belagerungsmaschinen gelang es Mauros tatsächlich, zwei Verteidigungstürme der Stadt zu zerstören. Da traf jedoch ein weiterer Trupp Chasaren ein, und es blieb ihm keine Wahl, als Verhandlungen anzubieten. Er wußte sehr wohl, dass danach an eine Rückkehr und ein Eingeständnis seiner Niederlage vor Justinian nicht zu denken war. Deshalb verlangte er, vor Philippikos gebracht zu werden, und warf sich vor ihm auf die Knie. Die Würfel waren gefallen. Es hatte keinen Sinn, noch länger zu warten. Die byzantinische Flotte und was vom Heer übriggeblieben war, segelte mit dem neuen Kaiser an der Spitze zurück nach Konstantinopel.
In der Zwischenzeit hatte Justinian einen entscheidenden Fehler gemacht. Er hatte die Hauptstadt verlassen. Nicht dass er geflohen wäre (er hatte keine Ahnung von den jüngsten Vorfällen), sondern lediglich, um einen unbedeutenden Aufstand in Armenien niederzuschlagen. Er kam allerding nie dort an. Kaum hatte ihn die Nachricht erreicht, dass ein dritter potentieller Usurpator sich auf dem Weg über das Schwarze Meer befinde, machte er kehrt und eilte "brüllend wie ein Löwe", so schnell er konnte, nach Konstantinopel zurück. Er kam jedoch zu spät. Philippikos war vor ihm eingetroffen und von der Bevölkerung Konstantinopels mit offenen Armen empfangen worden. Justinian wurde beim zwölften Meilenstein von einem Trupp unter dem Kommando eines Offiziers namens Elias festgenommen; aller Wahrscheinlichkeit nach war es derselbe, den er wenige Monate zuvor zum Gouverneur von Cherson ernannt hatte. Dieser beanspruchte das Recht, die Hinrichtung persönlich auszuführen, schlug Justinian mit einem Schlag den Kopf ab und sandte ihn dem neuen Kaiser als Trophäe. Das abgeschlagene Haupt soll daraufhin in Rom und Ravenna zur Schau gestellt worden sein. Dem kopflosen Leichnam wurde die Würde einer christlichen Beisetzung versagt. Man warf in kurzerhand ins Marmarameer.
Kurz gesagt, seine Untertanen waren froh, ihn los zu sein. Wir mögen mit seiner Mutter Anastasia fühlen, von der es heißt, sie sei einmal von Sakallarios Stephan ausgepeitscht worden, ohne dass ihr Sohn einen Finger zu ihrer Verteidigung gekrümmt hätte. Oder mit seiner Frau Theodora, von deren Schicksal wir nichts wissen, die sich aber vermutlich bei ihrem Mann befand - da sie ja offenbar nicht bei ihrem Sohn war -, als das Ende kam. Und vor allem mit seinem Sohn, dem armen, verängstigten Tiberios, der ohne guten Grund kurz vor seinem siebenten Geburtstag ermordet wurde. Justinian war zweizundvierzig, als er starb. Von ihm kann man trotz allem nur sagen, dass er an diesem 4. November 711 keinen Tag zu spät umkam.
Als die Nachricht vom Tod Justinians in Konstantinopel die Runde machte, suchte dessen Mutter, Kaiserin Anastasia, mit ihrem Enkel Tiberios eilig in der Blachernenkirche Zuflucht. Sie war kaum mit ihm dort angekommen, als zwei Bevolmächtigte von Philippikos erschienen und verlangten, dass Tiberios ihrem Gewahrsam übergeben werde. Die Kaiserin versuchte sich für Tiberios einzusetzen, und einer der beiden schien auch geneigt, ihr zuzuhören. Aber derweil stürzte sein Kollege, ein gewisser Johannes Strouthos ("der Sperling"), auf das verängstigte Kind, das sich mit der einen Hand am Altar fest- und mit der anderen ein Stück des echten Kreuzes Christi umklammert hielt. Kein Byzantiner durfte über einen so heiligen Gegenstand einfach hinweggehen, doch von seinem Auftrag ließ sich Strouthos deswegen nicht abbringen. Er entwand Tiberios das Holzstück und legte es ehrfürchtig auf den Altar. Darauf löste er ein Behältnis mit weiteren Reliqien von dessen Hals und hängte es sich selbst um. Dann aber schleift er seinen kleinen Gefangenen zur Tür einer angrenzenden Kirche, riß ihm die Kleider vom Leib und schlachtete ihn, wie es ein Chronist sehr anschaulich beschreibt, "wie ein Schaf" ab. Damit wurde die herakleische Dynastie mit dem kaltblütigen Mord an einem knapp siebenjährigen Jungen für immer ausgelöscht.