Im selben Sommer empfing das kaiserliche Paar die zur
Zeit dritte Augusta des Reiches, nämlich Galla
Placidia, durch ihre Mutter Tochter von Theodosios
dem Großen und auch Enkelin des älteren Valentinian,
die mit ihren beiden kleinen Kindern in Konstantinopel eintraf. Placidia
hatte bereits ein ungewöhnlich bewegtes Leben hinter sich, obwohl
sie erst Anfang Dreißig war. Sie hatte das Leben am Hofe ihres Halbbruders
Honorius
in Ravenna nicht mehr ausgehalten, sich in Rom niedergelassen
und dort alle Belagerungen durch Alarich
überlebt. Nach der dritten hatten die Goten sie jedoch als Geisel
vier Jahre gefangengehalten, bis Honorius
im Jahre 414 schließlich einwilligte, dass sie
Alarichs Schwager und Nachfolger Athaulf
heiratete. Die Hochzeit wurde in Narbonne aufwendig gefeiert; anschließend
etablierte das Paar seinen Hof in Barcelona. Athaulf
starb jedoch bereits nach gut einem Jahr, und
Placidia kehrte nach Ravenna zurück. Dort ging sie 417
auf Drängen ihres Bruders mit dessen engstem Ratgeber, einem dunkelhäutigen
Illyrer namens Constantius, ihre zweite
Ehe ein.
Trotz seines unangenehmen Gehabes - er soll stets eine
beleidigte Miene zur Schau getragen und sich ständig mißtrauisch
umgesehen haben - und seiner erbärmlichen Reitkunst hatte Constantius
eine erfolgreiche Militärlaufbahn vorzuweisen. Höhepunkt war
der Sieg über den Usurpator Constanatinus
im Jahr 411 in Arles gewesen. Er scheint Placidia
wirklich
begehrt zu haben, hatte er doch bereits vor ihrer ersten Heirat um ihre
Hand angehalten. In rascher Folge brachte Galla
Placidia zwei Kinder zur Welt: Honoria
und Valentinian. Als
Constantius 421 zum Mitregenten von Honorius
ernannt
wurde, erhielt Placidia den Titel
Augusta. Am Hofe von Theodosios
sah man das nicht gern. Theodosios
weigerte sich, diese Ernennung anzuerkennen und ebenso bei ihrer Ankunft
aus Ravenna die traditionsgemäßen Statuen aufzustellen. Doch
dieser Mißklang hielt nicht lange vor, denn Constantius,
der sich in seiner neuen Stellung nicht wohl fühlte, verfiel von Anfang
an sichtlich und starb nach knapp halbjähriger Regierungszeit.
So begann Placidias zweite
Witwenschaft am Hofe von Ravenna, und diese gestaltete sich für sie
noch unangenehmer als die erste. Honorius,
der nie eine starke Persönlichkeit gewesen war, geriet vollends aus
dem Gleichgewicht. Zunächst bezeugt er ihr seine Liebe auf höchst
peinliche Art und Weise, indem er sie in aller Öffentlichkeit mit
sabbernden Küssen überhäufte. Als er inne wurde, dass seine
Zuneigung nicht auf Gegenliebe stieß, wurde er zuerst argwöhnisch,
dann eifersüchtig und schließlich offen feindselig. Diese Feindseligkeit
blieb nicht auf ihn beschränkt, sondern griff auch auf sein Gefolge
über, selbst auf die Leibwache. Als diese in den Straßen von
Ravanna Placidias Diener angriff, hielt
sie es nicht mehr aus und suchte mit ihrem Kindern zu Beginn des Jahre
423 bei ihrem Neffen in Konstantinopel Zuflucht.
Die beiden Familien scheinen miteinander so gut ausgekommen
zu sein, dass die Vermählung des kleinen Valentinian,
der gerade erst vier Jahre alt war, mit dem Säugling Eudoxia
für
einen etwas späteren Zeitpunkt beschlossen wurde. Es ist ungewiß,
wie lange Placidia sich mit ihrer Familie
am Bosporus aufgehalten hätte, wäre nicht im Spätsommer
des Jahres eine Nachricht eingetroffen, die ihr und den Gastgebern sehr
gelegen kommen mußte. Honorius
war am 26. August im 40. Lebensjahr an Wassersucht gestorben. Leider folgte
auf diese Nachricht unmittelbar eine zweite: Den leeren Thron usurpierte
ein gewisser Johannes, der bis dahin
das nicht gerade illustre Amt eines primicerius notariorum (Oberster
Notar) innegehabt hatte.
Theoderich II. bestätigte
Placidia
an Ort und Stelle im Rang einer Augusta, verlieh Valentinian
den Titel eines Cäsaren und ließ ein Heer zusammenstellen, das
zu Beginn des Jahres 425 Ravenna fast kampflos eroberte.