Sohn des N.N.
Norwich John Julius: Band I Seite 194,204
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."
Im Verlauf der Zeit muß
Zenon selbst oft den Wunsch verspürt haben, der Verantwortung
entfliehen zu können. 479, nur zwei Jahre nachdem er die Macht wieder
übernommen hatte, sah er sich erneut einen Aufstand gegenüber.
Diesmal ging er von Markian aus, einem
Enkel seines kaiserlichen Namenvetters und Sohn des weströmischen
Kaisers Anthemius, der mit Leontia,
der jüngeren Tochter Leons des Großen
verheiratet war. Bis zu einem gewissen Grad brach diese Revolte als Folge
der Behandlung seiner Schwiegermutter Verina
aus, die vor nicht allzu langer Zeit für ihre Teilnahme
am Komplott zur Ermordung von Illos gefangengesetzt worden war.
Markian
hingegen rechtfertigte sich
damit, dass Leontia, da sie in Purpur
geboren sei, einen höheren Rang einnehme als ihre ältere Schwester
Ariadne,
Zenons
Frau, die unter der vorherigen Regierung geboren war. Markian
und
seine Gefolgschaft stürmten den Palast und hätten vermutlich
den Kaiser zum zweiten Mal zur Flucht gezwungen, hätte nicht Illos
blitzschnell eingegriffen, indem er in stockfinsterer Nacht eine Abteilung
Isaurier über den Bosporus führte und die Rebellen überraschte.
Deren Anführer wurden ins Kloster verbannt, und zwar nach Cäsarea
in Kappadokien. Er konnte entkommen, und versuchte es ein zweites Mal,
hatte aber wieder keinen Erfolg. Auch jetzt ließ
Zenon,
vielleicht wegen seiner kaiserlichen Abstammung, einmal mehr Gnade walten:
Markian
wurde zum Presbyter geweiht,
Leontia
trat ins Kloster der Akoimetai ein, und dies ist das letzte, was man von
den beiden hörte.
Die beiden Aufstände Markians,
zweifellos gefährlich und Ausdruck der allgemeinen Unzufriedenheit,
wurden schnell niedergeschlagen. Bedrohlicher und nicht so leicht zu erledigen
war dagegen jener der 483 ausbrach und in dessen Mittelpunkt nun Illos
stand. Dieser war allerdings regelrecht dazu provoziert worden. Schon sechs
Jahre zuvor, kurz nachdem Zenon die
Amtsgeschäfte wiederaufgenommen hatte, war ein kaiserlicher Sklave
dabei entdeckt worden, wie er ihm mit gezogenem Schwert auflauerte. Keiner
machte den Kaiser direkt dafür verantwortlich, und dieser übergab
den Sklaven sofort seinem mutmaßlichen Opfer zur Bestrafung. Doch
der Vorfall erregte unweigerlich Verdacht. Dann entdeckte die Palastwache
erneut einen Mordgesellen, diesmal einen Alanen, der später gestand,
er sei vom Präfekten Epinikos und
Kaiserin Verina
gedungen worden. Da Illos sein Leben in Konstantinopel bedroht sah,
gab er vor, sein Bruder sei kürzlich gestorben, und zog sich für
eine Weile in seine isaurische Heimat zurück. Als im September jedoch
ein Erdbeben die Stadtmauern schwer beschädigte, beorderte ihn Zenon,
der befürchtete, die Goten würden diese Gelegenheit zum Angriff
nutzen, in die Hauptstadt zurück, ja er ritt ihm sogar bis Chalkedon
entgegen. Allein der Feldherr weigerte sich rundweg, die Stadt zu
betreten, bevor nicht Verina in seine
Gewalt gegeben ward. Da Zenon an seiner
Schwiegermutter nichts lag, stimmte er nur zu gerne zu. So wurde diese
zunächst nach Tarsos geschickt, wo sie den Schleier nehmen mußte,
und dann kurzerhand in einer isaurischen Festung gefangengesetzt.
