Norwich John Julius: Seite 161-163,168,171
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"Byzanz. Der Aufstieg des oströmischen Reiches."

Im selben Sommer empfing das kaiserliche Paar die zur Zeit dritte Augusta des Reiches, nämlich Galla Placidia, durch ihre Mutter Tochter von Theodosios dem Großen und auch Enkelin des älteren Valentinian, die mit ihren beiden kleinen Kindern in Konstantinopel eintraf. Placidia hatte bereits ein ungewöhnlich bewegtes Leben hinter sich, obwohl sie erst Anfang Dreißig war. Sie hatte das Leben am Hofe ihres Halbbruders Honorius in Ravenna nicht mehr ausgehalten, sich in Rom niedergelassen und dort alle Belagerungen durch Alarich überlebt. Nach der dritten hatten die Goten sie jedoch als Geisel vier Jahre gefangengehalten, bis Honorius im Jahre 414 schließlich einwilligte, dass sie Alarichs Schwager und Nachfolger Athaulf heiratete. Die Hochzeit wurde in Narbonne aufwendig gefeiert; anschließend etablierte das Paar seinen Hof in Barcelona. Athaulf starb jedoch bereits nach gut einem Jahr, und Placidia kehrte nach Ravenna zurück. Dort ging sie 417 auf Drängen ihres Bruders mit dessen engstem Ratgeber, einem dunkelhäutigen Illyrer namens Constantius, ihre zweite Ehe ein.
Trotz seines unangenehmen Gehabes - er soll stets eine beleidigte Miene zur Schau getragen und sich ständig mißtrauisch umgesehen haben - und seiner erbärmlichen Reitkunst hatte Constantius eine erfolgreiche Militärlaufbahn vorzuweisen. Höhepunkt war der Sieg über den Usurpator Constanatinus im Jahr 411 in Arles gewesen. Er scheint Placidia wirklich begehrt zu haben, hatte er doch bereits vor ihrer ersten Heirat um ihre Hand angehalten. In rascher Folge brachte Galla Placidia zwei Kinder zur Welt: Honoria und Valentinian. Als Constantius 421 zum Mitregenten von Honorius ernannt wurde, erhielt Placidia den Titel Augusta. Am Hofe von Theodosios sah man das nicht gern. Theodosios weigerte sich, diese Ernennung anzuerkennen und ebenso bei ihrer Ankunft aus Ravenna die traditionsgemäßen Statuen aufzustellen. Doch dieser Mißklang hielt nicht lange vor, denn Constantius, der sich in seiner neuen Stellung nicht wohl fühlte, verfiel von Anfang an sichtlich und starb nach knapp halbjähriger Regierungszeit.
So begann Placidias zweite Witwenschaft am Hofe von Ravenna, und diese gestaltete sich für sie noch unangenehmer als die erste. Honorius, der nie eine starke Persönlichkeit gewesen war, geriet vollends aus dem Gleichgewicht. Zunächst bezeugt er ihr seine Liebe auf höchst peinliche Art und Weise, indem er sie in aller Öffentlichkeit mit sabbernden Küssen überhäufte. Als er inne wurde, dass seine Zuneigung nicht auf Gegenliebe stieß, wurde er zuerst argwöhnisch, dann eifersüchtig und schließlich offen feindselig. Diese Feindseligkeit blieb nicht auf ihn beschränkt, sondern griff auch auf sein Gefolge über, selbst auf die Leibwache. Als diese in den Straßen von Ravanna Placidias Diener angriff, hielt sie es nicht mehr aus und suchte mit ihrem Kindern zu Beginn des Jahre 423 bei ihrem Neffen in Konstantinopel Zuflucht.
Die beiden Familien scheinen miteinander so gut ausgekommen zu sein, dass die Vermählung des kleinen Valentinian, der gerade erst vier Jahre alt war, mit dem Säugling Eudoxia für einen etwas späteren Zeitpunkt beschlossen wurde. Es ist ungewiß, wie lange Placidia sich mit ihrer Familie am Bosporus aufgehalten hätte, wäre nicht im Spätsommer des Jahres eine Nachricht eingetroffen, die ihr und den Gastgebern sehr gelegen kommen mußte. Honorius war am 26. August im 40. Lebensjahr an Wassersucht gestorben. Leider folgte auf diese Nachricht unmittelbar eine zweite: Den leeren Thron usurpierte ein gewisser Johannes, der bis dahin das nicht gerade illustre Amt eines primicerius notariorum (Oberster Notar) innegehabt hatte.
Theoderich II. bestätigte Placidia an Ort und Stelle im Rang einer Augusta, verlieh Valentinian den Titel eines Cäsaren und ließ ein Heer zusammenstellen, das zu Beginn des Jahres 425 Ravenna fast kampflos eroberte.