Der einzige beim Tode Justinians
anwesende Beamte, der Patraiklios Callinicus, der Vorsteher
des Heiligen Schlafzimmers berichtete, der Kaiser habe mit dem letzten
Atemzug einen Nachfolger bestimmt: seinen Neffen
Justin, den Sohn seiner Schwester Vigilantia.
Es mag welche gegeben haben, die Zweifel an dieser Sache
hegten, doch stand es niemanden zu, die Aussage in Frage zu stellen. Die
Schilderung dessen, was darauf geschah, ist ebenfalls etwas fragwürdig,
denn sie beruht auf dem Zeugnis eines drittklassigen Dichters namens Corippus
aus Afrika, der ganz offensichtlich darauf bedacht war, sich bei dem neuen
Kaiser einzuschmeicheln. Da er aber wußte, dass mit Sicherheit auch
mehrere Augenzeugen der Ereignisse sie zu Gesicht bekamen, entspricht sie
wohl zumindest in den Grundzügen der Wahrheit. Corippus beschreibt
in Versen, wie Callinicus rasch eine Anzahl Senatoren zusammenrief
und sie darauf gemeinsam zu Justins
Villa eilten. Dort fanden sie in einem schönen Raum mit Ausblick auf
das Meer den künftigen Herrscher in Gesellschaft seiner Frau
Sophia, Theodoras Nichte,
und begrüßten ihn als neuen Kaiser. Darauf kehrte die ganze
Gesellschaft in den Palast zurück, wo Justinian
auf eine goldene Bahre gebettet wurde. Sophia
nahm eine Decke hervor, auf die sie mit Goldfaden Szenen aus dem Leben
ihres Onkels gestickt hatte, und bereitete sie ehrfürchtig über
den Toten.
Am folgenden Morgen fuhr das Kaiserpaar in vollem Staat
zur Hagia Sophia, wo Justin, der in
alter römischer Manier feierlich auf einem Schild emporgehoben und
mit dem kaiserlichen Diadem gekrönt worden war, eine Antrittsrede
hielt. Darin legte er einen Eid auf den orthodoxen Glauben ab, versprach
fromm und gerecht zu herrschen, und entschuldigte sich - etwas undankbar,
möchte man meinen - dafür, dass sein Vorgänger im
hohen Alter so viele wichtige Bereiche des Staatswesens vernachlässigt
oder schlecht gehandhabt habe. Darauf gingen er und
Sophia zum Hippodrom, wo sie von ihren Untertanen bejubelt wurden
und auf der Stelle alle Schulden beglichen, die
Justinian bei seinem Tod hinterlassen hatte. Erst als diese
Formalitäten erledigt waren, wandten sich sie sich der Bestattung
zu. Auf einem hohen Katafalk, der vor Gold und Juwelen erstrahlte, wurde
der Tote gemessen aus dem Palast und durch dichtgesäumte, aber dennoch
ruhige Straßen getragen. Zu Fuß folgten ihm Justin
und Sophia, der Senat und die älteren
Magistratetn, der Patriarch, Bischöfe und Geistliche, die Soldaten
und die Palastwache.
Das Reich war so reibungslos und unbestritten vom
Onkel an den Neffen übergegangen wie kaum je zuvor. Justin
war stolz, arrogant und von unerschütterlichem Selbstbewußtsein
und glaubte, mit Weisheit und Entschlossenheit, mit Klugheit und Stärke
und vor allem Dingen mit Mut könnten und würden diese Feinde
in alle Winde zerstreut werden - und er sei der Mann, um dieses Ziel zu
erreichen. Er sollte seine Illusionen nur allzubald und auf schmerzliche
Weise verlieren.
Justin erbrachte
den tatkräftigen Beweis für die neue Philosophie schon in der
ersten Woche nach seiner Thronbesteigung, als er eine awarische Gesandtschaft
empfing. Justinian hatte seiner Politik
gemäß eingewilligt, ihnen eine jährliche Unterstützung
zu bezahlen, wenn sie dafür verschiedene andere feindlich eingestellte
Völkerschaften von den Reichsgrenzen fern hielten. Nachdem ihre Vertreter
den neuen Kaiser offiziell beglückwunscht hatten, verlangten sie die
Ausrichtung des ihnen nach dem früheren Abkommen zustehenden Betrages:
Justin
weigerte sich jedoch. Im Verlauf des folgenden Jahres machte er klar, dass
er diese Politik auch auf andere Empfänger von Justinians
Zuschüssen
auszudehnen gedachte.