Danach hellte sich die Atmosphäre für eine
Zeitlang auf; Illos wurde zum obersten Magistrat ernannt,
und das galt normalerweise als Zeichen hoher Gunst. Doch eines Tages im
Jahre 482 stürzte sich auf den Stufen zu seiner Loge im Hippodrom
ohne Vorwarnung ein Mitglied der kaiserlichen Leibwache auf ihn. Illos'
Waffenträger vermochte den Hieb abzulenken, so dass die Schneide seinen
Kopf zwar verfehlte, aber sie trennte sein rechtes Ohr ab, und er mußte
für den Rest seiner Tage eine Kopfbedeckung tragen. Diesmal war es
nicht so leicht, mit dem Ursprung des Verbrechens fertig zu werden, stellte
sich doch heraus, dass niemand anders als Kaiserin
Ariadne dahintersteckte, die sich an Illos für das,
was er ihrer Mutter - und möglicherweise auch ihrer Schwester
- angetan hatte, rächen wollte.
Was dann geschah, ist unklar, denn die ganze Geschichte
über den Illos-Aufstand beruht auf so bruchstückhafter
und gelegentlich widersprüchlicher Überlieferung, dass man immer
wieder auf Spekulationen und Raten angewiesen ist. Der oberste Magistrat
scheint sich klugerweise erneut nach Anatolien zurückgezogen zu haben.
Jedoch brach fast unmittelbar nach seiner Abreise in Syrien ein Aufstand
los, wo ein gewisser Leontios einen
Versuch in letzter Minute unternahm, die althergebrachte Religion wiedereinzusetzen;
Illos wurden Boten nachgejagt mit dem Befehl, er habe den Oberbefehl
über die östlichen Heere zu übernehmen und die Herrschaft
des Kaisers wiederherzustellen. Da er vermutlich für die Gelegenheit,
die sich in den Augen seines Herrn erneut zu beweisen, dankbar war, begab
er sich unverzüglich nach Syrien. Erst bei seiner Ankunft wurde er
gewahr, dass der dortige Oberbefehlshaber ausgerechnet des Kaisers inkompetenter
und liederlicher Bruder Longinos war, der diese Maßnahme,
die er für eine Usurpation seiner Autörität hielt, schärfstens
mißbilligte. Es kam zu einem heftigen Streit, der dazu führte,
dass Illos Longinos verhaftete und gefangensetzte.
Eine derartige Aktion gegen einen so einflußreichen
und mächtigen Rivalen war natürlich hoch riskant. Als die Neuigkeit
in Konstantinopel eintraf, nahm der Kaiser die Nachricht jedoch noch schlechter
beraten auf. Er befahl die unverzügliche Freilassung seines Bruders,
erklärte Illos zum Staatsfeind und ließ sein gesamtes
Eigentum konfiszieren und verkaufen. Dadurch trieb er ihn praktisch
ins Lager seiner Gegner. Illos verbündete sich nun mit dem
Aufrührer; gemeinsam befreiten sie die alte Kaiserin
Verina. Bereitwillig krönte sie
Leontios in Tarsos und folgte ihm nach Antiochia, wo er am 27.
Juni 484 als Gegen-Kaiser einen Hof einsetzte.
Die beiden scheinen vorerst zufriedengestellt gewesen
zu sein; zumindest trafen sie keinerlei Vorbereitungen für einen Marsch
auf Konstantinopel. Dadurch erhielt Zenon
Zeit, neue Verbündete zu gewinnen. Zu diesen zählte auch ein
junger Ostgoten-Fürst namens Theoderich,
der seit zehn Jahren eine ständige Bedrohung für Byzanz darstellte,
sich aber jetzt bereit erklärte, an der Spitze seiner Leute im Namen
des Kaisers gegen die Rebellen zu ziehen. In der Folge wurden diese rasch
aus Antiochia und ihr Stammland Isaurien getrieben; die Führer suchten
schließlich im Schloß Papyrios Unterschlupf. Dort starb Verina,
von niemandem betrauert, und dort endete der Aufstand nach einer vierjährigen
Belagerung, die Illos, von jeher Gelehrter und Intellektueller,
mit philosophischen Studien verbracht haben soll. Er und
Leontios wurden von seiner Schwägerin verraten, die
488 durch eine List - vermutlich das leere Versprechen, sie zu schonen
- in das Schloß gelangt war und den Belagerern die Tore öffnete.
Da sie so lange Widerstand geleistet hatten, wurden die Verteidiger natürlich
nicht geschont, sondern enthauptet und ihre Köpfe nach Konstantinopel
gesandt.
Literatur:
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Norwich John Julius: Byzanz. Der Aufstieg des
oströmischen Reiches. Econ Verlag GmbH, Düsseldorf und München
1993 Band I Seite 194,204 -