Man hätte erwartet, dass ein so eiserner Verfechter
der römischen Tradition wie Kaiser Justin
unverzüglich
ein Heer entsenden würde, um die Langobarden aus seinem Herrschaftsgebiet
zu vertreiben, aber er war vollauf mit den Awaren beschäftigt. Auch
sie hatten ungemein von dem Sieg profitiert, den die Langobarden mit ihrer
Hilfe über die Gepiden errungen hatten. Erstere waren nach Italien
gezogen, letztere praktisch ausgerottet worden. Die alten langobardischen
Gebiete waren damit zur Besiedlung frei. Als die Awaren sich in ihrer neuen
Heimat eingerichtet hatten, waren sie endlich in der Lage, sich an
Justin für seine Weigerung zu rächen, weiterhin Tributzahlungen
zu leisten. Im Jahre 568, nur wenige Monate nach der langobardischen Einwanderung,
fielen sie in wilder Wut in Dalmatien ein. Diesmal reagierte der Kaiser
sofort und entsandte unter der Führung von Tiberios,
seinem Comes Excubitorum, ein zahlreiches Heer, wie er nur einziehen
konnte. Nach drei Jahren Krieg war der erschöpfte Feldherr am Ende
und sah sich gezwungen, einen Waffenstillstand auszuhandeln. Das daraus
resultierende Abkommen kostete Justin
80.000 Silberstücke und damit eine weit größere Summe als
die ursprünglichen Zuschüsse und ein wohl noch größere
Kränkung für seinen Stolz.
Es bestand wenig Hoffnung, dass der Perser-König
Chosrau, der bereits darüber wutentbrannt war, dass Justin
die
von seinem Onkel versprochenen Tributzahlungen nicht mehr fortzusetzen
gedachte, sich zurückhalten würde. Anfang 572 wurden die Kriegshandlungen
gegen die Perser wiederaufgenommen, und sie dauerten mit Unterbrechungen
20 Jahre. Die Dinge liefen von Anfang an schlecht. Im November 573 eroberten
die Perser Dara am Tigris und damit eine der wichtigsten Diözesen
des Ostens. Ziemlich genau zur selben Zeit fielen ihre Truppen in Syrien
ein, verwüsteten es und führten 292.000 Gefangene fort.
Bis zu diesem Zeitpunkt hatte der Kaiser seine einstige
Politik der wachsamen Toleranz gegenüber den Monophysitismus aufgegeben
und war zu offenen Verfolgung übergegangen, eine Entscheidung die
noch fragwürdiger erscheint, wenn man bedenkt, dass sowohl er als
auch Sophia früher selbst dieser
Glaubensrichtung angehangen hatten und nur aus politischen Gründen
zum orthodoxen Glauben übergetreten waren. Soweit wir wissen, gab
es weder Hinrichtungen noch Folterungen, doch die Nonnen und Mönche
wurden aus ihren Klöstern vertrieben und monphysitische Abteien und
Geistliche nicht mehr anerkannt. Dieser unvermittelte Sinneswandel erfolgte
571, und in der Geschichtsforschung ist er verschiedene Male als Beginn
jener Geisteskrankheit diagnostiziert worden, die Justin
im Laufe der nächsten drei Jahre in den Zustand hoffnungsloser geistiger
Umnachtung versetzte. Johannes von Ephesus berichtet, in seinen
ruhigen Augenblicken habe Justins größtes
Vergnügen darin bestanden, sich in einem kleinen Wagen von seinen
Wächtern durch die Gemächer ziehen lassen. Er litt jedoch oft
unter heftigen Gewaltausbrüchen und stürzte sich dann
auf alle, die in seine Nähe kamen. Auch versuchte er sich aus dem
Fenster zu stürzen, woraufhin man diese zu seinem Schutz mit Gitterstäben
versah. In einer solchen Verfassung vermochte ihn nur ein Mittel zu beruhigen:
wenn man ihm, wie einem kleinen Kind, mit dem Namen von Harith drohte,
dem Anführer des kleinen Araberstammes der GHASNAWIDEN.
Aus Gründen, die nie ganz geklärt werden konnten, versetzte ihm
der Name dieses eher unbedeutenden Stammesführers einen solchen Schrecken,
dass er sofort lammfroh wurde.
In der Zwischenzeit hatte Kaiserin
Sophia die Regierung des Reiches übernommen und Chosrau
574 überrredet, gegen die Entrichtung von 45.000 Numismata in einen
einjährigen Waffenstillstand einzuwilligen. Weil die Bürde der
Alleinherrschaft unter den Umständen zu schwer auf ihr lastete, ergriff
sie während einer kurzen Phase der Klarsicht bei ihrem Mann die Gelegenheit,
ihn dazu zu bringen, dass er Tiberios
in den Rang eines Cäsaren erhob. Dessen Niederlage gegen die Awaren
hatte seinem Ansehen offenbar nicht geschadet. Sophia
und Tiberios regierten von nun an gemeinsam.
Als Justin am 4. Oktober 578
starb, stand seine ehemaliger Comes Excobitorum als sein unbestrittener
Nachfolger da.